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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Ich habe diese Tiere vielfach in Agypten beobachtet und will in möglichster Kürze mitteilen, was mir von ihrem Leben besonders merkwürdig erschien. Alle ägyptischen Städte stehen zum Teil auf den Trümmern der alten Ortschaften, also gewissermaßen auf Schutthaufen. Wahre Berge von Schutt umgeben auch die meisten und die größeren, wie Alexandria

oder Kairo, in sehr bedeutender Ausdehnung. Diese Berge nun sind es, welche den verwilderten Hunden hauptsächlich zum Aufenthalte dienen. Die Tiere selbst gehören einer einzigen Rasse an. Sie kommen in der Größe mit einem Schäferhunde überein, sind von plumper Gestalt und haben einen widerwärtigen Gesichtsausdruck; ihre lange und ziemlich buschige Rute wird in den meisten Fällen hängend getragen. Die Färbung ihres rauhen, struppigen Pelzes ist ein schmutziges, rötliches Braun, welches mehr oder weniger in das Graue oder in das Gelbe ziehen kann. Andersfarbige, namentlich schwarze und lichtgelbe, kommen vor, sind aber immer ziemlich selten. Sie leben in vollkommenster Selbständigkeit an den genannten Orten, bringen dort den größten Teil des Tages schlafend zu und streifen bei Nacht umher. Jeder besitzt seine Löcher, und zwar sind diese mit eigentümlicher Vorsorge angelegt. Jedenfalls hat jeder einzelne Hund zwei Löcher, von denen eins nach Morgen, das andere nach Abend liegt; streichen die Berge aber so, daß sie dem Nordwinde auf beiden Seiten ausgesetzt sind, so graben sich die Tiere auch noch auf der Südseite ein besonderes Loch, welches sie jedoch bloß dann beziehen, wenn ihnen der kalte Wind in ihrem Morgenoder Abendloche lästig wird. Morgens bis gegen 10 Uhr findet man sie regelmäßig in dem nach Osten hin gelegenen Loche; sie erwarten dort nach der Kühle des Morgens die ersten Strahlen der Sonne, um sich wieder zu erwärmen. Nach und nach aber werden diese Strahlen ihnen zu heiß, und deshalb suchen sie jetzt Schatten auf. Einer nach dem anderen erhebt fich, klettert über den Berg weg und schleicht sich nach dem auf der Westseite gelegenen Loche, in welchem er seinen Schlaf fortsetzt. Fallen nun die Sonnenstrahlen nachmittags auch in diese Höhlung, so geht der Hund wieder zurück nach dem ersten Loche, und dort bleibt er bis zum Sonnenuntergange liegen.

Um diese Zeit wird es in den Bergen lebendig. Es bilden sich größere und kleinere Gruppen, ja selbst Meuten. Man hört Gebell, Geheul, Gezänk, je nachdem dieTiere ge: stimmt sind. Ein größeres Aas versammelt sie immer in zahlreicher Menge, ein toter Ejel oder ein verendetes Maultier wird von der hungrigen Meute in einer einzigen Nacht bis auf die größten Knochen verzehrt. Sind sie sehr hungrig, so kommen sie auch bei Tage zum Aase, namentlich wenn dort ihre unangenehmsten Gegner, die Geier, sich einfinden sollten, durch welche sie Beeinträchtigung im Gewerbe fürchten. Sie sind im höchsten Grade brotneidisch und bestehen deshalb mit allen unberufenen Gästen heftige Kämpfe. Die Geier aber lassen sich so leicht nicht vertreiben und leisten ihnen unter allen Aasfressern den entschiedensten und mutigsten Widerstand; deshalb haben sie von ihnen das meiste zu leiden. Aas bleibt unter allen Umständen der Hauptteil ihrer Nahrung; doch sieht man sie auch katzenartig vor den Löchern der Rennmäuse lauern und schakal- oder fuchsartig diesen oder jenen Vogel beschleichen. Wenn ihre Aastafel einmal nicht gedeckt ist, machen sie weite Wanderungen, kommen dann in das Innere der Städte herein und streifen in den Straßen umher. Dort sind sie, weil sie allen Unrat wegfressen, geduldete, wenn auch nicht gern gesehene Gäste, und gegenwärtig kommt es wohl nur sehr selten vor, daß einzelne gläubige Mohammedaner sie, wie vormals geschehen sein soll, in ihren Vermächtnissen bedenken und für ihre Erhaltung gewissermaßen Sorge tragen.

Die Paarungszeit fällt in dieselben Monate wie bei den übrigen Hunden, einmal in das Frühjahr, das andere Mal in den Herbst. Die Hündin wölft in eines ihrer Löcher, gräbt es aber etwas tiefer aus und bildet daraus einen förmlichen Bau, in welchem man das ganze Gewölfe nach einiger Zeit lustig mit der Alten spielen sieht. Nicht selten kommt es vor, daß eine solche Hündin, wenn die Wölfzeit kommt, sich in das Innere der Städte begibt und dort mitten in der Straße oder wenigstens in einem nur einigermaßen geschützten Winkel sich eine Grube gräbt, in welcher sie dann ihre Nachkommenschaft zur Welt bringt. Es scheint fast, als ob fie wisse, daß fie auf die Mildthätigkeit und Barmherzigkeit der

mohammedanischen Bevölkerung zählen dürfe, und wirklich rührend ist es zu sehen, wie die gastfreien Leute einer solchen Hundewöchnerin sich annehmen. Ich habe mehr als einmal beobachtet, daß vornehme Türken oder Araber, welche durch solche Straßen ritten, in denen Hündinnen mit ihren Jungen lagen, sorgfältig mit ihrem Pferde auf die Seite lenkten, damit dieses ja nicht die junge Brut beschädige. Wohl selten geht ein Agypter vorüber, ohne der Hundemutter einen Bissen Brot, gekochte Bohnen, einen alten Knochen und dergleichen zuzuwerfen. Die Mohammedaner halten es für eine Sünde, ein Tier unnötigerweise zu töten oder zu beleidigen; aber die Barmherzigkeit geht zuweilen auch zu weit. Man findet nämlich oft räudige und kranke Hunde im größten Elende auf der Straße liegen, ohne daß eine mitleidige Hand sich fände, ihrem traurigen Dasein ein Ende zu machen.

Fängt man sich junge Hunde und hält sie lange Zeit in der Gefangenschaft, so werden sie vollständig zu Haushunden und sind dann als wachsame und treue Tiere sehr geschätzt. Bei weitem der größte Teil der jungen Straßenhunde aber findet keinen Herrn und begibt sich, nachdem er halberwachsen ist, mit der Alten ins Freie und lebt dort genau in derselben Weise wie seine Vorfahren.

Innerhalb ihrer eigentlichen Wohnkreise sind die verwilderten Hunde ziemlich scheu und vorsichtig, und namentlich vor dem fremdartig Gekleideten weichen sie jederzeit aus, sobald dieser sich ihnen nähert. Beleidigt man einen, so erhebt sich ein wahrer Aufruhr. Aus jedem Loche schaut ein Kopf heraus, und nach wenigen Minuten sind die Gipfel der Hügel mit Hunden bedeckt, welche ununterbrochen lärmen. Ich habe mehrmals auf solche Hunde förmlich Jagd gemacht, teils um sie zu beobachten, teils um ihr Fleisch zu verwenden, d. h. um es entweder als Köder für die Geier auszuwerfen, oder um es meinen gefangenen Geiern und Hyänen zu verfüttern. Bei diesen Jagden habe ich mich von dem Zusammenleben und Zusammenhalten der Tiere hinreichend überzeugen können und dabei auch unter anderem die Beobachtung gemacht, daß sie mich schon nach kurzer Zeit vollständig kennen und fürchten gelernt hatten. In Chartum z. B. war es mir zuletzt unmöglich, solche herrenlose Hunde mit der Büchse zu erlegen, weil sie mich nicht mehr auf 400 Schritt an sich herankommen ließen. Sie sind überhaupt dem Fremden sehr abhold und kläffen ihn an, sobald er sich zeigt; aber sie ziehen sich augenblicklich zurück, wenn man sich gegen sie kehrt. Gleichwohl kommt nicht selten eine starke Anzahl auf einen los, und dann ist es jedenfalls gut, dem naseweisesten Gesellen eine Kugel vor den Kopf zu schießen. Mit den Mohammedanern oder morgenländisch gekleideten Leuten leben sie in guter Freundschaft; diese fürchten sie nicht im geringsten und kommen oft so nahe an sie heran, als ob sie gezähmt wären; mit den Haushunden dagegen liegen sie beständig im Streite, und wenn ein einzelner Hund aus der Stadt in ihr Gebiet kommt, wird er gewöhnlich tüchtig zerbissen. Auch die Hunde eines Berges verkehren nicht friedlich mit denen eines anderen, sondern geraten augenblicklich mit allen in Streit, welche nicht unter ihnen groß geworden und sich sozusagen mit ihnen zusammengebissen haben. |

Manchmal vermehren sich die verwilderten Hunde in das Unglaubliche und werden zur wirklichen Landplage. Mohammed Ali ließ einmal, um dieser Pest zu steuern, ein Schiff förmlich mit Hunden befrachten und diese dann auf hoher See über Bord werfen, um sie sicher zu ertränken. Zum größten Glücke sind sie der Wasserscheu nur äußerst selten ausgesetzt, ja man kennt wirklich kaum Beispiele, daß jemand von einem tollen Hunde gebissen worden wäre. Die verwilderten Hunde gelten den Mohammedanern, wie alle Tiere, welche Aas fressen, für unrein; wird ein solches Tier aber gezähmt, so ändert sich die Sache: dann gilt bloß seine beständig feuchte Nase noch für unrein.

In Konstantinopel soll das Verhältnis des Menschen zu den Hunden ein ganz ähnliches sein. „Unzertrennlich von den Gassen der Hauptstadt“, sagt Hackländer, „ist der

Gedanke an ihre beständigen Bewohner, die herrenlosen Hunde, welche man in zahlloser Menge auf ihnen erblickt. Gewöhnlich macht man sich von Dingen, von denen man oft liest, eine große Vorstellung und findet sich getäuscht. Nicht so bei diesen Hunden. Obgleich alle Reisenden darüber einig sind, sie als eine Plage der Menschen darzustellen, so sind doch die meisten bei der Beschreibung dieses Unwesens zu gelinde verfahren. Diese Tiere sind von einer ganz eigenen Rasse. Sie kommen in der äußeren Gestalt wohl am meisten unseren Schäferhunden nahe, doch haben fie keine gekrümmte Rute und kurze Haare von schmutziggelber Farbe. Wenn sie faul und träge umherschleichen oder in der Sonne liegen, muß man gestehen, daß kein Tier frecher, ich möchte sagen, pöbelhafter aussieht. Alle Gassen, alle Plätze sind mit ihnen bedeckt; sie stehen entweder an den Häusern gereiht und warten auf einen Bissen, welcher ihnen zufällig zugeworfen wird, oder sie liegen mitten in der Straße, und der Türke, welcher sich äußerst in acht nimmt, einem lebenden Geschöpfe etwas zuleide zu thun, geht ihnen aus dem Wege. Auch habe ich nie gesehen, daß ein Muselman eines dieser Tiere getreten oder geschlagen hätte. Vielmehr wirft der Handwerker ihnen aus seinem Laden die Überreste seiner Mahlzeit zu. Nur die türkischen Kaikschi und die Matrosen der Marine haben nicht diese Zartheit, weshalb mancher Hund im Goldenen Horn sein Leben endet. „Jede Gasse hat ihre eigenen Hunde, welche sie nicht verlassen, wie in unseren großen Städten die Bettler ihre gewissen Standorte haben, und wehe dem Hunde, der es wagt, ein fremdes Gebiet zu besuchen. Oft habe ich gesehen, wie über einen solchen Unglücklichen alle anderen herfielen und ihn, wußte er sich nicht durch schleunige Flucht zu retten, förmlich zerrissen. Ich möchte sie mit den Straßenjungen in gesitteten Ländern vergleichen. Wir brauchten nur in einer Ecke des Bazars etwas Eßbares zu kaufen, so folgten uns alle Hunde, an denen wir vorbeikamen, und verließen uns erst wieder, wenn wir in eine andere Gasse traten, wo uns eine neue ähnliche Begleitung zu teil wurde. Sultan Mahmud ließ vor mehreren Jahren einige tausend dieser Hunde auf einen bei den Prinzeninseln liegenden kahlen Felsen bringen, wo sie einander auffraßen. Diese Verminderung hat aber nichts genützt, denn die Fruchtbarkeit dieser Geschöpfe ist großartig; fast bei jedem Schritte findet man auf der Straße runde Löcher in den Kot gemacht, worin eine kleine Hundefamilie liegt, welche hungernd den Zeitpunkt erwartet, wo sie selbständig wird, um gleich ihren Vorfahren die Gassen Stambuls unangenehm und unsicher zu machen.“

Treu, ein in Konstantinopel ansässiger Kaufmann, teilt mir weiteres über diese Hunde mit. „In Straßen, welche von Europäern bewohnt werden, können unsere Hunde unbehelligt gehen; in abgelegeneren Stadtteilen dagegen fallen die Straßenhunde nicht allein über jene, sondern unter Umständen auch über deren Herren her, falls diese nicht ruhig gehen oder die Hunde reizen. Der eingebürgerte Fremde läßt die von Neulingen mehr als billig verachteten Geschöpfe in Frieden, weil er erkennen gelernt hat, daß sie in einer Stadt ohne jegliche Gesundheitspflege, in welcher man allerlei Abfall auf die Straßen, Tierleichen auf beliebige Plätze wirft, geradezu unentbehrlich find. Auch erhält jeder, welcher die Pariahunde ebenso menschlich behandelt, wie die Türken es zu thun pflegen, Beweise inniger Dankbarkeit und treuer Anhänglichkeit seitens dieser armen, verkommenen Geschöpfe, so daß er von manchem Vorurteile zurückkommen muß. Sie ihrerseits bemühen sich förmlich, in ein gutes Verhältnis zu dem Menschen zu treten, und find beglückt, wenn man ihnen entgegenkommt. Scharfe Beobachtungsgabe wird ihnen niemand absprechen können; fie unterscheiden sehr genau zwischen milden und hartherzigen Leuten, zwischen solchen, welche ihnen wohl-, und denen, welche ihnen übelwollen. Die Magd eines meiner Bekannten, welche den Straßenhunden öfters einige Knochen und sonstige Küchenabfälle zuwarf, wurde bei eingetretener Kälte wiederholt durch Anschlagen des Thürklopfers gefoppt, bis sie endlich durch

den gegenüberwohnenden Nachbar erfuhr, daß einer der von ihr so oft bedachten vierbeinigen Bettler den Klopfer in Bewegung setze, offenbar in der Absicht, sie an ihn zu erinnern. Sie hatte den Hund beim Offnen der Thüre wohl gesehen, sein freundliches Schwanzwedeln nur nicht beachtet. In das Warenlager eines meiner Freunde kam während der Zeit, in welcher die Behörde einen Teil der Straßenhunde durch vergiftete Speisereste wegzuräumen pflegt, eine trächtige Hündin, welche zu wenig Gift genossen hatte, um zu sterben, aber, von entsetzlichen Schmerzen gepeinigt, sich krümmte und heulte. Mein Freund versprach seinen Bediensteten eine Belohnung, wenn sie der Hündin Milch und Ol einflößen würden. Es gelang dreien von ihnen, die Hündin fo fest zu halten, daß man ihr die Flüssigkeiten eingeben konnte; sie erbrach sich und war am anderen Tage außer Gefahr. Nach einiger Zeit warf sie sechs Junge in einem Nebenraume der Niederlage, wies jedem, welcher sich ihr näherte, ingrimmig die Zähne, nur jenen drei Dienern nicht, gehorchte Befehlen derselben, hütete und bewachte die Niederlage bei Tage und Nacht und verließ die Straße und das Haus nie wieder. In der Derwischstraße in Pera wohnte einige Wochen lang ein Geschäftsreisender, welcher beim Kommen und Gehen einem Straßenhunde Almosen zu spenden pflegte. Bei seiner Abreise folgte der Hund, ungeachtet aller Zurückweisungen, bis zum Einschiffungsplatze, sah, wie sein menschlicher Freunddie Barke und das Dampfschiff bestieg, schien zu erkennen, daß er ihn für immer verlieren werde, stürzte sich ins Meer und schwamm dem Schiffe zu. Der Kapitän sandte ihm eine Barke entgegen und ließ ihn an Bord bringen. Augenblicklich eilte er auf seinen Wohlthäter zu und gab seiner Freude stürmisch Ausdruck. Der Reisende würdigte diese Gesinnung und nahm das treue Tier mit sich.“ Solche Beispiele genügen, um zu beweisen, daß auch der verkommenste Hund dem Menschen, von dessen Wohlwollen er sich überzeugt hat, zum anhänglichen, treuen Diener wird.

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