Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
wRegsamkeit seines Wesens. Da ich mich selbst mit ihm nur wenig beschäftigte, verschaffte er W sich auf eigene Art und Weise allerlei Kurzweil, verfolgte vorzugsweise mit unausgesetzter Aufmerksamkeit alles Thun und Treiben der Menschen und griff ohne weiteres in dasselbe ein, sobald es ihm unstatthaft erschien. Zank und Streit waren ihm z. B. höchst zuwider. Selbst wenn ziemlich weit entfernte Personen in heftigen Wortwechsel miteinander gerieten, stürzte er auf sie zu, stellte sich knurrend und zähnefletschend zwischen die Streitenden und brachte sie bald auseinander.... Am meisten ärgerte er sich, wenn Fuhrleute ihre Pferde mißhandelten. Zunächst nahm er in drohender Haltung neben den gequälten Tieren Stellung; wagte ihr Peiniger dann nur noch einen Schlag, so wurde er mit solcher Vehemenz zu Boden geworfen, daß ihm Hören und Sehen verging. Sah er dagegen, daß jemand kaum im stande war, einen schwer beladenen Schubkarren von der Stelle zu bringen, so eilte er hilfreich hinzu, erfaßte den Bock des Fuhrwerks mit den Zähnen und zog, mit rückwärts gerichtetem Körper, aus Leibeskräften. „Seiner gewaltigen Größe entsprach auch seine Körperkraft. Spielend trug er z. B. einen Henkelkorb von einem halben Zentner Gewicht weite Strecken. Ein ausgewachsener Heidschnuckenhammel, der ihn beim Vorübergehen gestoßen, wurde mir, ohne die geringste Verletzung zu erleiden, über zwei Einfriedigungen einer Eisenbahn hinweg zugetragen. Einen wütenden, drohend auf mich zuschreitenden Ochsen, der mit einer Anzahl Kühe zur Weide getrieben wurde, hielt er so nachdrücklich am Halse fest, daß das Tier vor Schmerz laut aufbrüllte und entsetzt davonlief, als es von seinem Angreifer befreit wurde. Die Wände einer starken, aus neuen Brettern hergestellten Transportkiste, in welcher ‚Tom‘ einmal versandt werden sollte, und von welcher der Schreiner meinte, dieselbe sei für einen Tiger fest genug gearbeitet, zermalmte er schon auf der kurzen Strecke bis zum Bahnhofe zu Spänen. War er im Begriffe, sich auf einen Gegenstand zu stürzen, der ihn in Wut versetzte, vermochte ihn selbst der stärkste Mann nicht zu bändigen, er wurde wie ein Kind umgerissen und fortgeschleift. „An allen Familienerlebnissen nahm er wie ein Mensch Anteil. Wurde z. B. jemand bettlägerig, so saß er stundenlang an dem Lager des Kranken, schaute unverwandt nach dessen Angesicht und legte seine Schnauze oder Pfote leise auf die ihm entgegengestreckte Hand, um sein Mitleid auszudrücken.... Traf eine Postsendung von einem in der Ferne weilenden Kinde ein, so konnte er vor Freude kaum die Zeit erwarten, bis der Inhalt ausgepackt wurde, ergriff dann den ersten besten, zum Vorschein gekommenen Gegenstand und eilte damit zu allen Familienangehörigen im Hause, die beim Auspacken nicht zugegen waren, um sie auf diese Weise von dem frohen Ereignis in Kenntnis zu setzen. Kehrte ein längere Zeit abwesendes Familienmitglied von der Reise zurück, während ich mich in der Schule befand, so eilte er sofort dahin, obgleich er es sonst nicht wagte, mir dort eine Visite zu machen, und suchte, indem er mir Stock und Hut herbeitrug und sich vor Freude wie unsinnig gebärdete, mich zum Fortgehen mit ihm zu bewegen. Gelang ihm dieses, so stürzte er vor mir ins Haus und brachte mir irgend ein Besitztum des Angekommenen entgegen, um mir anzudeuten, weshalb er mich geholt. Reiste dagegen ein ihm lieber Besuch wieder ab, jo suchte er die Abfahrt zu verhindern, schleppte das Reisegepäck wieder aus dem Koupee und verfolgte den abfahrenden Zug eine weite Strecke mit Bellen und Heulen. Bei schweren, Kraft beanspruchenden Verrichtungen im Hause war er stets mit seiner Hilfe bereit; so trug er z. B. Kartoffeln und Kohlen im Henkelkorb aus dem Keller, beförderte die Waschkörbe nach der Bleiche und der Mangel u. s. f.; besaß überhaupt das Bestreben, jedem nach eigenem Wunsch und Gefallen zu leben. Kein Wunder daher, daß er bald der Liebling der ganzen Familie, besonders der weiblichen Mitglieder des Hauses, wurde, die ihn freilich leider auch mit der Zeit verhätschelten und angenommene Unarten, welche später viel Verdruß und
Arger bereiteten, anfangs als interessante Eigenheiten belachten, anstatt sie zu bestrafen. Fühlte er sich z. B. auf seinem harten Lager, einer Strohmatratze, unbehaglich, so pflegte er während meiner Abwesenheit auf meinem Sofa der Ruhe; vereitelten ihm absichtlich darüber gebreitete harte Gegenstände sein Vorhaben, so nahm er auch mit dem härteren Sofa in der Kinderstube vorlieb. Auf diesem hatte er mit Erlaubnis die bekannte Krankheit, der die meisten jungen Hunde unterworfen sind, in schwerer Weise überstanden, wurde aber nach derselben ebenfalls nicht mehr darauf geduldet. Überrumpelte man ihn dennoch ein oder das andere Mal auf der verpönten Ruhestätte und rief ihm dann zu: „Tom! bist du krank?“ so blieb er ruhig liegen, schloß die Augen, stöhnte und ächzte laut, so daß jeder Fremde, der seine Verstellungskünste nicht kannte, annehmen mußte, er liege im Sterben. In der Regel gelang es ihm aber, sich, ehe die Thür geöffnet wurde, mit einem Satze vom Sofa zu schnellen; in diesem Falle stellte er sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt daneben, suchte seine Verlegenheit durch lautes Gähnen und Dehnen seines Körpers zu vertuschen und war, wenn er nicht ausgescholten wurde, überzeugt, seine List sei ihm geglückt. Natürlich nahm er dann sein Ruheplätzchen von neuem ein, sobald er sich wieder allein im Zimmer befand. Gelang es ihm nicht, ein Sofa zu erobern, so begnügte er sich mit einem weichen Kopfkissen, indem er sich einen Puff von einem Sofa oder ein Paar Strümpfe aus dem Strumpfkorbe im Nebenzimmer auf sein Lager herbeiholte. Die wollene Decke, welche über das letztere gebreitet war, glättete er mit Hilfe von Nase und Pfoten mehrmals täglich so sorgfältig, daß sie nicht das geringste Fältchen zeigte; auch reinigte er sie von Zeit zu Zeit von dem auf ihr 5 Staube, indem er sie mit den Zähnen faßte und heftig hin und her schüttelte. „Am ergötzlichsten war sein Benehmen, wenn sich ihm die Gelegenheit darbot, meinen Töchtern einen Gegenstand, mit welchem sie sich gerade bei ihrer Handarbeit beschäftigten, etwa ein Paar zusammengefaltete Strümpfe, einen großen Wollenknäuel ꝛc., heimlich, wie er sich einbildete, wegzustibitzen und in seinem großen Rachen verschwinden zu lassen. Suchten dieselben dann den geraubten Gegenstand absichtlich mit auffallender Emsigkeit, so hatte er seinen Zweck erreicht, er nahm unter besonders gemessener Haltung eine möglichst einfältige Miene an, um zu zeigen, daß er keine Ahnung von dem Grunde der stattfindenden Aufregung habe, und gab das Vermißte unter schlauem Blinzeln nicht früher heraus, als bis man sich direkt an ihn mit der Frage gewandt hatte: „Tom! weißt du denn nicht, wo... hingekommen ift War ich zufällig bei diesem Spiele zugegen, jo kam er, ehe jene Frage an ihn gestellt und er mit einem Blicke auf die Mädchen sich überzeugt, daß er nicht beobachtet wurde, unaufgefordert zu mir, sperrte sein Maul so weit auf, daß ich den gesuchten Gegenstand erblicken mußte, warf mir einen verständnisinnigen, schelmischen Seitenblick zu, um dann im Umdrehen das vorher gezeigte dumme Gesicht wieder anzunehmen und auf seinen Platz zurückzukehren. Unglaublich war sein schnelles Verständnis für unsere Wünsche und Befehle. Es sei mir gestattet, nur einige Thatsachen als Beleg anzuführen. Einmal hatte er mit seinen schmutzigen Füßen das frisch gescheuerte Wohnzimmer arg verunreinigt. Er wurde auf sein Vergehen aufmerksam gemacht, ausgezankt, vor die Thür gewiesen und belehrt, wie er sich auf der vor derselben liegenden Strohdecke zu reinigen habe. Seitdem hat er sich nicht wieder erlaubt, eher einzutreten, als bis er seine Füße selbst nach Möglichkeit vom Schmutze befreit hatte. Fehlte zufällig der Abtreter, so bellte er bittend so lange vor der Thür, bis jemand mit einem Lappen herauskam und ihm die Füße, die er dann der Reihe nach aufhob und zum Reinigen hinhielt, abrieb. Obgleich er die Schule aus eigenem Antriebe zu allen Tageszeiten besuchte, um die aus den Papierkörben von dem Kastellan gesammelten Viktualien in Empfang zu nehmen, wagte er niemals, wie bereits erwähnt, mir dort einen Besuch abzustatten. Rief man ihm dagegen zu Hause 5 „Tom!
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II.
lauf schnell nach der Schule und hole den Papa!“ fo stürmte er zunächst nach meinem Zimmer im Schulgebäude; fand er mich hier nicht, so ergriff er meinen Hut und brachte ihn nach dem Zimmer, in welchem ich mich gerade aufhielt. * — 4 — „Es würde die Darstellung zu sehr ermüden, wenn ich alle seine übrigen Fähigkeiten 18 1 und Begabungen, die man sonst als charakteristisches Merkmal nur bei gewissen Hunderassen 05 f voraussetzt, anführen wollte; bloß noch zwei Belege für seine außergewöhnliche Intelligenz will ich mir erlauben, hier mitzuteilen. Eines Tages befand ich mich in Begleitung des Hundes in der Nähe des Bahnhofes, als eben ein Personenzug einlief. Gewohnheitsmäßig überblickte ich den Train, um vielleicht ein bekanntes Gesicht an einem Koupeefenster zu entdecken. Dabei ward ich gewahr, daß Tom abwechselnd bald den Zug, bald mich aufmerksam beobachtete, offenbar in der Meinung, daß ich jemand erwartete. Begierig, zu wissen, ob ich seine Gedanken erraten, rief ich ihm zu: „Ja, Tom! lauf!“ Da stürzte der Hund blitzschnell den Bahnkörper hinauf und hinter dem Zuge her, dem Bahnhofe zu. Auf einem kurzen Umwege eilte ich ebenfalls dahin. Ich kam noch zur rechten Zeit, um mit ansehen zu können, wie er zunächst hastig alle angekommenen Reisenden durchmusterte, dann die geöffneten Koupees zweimal visitierte und schließlich, als er kein bekanntes, liebes Wesen angetroffen, traurig den Rückweg antrat. Seit dieser Zeit diente uns der Hund als der zuverlässigste Empfänger aller erwarteten, dem Hause nahestehenden Reisenden, besonders zur Nachtzeit. Sobald der betreffende Zug ankam, drängte er sich durch den dichten Menschenknäuel auf dem Perron bis an die Waggons heran, begrüßte schwänzelnd die erhofften Gäste, schmeichelte ihnen ein Gepäckstück ab, schritt mit demselben stolz voraus, bildete deshalb zugleich einen vortrefflichen Bahnbrecher und führte sie uns außerhalb des Perrons Stehenden auf dem kürzesten Wege zu. „Leider besaß der Hund, wie bereits mitgeteilt, neben seinen glänzenden Eigenschaften auch verschiedene üble Angewohnheiten, die schon in seiner Jugendzeit das von ihm entworfene Bild wie vereinzelte, dunkle Punkte trübten, mit seinem fortschreitenden Alter zum Teil aber einen solchen unheilvollen Charakter annahmen, daß sie das Zusammenleben mit ihm immer mehr verleideten. Schon die Gier, mit welcher er trotz seiner reichlichen Fleischkost dem Aas nachstellte, das sich häufig unter dem Miste auf dem Felde befand, machten die Spaziergänge in seiner Gesellschaft oft unerträglich... Während seiner Jugendzeit durften die Mädchen sich unbedenklich den Scherz erlauben, in seiner Gegenwart einen beliebigen Gegenstand in recht sichtbar zur Schau getragener Weise zu schmeicheln und zu liebkosen; er knurrte und bellte wohl diesen heftig an, zeigte jedoch durch sein komtsches Gebärdenspiel, daß der an den Tag gelegte Zorn nur ein erkünstelter war; aber schon nach wenigen Jahren nahm sein Wesen bei diesem Spiele einen solchen bedrohlichen Charakter an, namentlich wenn es Menschen oder Tiere waren, die ihm bevorzugt wurden, daß man es aufgeben mußte, um nicht ein Unglück heraufzubeschwören... Zugleich nahm er ein immer unfreundlicheres und mürrischeres Wesen gegen die Kinder an und zeigte sich selbstbewußter in seinem Auftreten erwachsenen Personen gegenüber. Während er früher z. B. den Schulkastellan durch Schmeicheleien zum Offnen der die Leckereien enthaltenden Schublade zu bewegen suchte, packte er ihn später, wenn er ihm nicht augenblicklich zu Willen war, mit allen Zeichen wirklichen Zornes am Arme und zog ihn mit Gewalt nach derselben. Hatte er sich in seinen ersten Lebensjahren außerordentlich feinfühlend gezeigt, so daß ihn ein unfreundliches Wort bitter kränkte, nahm er von den Meinigen jetzt Schelte und selbst Prügel mit völliger Gleich—⸗ gültigkeit hin und drohte zu beißen, wenn ihm die Behandlung nicht paßte. Nur mir gehorchte er noch unbedingt und ertrug demütig die ihm wegen seines widerspenstigen Wesens erteilten Züchtigungen. Seine Anhänglichkeit und Sorge für mich schien sogar mit seinem Alter zuzunehmen.
„Er stand jetzt in seinem siebenten Lebensjahre. Was bewährte Kenner der Hunderassen mir längst vorhergesagt hatten, traf ein: sein ursprüngliches, bösartiges Naturell, das Erbteil seiner gefürchteten Eltern, scheinbar durch den stetigen, jahrelangen Verkehr mit Menschen ertötet, kam wieder zum Durchbruch, sobald er gereizt wurde...Da veröffentlichten die Zeitungen in kurzer Zeit hintereinander zwei Fälle, in welchen deutsche Doggen sich wie wilde Bestien gegen ihre eigene Herrschaft benommen hatten... Wie ein drohendes Gespenst verfolgte von jetzt abmich Tag und Nacht der Gedanke, welche Schuld ich auf mich laden würde, wenn durchTom ein ähnliches Unglück herbeigeführt werden sollte. Trotz dem er mir unentbehrlich geworden, konnte ich mich der Überzeugung nicht verschließen, es sei unbedingt notwendig, mich von ihm zu trennen. Ihn für schnödes Geld fremden Händen zu überlassen und einer ungewissen Zukunft preiszugeben, würde mir wie ein Verrat an meinem besten Freunde erschienen sein; ich beschloß daher, ihn an eine befreundete Person, welche sichere Garantie für eine liebevolle Behandlung bot, zu verschenken... Er ging in die Hände eines entfernt wohnenden Herrn über, der häufig und immer auf längere Zeit in unserem Hause verkehrte, sich dann viel mit ihm beschäftigte, und welchem der Hund fast ebenso zugethan war wie einem Familienmitgliede. Wir waren daher gewiß zu der Erwartung berechtigt, daß er sich in seinen neuen Verhältnissen bald heimisch fühlen werde, hatten uns aber gründlich getäuscht; das treue Tier vermochte die Trennung von uns nicht zu überwinden. Trotz der steten Fürsorge seines neuen Herrn blieb er völlig gleichgültig gegen denselben; mußte er ihn begleiten, so schlich er traurig und niedergeschlagen, ohne die geringste Teilnahme gegen seine Umgebung, hinter ihm her; befand er sich allein, so verriet er sein Heimweh durch laute, klagende Töne; nichts machte ihm Vergnügen; er hatte alle Lust am Leben verloren, magerte immer mehr ab und wurde schließlich ganz stumpfsinnig. Wir ließen ihn deshalb zurückkommen. Bei seiner Ankunft bereitete er uns ebenfalls eine unerwartete Täuschung. Anstatt, wie wir erwarteten, vom Hundekoupee aus im tollen Laufe nach unserer Wohnung zu stürmen, schritt er wie ein armer Sünder, mit gesenktem Kopfe und Schwanze, hinter seinem Herrn her, würdigte keinen von uns eines Blickes, berührte keinen der dargebotenen Leckerbissen, sondern suchte sofort seine alte Ruhestätte auf. Seine frühere Munterkeit erlangte er nicht wieder. Ein gut gezielter Schuß bereitete seinem Leben ein jähes, völlig schmerzloses Ende. „Welche schweren Kämpfe zwischen Vernunft und Herz vorausgegangen, ehe der Entschluß in mir reifte, den Hund töten zu lassen, vermag nur der zu ermessen, welcher selbst einem lieben Geschöpfe seine ganze Neigung zugewendet hat.“