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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Das untrüglichste Kennzeichen von der Gesundheit eines Hundes ist seine kalte und feuchte Nase. Wird diese trocken und heiß, und trüben sich die Augen, zeigt sich Mangel an Freßlust ꝛc., so kann man überzeugt sein, daß der Hund sich unwohl befindet. Bessert sich der Zustand des Leidenden nicht rasch, und fruchten die von einem tüchtigen Tierarzte verordneten Mittel nicht bald, so ist wenig Hoffnung für Erhaltung des Tieres vorhanden; denn ernste Krankheiten überstehen nur wenige Hunde. Verwundungen heilen schnell und gut, nicht selten ohne jegliche Beihilfe; innerlichen Krankheiten stehen selbst erfahrene Arzte,

geschweige denn Quacksalber, meist ratlos gegenüber, weil jene in auffallend kurzer Zeit das Ende herbeiführen. Der Nutzen, welchen der Hund dem Menschen leistet, läßt sich kaum berechnen. Was er den gesitteten und gebildeten Völkern ist, weiß jeder Leser aus eigener Erfahrung; fast noch mehr aber leistet er den ungebildeten oder wilden Völkerstämmen. Auf den Südseeinseln wird sein Fleisch gegessen, ebenso von verschiedenen afrikanischen Völkerschaften sowie bei den Tungusen, Chinesen, Eskimos, den Indianern Nordamerikas ꝛc. In China sieht man oft Metzger, welche mit geschlachteten Hunden beladen find; fie müssen sich aber immer verteidigen gegen den Angriff anderer, noch frei umherlaufender Hunde, welche sie scharenweise anfallen. Als besonders feine Speise gilt eine mittelgroße, gedrungene, unserem Spitze ähnelnde Rasse, welche, wie es scheint, vornehmlich im Grenzgebiete der Wüste Gobi vorkommt oder dort für die Tafel gezüchtet wird. Vor einigen Jahren war ein Paar dieser Tiere auf der Hundeausstellung in London zu sehen; sie wurden viel angestaunt, und der Herzog von Norfolk soll sie um 10,000 Mark für Züchtungszwecke erworben haben. Hier sei auch noch einer anderen Beziehung zwischen Mensch und Hund gedacht, die uns wohl schaurig und unheimlich berühren mag: seitdem Bernardin de Saint-Pierre dem Gedanken Ausdruck gab, daß das Essen von Hunden der erste Schritt zur Menschenfresserei sei, hat die Völkerkunde viele Beobachtungen gesammelt, die allerdings geeignet sind, die Auffassung zu bekräftigen, daß der Gebrauch, Hunde zu verspeisen, ein Vorläufer, Begleiter oder Überlebsel des Menschenfressens ist.

Aber auch dort, wo er regelmäßig oder bisweilen zur Nahrung verwendet wird, bleibt der Hund noch der Gefährte und Gehilfe des Menschen; selbst dem niedrigst stehenden, der ihn noch nicht einmal mit Rufnamen belegt, dient er in den Gleicherländern wenn nicht als Wächter, so doch als Warner, nützt ihm bei der Jagd, und dem Nordländer, der ohne ihn fast hilflos wäre, zieht er außerdem den Schlitten über die Eis- und Schneewüsten seines Wohngebietes oder trägt des Jägers Ausrüstung wie ein Lasttier auf dem Rücken. Im nörd: lichen Asien werden Hundefelle zur Kleidung und selbst in Deutschland zu Mützen, Taschen und Muffen verarbeitet. Aus Knochen und Sehnen bereitet man Leim; das zähe und dünne Hundeleder wird lohgar zu Tanzschuhen und weißgar zu Handschuhen, das Haar zum Ausstopfen von Polstern benutzt. Hundefett dient zum Einschmieren von Räderwerk ꝛc. und galt früher als Hausmittel gegen Lungenschwindsucht. Sogar der Hundekot, „Griechisch—

Weiß“ (Album graecum) genannt, weil die Griechen zuerst auf seine Benutzung aufmerksam machten, war ein gesuchtes Arzneimittel. Auch im Kriege fanden Hunde Verwendung, nicht, wie man jetzt beabsichtigt, als zweckvoll erzogene Warner und schnellfüßige, der Beobachtung leicht entgehende Boten, sondern als wirkliche Mitkämpfer an Seite der Krieger. Als die Spanier die Länder der Neuen Welt sich unterthan machten, spielten die Bluthunde bei ihren Unternehmungen keine geringe Rolle als Kampfgefährten, und manche dieser Tiere waren um ihres Mutes, ihrer ausgezeichneten Thaten willen hoch gehalten und gefeiert wie irgend ein Held unter den beutegierigen Banden der Eroberer. Wie alle Mitwirkenden an jenen Raubzügen und Kämpfen erhielten auch diese Hunde, oder vielmehr für sie ihre Herren, einen entsprechenden Anteil von der Beute. Später und noch bis in die neueste Zeit war es gebräuchlich, entflohene Sklaven oder Eingeborene, die sich der Botmäßigkeit der Europäer entzogen hatten, mittels Bluthunden in der Wildnis aufzuspüren.

Schon seit den frühesten Zeiten wurde der Nutzen der Hunde gewürdigt; die Behandlung, welche sie erfuhren, und die Achtung, in der sie standen, war aber sehr verschieden. Sokrates hatte die Gewohnheit, bei dem Hunde zu schwören; Alexander der Große war über den frühzeitigen Tod eines Lieblingshundes so betrübt, daß er ihm zu Ehren eine Stadt mit Tempeln bauen ließ; Homer besingt den Argos, den Hund des Odysseus,

in wahrhaft rührender Weise; Plutarch rühmt Melampithos, den Hund des Handelsmannes von Korinth, welcher seinem Herrn durch das Meer nachschwamm; der treue Phileros ist durch griechische Grabschriften verewigt worden; in römischen Schriften wird des Hundes eines Verurteilten gedacht, welcher dem in den Tiber geworfenen Leichnam seines Herrn unter traurigem Geheul schwimmend nachfolgte; Soter, der einzige überlebende von den hündischen Wächtern, welche Korinth verteidigten, empfing auf Kosten des Staates ein silbernes Halsband mit den darauf gestochenen Worten: „Korinths Verteidiger und Erretter“. Plinius stellt die Rüden sehr hoch und erzählt viel Merkwürdiges von ihnen. Wir erfahren z. B., daß die Kolophonier wegen ihrer beständigen Kriege große Hundeherden unterhielten, daß die Hunde immer zuerst angriffen und in keiner Schlacht ihre Dienste versagten. Als Alexander der Große nach Indien zog, hatte ihm der König von Albanien einen Hund von ungeheuerer Größe geschenkt, welcher Alexander sehr wohl gefiel. Er ließ deshalb Bären, Wildschweine und dergleichen Tiere gegen ihn; aber der Hund lag stockstill und wollte nicht aufstehen. Alexander glaubte, daß er faul wäre, und ließ ihn umbringen. Als solches der albanesische König erfuhr, schickte er noch einen zweiten Hund gleicher Art und ließ sagen, Alexander solle nicht schwache Tiere gegen die Dogge schicken, sondern Löwen und Elefanten, er, der König, habe nur zwei solcher Hunde gehabt; ließe Alexander diesen umbringen, so habe er nicht einen gleichen. Alexander der Große ließ ihn also auf einen Löwen, dann auf einen Elefanten; der Hund aber erlegte beide. Justinus berichtet, daß die Könige Habis und Cyrus in der Jugend von Hunden ernährt worden seien. Gar nicht zu zählen sind die Schriftsteller, welche die Treue des Hundes rühmen. Die Spartaner opferten dem Gotte des Krieges auch einen Hund; junge, säugende Hunde durften von dem Opferfleische fressen. Die Griechen errichteten ihnen Bildsäulen; demungeachtet war bei ihnen das Wort Hund ein Schimpfwort. Die alten Agypter gebrauchten die Hunde zur Jagd und hielten sie, wie man aus den Abbildungen auf Denkmälern sehen kann, sehr hoch. Bei den Juden hingegen war der Hund verachtet, was viele Stellen aus der Bibel beweisen; und heutigestags ist dies bei den Arabern kaum anders. Hoch geehrt war der Hund bei den alten Deutschen. Als die Cimbern im Jahre 108 v. Chr. von den Römern besiegt worden waren, mußten letztere erst noch einen harten Kampf mit den Hunden bestehen, welche das Gepäck bewachten. Bei den alten Deutschen galt ein Leithund 12, ein Pferd dagegen nur 6 Schilling. Wer bei den alten Burgundern einen Leithund oder ein Windspiel stahl, mußte öffentlich dem Hunde den Hintern küssen oder 7 Schilling zahlen. Die Kanarischen Inseln haben, wie Plinius berichtet, ihren Namen von den Hunden erhalten. In Peru wurde, nach Humboldt, der Hund bei einer Mondfinsternis so lange geschlagen, bis die Finsternis vorüber war.

Ergötzlich ist es, was die alten Schriftsteller noch alles von der Benutzung des Hundes zu Arzneizwecken aufgeführt haben. Der ganze Hund war eigentlich nur ein Arzneimittel. Namentlich Plinius ist unermüdlich in Aufzählung der verschiedenen Heilkräfte des Hundes, außer ihm leisten Sextus, Hippokrates, Galen, Faventius, Marcellus, Bontius; Aeskulap und Amatsos jedoch auch das Ihrige. Ein lebender Hund, bei Brustschmerzen aufgelegt, thut vortreffliche Dienste; wird er aufgeschnitten und einer schwermütigen Frau auf den Kopf gebunden, so befreit er sie von ihrem Leiden. Nach Sextus heilt er sogar Milzkrankheiten. Mit allerlei Gewürz gekocht und gegessen, dient er als Mittel gegen fallende Sucht; doch muß es dann ein säugender Hund sein, welcher mit Wein und Myrrhen zubereitet wurde. Ein junger Jagdhund hilft gegen Leberkrankheiten. Wird eine Frau, welche früher schon Kinder geboren hatte, unfruchtbar, dann befreit sie gekochtes Hundefleisch, welches sie in reichlicher Menge genießt, von ihrer Schwäche. Sehniges Fleisch dagegen ist ein Vorkehrmittel gegen Hundebiß. Die Asche eines zu Pulver gebrannten Hundes

dient gegen Augenleiden, und werden mit ihr die Augenbrauen gestrichen, so erhalten sie die schönste Schwärze. Eingesalzenes Fleisch von tollen Hunden gibt ein Mittel gegen die Hundswut. Die Asche vom Schädel eines gesunden Hundes vertreibt alles wilde Fleisch, heilt den Krebs, schützt gegen Wasserscheu, mildert, wenn man sie mit Wasser zu sich nimmt, Seitenstechen und Geschwülste aller Art ꝛc.; die Asche von dem Schädel eines tollen Hundes ist gut gegen Gelbsucht und Zahnschmerz. Das Hundeblut wird vielfach angewandt. Gegen die Krätze ist es vortrefflich, den Pferden vertreibt es das Keuchen; wird es in reichlicher Menge getrunken, so ist es ein Gegengift, welches für alles brauchbar ist; wird ein Haus damit angestrichen, so schützt es gegen die verschiedensten Krankheiten. Das Hundefett wird benutzt, um Muttermale und Gesichtsblüten zu vertreiben, unfruchtbare Weiber fruchtbar zu machen: dazu muß aber der ganze Hund gekocht und das Fett oben von der Brühe abgeschöpft werden; gegen Lähmung wird es zu einer Salbe verwandt: doch darf es dann bloß von jungen Hunden herrühren; mit Wermut versetzt heilt es die Taubheit. Hundegehirn auf Leinwand gestrichen leistet bei Beinbrüchen gute Dienste, hilft aber auch für Blödigkeit der Augen. Hundemark vertreibt Überbeine und Geschwülste. Die Milz ist gegen Milzbrand und Milzschmerzen vortrefflich; am besten wirkt sie, wenn sie aus einem lebenden Hunde ausgeschnitten worden ist. Die rohe Leber wird gegen die Wutkrankheit empfohlen; doch muß sie stets von einem Hunde von demselben Geschlechte genommen werden, welches der Beißende hatte. Gegen dieselbe Krankheit brauchte man auch Würmer aus dem Aase eines tollen Hundes. Das Leder wird angewandt gegen schweißige Füße; ein dreifaches Halsband davon schützt gegen Bräune; ein Gurt von Hundeleder vertreibt das Leibschneiden. Das Haar des Hundes, in ein Tuch gewickelt und auf die Stirn gebunden, lindert Kopfschmerzen, schützt auch gegen Wasserscheu und heilt diese, wenn es auf die Wunde gelegt wird, welche ein toller Hund verursachte. Die Galle mit Honig versetzt ist eine Augensalbe, hilft ebenso gegen Flechten, und wenn sie mit einer Feder anstatt mit der Hand aufgestrichen wird, gegen die Fußgicht.

Getrunkene Hundemilch wirkt ebenfalls heilkräftig; mit Salpeter versetzt hilft sie gegen den Aussatz; mit Asche vermischt erzeugt sie Haarwuchs oder befördert schwere Geburten. Der Harn von jungen Hunden ist, wenn er gereinigt worden, ein Mittel, überflüssigen Haarwuchs zu vertreiben. Mit den Zähnen reibt man kleinen Kindern die Kinnlade und erleichtert dadurch das Zahnen. Wirft man den linken Oberreißzahn ins Feuer, so vergehen die Zahnschmerzen, sobald der Rauch vergangen ist; wird der Zahn zu Pulver gerieben und mit Honig versetzt, so bildet diese Mischung ein Mittel gegen dieselben Schmerzen. Der Kot gibt vortreffliche Pflaster gegen Geschwüre; er kann sogar gegen die Bräune, die Ruhr benutzt werden — doch wer wollte das alles noch zusammenzählen! Noch heutigestags sind manche dieser Mittel namentlich bei den Landleuten in Gebrauch.

Ungeachtet der Anerkennung aller Dienste, welche die Hunde uns leisten, und der Dankbarkeit, welche wir ihnen schulden, kann ich mich nicht entschließen, auf die fast zahllosen Rassen ausführlich einzugehen, werde vielmehr nur die wichtigsten in den Kreis unserer Betrachtung ziehen. Die Kunde der Rassen liegt außer dem Plane des vorliegenden Werkes, ist auch noch viel zu wenig geklärt, als daß man das Ergebnis begründeter Forschungen an die Stelle von Mutmaßungen setzen könnte. Ich gebe daher nur einen Überblick der wichtigsten Formen und enthalte mich aller Deutelei über deren Entstehung und Entwickelung.

Die Merkmale der Windhunde (Canis familiaris grajus, C. f. leporarius) liegen in dem äußerst schlanken, zierlichen, an der Brust geweiteten, in den Weichen eingezogenen Leibe, dem spitzigen, fein gebauten Kopfe, den dünnen, hohen Gliedmaßen und dem in der

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 8

Regel kurzhaarigen, glatten Felle. Die feine, gestreckte Schnauze, die ziemlich langen, schmalen, zugespitzten, halbaufrechtstehenden, gegen die Spitze umgebogenen und mit kurzen Haaren besetzten Ohren, die kurzen und straffen Lippen geben dem Kopfe das eigentümlich zierliche Ansehen und bedingen zugleich die verschiedene Ausbildung der Sinne. Der Windhund vernimmt und äugt vortrefflich, hat dagegen nur einen schwachen Geruchssinn, weil die Nasenmuscheln in der spitzen Schnauze sich nicht gehörig auszubreiten vermögen und so die Nervenentwickelung des betreffenden Sinnes nie zu der hohen Ausbildung gelangen kann wie bei anderen Hunden. An dem gestreckten Leibe fällt die Brust besonders auf. Sie ist breit, groß, ausgedehnt und gibt verhältnismäßig sehr großen Lungen Raum, welche auch bei dem durch eilige Bewegung außerordentlich gesteigerten Blutumlaufe zur Reinigung des Blutes hinreichenden Sauerstoff aufnehmen können. Die Weichen dagegen sind aufs äußerste angezogen, gleichsam um dem durch die Brust erschwerten Leibe wieder das nötige Gleichgewicht zu geben. Wir haben denselben Leibesbau bei den Langarmaffen und einen ähnlichen bei dem Gepard bemerken können und finden ihn bei vielen Tieren wieder, immer als untrügliches Zeichen der Befähigung zu schneller und anhaltender Bewegung. Ungemein fein gebaut find die Läufe des Windhundes: man sieht an ihnen jeden Muskel und namentlich auch die starken Sehnen, in welche diese Muskeln endigen. Aber auch an dem Bruft-kasten bemerkt man alle Zwischenrippenmuskeln, und manche Windhunde sehen aus, als ob ihre Muskeln von einem geschickten Zergliederer bereits bloßgelegt wären. Der Schwanz ist sehr dünn, ziemlich lang, reicht weit unter das Fersengelenk herab und wird entweder zurückhängend getragen oder nach rückwärts gestreckt und etwas nach aufwärts gebogen. Die in der Regel dicht anliegende, feine und glatte Behaarung verlängert sich bei einzelnen Rassen und nimmt dann meist auch eine abweichende Färbung an, während diese bei den meisten Rassen ein schönes Rötlichgelb ist. Gerade die vollendetsten Windhunde, nämlich die persischen und innerafrikanischen, tragen fast ausschließlich ein derartig gefärbtes Haarkleid. Gefleckte Windspiele sind seltener und regelmäßig schwächlicher als die einfarbigen.

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