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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Über die Windhunde des westlichen Teiles der Wüste mag uns General Daumas belehren: „In der Sahara wie in allen übrigen Ländern der Araber ist der Hund nicht mehr als ein vernachlässigter, beschwerlicher Diener, welchen man von sich stößt, wie groß auch die Nützlichkeit seines Amtes sei, gleichviel ob er die Wohnung bewachen oder das Vieh hüten muß; nur der Windhund allein genießt die Zuneigung, die Achtung, die Zärtlichkeit seines Herrn. Der Reiche sowohl wie der Arme betrachten ihn als den unzertrennlichen Genossen aller ritterlichen Vergnügungen, welche die Beduinen mit so großer Freude üben. Man hütet diesen Hund wie seinen eigenen Augapfel, gibt ihm sein besonderes Futter, läßt ihn sozusagen mit sich aus einer Schüssel speisen und sieht mit großer Sorgfalt auf die Reinhaltung der Rassen. Ein Mann der Sahara zieht gern etliche Tagereisen weit, um für eine edle Hündin einen passenden edlen Hund zu finden! Geschieht es, daß eine Windhündin sich mit einem anderen Hunde einläßt und trächtig wird, so töten die Araber ihr die Jungen im Leibe, sobald sie sich einigermaßen entwickelt haben. Und nicht allein ihre Kinder verliert solch eine ungeratene Hündin, sondern unter Umständen auch das eigene Leben. Ihr Besitzer läßt fie ohne Gnade umbringen: ‚Wie‘, ruft er aus, ‚du, eine Hündin von Erziehung, eine Hündin von edler Geburt, wirfst dich weg und läßt dich mit dem Pöbel ein? Es ist eine Gemeinheit ohnegleichen; stirb mit deinem Verbrechen!“ „Wenn eine Windhündin Junge geworfen hat, verlieren die Araber keinen Augenblick, um diese Jungen gehörig zu beobachten und sie zu liebkosen. Nicht selten kommen die Frauen herbei und lassen sie an ihren eigenen Brüsten trinken. Je größeren Ruf die Hündin hat, um so mehr Besuche empfängt sie während ihres Wochenbettes, und alle bringen ihr

Geschenke, die einen Milch, die anderen Mehlbrei. Kein Versprechen, keine Schmeichelei gibt es, welche nicht angewandt würde, um ein junges, edles Hündchen zu erlangen. Ich bin dein Freund, mein Bruder, thue mir den Gefallen und gib mir, um was ich dich bitte; ich will dich gern begleiten, wenn du zur Jagd hinausgehst; ich will dir dienen und dir alle Freundlichkeiten erzeigen.‘ Auf alle diese Bitten antwortet der Herr der Hündin, dem solche Bitten gespendet werden, gewöhnlich, daß er noch nicht Gelegenheit gehabt habe, für sich selbst den ihm anstehenden Hund des Gewölfes auszusuchen, und unter 7 Tagen gar nichts sagen könne. Solche Zurückhaltung hat ihren Grund in einer Beobachtung, welche die Araber gemacht haben wollen. In dem Gewölfe der Windhündin gibt es immer ein Hündchen, welches auf allen übrigen liegt, sei es zufällig oder infolge seiner eigenen Anstrengungen. Um sich nun vollends der Güte dieses Tieres zu versichern, nimmt man es von seinem Platze weg und beobachtet, ob es sich diesen in den ersten 7 Tagen wiederholt erobert. Geschieht dies, so hat der Besitzer die größten Hoffnungen, einen vorzüglichen Hund in ihm zu erhalten, und es würde vergeblich sein, ihm den besten Negersklaven als Tauschmittel zu bieten: er verkauft den Hund sicherlich nicht. Eine andere Ansicht läßt diejenigen Hunde als die besten erscheinen, welche zuerst, zu dritt und zu fünft geboren werden. Mit dem 40. Tage werden die jungen Windhunde entwöhnt; demungeachtet erhalten fie aber noch Ziegen- oder Kamelmilch, soviel fie mögen, und dazu Datteln und Mehlbrei. Nicht selten sieht man Ara: ber, welche für die jungen, der Mutter entwöhnten Hunde milchreiche Ziegen festhalten, damit die hochgeachteten Tiere an denselben saugen können. „Ist der Windhund 3 oder 4 Monate alt geworden, so beginnt man, sich mit seiner Erziehung zu beschäftigen. Die Knaben lassen vor ihm Spring- und Rennmäuse laufen und hetzen den jungen Fänger auf dieses Wild. Es dauert nicht lange, so zeigt das edle Tier bereits rege Lust an solcher Jagd, und nach wenigen Wochen ist es schon so weit gekommen, daß es auch auf andere, größere Nager verwendet werden kann. Im Alter von 5 und 6 Monaten beginnt man bereits mit der Jagd des Hasen, welche ungleich größere Schwierigkeit verursacht. Die Diener gehen zu Fuß, den jungen Windhund an der Hand führend, nach einem vorher ausgekundschafteten Hasenlager, stoßen den Schläfer auf, feuern den Hund durch einen leisen Zuruf zur Verfolgung an und fahren mit diesem Geschäfte fort, bis der Windhund Hasen zu fangen gelernt hat. Von diesen steigt man zu jungen Gazellen auf. Man nähert sich ihnen mit aller Vorsicht, wenn sie zur Seite ihrer Mütter ruhen, ruft die Aufmerksamkeit der Hunde wach, begeistert sie, bis sie ungeduldig werden, und läßt sie dann los. Nach einigen Übungen betreibt der Windhund auch ohne besondere Aufmunterung die Jagd leidenschaftlich. „Unter solchen Übungen ist das edle Tier 1 Jahr alt geworden und hat beinahe seine ganze Stärke erreicht. Demungeachtet wird der Slugui noch nicht zur Jagd verwandt, höchstens, nachdem er 15 oder 16 Monate alt geworden ist, gebraucht man ihn wie die übrigen. Aber von diesem Augenblicke an mutet man ihm auch fast das Unmögliche zu, und er führt das Unmögliche aus. Wenn jetzt dieser Hund ein Rudel von 30 oder 40 Antilopen erblickt, zittert er vor Aufregung und Vergnügen und schaut bittend seinen Herrn an. Dieser nimmt seinen Schlauch herab und befeuchtet ihm Rücken, Bauch und Geschlechtsteile, überzeugt, daß der Hund hierdurch mehr gestärkt werde als durch alles übrige. Endlich sieht sich der Windhund frei, jauchzt vor Vergnügen auf und wirft sich wie ein Pfeil auf seine Beute, immer das schönste und stattlichste Stück des Rudels sich auswählend. Sobald er eine Gazelle oder andere Antilope gefangen hat, erhält er augenblicklich sein Weidrecht, das Fleisch an den Rippen nämlich, — Eingeweide würde er mit Verachtung liegen lassen. „Der Windhund ist klug und besitzt sehr viel Eitelkeit. Wenn man ihm vor der Jagd eine schöne Antilope zeigt, er aber nicht im stande ist, diese zu bekommen, sondern dafür

eine andere niederreißt und dafür gescholten wird, zieht er sich schamvoll zurück, auf sein Wildrecht verzichtend. Die Erziehung, welche er genießt, macht ihn unglaublich eitel. Ein edler Windhund frißt niemals von einem schmutzigen Teller und trinkt nie Milch, in welche jemand seine Hand getaucht hat. Seine Erzieher haben ihn so verwöhnt, daß er die beste:| Abwartung verlangt. Während man anderen Hunden kaum Nahrung reicht, sondern sie |vielmehr zwingt, sich mit dem Aase und mit den Knochen zu nähren, welche die Windhunde verschmähen, während man sie wütend aus den Zelten stößt und vom Tische wegjagt, schläft der Windhund zur Seite seines Herrn auf Teppichen und nicht selten in einem Bette mit seinem Besitzer. Man kleidet ihn an, damit er nicht von der Kälte leide; man belegt ihn mit Decken wie ein edles Pferd; man gibt sich Mühe, ihn zu erheitern, wenn er mürrisch ist, alles dies, weil seine Unarten, wie man sagt, ein Zeichen seines Adels sind. Man findet Vergnügen darin, ihn zu schmücken; man legt ihm Halsbänder und Muscheln um und behängt ihn, um ihn vor dem bösen Blicke zu schützen, mit Talismanen; man besorgt seine Nahrung mit größter Sorgfalt und gibt ihm überhaupt nur das Essen, welches man selbst für Leckerbissen hält. Und nicht genug damit: der Windhund begleitet seinen Herrn, wenn dieser seine Besuche macht, empfängt wie dieser die Gastfreundschaft im vollsten Maße, erhält sogar seinen Teil von jedem Gerichte. „Der edle Windhund jagt nur mit seinem Herrn. Solche Anhänglichkeit und die Reinlichkeit des Tieres vergilt die Mühe, welche man sich mit ihm gibt. Wenn nach einer Abwesenheit von einigen Tagen der Herr zurückkommt, stürzt der Windhund jauchzend aus dem Zelte hervor und springt mit einem Satze in den Sattel, um den von ihm schmerzlich Vermißten zu liebkosen. Dann jagt der Araber zu ihm: ‚Mein lieber Freund, entschuldige mich, es war notwendig, daß ich dich verließ; aber ich gehe nun mit dir: denn ich brauche Fleisch, ich bin des Dattelessens müde, und du wirst wohl so gut sein, mir Fleisch zu verschaffen.“ Der Hund benimmt sich bei allen diesen Freundlichkeiten, als wisse er fie Wort für Wort in ihrem vollen Werte zu würdigen. Wenn ein Windhund stirbt, geht ein großer Schmerz durch das ganze Zelt. Die Frauen und Kinder weinen, als ob sie ein teueres Familienglied verloren hätten. Und oft genug haben sie auch viel verloren; denn der Hund war es, welcher die ganze Familie erhielt. Ein Slugui, welcher für den armen Beduinen jagt, wird niemals verkauft, und nur in höchst seltenen Fällen läßt man sich herbei, ihn einem der Verwandten oder einem Marabut, vor dem man große Ehrfurcht hat, zu schenken. Der Preis eines Slugui, welcher die größeren Gazellen fängt, steht dem eines Kameles gleich; für einen Windhund, welcher größere Antilopen niederreißt, bezahlt man gern so viel wie für ein schönes Pferd.“

Die Perser benutzen ihre Windhunde, welche den afrikanischen außerordentlich ähneln, ebenfalls hauptsächlich bei der Antilopenjagd, stellen ihnen aber in ihren Beizfalken vortreffliche Gehilfen. Alle vornehmen Perser sind leidenschaftliche Freunde dieser gemischten oder vereinigten Hetzjagden und wagen bei wahrhaft haarsträubenden Ritten ohne Bedenken ihr Leben. Sobald sie in ihrer Ebene eine Antilope erblicken, lassen sie den Beizfalken steigen, und dieser holt mit wenig Flügelschlägen das sich flüchtende Säugetier ein und zwingt es auf eigentümliche Weise zum Feststehen. Geschickt einem Stoße des spitzen Hornes ausweichend, schießt er schief von oben herab auf den Kopf der Antilope, schlägt dort seine gewaltigen Fänge ein, hält sich trotz alles Schüttelns fest und verwirrt das Tier durch Flügelschläge, bis es nicht mehr weiß, wohin es sich wenden soll, und jo lange im Kreise herumtaumelt, bis die Windhunde nachgekommen sind, um es für ihren Herrn fest zu machen. Außerdem benutzt man letztere zur Jagd des Ebers und des wilden Esels, welcher dem Jäger und seinem schnellen vierfüßigen Gehilfen viel zu schaffen machen soll. Seinem natürlichen Triebe folgend, eilt der aufgescheuchte Wildesel augenblicklich den felsigen Abhängen zu, in

welchen er den größten Teil feines Lebens verbringt und der Übung im Klettern wegen die größten Vorteile vor dem persischen Pferde hat. Nur solche gewandte Geschöpfe, wie die eingeborenen Windhunde es sind, können ihm in jene Gebiete folgen; aber auch sie müssen nicht selten ihre Beute aufgeben, obgleich man mehrere Hundemeuten in der Verfolgung des ebenso flüchtigen als mutigen Esels abwechseln läßt.

Das zierlichste Mitglied der ganzen Windhundgesellschaft ist der sogenannte italienische Hund (Canis familiaris grajus [leporarius] italicus), anderen Windhunden

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Italienischer Hund (Canis familiaris grajus italicus). ½ natürl. Größe.

gegenüber ein wahrer Zwerg, aber ein höchst wohlgebildeter Zwerg, bei welchem jeder Körperteil im genauesten Verhältnis steht. Sein ganzes Gewicht übersteigt selten 3 —3,5 kg, und die allerausgezeichnetsten wiegen sogar bloß 2 kg, trotz ihrer Höhe von 40 cm. In Gestalt und Färbung stimmt er vollständig mit dem eigentlichen Windhunde überein.

Man hat versucht, das niedliche Geschöpf zur Kaninchenjagd abzurichten, allein es eignet sich hierzu weit weniger als zu der Rolle eines Schoßhündchens oder Lieblings von Damen; denn der italienische Windhund läßt sich leichter und gründlicher verziehen als jeder andere Hund. Ein liebebedürftiges und erziehungslustiges Frauenherz findet in ihm einen unübertrefflichen Gegenstand, ein Wesen, welches in kurzer Zeit an Eigenwillen, Empfindlichkeit und Empfindsamkeit selbst das verweichlichtste Menschenkind übertrifft. Abgesehen von diesen Eigenschaften ist der schmucke, zart gebaute Hund ein wirklich reizendes Geschöpf, jeder Körperteil an ihm zierlich und fein gebildet, jede seiner Bewegungen leicht, gefällig und anmutig. Über einen auch mir liebgewordenen Hund dieser Art schrieb mir seine junge Gebieterin, Fräulein von Drygalski, das nachstehende. „So sehr auch „Agile“

Italieniſcher Hund (Canis familiaris grajus italicus). ½ natürl. Größe.

die Bequemlichkeit liebt, jo rücksichtslos setzt er diesselbe außer acht, sobald es gilt, seine Anhänglichkeit an den Herrn zu bethätigen. Der im Zimmer von allen verhätschelte Liebling, das verwöhnte, verweichlichte Schoßtier, scheut weder Regen noch Frost und Wind, wenn es sich darum handelt, mit seinem Gebieter auszugehen. Stundenlang hat er bei wahrem Hundewetter im Freien zugebracht, sich wie ein Wurm gekrümmt, niemals aber seinen Herrn verlassen. Selbst wenn dieser ihn auffordert, nach Hause zu gehen, vermag er es nicht über sich zu gewinnen, dem Befehle Folge zu leisten: er weicht dann höchstens ein Stück Weges zurück, kauert sich nieder, vor Kälte zitternd, blickt seinem Herrn wehmütig nach und schießt endlich, auch ohne die ihm sicher werdende Erlaubnis zum Mitgehen abzuwarten, wie ein Pfeil heran, heftet die klugen Augen fragend auf den Gebieter, unter drückt das quälende Gefühl der Kälte und jagt in weiten Sätzen hin und her, um den Frost von sich abzuschütteln. Nur wenn er überhaupt nicht mitgenommen wird, kommt feine verletzte Eitelkeit auch dem Herrn gegenüber zur Geltung. Er schmollt dann mit diesem, verkriecht sich bei dessen Rückkehr, beachtet ihn nicht und beansprucht Liebkosungen und freundliches Zureden, bevor er sich ihm wieder in gewohnter Weise nähert. Liebkosungen verlangt „Agile“ von jedem seiner Freunde und Bekannten; so beglückt er denselben aber sich hingibt, so genügt doch ein einziger Ruf seines Herrn, um ihn zu bewegen, den Freund, welcher ihn hätschelte, sofort zu verlassen und zu dem Gebieter zu eilen. Aber nicht allein treu, sondern auch klug und listig, kühn und mutig ist unser Windspiel. ‚Agile‘ kennt Zeit und Ortlichkeit, erwartet, am Fenster sitzend, rechtzeitig unsere Rückkehr, macht sich zu bestimmter Zeit zum Ausgange mit seinem Gebieter fertig und sucht durch List zu erreichen, was er durch Schmeicheleien nicht erlangen konnte. Verbotenerweise schläft er des Nachts in meinem Bette, läßt sich aber, sobald er die Hausfrau, deren Verbot er übertrat, sich nähern hört, unhörbar aus demselben zu Boden gleiten, kriecht in seinen Korb und thut, als ob nichts vorgefallen wäre. Er unterscheidet alte Bekannte sehr genau von Fremden, so gerner auch von diesen sich hätscheln läßt, kennt im Wirtshause, in welchem er sich als Stammgast fühlt, Wirt und Kellner und bestellt sich in nicht mißzuverstehender Weise bei ihnen Speise und Trank, bindet dreist mit großen und kleinen Hunden an und schlägt gar manchen von ihnen wacker in die Flucht. Seitdem wir ihn besitzen, glauben wir nicht mehr an die geistige Beschränktheit und sprichwörtliche Untreue der Windspiele überhaupt. Augenscheinlich muß er sich mehr auf sein Gesicht als auf seinen Geruch verlassen; dies beweist er dadurch, daß er im Menschengedränge sich krampfhaft an die Fersen seines Begleiters klammert, während er sonst, wenn ihm eine weitere Umschau nicht verwehrt wird, in Bogensätzen seinen Herrn umspringt. In jenem Falle mag er unklug erscheinen, in diesem wird niemand ihn dumm schelten, und was die Untreue anlangt, so haben wir bei unserem Windspiele nur das Gegenteil bemerkt“

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