Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Hinsichtlich des geistigen Wesens unterscheidet sich der Windhund von anderen Hunden. Er ist ein im höchsten Grade selbstsüchtiges Geschöpf, hängt in der Regel nicht in besonderer Treue seinem Herrn an, sondern läßt sich von jedermann schmeicheln und neigt sich zu jedem bin, welcher ihm freundlich ist. Gegen Liebkosungen empfänglich wie kein anderer Hund, läßt er sich ebenso leicht erzürnen und fletscht schon bei der kleinsten Neckerei die Zähne. Eitelkeit und ein gewisser Stolz ist ihm nicht abzusprechen; Zurücksetzungen verträgt er nicht. Bei lebhafter Erregung nimmt sein Herzschlag eine kaum glaubliche Unregelmäßigkeit und Schnelligkeit an; er zittert dabei oft am ganzen Leibe. Alle diese Eigenschaften machen ihn nur bis zu einem gewissen Grade als Gesellschafter der Menschen tauglich. Hat er einen Herrn, welcher ihm beständig schmeichelt, so befindet er sich wohl und zeigt auch eine gewisse Anhänglichkeit; seine Untreue aber macht sich bemerklich, sobald ein anderer Mensch sich ihm freundlicher zeigt als der eigene Herr. Diese Untreue ist geschichtlich. Als Eduard III. starb, zog ihm seine Buhle noch schnell einen kostbaren Ring vom Finger, und sein Windspiel verließ ihn im Augenblicke des Todes und schmiegte sich seinen Feinden an. Doch gibt es auch unter den Windhunden rühmliche Ausnahmen, welche an Anhänglichkeit und Treue hinter anderen Hunden kaum zurückstehen und uns auch in dieser Hinsicht mit der Rasse befreunden. Und möglicherweise verdienen die Windspiele insgesamt von vornherein entschuldigt zu werden; denn gewichtige Gründe sprechen dafür, daß die größere oder geringere Anhänglichkeit eines Hundes mit der verschiedenen Ausbildung ihres Geruchssinnes in Beziehung steht. Wie der Windhund sich gegen den Menschen zeigt, so benimmt er sich auch gegen andere Hunde. Er liebt sie nicht, sie sind ihm sogar fast gleichgültig: kommt es aber zu einer
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Balgerei, so ist er sicher der erste, welcher zubeißt, und kann dann gefährlich werden. Denn trotz seiner schlanken, feinen Gestalt ist er stark, und sobald es zum Beißen kommt, benutzt er seine Größe, hält dem Gegner die Schnauze immer übers Genick, packt, sobald jener sich rührt, fest zu, sucht ihn empor zu heben und schüttelt ihn, daß ihm Hören und Sehen vergeht. Dabei handelt er so niedrig, daß er auch mit kleinen Hunden anbindet, welche andere, edeldenkende Hunde stets mit einer gewissen Herablassung behandeln und wenigstens niemals
Windhund (Canis familiaris grajus). Yıo natürl. Größe.
beißen: es kommt häufig genug vor, daß ein Windhund kleinere Hunde in wenigen Augenblicken totschüttelt. Alle unliebsamen Eigenschaften des Windhundes können jedoch seine Bedeutung nicht beeinträchtigen. Vielen Völkerschaften macht er sich ebenso unentbehrlich wie der Vorstehhund dem europäischen Jäger, der Hirtenhund dem Schäfer. Weit mehr, als er im Norden benutzt wird, gebraucht man ihn im Süden, namentlich in allen Steppenländern. Tataren, Perser, Kleinasiaten, Beduinen, Kabylen, Sudanesen, Inder und andere mittelafrikanische und asiatische Völkerschaften achten ihn überaus hoch, im Werte oft einem guten Pferde gleich. Unter den Araberstämmen der Wüste oder vielmehr der Wüstensteppen am Rande der Sahara geht das Sprichwort:
„Ein guter Falk, ein schneller Hund, ein edles Pserd, Sind mehr als zwanzig Weiber wert“, und man begreift die Begründung dieses Sprichwortes, wenn man unterden Leuten gelebt hat. i 925
Bei uns freilich wird der Windhund nicht viel gebraucht. Die Jagd mit ihm ist für den Wildstand äußerst schädlich und deshalb auch an vielen Orten untersagt. Nur große Gutsbesitzer machen sich ab und zu das Vergnügen, mit ihm zu jagen. Dazu wird er leicht abgerichtet. Wenn er 1½½ Jahr alt geworden, nimmt man ihn an die Leine und sucht es dahin zu bringen, daß er an dieser ruhig geht. Anfangs bringt man ihn mit einem alten Windhunde auf ein Revier, wo es wenig Hasen gibt, und hetzt erst bloß junge Hasen, welche aber noch nicht weit von ihm entfernt sein dürfen. Die Gegend muß eben und frei sein, und man muß zu Pferde überall hinkommen können, damit man auch zur rechten Zeit bei ihm anlangt, wenn er einen Hasen gefangen hat.
Solche Jagd bietet ein schönes Schauspiel. Der Hase ist so dumm nicht, wie er aussieht, und spielt dem unerfahrenen Hunde manche Tücke. In rasender Eile jagt dieser seinem Wilde nach, macht Sätze von wirklich unglaublicher Ausdehnung, nicht selten solche, welche mit denen der größeren Katzen wetteifern, von 2, 3 und 4 m Weite, und so geschieht es, daß er dem Hasen bald auf den Leib rückt. Jetzt ist er dicht herangekommen, — im nächsten Augenblicke wird er ihn fassen — aber der Hase hat plötzlich einen Haken geschlagen und rennt rückwärts; der Hund dagegen, welcher in gerader Flucht ihm nacheilte, ist weit über ihn hinausgestürzt, fällt fast auf die Erde, schaut sich wütend um, gerät in äußersten Zorn, sucht und sieht endlich den Hasen bereits auf anderthalbhundert Schritte Entfernung dahinlaufen. Jetzt wirft er sich herum, rast ihm nach, faßt ihn bereits wieder, da schlägt der Hase einen zweiten Haken, und dem Hunde ergeht es wie das erste Mal. In dieser Weise würde die Jagd ohne Ende fortdauern, wenn man nicht zwei Hunde auf einen Hasen laufen ließe, von denen der eine verfolgt, während der andere ihm den Bogen abschneidet. Hat nun endlich der Hund den Hasen gefangen, so muß man sobald wie möglich zur Stelle sein; denn die allermeisten Windhunde schneiden ihre Beute an und haben sie manchmal bereits halb aufgefressen, wenn der Jäger herbeikommt. Ein Windhund, welcher die anderen hiervon abhält, wird Retter genannt, und derjenige, welcher im stande ist, einen Hasen allein ohne Hilfe zu erhaschen, Solofänger; beide werden außerordentlich teuer bezahlt und sind sehr gesucht. Die Höhe am Widerriste beträgt 70—80 em und darüber.
Während im Norden die Windhunde vielfach durch ihren Leibesbau und ihre Behaarung sich unterscheiden, gehören die des Südens, wie es scheint, mehr oder weniger einer Rasse an, welche uns der Steppenwindhund kennen lehren mag. Er ist ein ebenso edles als anmutiges Tier, seine Behaarung seidenweich, seine Färbung ein leichtes Isabellgelb, welches nicht selten ins Weißliche zieht, häufig aber bis zur echten Rehfarbe dunkelt. Auf den ägyptischen Denkmälern findet man die Rasse unter anderen, namentlich gefleckten Windhunden abgebildet, woraus also hervorgeht, daß dieses vortreffliche Tier schon im grauen Altertum benutzt wurde. Ich habe ihn in Kordofan kennen gelernt.
Alle Steppenbewohner, und zwar die seßhaften ebensogut wie die herumwandernden, verehren den Windhund in absonderlicher Weise. Es wurde mir nicht möglich, ein Windspiel käuflich an mich zu bringen, weil sich die Leute durchaus nicht auf den Handel einlassen wollten. Besondere Gebräuche, welche zum Gesetze geworden sind, bestimmen gewissermaßen den Wert des Tieres. So muß, um ein Beispiel zu geben, in Jemen nach altem Brauch und Recht jeder, welcher ein Windspiel erschlägt, so viel Weizen zur Sühne geben, als erforderlich ist, den Hund zu bedecken, wenn er so am Schwanze aufgehängt wird, daß er mit der Schnauzenspitze eben den Boden berührt. Bei dem verhältnismäßig hohen Preise, welchen der Weizen in jener Gegend hat, beansprucht dies eine ganz außerordentliche Summe; denn um einen derartig aufgehangenen Windhund zu bedecken, muß ein tüchtiger Haufen Getreide aufgeschüttet werden.
Im Jahre 1848 verlebte ich mehrere Wochen in dem Dorfe Melbeß in Kordofan und hatte hier vielfache Gelegenheit, den innerafrikanischen Windhund zu beobachten. Die Dorfbewohner nähren sich, obgleich sie Getreide bauen, hauptsächlich von der Viehzucht und der Jagd. Aus diesem Grunde halten sie bloß Schäfer- und Windhunde, die ersteren bei den Herden, die letzteren im Dorfe. Es war eine wahre Freude, durch das Dorf zu gehen; denn vor jedem Hause saßen etliche der prächtigen Tiere, von denen eines das andere an Schönheit übertraf. Sie waren wachsam und schon hierdurch von ihren Verwandten sehr verschieden. Sie schützten das Dorf auch gegen die nächtlichen Überfälle der Hyänen und Leoparden; nur in einen Kampf mit dem Löwen ließen sie sich nicht ein. Am Tage verhielten sie sich ruhig; erst nach Einbruch der Nacht begann ihr wahres Leben. Man sah sie dann auf allen Mauern herumklettern; selbst die kegelförmigen Strohdächer der runden Hütten bestiegen sie, wahrscheinlich um dort einen geeigneten Standpunkt zum Ausschauen und Lauschen zu haben. Ihre Gewandtheit im Klettern erregte billig meine Verwunderung. Schon in Agypten hatte ich beobachtet, daß die Dorfhunde nachts sich mehr auf den Häusern als auf den Straßen aufhalten: hier aber sind alle Hüttendächer glatt und eben; in £ Melbeß dagegen waren dies nur die wenigsten. Wenn nun die Nacht hereinbrach, hörte man anfangs wohl hier und da Gekläff und Gebell; bald jedoch wurde es ganz ruhig, und man vernahm höchstens das Geräusch, welches die Hunde verursachten, wenn sie über die Dächer wegliefen, unter denen man lag. Doch verging während meines ganzen Aufenthaltes keine Nacht, ohne daß sie Gelegenheit gefunden hätten, dem Menschen zu dienen. Eine Hyäne, ein Leopard oder ein Gepard, wilde Hunde und andere Raubtiere näherten sich allnächtlich dem Dorfe. Ein Hund bemerkte die verhaßten Gäste und schlug in eigentümlich kurzer Weise heftig an. Im Nu waren alle anderen lebendig: mit wenig Sätzen sprang jeder Hund von seinem erhabenen Standpunkte herab; in den Straßen bildete sich augenblicklicheineMeute, und diese stürmte nun eilig hinaus, um den Kampf mit dem Feinde zu bestehen. Gewöhnlich hatte schon nach einer Viertelstunde die ganze Gesellschaft sich wieder versammelt: der Feind war in die Flucht geschlagen, und die Hunde kehrten siegreich zurück. Bloß wenn ein Löwe erschien, bewiesen sie sich feige und verkrochen sich heulend in einen Winkel der dornigen Umzäunung des Dorfes.
Jede Woche brachte ein paar Festtage für unsere Tiere. Am frühen Morgen vernahm man zuweilen im Dorfe den Ton eines Hornes, und dieser rief ein Leben unter den Hunden hervor, welches gar nicht zu beschreiben ist. Als ich den eigentümlichen Klang des Hornes zum ersten Male vernahm, wußte ich ihn mir nicht zu deuten; die Hunde aber verstanden sehr wohl, was er sagen sollte. Aus jedem Hause eilten ihrer drei oder vier mit wilden Sprüngen hervor, jagten dem Klange nach, und in wenigen Minuten hatte sich um den Hornbläser eine Meute von wenigstens 50—60 Hunden versammelt. Wie ungeduldige Knaben umdrängten sie den Mann, sprangen an ihm empor, heulten, bellten, kläfften, wimmerten, rannten unter sich hin und her, knurrten einander an, drängten eifersüchtig diejenigen weg, welche dem Manne am nächsten standen, kurz, zeigten in jeder Bewegung und in jedem Laute, daß sie aufs äußerste erregt waren. Als ich aus den meisten Häusern die jungen Männer mit ihren Lanzen und verschiedenen Schnuren und Stricken hervortreten sah, verstand ich freilich, was der Hornlaut zu sagen hatte: daß er das Jagdzeichen war. Nun sammelte sich die Mannschaft um die Hunde, und jeder suchte sich seine eigenen aus dem wirren Haufen heraus. Ihrer 4—6 wurden immer von einem Manne geführt; dieser aber hatte oft seine Not, um die ungeduldigen Tiere nur einigermaßen zu zügeln. Das war ein Drängen, ein Vorwärtsstreben, ein Kläffen, ein Bellen ohne Ende! Endlich schritt der ganze Jagdzug geordnet zum Dorfe hinaus, dabei ein wirklich prachtvolles Schauspiel gewährend. Man ging selten weit, denn schon die nächsten Wälder boten eine ergiebige
Jagd, und diese war, dank dem Eifer und Geschick der Hunde, für die Männer eine ver: hältnismäßig leichte. An einem Buschwald angekommen, bildete man einen weiten Kessel und ließ die Hunde los. Diese drangen in das Innere des Dickichts ein und fingen fast alles jagdbare Wild, welches sich dort befand. Man brachte mir Trappen, Perlhühner, Frankoline, ja sogar Wüstenhühner, welche von den Hunden gefangen worden waren. Mehr brauche ich wohl nicht zu sagen, um die Gewandtheit dieser vortrefflichen Tiere zu beweisen. Eine Antilope entkam ihnen nie, weil sich jedesmal ihrer 4 oder 6 vereinigten, um sie zu verfolgen. Die gewöhnliche Jagdbeute bestand aus Antilopen, Hasen und Hühnern, doch wurden auch andere Tiere von den Hunden erbeutet, z. B. Wildhunde, Steppenfüchse und sonstige Raubtiere; auch versicherte man mir, daß ein Leopard, ein Gepard oder eine Hyäne den Windhunden 1 erliegen müsse.
Diese Hunde sind der Stolz der Steppenbewohner und werden deshalb auch mit einer gewissen Eifersucht betrachtet. Bei den festwohnenden Arabern der Nilniederung findet man fie nicht, und nur selten kommt ein Steppenbewohner mit einigen seiner Lieblings-tiere bis zum Nile herab, verliert auch bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich einen seiner Hunde und zwar durch die Krokodile. Die am Nile und seinen Armen geborenen und dort aufgewachsenen Hunde hingegen werden von den Krokodilen sehr selten überrascht. Sie nahen sich, wenn sie trinken wollen, dem Strome mit der allerverständigsten Vorsicht und tappen nie blindlings zu, wie die der Verhältnisse unkundigen Steppenhunde. Ein Nilhund, um dies kurz zu beschreiben, kommt mißtrauisch zum Flußufer, beobachtet das Wasser von dort genau, schreitet bedachtsam näher bis zu dessen Rand heran, heftet die Augen fest auf das trügerische Element und trinkt in Absätzen, bei der geringsten Bewegung der Wellen sich eilig zurückziehend; der Steppenhund dagegen denkt gar nicht daran, daß im Wasser etwas verborgen sein könne, springt unbesorgt in den Strom, um sich auch Brust und Leib zu kühlen, und fällt so den Krokodilen häufig zum Opfer. Ob dies eine der Hauptursachen ist, daß man unmittelbar am Nile selbst keine Windhunde hält, oder ob noch andere Umstände mitwirken, weiß ich nicht zu sagen.