Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
einzuwandern. Am meisten in der Leber und Niere, aber nicht selten auch in der Lunge, der Bauchhöhle, ja selbst in dem Gehirne oder Rückenmarke bleiben die Embryonen endlich liegen, um sich zunächst zu einer kleinen, mit wässeriger Flüssigkeit gefüllten Blase, der Finne oder Echinokokkusblase, auszudehnen. Langsam zwar, aber unaufhaltsam wächst diese mehrere Jahre (etwa fünf) weiter und weiter und kann in der Zeit die Größe eines Kinderkopfes, ja selbst noch mehr und ein Gewicht von 6—9, ausnahmsweise selbst von 15 kg erreichen. An der inneren Wand dieser Blase sprossen schon sehr bald in die innere Flüssigkeit hinein sehr kleine Bandwurmköpfchen, außerdem aber auch kleine Blasen, die sich abtrennen, in dem Innern der anfänglichen Blase schwimmen und den Knospungsvorgang in ihrem Innern wiederholen, so daß eine Echinokokkusblase ein merkwürdiges Gebilde ist, gefüllt mit Wasser, mit angewachsenen und freischwimmenden Blasen, die wieder ähnliche Bildungen umschließen, und mit einer Menge von Bandwurmköpfchen. „Haben Hunde Gelegenheit, bei dem Schlachten von Rindern oder Schweinen weggeworfene Echinokokkusblasen, wenn auch nur in Stücken, oder rohes Fleisch, in dem kleine Finnen eingeschlossen sein können, zu verzehren, dann bilden sich in ihrem Dünndarme die verschluckten Bandwurmköpfchen in wenigen Wochen wieder zu ganzen Bandwürmern aus, und diese stoßen sehr bald wieder reife Glieder ab. „Begreiflicherweise ist die Anwesenheit einer oder mehrerer solcher Riesenfinnen in dem menschlichen Körper mit der größten Gefahr verbunden, und fast alle derartige Patienten sind dem Tode verfallen, wenn nicht eine Operation helfend eintritt; diese ist aber nur in dem Falle möglich, wenn die Echinokokkusblase in der Leber sitzt. Anfänglich ohne bemerkbare Einwirkung drängt der Echinokokkus mit seinem Größerwerden das Organ auseinander, in dem er liegt, und bringt schließlich dessen Reißen und den Tod herbei. Manchmal kommt es auch vor, daß bei einer heftigen Bewegung die Finne selbst platzt, ihren Inhalt in die einschließenden Organe entleert und gewissen Tod durch Erstickung oder Brand herbeiführt. Bilden sich die Finnen in den Knochen, dann brechen diese sehr bald. Innere Arzneien sind gegen dieses Übel ohne alle Wirkung. Am häufigsten kommt die Echinokokkuskrankheit auf der Insel Island vor, wo sie früher den fünften Teil der Bevölkerung hinwegraffte. Jeder Bauer hält sich dort zum Ziehen der Schlitten etwa ein halbes Dutzend Hunde, und diese liegen mit dem Menschen in einem Raume zusammen, lecken die Gefäße aus, aus denen die Menschen aßen, spielen mit den Kindern und übertragen leicht die Krankheit auf ihre Herren. In Deutschland kommt sie zum Glück selten vor, aber doch hört man bald da, bald dort von einem Falle und auch in Frankfurt kam sie von Zeit zu Zeit zur Behandlung. So hatte ein Koch in einem hiesigen Hotel ein Schoßhündchen, das er viel auf den Armen trug; er starb in einem hiesigen Spital am Echinokokkus. „Um dem Übel mit Erfolg vorzubeugen, verwende man Sorgfalt auf die Fütterung des Haushundes, gebe diesem also vor allem kein rohes Fleisch zu fressen. Schafft man sich einen Hund an, dann empfiehlt es sich, und besonders wenn es ein Schoßhund ist, das Tier einer Behandlung gegen Bandwürmer durch den Tierarzt unterwerfen zu lassen. In allen Fällen unterlasse man es, mit dem Hunde zu vertraut zu verkehren. Man gestatte ihm nicht das Belecken von Händen und Gesicht, man nehme ihn nicht auf den Schoß und noch weniger zu sich in das Bett. Auch die Kinder sind vor zu vertraulichem Umgange mit ihm zu warnen. „In unserer Gegend kommt häufiger in dem Hunde der gurkenkernähnliche Bandwurm (Taenia cucumerina) vor, und merkwürdigerweise ist derselbe auch mehrfach bei Menschen, besonders bei kleinen Kindern beobachtet worden. Hier in Frankfurt z. B. wurde sein Vor: kommen bei Kindern mehrmals mit Sicherheit festgestellt. Und wieder ist es der Hund, dem allein die Schuld der Ansteckung des Kindes beizumessen ist. Der fragliche Bandwurm,
der oft im Hunde lebt, wird etwa 21 cm lang und stößt hellrot gefärbte, 2 mm breite Glieder ab, die selbständig aus dem Hunde auskriechen. Solche Glieder werden leicht von dem auf dem Boden rutschenden oder sich wälzenden Hunde zerdrückt und auf seinem Körper festgeklebt. Hier dienen sie einer Hundelaus (Trichodectes canis) oder vielmehr dem Hundehaarlinge mit zur Speise. Es ist dies nicht etwa ein blutsaugendes, sondern ein Haare und Hautschuppen fressendes Insekt, das aus den mitgefressenen Bandwurmeiern in seinem Körper winzige Finnen entstehen läßt, also den Zwischenwirt für den im Hunde lebenden Gurkenkern-Bandwurm abgibt. Und wenn nun der Hund mit Zunge und Zähnen seine Haut reinigt und seine eigenen Haarlinge verschluckt, dann kommen aus den Finnen derselben wieder neue Bandwürmer. Wie oft sieht man, daß Mütter und Kinderfrauen das liebe Hündchen von Kindern, die auf dem Arme getragen werden, streicheln lassen und dem Kinde selbst die Hand über Kopf und Hals des Tieres führen. Sie ahnen nicht, daß unbemerkt dabei eine Hundelaus an der schweißigen Haut des Kindes kleben bleiben und dann leicht in den Mund desselben kommen kann. In den Magen des Kindes gelangt, wird sie verdaut, aus der in ihr eingeschlossenen Finne aber erwächst in dem zarten Darme ein neuer Bandwurm.“ Die entsetzlichste Krankheit aber ist die Tollheit, die Hundswut oder Lyssa, durch welche zunächst nicht bloß die übrigen Hunde und Haustiere, sondern auch Menschen aufs höchste gefährdet werden. Gewöhnlich tritt diese fürchterliche Seuche erst bei älteren Hunden ein, zumeist im Sommer bei sehr großer Hitze oder im Winter bei allzu großer Kälte. Man erkennt die Wut daran, daß der Hund zunächst sein früheres Betragen ändert, tückisch-freundlich wird und gegen seinen Herrn knurrt, dabei eine ungewöhnliche Schläfrigkeit und Traurigkeit zeigt, beständig warme Orte aufsucht, öfters nach dem Futter schleicht, ohne zu fressen, begierig Wasser, aber immer nur in geringer Menge zu sich nimmt und sich überhaupt unruhig und beängstigt gebärdet. Untrügliche Kennzeichen sind auch, daß er seine Stimme ändert, indem der Anschlag in ein rauhes, heiseres Heulen übergeht, daß er seine Freßlust verliert, nur mit Beschwerlichkeit schlucken kann, geifert, einen trüben Blick bekommt, gern viel fortgeht, ungenießbare Körper beleckt und verschlingt, bei zunehmender Krankheit um sich schnappt und ohne Ursache beißt. Im Verlaufe der Krankheit tritt gewöhnlich Verstopfung ein, die Ohren werden schlaff, das kranke Tier läßt den Schwanz hängen, sein Auge wird matt, der Blick schielend. Später rötet sich das Auge und wird entzündet. Der Hund ist unempfänglich für Liebkosungen, achtet nicht mehr des Herrn Befehl, wird immer unruhiger und scheuer, sein Blick starr oder feurig, der Kopf senkt sich tief herab, Augen- und Backengegend schwellen an, die Zunge wird stark gerötet und hängt aus dem Maule, an dessen Seiten zäher Schleim herabläuft. Bald knurrt er bloß noch, ohne zu bellen, kennt auch Personen und zuletzt seinen eigenen Herrn nicht mehr. So sehr er nach Getränk lechzt, so wenig vermag er es hinabzuschlingen; selbst wenn es ihm gewaltsam beigebracht wird, verursacht es ihm Würgen und krampfhaftes Zusammenziehen der Schlundmuskeln. Nunmehr tritt Scheu gegen das Wasser und jede andere Flüssigkeit ein. Er legt sich nicht mehr nieder, sondern schleicht schielend mit gesenktem Schwanze unruhig umher.
Jetzt erst entwickelt sich die Krankheit entweder zur stillen oder zur rasenden Wut. Bei der stillen Wut sind die Augen entzündet, aber trübe und starr, die Zunge wird bläulich und hängt oft weit aus dem Maule heraus. Weißer Schaum überzieht die Mundwinkel; das Maul ist immer offen, der Unterkiefer gelähmt und hängt schlaff herab. Mit einge-zogenem Schwanze und gesenktem Kopfe läuft der Hund taumelnd und unstet oft Meilen weit fort und beißt, was ihm in den Weg kommt, besonders aber andere Hunde. Stößt er dabei auf ein Hindernis, welches ihm nicht gestattet, den angenommenen Weg zu verfolgen, so taumelt er im Kreise herum, fällt öfters nieder und schnappt nach Luft.
Bei der rasenden Wut funkelt das Auge, der Stern erweitert sich, das Maul steht offen, ist nur wenig von Geifer benetzt, und die bläuliche Zunge hängt aus dem Maule herab. Schon bei der Entwickelung dieser Krankheitsform zeigt der Hund einen hohen Grad von Trotz und Falschheit, selbst gegen seinen Herrn, schnappt unwillkürlich nach Fliegen oder nach allem, was ihm in die Nähe kommt, fällt das Hausgeflügel an und zerreißt es, ohne es zu fressen, lockt andere Hunde zu sich heran und stürzt sich dann wütend auf sie, fletscht die Zähne, verzerrt das Gesicht, winselt, leckt mit der entzündeten Zunge seine Lippen und schnalzt auch mit ihr, wobei ihm oft schon wässeriger Geifer aus dem Munde tritt. Vom Wasser wendet er sich taumelnd ab, schwimmt aber doch noch zuweilen durch Bäche und Pfützen. Er beißt alles, was ihm entgegenkommt, oft auch leblose Gegenstände, der angehängte Hund sogar seine Kette. Nach Hackenbarth durchlief ein toller Hund in 3 Stunden eine Strecke von 24 km, drang dabei in sechs Ortschaften sowie zahlreiche Gehöfte ein und biß alle ihm begegnenden Hunde, Schweine und zwei Menschen.
Schon die Griechen kannten die Tollwut des Hundes, obwohl sie in Südeuropa weit seltener auftritt als bei uns. In den Ländern des kalten oder des heißen Erdgürtels kommt die Seuche minder häufig oder gar nicht zum Ausbruche. So ist sie, nach A. Walter, in Zentralasien und, nach R. von Lendenfeld, in ganz Australien vollständig unbekannt, scheint auch nirgends unter den doch sehr verwahrlosten Hunden der auf niederer Gesittungsstufe stehenden Völkerschaften aufzutreten. Wiederholt ist die Behauptung aufgestellt worden, daß die Wutkrankheit beim Menschen nicht vorkomme, und daß in den Fällen, in denen man sie beobachtet zu haben glaubte, eine Verwechselung mit anderen Krankheiten vorgelegen habe. Dies beruht darauf, daß einzelne Erscheinungen der Tollwut auch bei anderen Krankheiten sich zeigen, während die Gesamtheit der Erscheinungen die Krankheit zu einer durchaus eigenartigen stempelt. Das Auftreten der Hundswut beim Menschen ist am sichersten dadurch bewiesen worden, daß es gelang, die Krankheit von gebissenen Menschen, bei denen die Wut zum Ausbruche gekommen war, durch Impfung wiederum auf Hunde und andere Tiere zu übertragen. Ebenso steht es fest, daß nicht nur Hunde, sondern auch Wölfe, Füchse, Katzen, Pferde, Rinder, Ziegen und Schafe unter dieser entsetzlichen Krankheit zu leiden haben; vor 5 Jahren wütete sie sehr stark im Richmond Park bei London sogar unter dem Hochwilde, das von eingedrungenen tollen Hunden aus der Hauptstadt angesteckt worden war. Glücklicherweise verfällt nicht jeder Mensch, welcher von einem wirklich tollen, nicht bloß wutverdächtigen Tiere gebissen wurde, der Lyssa. Der Grad der Gefährlichkeit des Bisses wird, nach Wolffberg, bedingt durch den Fortschritt, welchen die Krankheit in dem Tiere bereits gemacht hat, durch die Menge des in die Bißwunden gelangten Wutgiftes, da die Kleider dieses vollständig abhalten können, durch die Schwere der Verwundungen, und hängt auch davon ab, an welcher Körperstelle die letzteren beigebracht worden sind. Unter 59 Personen, die von tollen Wölfen durch die Kleider gebissen worden waren, erlitt nur eine den Tod, dagegen starben 66 Personen von 85, welche die Bisse in Kopf, Hände und überhaupt unbekleidete Körperteile erhalten hatten. Welche Rolle bei Übertragung der Krankheit die Lage der verletzten Körperstellen spielt, ergibt sich aus einer allgemeinen Zusammenstellung von Bollinger; danach starben an Bissen von wirklich tollen Hunden ins Gesicht 90, in die Hände 63, in den Rumpf 63, in die unteren Gliedmaßen 28, in die oberen Gliedmaßen 20 Personen vom Hundert. Der Ausbruch der Lyssa beim Menschen erfolgt nicht nach einer gewissen Zeit. Nicht bloß die schon besprochene Weise der Giftübertragung ist hierbei von wesentlichem Einfluß, sondern, wie es scheint, auch die Art des Tieres, durch welche sie verursacht wurde. Ph. Bauer hat 510 genau beobachtete Erkrankungsfälle ver: glichen, woraus hervorgeht, daß die Wut beim Menschen durchschnittlich auftrat: in 49 Fällen
bei Wolfsbissen nach 39 Tagen, in 293 Fällen bei Hundsbissen nach 73 Tagen, in 31 Fällen bei Katzenbissen nach 80 Tagen. Eine von einem an Lyssa leidenden Affen gebissene Person erkrankte, wie Langley Mills mitteilt, sogar erst nach 21 Monaten (?).
Eine einigermaßen übersichtliche Zusammenstellung statistischer Angaben über das Auftreten der Hundswut ist darum nicht durchzuführen, weil die vorhandenen Angaben weder einheitlich noch ausgiebig sind. Im Deutschen Reiche kommt die Lyssa verhältnismäßig am häufigsten in den östlichen Grenzgebieten vor, namentlich in Ostpreußen, wohin sie durch Hunde und Wölfe aus Rußland immer wieder eingeschleppt werden mag. Dennoch ist sie für uns in Deutschland infolge der getroffenen Vorkehrungen (Preußen: Regulativ vom 8. August 1835, Nr. 11, Tollwut, und Reichsgesetz, betreffend die Abwehr und Unterdrückung von Viehseuchen, vom 23. Juni 1880) fast bedeutungslos geworden; in den Jahren 1881— 1884 sind in Preußen, Bayern, Sachsen und Baden insgesamt nicht so viele Menschen der Tollwut erlegen, wie daran allein in London oder Paris in einem Jahre zu sterben pflegen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Maulkorbgesetz sehr günstig eingewirkt hat, mag es Herren und Hunden auch Unbequemlichkeiten bereiten, und nicht minder günstig muß auch die Verringerung des Hundebestandes durch hohe Besteuerung und durch die Vertilgung herrenloser Köter wirken. Auch sollen wutverdächtige Hunde, welche gebissen haben, nicht einfach beseitigt, sondern eingesperrt und zur Beobachtung gegeben werden, wie es das angeführte Regulativ 8 95 und 101 vorschreibt. Im Königreiche Preußen find Todesfälle infolge von Lyssa vorgekommen im Jahre 1880: 10, 1881: 6, 1882: 4, 1883: 1, 1884: 0; und im ganzen Deutschen Reiche erlagen in Hospitälern der Krankheit in den 3 Jahren 1883—85 nur je 5 Personen. Von jeher sind viele Mittel gegen die Lyssa angepriesen worden, aber man kann nicht behaupten, daß fie sich bewährt hätten, schon deshalb nicht, weil zunächst nicht festgestellt werden konnte, ob das Tier, das gebissen hatte, wirklich toll oder bloß wutverdächtig war. Das einzige sicher wirkende Mittel konnte nur die Ausätzung der Wunden sein, aber sie mußte sofort und gründlich besorgt werden. Geschah dies nicht, war das Wutgift bereits in den Körper übergegangen, jo hing es nur von Umständen ab, die der Mensch nicht zu beherrschen vermochte, ob Erkrankung und damit sicherer Tod eintrat oder nicht. Auch in solchen Fällen noch Rettung zu bringen, erstrebt in neuester Zeit Pasteur durch sein Heilverfahren. Dieses gründet sich darauf, daß es möglich ist, einer Krankheit durch Impfung vorzubeugen, wie z. B. den Menschenblattern durch die Kuhpockenimpfung. Pasteurs Vorgehen besteht darin, daß er das Rückenmark wutkranker Tiere trocknet, in Fleischbrühe verreibt und diese Mischung mehrmals unter die Haut spritzt. Durch das Trocknen wird das Rückenmark einerseits in seiner Giftigkeit abgeschwächt und anderseits in einen schützenden Impfstoff verwandelt. Seit 1885 sind Tausende von gebissenen Menschen in dieser Weise behandelt worden. Viele der Behandelten sind zweifellos von Tieren gebissen, welche lediglich wutverdächtig waren; es bleibt aber eine große Anzahl von Personen übrig, welche durch Tiere gebissen worden sind, die nachgewiesenermaßen wutkrank waren. Von diesen Personen nun sind einige trotz, ja vielleicht sogar erst infolge der Impfung gestorben, die bei weitem meisten aber sind durch die Impfung vor sicherem Tode bewahrt worden.