All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 33 of 185

Das glattanliegende, dünne Fell und die damit im Einklange stehende Frostigkeit der Windhunde deuten ebenso wie ihr häufiges Vorkommen in Afrika und Asien darauf hin, daß man die ursprüngliche Heimat der Tiere in heißen Ländern zu suchen und sie als Wüstenund Steppentiere aufzufassen hat, welche erst von hier aus bei uns eingeführt wurden. Der größere Teil der Rassen behielt auch im Norden alle Eigentümlichkeiten des Windhundgepräges bei, während einzelne Rassen sich unserem Klima anpaßten oder ihm angepaßt wurden. Zu letzteren gehört der schottische oder Wolfswindhund (Canis familiaris srajus |leporarius] hibernicus), ein Tier von derselben Größe wie der gemeine Verwandte und von außerordentlicher Schönheit, ebenso zierlich gebaut und mit ebenso feinen Gliedern ausgerüstet wie jener, aber durch die verhältnismäßig dichte Behaarung unterschieden. Seine Gesamtlänge beträgt reichlich 1,5 m, wovon der Schwanz etwa 40 em wegnimmt, die Höhe am Widerriste ungefähr 75 cm; die Behaarung ist nicht besonders lang,

obschon mehr als dreimal länger als die des Windhundes, aber dicht und so gleichmäßig, daß der Pelz ein schützendes Kleid gegen die Kälte nördlicher Länder bildet, die Fahne lang und geschlossen, die Färbung verschieden, schwarz oder braun und weiß, nicht selten auch rotbraun und grau getigert.

Unvermischte Wolfswindhunde find gegenwärtig sehr selten geworden, falls nicht gänzlich ausgestorben. In früheren Jahrhunderten benutzte man sie hauptsächlich zur Wolfsjagd und hielt sie, ihres Mutes und ihrer Wehrhaftigkeit halber, hoch in Ehren. Nach Behauptung englischer Schriftsteller waren sie noch im vorigen Jahrhundert bedeutend größer als

JFN IIIc

TÜREN0 000 10 Inu

—— e

Wolfswindhund (Canis familiaris grajus hibernicus). Yo natürl. Größe.

gegenwärtig, obgleich fie auch jetzt noch zu den stattlichsten Hunden zählen. Sie find gurartig, ihrem Gebieter anhänglich, gegen Fremde weniger zuthunlich als andere Windhunde, denen sie übrigens in ihrem Wesen und Betragen gleichen. Andere Hunde haben sie zu fürchten, weil sie ebenso wie die Verwandten sich leicht zum Zorne hinreißen lassen und dann gefährlich beißen.

Als häßliche Ausartung der Windhundform mag der Nackthund Innerafrikas (Canis familiaris africanus) angesehen werden. Der Leib ist etwas gestreckt, schmächtig, gegen die Weichen stark eingezogen, der Rücken stark gekrümmt, die Brust schmal, der Hals mittellang, aber dünn, der Kopf länglich und hoch, die Stirn stark gewölbt, die Schnauze ziemlich lang, nach vorn verschmälert und zugespitzt, die mittellangen, etwas breiten, zugespitzten und

Wolfswindhund (Canis familiaris grajus hibernicus). Yo natürl. Größe.

x 1 halb aufrechtstehenden Ohren sind nackt wie der übrige Körper und gegen die Spitze etwas 4 umgebogen, die Lippen kurz und straff. Hohe, ziemlich schlanke und zarte Beine, ein sehr 5 4dünner, mäßig langer Schwanz und der Mangel der Afterzehe an den Hinterfüßen bilden seine übrigen Kennzeichen. Nur in der Nähe des Schwanzes, um den Mund herum und an den Beinen finden sich einige Haare; sonst ist die übrige Haut vollkommen nackt und deshalb der Hund ein häßliches Tier. Denn auch die schwarze Hautfärbung, welche bei uns nach einiger Zeit ins Gräuliche übergeht und hier und da fleischfarbige Flecken zeigt, ist unschön. Die Länge des Körpers beträgt 65, die des Schwanzes 25 und die Höhe am Widerriste 35 cm. Neben dieser windhundähnlichen Form kommen auch Nackthunde anderer Rassen vor, wahrhaft abscheuliche Köter, die nicht selten auch einen verblichenen Haarbüschel mitten auf dem Kopfe tragen. Wir finden Nackthunde in China, Mittel- und Südamerika, auf Manila, den Antillen und den Bahama-Inseln.

In Afrika soll der eigentliche Nackthund zur Antilopenjagd verwendet 1 und für diese Jagd eine vorzügliche Bewegung besitzen. Außerst leicht, beweglich und im Laufen ebenso schnell wie ausdauernd, soll er unermüdlich in der Verfolgung einer aufgefundenen Spur sein und es vortrefflich verstehen, dem verfolgten Wilde durch allerlei Abwege näher zu kommen, um es sicherer einzuholen. Seine geistigen Fähigkeiten werden gering geschätzt; doch wird seine Gutmütigkeit, Wachsamkeit und treueste Anhänglichkeit an den Herrn gecühmt. Unter den Sinnen sollen Geruchs- und Gehörsinn am meisten ausgebildet, der Hund deshalb zum Spüren zu gebrauchen sein. Ich teile diese Angaben mit, ohne Gewähr für sie zu übernehmen, muß im Gegenteile bemerken, daß ich sie bezweifle. Diejenigen Nackthunde, welche ich kennen gelernt habe, machten auf mich den Eindruck, als ob sie nichts anderes leisten könnten, denn Abscheu zu erregen. Bestimmte Nachrichten über das Land, in welchem sie Antilopen jagen sollen, fehlen gänzlich.

In unserem Klima kann der Nackthund wegen seiner Zartheit und Empfindlichkeit gegen rauhe Witterung nur als Stubentier gehalten werden und dauert in der Regel nicht sehr lange aus. Seine re gegenüber den Einflüssen der Witterung ist so groß, daß er selbst an den wärmstenTagen zittert. Auch bei der sorgfältigsten Pflege und trotz aller künstlichen Mittel, um ihn gegen die Rauheit des Wetters zu schützen, unterliegt er häufig Krankheiten, welche er sich durch Erkältung zugezogen hat.

Vielleicht ist hier der Ort, die Schilderung eines Hundes einzuschalten, von welchem Hensel nachstehende Beschreibung gegeben hat. „Ein Wild gibt es, das Lieblingswild des Brasiliers, welches auch mit den besten seiner gewöhnlichen Hunde nicht zu jagen wäre, das Reh. Hierdurch war die Veranlassung gegeben, eine neue Rasse zu bilden, und in der That konnte sie nicht vorzüglicher erzeugt werden. Der brasilische Rehhund gehört zu den besten, welche wir kennen. Er ist von mittlerer Größe, eher klein als groß, etwa wie ein Schäferhund, aber mit höheren Beinen, sein Kopf spitz, das Ohr sehr groß, zugespitzt und aufrecht stehend, das Genick stark, die Brust sehr tief, der Leib hoch hinaufgezogen, der Schenkel kräftig und muskelig, der Schwanz lang und dünn, die Farbe verschieden, gewöhnlich rehfarben. Das ganze Gepräge ist entschieden windhundartig, und ich hörte, wie ein deutscher Ansiedler seinen in Brasilien geborenen Kindern einen meiner Hunde als einen Windhund zeigte. Trotz dieser Ahnlichkeit ist doch der Geruchssinn des Rehhundes außerordentlich fein, und ich habe Tiere gesehen, welche noch nach einer vollen Stunde die Fährte eines Rehes aufnahmen. Hierin unterscheidet er sich wesentlich vom Windhunde, von dem er nur die knappe Form, die Bissigkeit und die Ausdauer im Laufen hat. zu den vorzüglichen Eigenschaften des Rehhundes gehört seine Ausdauer im Laufe; er jagt aber langsam, wie es die Natur des Urwaldes mit sich bringt. Man gebraucht

gewöhnlich zwei Hunde zur Jagd, welche einander kennen, unterstützen und anfeuern. Mehrere Hunde stören einander, ein einzelner gibt eher die Jagd auf. Die Rehhunde haben vor allen brasilischen Hunden die Gewohnheit, auf eigene Faust zu jagen. Sie verlassen, sobald sie losgekoppelt sind, den Jäger, und er sieht sie nicht eher wieder als nach Beendigung der Jagd, oft erst in seiner Wohnung, zuweilen wohl am nächsten Tage. Sobald die Hunde losgelassen sind, eilen sie die Berganhöhen hinauf und bringen bald ein Reh getrieben, welches stets ins Thal nach dem Wasser flüchtet. Hier haben sich die Schützen aufgestellt, denen das Reh nicht selten zum Schusse kommt. Ist dies nicht der Fall, so geht die Jagd weiter und dauert bei guten Hunden so lange, bis sie das Reh ermüdet und niedergerissen haben. Dann sättigen sie sich daran und treten den Heimweg an, ohne weiter nach dem Jäger zu fragen. Zuweilen dauert bei ungünstigem Boden, vielen Schluchten und undurchdringlichen Dickichten die Jagd stundenlang, weil das Reh stets Zeit findet, sich wieder zu erholen. Kommt es nicht zum Schuß, so ist es für den Jäger immer verloren, auch wenn es die Hunde endlich niederreißen. Dies betrachtet der wahre Jäger nicht als Unglück, die Hauptsache bleibt ihm immer das Jagen der Hunde. Mit verhaltenem Atem, etwas vorgebeugt, lauscht er ihrem Bellen, wenn es wie Glockenton rein und hell in das Thal niederschallt. Langsam, aber stetig nähert sich die Jagd. Ein guter Hund darf nicht hitzig sein, er würde sich in den zahllosen Dornen der Dickungen verwunden und leicht die Fährte verlieren. Ein europäischer Hund würde hier nicht genügen, vielmehr durch Hitze erschöpft und durch die Dornen verwundet, bald unbrauchbar werden. Hier helfen dem Rehhunde seine Leichtigkeit und Gewandtheit; doch vermeidet er wie die Windhunde das Wasser. So gern der Rehhund jagt, so wenig gern stellt er das Wild. Kann er es nicht niederreißen, so verläßt er es bald. Nachher ist er auch für die Jagd auf Bisamschweine oder den Tapir nicht so brauchbar; denn die ersteren flüchten unter Felsen oder in hohle Bäume und die Ante oder der Tapir stellt sich den Hunden im Wasser. Dagegen liefert die Kreuzung zwischen dem Rehhunde und gewöhnlichen Jagdhunde oft sehr wertvolle Erzeugnisse für die Jagd auf die größeren Wildarten.“

Eine zweite Gruppe der Hunde umfaßt die Doggen (Canis familiaris molossus).

Hierher rechnen wir zunächst den dänischen Hund (Canis familiaris molossus danicus), obwohl er als Blendling zwischen Windhund und Bullenbeißer angesehen wird. Er ist ein großes, schönes Tier von edler Form mit schlanken Beinen und glattem Schwanze, und großen, schönen Augen; die Schnauze ist zugespitzt, aber wie das ganze Tier immer noch weit kräftiger als die des Windhundes.

Der dänische Hund, ein treues und wachsames Tier, gehört in Deutschland zu den Rassen, welche nirgends verbreitet sind, sondern überall nur einzeln vorkommen; selbst in Dänemark ist er nicht häufig. Dort wird er gegenwärtig in größerer Anzahl nur auf zwei Rittergütern gezüchtet, und zwar in einer kleineren, aber für edler geltenden gelben und schwarzgesichtigen Unterrasse in Broholm sowie in einer größeren, rein gelben Unterrasse in Brolykke. Stücke mit abweichender Färbung gelten als unecht. In früheren Zeiten soll man den dänischen Hund zur Jagd auf Rotwild benutzt und deshalb mehr gezüchtet haben, ohne besonderen Wert auf bestimmte Zeichnung zu legen, daher es denn auch viele gefleckte gab; gegenwärtig hält man ihn als Zierhund.

Ungleich häufiger als den dänischen Hund sieht man bei uns einen nahen Verwandten und Abkömmling von ihm, die deutsche Dogge (Canis familiaris molossus germanicus), die sich ebensosehr durch Schönheit wie durch Begabung auszeichnet und auch noch aus anderem Grunde, wie man zu sagen pflegt, Mode geworden ist. Wer hätte vom

„Reichshund“ nicht wenigstens gehört und gelesen? Die deutschen Züchter haben es verstanden, diese Rasse, die zunächst den Namen ihrer Stammrasse führte und auch Ulmer Dogge genannt wurde, derartig auszubilden, daß seit einem Jahrzehnt statt der früheren Benennungen nur eben noch die eine anerkannt wird: deutsche Dogge.

Die Behaarung der deutschen Dogge ist kurz und dicht, auch am dünn verlaufenden und wenig gekrümmten Schwanze. Die Färbung ist gleichmäßig schwarz, hell- oder dunkelgrau, braun- oder lichtgelb und in den helleren Schattierungen oftmals dunkel gestromt

NN N

UN

jeen

at

uND

|

Dänischer Hund (Canis familiaris molossus danicus). Vıo natürl. Größe. | oder, wenn hellgrau, meist mit unregelmäßigen dunkeln Flecken; bei einfarbigen Tieren treten |ö nicht selten weiße Abzeichen an Brust und Zehen auf. Die mittelgroßen, hoch angesetzten 4 Ohren werden in der Regel gestutzt. Ein Hund dieser Rasse, über dessen Begabung und Thaten wir unten einiges aus einer Schilderung Gräßners wiedergeben, hatte in seinem dritten Jahre eine Schulterhöhe von 94 em, eine Gesamtlänge von 175 em und ein Gewicht von 61 kg, mithin eine sehr außergewöhnliche Größe, erreicht. Unser Gewährsmann, der als Rektor einer Schule in nicht recht geheuerer Lage vor dem Thore einer großen Industriestadt Deutschlands lebte, hielt es für nötig, sich zum Schutze der Familie und des Hauses

Däniſcher Hund (Canis familiaris molossus danicus). Vıo natürl. Größe.

einen tüchtigen Hund anzuschaffen. „Meine Wahl fiel“, fährt Gräßner fort, „auf eine 5 Monate alte deutsche Dogge, deren Eltern infolge ihrer Größe, Intelligenz und Treue bei den Hundeliebhabern der ganzen Umgegend in hohem Ansehen standen, zugleich aber auch wegen ihrer Bösartigkeit gefürchtet waren. Als ich den Hund ins Haus brachte, war man über sein täppisches Wesen und seinen bösen Blick nicht sonderlich erbaut. Er hatte sein Leben bisher in einem einsamen Hofe zugebracht, selten einen fremden Menschen gesehen, niemals ein Zimmer betreten, war daher vollständig verblüfft, als ich ihn in die

Deutsche Dogge (Canis familiaris molossus germanicus). ½2 natürl. Größe.

Wohnstube führte, und nicht von der Stelle zu bewegen, nachdem er seine Beine, um größeren Widerstand leisten zu können, wie ein Sägebock auseinander gespreizt hatte. Nach Verlauf einiger Stunden legte er sein unbeholfenes Wesen aber schon etwas ab und fühlte sich in seinen neuen Verhältnissen ziemlich heimisch. Trotz der plebejischen Verhältnisse, in denen er aufgewachsen, hat er sich niemals die geringste Unreinlichkeit zu schulden kommen lassen.... Von jeiner maulwurfsglänzend⸗schwarzen Farbe, nur Brust und Pfoten besaßen weiße Abzeichen, erhielt erden Namen ‚Tom‘. Selbstverständlich wurde er mein beständiger Begleiter auf meinen täglichen Ausflügen. Hier entwickelte er eine ungeahnte Lebhaftigkeit und

Continue reading
Page 33 of 185