Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Es würde übrigens in geeigneten Gegenden kein aussichtsloses Unternehmen sein, den Wert der Felle vom gemeinen Fuchse durch Kreuzung mit schöner bekleideten Verwandten wesentlich zu erhöhen. Hierüber schreibt O. von Loewis im Jahre 1888: „Ein in Livland unternommener Versuch lehrt, daß derartiges nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. Der weiland Akademiker von Hoffmann brachte vor etwa 40 Jahren aus Sibirien einen männlichen, gezähmten Silberfuchs mit und schenkte ihn seinem Schwager, dem Herrn R. von Anrep auf Lauenhof, mit der Bitte, Kreuzungsversuche anstellen zu wollen. Nachdem ein passender schattiger Platz mit einem Teiche versehen und mit tief eingerammten Palissaden umgeben worden war, wurde der sehr zahme Schwarzfuchs mit mehreren liv: ländischen Rotfüchsinnen hineingelassen. Die Füchse gruben sich bald weitgehende Röhren, befreundeten sich augenscheinlich und lebten ohne Streit beisammen. Der erhoffte Kindersegen blieb nicht aus, so daß binnen einigen Jahren in Lauenhof eine Kolonie prächtiger Bastarde lebte. Von der Kehle bis zum After waren dieselben unterseits mehr oder weniger
W. Kuhnert.
FUCHS
schwarz, an den Seiten rauchbraun, mit rein schwarzen, rötlichen, aber auch einzelnen Silberhaaren untermischt; der Rücken erschien rauchig graubraun. Das hellere Farbenkreuz auf der Schulter war rötlich, die Lunte tief schwarz, ebenso die Läufe. In einer Spätsommernacht gelang es leider dieser interessanten Gesellschaft, sich durchzugraben und in Freiheit zu bringen; nur der menschenliebende, vertraute schwarze Erzeuger kehrte aus dem Walde zurück. Als ich etwa 10 Jahre später in Dorpat studierte, fand ich bei einem Kürschner einen herrlichen, aus rauchschwarzen Fuchsbälgen zusammengesetzten Damenpelz, für den derselbe nicht weniger als 400 Rubel Silber verlangte und erhielt. Er hatte angeblich die Bälge dazu innerhalb einer Reihe von Jahren in der Lauenhofschen Gegend aufgekauft. Die Bastardfärbung der dortigen Kolonie war unverkennbar, um so mehr, als ich an dem im Universitätsmuseum ausgestopft befindlichen, direkt aus dem Fuchsgarten bezogenen Bastarde sofort Vergleiche anzustellen im stande war. Es lohnte sich vielleicht wirklich, weitere Versuche in dieser Richtung vorzunehmen, um unsere Fuchsbälge derart zu veredeln. Statt 3—4 Rubel trüge sodann ein dunkler Balg dem Jäger wohl 20—30 Rubel ein, und die Damenwelt hätte gewiß nichts dawider, wenn statt der roten schwarzbraune Pelze getragen würden.“
In der Weidmannssprache heißt das Männchen Fuchs oder Rüde, die Füchsin Fähe oder Betze; die Augen nennt man Seher, die Ohren Lauscher, die Beine Läufe, die Zehen Branten, den Schwanz Standarte, Lunte und Rute, die Schwanzspitze Blume, das Fell Balg, das Grannenhaar Haar, das Wollhaar Wolle; der Rüde hat die Brunftrute, die Fähe die Schnalle. Der Fuchs schleicht, wenn er geht, und schnürt, wenn er trabt, wird flüchtig, läuft vor den Hunden oder aufs Reizen, bellt, kriecht zu Baue, steckt im und fährt aus dem Baue, raubt, mauset, frißt den Raub, er schlägt den Hund, wenn er ihn beißt, nimmt die Schleppe, den Brocken, Vorwurf oder Abzugsbissen an; er ranzt oder rollt, d. h. begattet sich; die Füchsin rennt während der Ranzoder Rollzeit und wirft oder wölft ihre Jungen. Die Afterdrüse heißt Viole; ebenso nennen aber auch viele Jagdkundige einen Flecken auf dem Schwanze, der wenige Finger breit von der Wurzel entfernt liegt Sie nehmen an, daß an dieser oft durch mehr oder minder ruppige oder borstige Behaarung gekennzeichneten Stelle eine Drüse liege, deren Absonderung, im auffälligen Gegensatze zu dem sonst den Füchsen eigenen übeln Geruche, nach Veilchen dufte, und zwar namentlich während der Ranzzeit. Früher glaubte man auch, daß der verwundete Fuchs in diese Viole bisse und sich vermöge ihrer Absonderung heile. Die bewußte Stelle ist keineswegs bei allen Füchsen zu erkennen, weder durch das Gesicht an der Behaarung noch durch den Geruch am Veilchenduft.
Reineke bewohnt den größten Teil der nördlichen Hälfte unserer Halbkugel. Er geht durch ganz Europa, Nordafrika, West- und Nordasien; wir dürfen auch Afghanistan, den westlichen Himalaja und Tibet mit in sein Wohngebiet einbeziehen, denn die dort vorkommenden Formen (var. flavescens und var. montana) werden schwerlich von ihm zu trennen sein. Man vermißt ihn nirgends gänzlich und trifft ihn in manchen Gegenden häufig an. Seine Allseitigkeit läßt ihn allerorten passende Wohnplätze finden, wo andere Raubtiere, aus Mangel an solchen, sich nicht aufhalten können, und seine List, Schlauheit und Gewandtheit befähigen ihn, diese Wohnsitze mit einer Beharrlichkeit und Hartnäckigkeit zu behaupten, welche geradezu ohne Beispiel dasteht. Da der Wolf ihm feindlich gegenübertritt, ist er in den eigentlichen Wolfsgegenden verhältnismäßig selten, vermehrt sich daselbst aber gewöhnlich in demselben Grade, wie der Wolf ausgerottet wird.
Seine Wohnplätze werden immer mit äußerster Vorsicht gewählt. Es sind tiefe, gewöhnlich verzweigte Höhlen im Geklüfte, zwischen Wurzeln oder an anderen günstigen Stellen, welche am Ende in einen geräumigen Kessel münden. Wenn es nur irgend angeht, gräbt
er sich diese Baue nicht selbst, sondern bezieht alte, verlassene Dachsbaue oder teilt sie mit Grimbart, trotz dessen Abneigung, mit anderen Tieren Geselligkeit zu pflegen. Alle größeren Fuchsbaue sind ursprünglich vom Dachse angelegt worden. Falls der Fuchs es haben kann, gräbt er den Bau an Berggehängen, so daß die Röhren aufwärts führen, ohne zu flach unter den Boden zu kommen. In ganz ebenen Gegenden liegt der Kessel oft dicht unter der Oberfläche. Zur Herbst- und Winterszeit bezieht er, namentlich in ebenen Gegenden, gern zu: sammengefahrene Reisig- und Steinhaufen, und unter Umständen muß auch eine alte Kopf: weide, sogar eine bloße Vertiefung im dichten Gestrüpp als Wohnung und Wochenzimmer dienen. Bei Platzregen, Sturm, kalter Witterung und während der Paarungszeit, auch im Sommer während der größten Hitze, oder solange die Füchsin kleine Junge hat, findet man unseren Buschklepper regelmäßig in seinem Baue; bei günstiger Witterung aber durchwandert er sein Gebiet und ruht da aus, wo sich gerade ein passendes Plätzchen findet. In waldarmen Ebenen, beispielsweise in dem Fruchtlande Unterägyptens, graben sich die Füchse nur für ihr Gewölfe wirkliche Baue, während die alten unter dem milden Himmel des Landes jahraus jahrein im Freien leben.
Der Fuchs zieht, um zu rauben, die Nacht dem Tage vor, jagt jedoch auch recht gern angesichts der Sonne an stillen Orten. In den langen Tagen der Sommermonate zieht er an gedeckten Stellen seines Gebietes oft mehrere Stunden vor Sonnenuntergang mit seinen Jungen auf Raub aus, und bei anhaltender Kälte und tiefem Schnee scheint er nur in den Morgenstunden zu ruhen; denn schon von 10 Uhr vormittags an sieht man ihn in den Feldern umherstreichen. Wie der Hund hält er die Wärme sehr hoch. Bei schönem Wetter legt er sich auf einen alten Baumstamm oder Stein, um sich zu sonnen, und verträumt in behaglichster Gemütsruhe manches Stündchen. Da, wo er sich sicher fühlt, überläßt er sich auch an wenig oder nicht gedeckten Stellen ziemlich sorglos dem Schlafe, schnarcht laut wie ein Hund und schläft so tief, daß es bisweilen selbst dem durch einen klugen Hund aufmerksam gemachten Jäger gelingt, ihn in solcher Lage zu überraschen und zu beobachten. Mit Einbruch der Dämmerung oder schon in den Nachmittagsstunden beginnt er einen seiner Schleich- und Raubzüge. Nußerst vorsichtig strolcht er langsam dahin, äugt und windet von Zeit zu Zeit, sucht sich beständig zu decken und wählt deshalb immer die günstigsten Stellen zwischen Gestrüpp, Steinen, hohen Gräsern und dergleichen zu seinen Wegen, Pässen oder Wechseln. Solange es irgend angeht, hält er das Dickicht, und wenn er dieses verlassen muß, geschieht es sicher nur da, wo einzelne Büsche und ähnliche Deckungsmittel ihm nach einer anderen ebenso günstigen Stelle des Waldes gleichsam eine Brücke schlagen. Daher kennen erfahrene Jäger die Fuchspässe sehr genau und können mit ziemlicher Sicherheit im voraus bestimmen, welchen Wechsel Reineke unter den gerade obwaltenden Umständen annehmen wird. Seine Jagd gilt allem Getier von dem jungen Reh an bis zum Käfer herab, vorzüglich aber den Mäusen, welche wohl den Hauptteil seiner Mahlzeiten bilden. Er schont weder jung noch alt, verfolgt die Hasen und Kaninchen aufs eifrigste und beschleicht sogar ein Reh⸗ oder Hirschkälbchen. Er plündert nicht allein die Nester aller auf dem Boden brütenden Vögel, indem er Eier und Junge verzehrt, sondern versucht auch die flugbegabten, alten Vögel zu überlisten und kommt nicht selten zum Ziele. Er schwimmt und watet durch Sumpf und Moor, um den auf dem Wasser brütenden Vögeln beizukommen: es sind Fälle bekannt, daß er brütende Schwäne erwürgt hat. Außerdem überfällt er die Herden des zahmen Geflügels und stiehlt sich zur Nachtzeit bis in die Höfe einzeln stehender Bauerngüter: wenn er ein gutes Versteck besitzt, schleicht erdem Hausgeflügel selbst bei hellem Tage nach. Schlimm wirtschaftet die Füchsin, welche Junge hat. Diese vermag sie mit Mäusen nicht zu sättigen und füttert sie deshalb fast ausschließlich mit größerem Wilde. „Mein Jäger“, so schreibt
mir Eugen von Homeyer, „erlegte eine alte Füchsin auf dem Wege zu ihren Jungen, welche ein ganzes Bündel fast flügger Kiebitze den letzteren zutrug und in ihrem Magen nichts hatte als eine Maus. Sie lebt, wie ich anderweitig erfuhr, auch in dieser Zeit fast ausschließlich von Mäusen, während sie ihre Sprößlinge mit größerem Wilde versorgt. So fand ich in einem Baue zwei Hasen, ein frisches, aber bereits angeschnittenes Rehkalb, eine alte Wildente und ein Entenei. Mehr als 20 Hasengerippe lagen in der Nähe.“
So arg treibt es der männliche Fuchs wohl nie, geht sogar mit Vorliebe allerlei Kleinwild nach und liebt nur einige Abwechselung. In großen Gärten und Weinbergen ist er sicherlich ein viel häufigerer Gast, als man gewöhnlich glaubt. In beiden fängt er Heuschrecken, Maikäfer und deren Larven, Regenwürmer ꝛc. oder sucht süße Birnen, Pflaumen, Trauben und andere Beeren zusammen. An dem Bache lungert er umher, um eine schöne Forelle oder einen dummen Krebs zu überraschen; am Meeresstrande frißt er den Fischern die Netze aus; im Walde entleert er den Dohnenstieg der Jäger. Kerfe aller Art: Käfer, Wespen, Bienenlarven, Fliegen und dergleichen, zählen im Sommer wohl zu seinen regelmäßigen Gerichten. So kommt es, daß seine Tafel fast immer gut bestellt ist und er nur dann in Not gerät, wenn sehr tiefer Schnee ihm seine Jagd besonders erschwert. Dann ist ihm alles Genießbare recht, nicht allein Aas, welches er überhaupt und zu jeder Jahreszeit angeht und, wie viele Hunde, recht gern zu fressen scheint, sondern auch ein alter vertrockneter Knochen, selbst ein Stück halbverfaultes Leder; gern besucht er auch die Lager- und FFFFeuerplätze der Holzhauer, um dort Überreste der Mahlzeiten aufzulesen. Mit der gefangenen Beute spielt er, falls er halbwegs gesättigt ist, lange und grausam vor dem Erwürgen. N Es würde selbst den Raum unseres Buches überschreiten, wollte ich alle die Listen und Verstellungskünste hier wieder erzählen, welche man ihm bei Beobachtung seiner Jagdausflüge nach und nach abgesehen hat; von denen, welche er überhaupt zur Anwendung bringt, gar nicht zu reden. Nicht allein die Tierfabel, sondern auch die Tiergeschichte führen deren in Menge auf, und viele von ihnen haben bis zum heutigen Tage noch nicht allen Glauben verloren, so wenig wahrscheinlich sie auch sind. „Ist ein listiges boßhafftiges, fürwitziges, und stinckendes Thier“, jagt der alte Gesner, „er kehrt den Ygel fein sachte umb, und beseicht jhm den Kopf, wovon dann der Igel erstickt. Den Hasen betreugt er mit Schertz, umb mit jhm ze spielen: Die Vögel damit, indem er sich besudlet, und als ob er todt wäre, auf den Wasen streckt, dadurch er dann die Vögel zu sich, als zu einem Aaß lockt, und sie hernach erfasset, gleich als wie man die Vögel in einer Kluppen fahet, dann er ist ein gemeiner Feind alles Gevögels: Die kleinen Fischlein fängt er mit seinem Schwantz, den er in das Wasser hängt, und so sich die Fischlein darein verbergen, zeucht er sie herauß, schüttelt den Schwantz, und lebt wol umb eine kleine Oerte oder Zeche. Hierzu kompt jhm der Schwantz gar wol, welchen er anstatt der Reusen und Garnen braucht: Derjenigen List zu geschweigen, deren er sich bey den Bienen und Wäspen gebrauchet, damit er das Honig und Waben ja unverletzt fresse ꝛc.“ Solche und ähnliche Geschichten werden noch heutigestags erzählt und von nicht wenigen als bare Münze genommen. Ein Körnlein Wahrheit ist auch in ihnen zu finden: die Thatsache, daß der Fuchs auch Tiere, welche ihm leicht zu entrinnen vermögen, ebensogut zu erlisten weiß als langsames und täppisches Wild. „Daß unser Raubritter“, schreibt E.von Homeyer ferner, „alte Vögel greift, ist unzweifelhaft; es erscheint mir jedoch auch wahrscheinlich, daß die alten Schilderungen der Art und Weise, wie er es anstellt, solche zu überlisten, teilweise richtig sind. Wenn der Fuchs, um sich zu sonnen, auf einer Waldblöße liegt, versammeln sich Krähen in immer wachsender Anzahl unter stetem Lärm und rücken dem Fuchse, welcher regungslos daliegt, allmählich näher, bis ein sicherer Sprung des Totgeglaubten einen der Schreier zum Opfer fordert. Mein Vater hörte einmal im Mai, ehe es noch junge Krähen gab, von fern anhaltendes Schreien der Krähen