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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

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Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 12

eines Waldes und vermutete, daß dasselbe einem Raubvogel gelte. Schon in die Nähe gekommen, vernahm er einen furchtbaren Lärm, welcher sich auf ihn zu bewegte, und bald sprang ein Fuchs mit einer Krähe im Maule vorüber, gefolgt von einem großen Schwarme schreiender Genossen des Opfers. Es ist daher sehr wahrscheinlich, daß das plötzliche Auf-schreien aller Krähen den Augenblick bezeichnete, an welchem der Fuchs eine davon ergriff.“

Bei seinen Jagdzügen gilt ihm die eigene Sicherheit als erstes Gesetz. Alles ihm nicht Bekannte erregt seinen Verdacht, und wenn er erst mißtrauisch geworden ist, kann ihn nur quälender Hunger zu unvorsichtigem Thun verleiten. Dann aber zeigt er auch eine wirklich unverschämte Frechheit. Er erscheint bei hellem Tage in dem Hofe, holt sich angesichts der Bewohner ein Huhn, eine Gans und macht sich mit seiner Beute davon. Nur im äußersten Notfalle läßt er so schwer Errungenes im Stiche, und häufig kehrt er dann zurück, um zu sehen, ob er es nicht noch wegbringen könne. Dieselbe Dreistigkeit zeigt er zuweilen unter Umständen, welche schleunigste Flucht zur Notwendigkeit machen. So packte ein Fuchs, welcher in einem Treiben von Hunden gejagt wurde und schon zweimal Schrote hatte pfeifen hören, in vollster Flucht einen kranken Hasen und trug ihn eine Strecke weit fort. Ein anderer hob sich bei einem Kesseltreiben aus dem von den Jägern umstellten Felde, raubte einen verwundeten Hasen, erwürgte ihn vor den Augen der Jagdgesellschaft, verscharrte ihn rasch noch im Schnee und entfloh dann mitten durch die Linie der Treiber und Schützen. Ein dritter erschien, wie Krückeberg mitteilt, während eines Treibens vor der Dickung an einer Stelle, auf welcher ein stark angeschossener, bald darauf verendeter Fuchs stark geschweißt hatte, nahm, der blutigen Spur folgend, sofort die Fährte desselben auf, würgte seinen Kameraden trotz des Lärmens der Treiber und des lauten Jagens eines Dächsels in der Dickung und wiederholte seine Angriffe so oft, daß einer der Schützen herbeischleichen und ihn mit wohlgezieltem Schusse auf dem Leichname niederstrecken konnte. „Auf dem Anstande“, erzählt E. von Homeyer, „hörte ich einmal einen kurz vorher gesehenen Hasen klagen, eilte leisen Schrittes hinzu und bemerkte einen Fuchs, welcher den armen Schelm würgte. Seine Mordlust war so groß, daß ich ihn erlegen konnte, bevor er mich wahrgenommen hatte.“ In allen diesen Fällen machte, so darf man glauben, die einmal erwachte, nicht mehr zu bändigende Raublust und vielleicht wütender Hunger die Füchse taub und blind gegen alle Gefahren; klug und vorsichtig handelten sie jedenfalls nicht. Forstrat Liebig erzählt, daß ein Fuchs in Mähren auf den Hof eines Bauern kam, um Hühner zu würgen, mit dem Stocke verjagt wurde, wiederkehrte, nochmals vertrieben wurde und zum dritten Male einrückte, dabei aber sein Leben lassen mußte.

Solche Züge aus dem Leben des Tieres können dem Unbeteiligten nur Vergnügen gewähren, seltener freilich den Beteiligten, denn es ist erwiesen, daß unser Raubritter auch mehr umbringt, als er wirklich auffressen kann, und, wenn er es vermag, ein entsetzliches Blutbad unter dem Geflügel anrichtet; dafür ist er eben ein Raubtier, welches von mein und dein nach menschlichen Begriffen keine Vorstellung hat und den „Kampf ums Dasein“ ebensogut bestehen muß wie der Mensch oder jedes andere Geschöpf. Ob es gedachter Kampf erfordert, auch Füchse zu fressen, will ich freilich nicht behaupten; jedenfalls kommt es vor, daß er einem schwer Verwundeten seiner eigenen Art den Garaus macht, und die Entschuldigung, welche sich auf den quälenden Hunger stützt, ist keineswegs immer zutreffend. Ein Bekannter Winckells traf einen Fuchs darüber an, einen anderen, welcher sich über Nacht im Schwanenhalse gefangen hatte, zu verzehren, und zwar that er das mit so vieler Lüsternheit, daß der Jäger im Freien herangehen und sich durch Erlegung des Räubers für den zerrissenen Balg des Gefangenen bezahlt machen konnte. Förster Müller sah mit an, wie sechs junge Füchse miteinander spielten, dann zankten und dabei den einen blutig bissen. Der Verwundete suchte zu entkommen, wurde aber augenblicklich von der ganzen Schar

mörderisch angefallen, umgebracht und aufgefressen. Ahnlich erging es einem jungen Fuchse, welcher angeschossen worden war, sich aber noch bis zu seinem Baue fortschleppte: als man letzteren kurze Zeit darauf öffnete, hatten ihn seine Brüder bereits verzehrt. Wildmeister Euler schoß eine säugende Füchsin und legte sie neben dem Baue in ein Loch, fand aber am anderen Morgen nur noch den Balg und die Knochen: das übrige hatten die jungen Füchschen verzehrt. Gefangene Füchsinnen haben sogar ihre halberwachsenen Kinder aufgefressen.

Der Lauf des Fuchses ist schnell, ausdauernd, behende und im höchsten Grade gewandt. Er versteht zu schleichen, unhörbar auf dem Boden dahinzugleiten, aber auch zu laufen, zu rennen und außerordentlich weite Sätze auszuführen. Selbst gute Jagdhunde sind selten im stande, ihn einzuholen. Bei rascherem Laufe trägt er die Lunte gerade nach rückwärts gestreckt, während er sie beim Gehen fast auf dem Boden schleppt. Wenn er lauert, liegt er fest auf dem Bauche, wenn er ruht, legt er sich nicht selten, wie der Hund, zusammengerollt auf die Seite oder auch selbst auf den Rücken; sehr häufig sitzt er auch ganz nach Hundeart auf den Keulen und schlägt dabei die buschige Standarte zierlich um seine Vorderläufe. Vor dem Wasser scheut er sich nicht im geringsten, schwimmt vielmehr leicht und rasch; auch im Klettern zeigt er sich nicht ungeschickt, da man ihn zuweilen auf günstig gestalteten Bäumen recht hoch über dem Boden antrifft. „Mir sind viele Beispiele bekannt“, schaltet E. von Homeyer hier ein, „daß der Fuchs ebensowohl aus freiem Antriebe wie verfolgt auf Bäume steigt. In der Regel wählt er hierzu solche, welche vom Winde umgebogen wurden und unter einem Winkel von 45— 50 Grad einen Stützpunkt gefunden haben. Aber er steigt auch in der Dickung 3—4 m hoch auf die Bäumchen, um junge Vögel aus dem Neste zu nehmen.“ Und von Unrug berichtet von einem Fuchse, der im Geäste einer starken Eiche 15 m hoch gestiegen war.

Die Stimme des Fuchses ist ein kurzes Gekläff, welches mit einem stärkeren und höheren Kreischen endet. Erwachsene Füchse „bellen“ bloß vor stürmischem Wetter, bei Gewittern, bei großer Kälte und zur Zeit der Paarung; die Jungen dagegen schreien und kläffen, sobald sie hungerig sind oder sich langweilen. Im Zorne oder bei Gefahr läßt der Fuchs ein wütendes Keckern hören; einen Schmerzenslaut vernimmt man von ihm nur dann, wenn er von einer Kugel getroffen oder ihm durch einen Schrotschuß ein Knochen zertrümmert worden ist: bei jeder anderen Verwundung schweigt er hartnäckig still. Im Winter, namentlich bei Schnee und Frost, schreit er laut und klagend; am meisten aber hört man ihn zur Zeit der Paarung und kann dann von ihm auch Laute vernehmen, die teils an den Ruf des Kolkraben, teils an das Geschrei der Pfauen erinnern.

Reineke zählt nicht zu den geselligen Tieren und unterscheidet sich auch dadurch von den Wölfen. Zwar trifft man nicht selten mehrere Füchse in einem Dickicht und selbst in einem und demselben Baue an; sie aber vereinigte, in den meisten Fällen wohl gewohnheitsmäßig, die Ortlichkeit, nicht der Wunsch, mit anderen ihresgleichen gemeinsam zu leben und zu wirken. Unter Umständen, namentlich in Zeiten der Not, geschieht es wohl, daß Füchse gesellschaftlich jagen; ob jedoch hierbei gemeinschaftlich gehandelt wird, dürfte fraglich sein. In der Regel geht jeder Fuchs seinen eigenen Weg und bekümmert sich um andere seiner Art nur insoweit, als es sein Vorteil angemessen erscheinen läßt. Selbst die verliebten Füchse halten nur so lange zusammen, als ihre Liebe währt, und trennen sich sofort nach der Ranzzeit wieder. Freundschaft gegen andere Tiere kennt der Fuchs ebensowenig wie Geselligkeit. Man hat allerdings wiederholt beobachtet, daß er sogar mit seinem Todfeinde, dem Hunde, freundlich verkehrte: dies aber geschah jedenfalls nur in seltenen Ausnahmefällen. Auch das Verhältnis zu Vetter Grimbart darf nicht als ein freundschaftliches aufgefaßt werden, da es Reineken keineswegs um den Dachs, sondern nur um dessen Wohnung zu thun ist. Besondere Kniffe und Listen, um Grimbart zu vertreiben, wendet er nicht an; 12*

denn die uralte Erzählung: „Dann wann der Dachs herauß gefahren ist, so schleifft sich der Fuchs hinein, und verunreiniget dem Dachsen den Eingang mit seinem Koth, welcher, wann er wiederkommet, vor grossem Abscheuen, jo er vor solchem Gestanck hat, alsdann fein eyge-nes Loch und Nest gar verläst, welches hingegen dem Fuchs zu bewohnen gar bequemlich ist“, ist ins Reich der Fabel zu verweilen. Er zieht ohne weiteres ein, wählt sich die vom Dachse nicht in Besitz genommenen Teile des Baues zu seinen Wohnräumen und haust dann, falls es Grimbart nicht vorzieht, auszuwandern, gemeinschaftlich mit ihm in einem und demselben Baue. Von einem freundschaftlichen Zusammenleben der jo verschiedenen Gesellen bemerkt man nichts, eher das Gegenteil. Ein Fuchs, berichtet Oberförster Hoffmann, flüchtete beim Treiben in einen Dachsbau und sollte nun gegraben werden. Der Bau wurde, weil die Nacht hereinbrach, verfeuert und das Graben am anderen Tage fortgesetzt. Nachdem man mehrere Einschläge gemacht hatte, fand man endlich nicht den Fuchs, sondern nur dessen Kopf, eine Menge zerzauster Wolle und frischen, mit Sand vermischten Schweiß. Die Bewohner des Baues hatten aus Arger wegen der gestörten Winterruhe auf etwas bar-barische Weise von ihrem Hausrechte Gebrauch gemacht und Reineke, welcher keinen Ausweg fand, verzehrt.

Die Ranzzeit fällt in die Mitte des Februars und dauert einige Wochen. Um diese Zeit gesellen sich gewöhnlich mehrere Rüden zu einer Fähe, folgen ihr auf Schritt und Tritt und machen ihr nach Hundeart den Hof. Ihre Ausdünstung ist dann ganz besonders stark. Jetzt vernimmt man ihr Gekläff öfter als je; auch werden unter den verschiedenen Mitbewerbern lebhafte Händel ausgekämpft. Zwei Füchse beißen sich oft mit größter Wut einer Füchsin wegen. In Agypten, wo sie bei weitem nicht so vorsichtig sind wie bei uns, treiben sie die Paarung offen im Felde und vergessen in der Liebesaufregung sich nicht selten so weit, daß sie den Menschen nahe herankommen lassen. Ich selbst habe einmal den Fuchs eines sich gerade begattenden Paares mit der Kugel erlegt und dasselbe von einem meiner dortigen Jagdgefährten gesehen. Auch bei uns zu Lande geschieht die Paarung zuweilen im freien Felde, „auf offener Wüstung“, wie Adolf Müller, welcher fie mit angesehen hat, sich aus: drückt, in der Regel aber wohl im Inneren des Baues. Wenigstens versichert von Bischofshausen, dies durch eigene Beobachtung in Erfahrung gebracht zu haben. Es findet, wie man von außen recht gut vernehmen kann, ein fortwährendes Hin- und Herjagen im Baue statt, wobei gepoltert, geknurrt und gekeckert wird, als ob ein Dachshund den Fuchs im Baue umherhetze. Beide Baue, welche Bischofshausen aufgraben ließ, und in denen Fuchs und Füchsin gefunden wurden, waren Nebenbaue mit zwei hufeisenförmig verlaufenden Röhren. Wenn sich die Fähe trächtig fühlt, sondert sie sich wieder ab und haust in schützenden Dickichten, welche in der Nähe der von ihr zur Wochenstube ersehenen Baue liegen. Während der Trächtigkeitsdauer besucht und erweitert sie, laut Beckmann, verschiedene Baue ihres Wohngebietes und bezieht zuletzt in aller Stille denjenigen, dessen Umgebung in der letzten Zeit am seltensten von Menschen und Hunden betreten wurde. Ob dieser Bau versteckt oder frei liegt, kommt wenig in Betracht.

In Ermangelung eines ihr passenden Baues gräbt sie eine Notröhre oder erwählt sich einen hohlen Baum, einen Stein- oder Reisighaufen oder endlich ein in dichtem Gebüsche wohlverstecktes Lager, welches besonders sorgfältig hergerichtet und mit Haaren ausgekleidet wird, zum Wochenbette. „Mir sind“, so teilt Oberjägermeister von Meyerinck mir mit, „zwei Fälle bekannt geworden, daß eine Füchsin in hohlen Eichen gewölft hatte. In der Oberförsterei Harte bei Nauendorf hat ein Förster sieben junge Füchse mit der alten Fähe aus einer solchen Eiche herausgeholt. Die Eiche war von oben eingefault und das Loch nur etwas über 1 m eingetieft. Ich selbst sah an einem Maimorgen, vom Birschgange zurückkehrend, auf einer mit einzelnen Kopfeichen bestandenen Hütung etwa 300 Schritt von

mir einen weißen Gegenstand langsam und ruhig fortziehen, lief schnell darauf zu und erkannte einen Fuchs, welcher eine zahme Gans schleppte und sich eben anschickte, mit derselben eine etwa 5 m hohe Eiche zu erklimmen, wobei er einen Maserauswuchs in ungefähr 1,5 m Höhe zum Aufsprunge benutzte. Mittlerweile war ich bis auf 70 Schritt herangekommen und wollte schießen, als der Fuchs die Gans fallen ließ, mit einigen gewandten Sätzen von Auswuchs zu Auswuchs die Eiche erstieg und auf derselben verschwand. Nachdem ich die Eiche ringsum mit Papierschnitzeln und Schießpulver verwittert hatte, begab ich mich, die am Halse verletzte Gans mit mir nehmend, nach Hause, um Hilfe zu holen. Zwei Stunden später war ich in Begleitung einiger Jäger mit Axten und Leitern wieder zur Stelle, ließ tüchtig klopfen und erlegte den endlich erscheinenden Fuchs oder richtiger eine Füchsin, deren Gesäuge auf Junge deutete. Nunmehr wurde die Eiche erstiegen und das eingefaulte, über 155 m in die Tiefe herabreichende Loch mit einem Stocke untersucht. Sofort meldeten sich die jungen Füchschen; es wurde darauf an passender Stelle ein Loch eingehauen und das ganze Gehecke von vier Stück etwa 1 Monat alten Füchschen herausgezogen.“ Ausnahmsweise kommt es, wie Waldbereiter Schwab mitteilt, vor, daß zwei Füchsinnen im nämlichen Baue wölfen. Einer feiner Untergebenen grub einen Bau aus und zog 14 Füchschen und 1 Fähe hervor. Beide Gehecke wurden in verschiedenen Abteilungen des Baues gefunden und unterschieden sich wesentlich durch die Größe; denn 6 von ihnen waren noch sehr klein, 8 dagegen bereits ziemlich erwachsen. Anscheinend hatten sich die beiden starken Familien ganz gut vertragen. Adolf Müller hat neuerdings ganz dasselbe beobachtet.

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