Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Von den Hunden der Njam-Njam jagt Schweinfurth an anderer Stelle: „Diese ge hören einer kleinen, dem Spitze nahestehenden, aber kurz- und glatthaarigen Rasse an, mit großen, stets aufgerichteten Ohren und kurzem, dürrem, nach Art eines Ferkelchens stets auf-gerolltem Schwanze. Die Farbe ist immer ein helles Ledergelb, auf dem Nacken ist eine weiße Binde befindlich. Die sehr spitze Schnauze ist plötzlich vom gewölbten Kopfe abgesetzt. Die Beine, ziemlich hoch und gerade, beweisen, daß diese Rasse nichts mit dem Dachshunde auf altägyptischen Tempelbildern zu thun hat, dessen afrikanische Herkunft bisher noch nicht nachgewiesen werden konnte. Auch ihnen fehlt, wie bei allen Hunderassen des Nilgebietes, die Afterklaue an den Hinterfüßen. Den Hunden hängt man aus Holz geschnittene Glocken um den Hals, angeblich zu dem Zwecke, damit sie sich nicht im Grase der Steppe verlaufen. Die Tiere sind, wie ihre Herren, außerordentlich zur Fettbildung geneigt, was von letzteren auch ganz besonders beabsichtigt wird, da Hundefleisch einen ihrer vorzüglichsten Leckerbissen
ausmacht. In wenigen Tagen sollte ich vielleicht für immer vom Niam-Njamlande Abschied nehmen, daher sah ich mich nach einem Hunde von der merkwürdigen Rasse dieses Landes um, den ich als eine Neuigkeit ersten Ranges für die Rassenzüchter mit mir nach Europa nehmen wollte. Um den Preis von zwei Kupferringen erstand ich eine Hündin, die mir besonders begabt erschien, und die sich in der That sehr schnell an meine Person anschloß. Leider konnte ich mein Vorhaben, die europäischen Rassen mit einem so neuen und fremdartigen Schlage zu bereichern, nicht ausführen. In Alexandria, bis wohin ich das Hündchen glücklich gebracht hatte, stürzte es sich aus dem zweiten Stockwerke eines Gasthofes auf die Straße, wo es auf der Stelle tot blieb.“
In Westafrika begegnen wir teilweise anders gearteten Hunden, die wohl kaum noch von reiner Rasse, sondern mit europäischen aller Art vielfach gekreuzt sind. Die von Loango und im westlichen Kongogebiete schildert Pechuel-Loesche folgendermaßen: „Die Hunde, Mbua, Simbua der Eingeborenen, sind größtenteils herrenlos und gehören bloß zu den Dorfschaften, daher werden nur sehr wenige mit Namen gerufen. Es sind echte Pariahunde, verkümmert und mager, auf Selbsterhaltung angewiesen, feig, diebisch, mißtrauisch und schnappisch; Hündinnen sind liebenswürdiger. Niemand thut ihnen zwar etwas zuleide, aber niemand nimmt Anteil an ihrem Ergehen; man verspeist sie auch nicht. Sie nähren sich von Abfällen, fressen wie alle Hunde den Kot der Menschen, nagen das fettreiche Fleisch von den Früchten der Olpalme, fangen sich wohl auch kleinere Tiere, jagen aber nicht vereint auf größere. Sie bellen nicht, lernen es aber bisweilen im Umgange mit Kulturhunden. Man findet sie bei weitem nicht in allen Dörfern, in einigen aber in ziemlicher Anzahl. Sie leiden nicht an Tollwut. Eine bestimmte Rasse läßt sich nicht aufstellen, denn sie ändern je nach der Gegend vielfach ab. Dem Streifenwolfe sind sie nicht im geringsten ähnlich und dürfen wohl als ein Ergebnis vielfacher zufälliger Kreuzung eingeführter Hunde und örtlich beschränkter Inzucht angesehen werden; denn schon vor Jahrhunderten kauften die Küstenleute von den Sklavenhändlern um sehr hohen Preis Hunde, die zu bellen verstanden. Gegenwärtig ist diese Liebhaberei abgekommen. Die Köter sind von mittlerer Größe, fein und schlank gebaut, tragen die lange, leicht gekrümmte Rute gewöhnlich hängend, die großen, zugespitzten Ohren aufrecht, besitzen einen keineswegs abstoßenden Gesichtsausdruck und halten sich sauber, sind jedoch voller Ungeziefer. Bei einiger Pflege und reichlicher Nahrung entwickelten sich mehrere binnen wenigen Wochen zu recht hübschen eigenartigen Tieren, deren Charakter sich ebenfalls zum Guten veränderte; sie fanden Aufnahme im zoologischen Garten zu Berlin. Das Fell ist kurzhaarig und glatt, vorherrschend gelbbraun und mattweiß gefleckt, seltener gleichmäßig braun, auch isabellfarbig, dann aber meist ohne Abzeichen. In einigen Dörfern von Großwürdenträgern finden sich auch silbergraue und schwarz getigerte, entschieden edlere Hunde mit klugen und ausdrucksvolleren Köpfen, die in Jagdmeuten vereinigt und so hoch geschätzt werden, daß wir keinen davon ankaufen konnten. Man läßt ihnen zwar keine Abrichtung, wohl aber einige Pflege angedeihen; dafür zeigen sie Anhänglichkeit an den sie führenden Jäger und folgen seinem Rufe. „Eine 14 Köpfe starke Meute besaß unser Freund und Nachbar, der Muboma von Yenga, und diese habe ich auch im Felde beobachtet. Die Mehrzahl der Tiere trug um den Hals die eigenartigen, aus Holz geschnitzten Klappern oder Glocken, welche bestimmt sind, durch ihren allerdings nicht lauten Lärm das Wild aufzuscheuchen und zugleich in den undurchdringlichen Dickungen die Bewegungen der still spürenden und umherkriechenden Hunde anzuzeigen. Letztere geben ein kurz absetzendes Winseln von sich, wenn sie auf eine warme Fährte kommen, und stimmen ein jauchzendes Geläute an, solange sie das Wild erblicken; fie ‚reden‘, wie die einheimischen Jäger sagen. Beim Ansuchen fährt die Meute unruhig durcheinander, windet sowohl hoch wie tief und nimmt stets die Hinfährte; ich sah die
Hündinnen führen. So ziehen sie geschlossen wie eine englische Fuchsmeute erstaunlich schnell durch offene Kampinen und brechen in die Dickungen; das Wasser nehmen sie ungern. Die bunte Schar der übrigen Köter läuft aufs Geratewohl mit, obwohl sich auch unter diesen sehr brauchbare finden. Es ist ihre Gewohnheit, nach jedem Triebe sich abseits von den Jägern zusammenzurotten, niederzusitzen und mit hochgereckten Köpfen mehrere Minuten ein tiefes, klagendes Geheul anzustimmen, das außerordentlich lange gleichmäßig ausgehalten wird. Den noch in den Dickungen steckenden Schützen und Hunden ist es ein gutes Mittel zum Zurechtfinden. In der Nähe ist es fast unerträglich, von ferne wirkt es dagegen in der Wildnis ungemein stimmungsvoll, wild und wehmütig zugleich und durch die Mischung von Höhe und Tiefe weit gesangreicher als das der Wölfe. Als Lindner auf einer Büffeljagd meuchlerisch angeschossen worden war, setzten sich, während ich ihn untersuchte und verband, einige dreißig Hunde um uns in das Buschwerk und erhoben ein unter diesen Umständen wahrhaft grausig berührendes Geheul; fie waren auch in keiner Weise zu beschwichtigen, bis wir nach etwa einer Stunde den Verwundeten fortschaffen konnten. In den Dörfern hört man sie dagegen nicht; doch geschah es mehrmals, daß drei und vier Köter, die in unserem Gehöfte umherschnüffelten und vertrieben wurden, sich vor der Umzäunung niederließen und uns anheulten. Vereinzelte bleiben stets stumm. Das von Wald und Hügel widerhallende helle Jauchzen eines zahlreichen Packes vor gestelltem Wilde klingt für den Jäger um so herzerfreuender; solche unbeschreibliche und aufregende Laute habe ich noch von keiner anderen Jagdmeute vernommen. „Weiter im Inneren finden sich am Kongo Hunde, welche die oben angegebenen Rassenmerkmale weithin gleichmäßiger ausgeprägt zeigen, hier und dort auch sorgfältiger behandelt und von den Herren sogar auf Arm und Hüfte herumgetragen werden. An den südlichen Teilen der Küste hingegen und nordwärts in Humba, Gabun, Kamerun, am Niger und überall in Oberguinea bemerkt man vielfach ein Gemisch von Kötern, in welchem alle Zeichen einer fortdauernden Kreuzung mit eingeführten Hunden wahrzunehmen sind, bis zum schlaffen Behange oder doch halben Klappohren, bis zum wenn nicht lang-, so doch rauhhaarigen Felle und ziemlich buschigen Schwanze. „Für die oft behauptete Thatsache, daß eingeführte Hunde in den Tropen ihren Geruchsfinn einbüßten, habe ich keine Belege gefunden. Unsere drei Jahre an der Küste weilenden Schäferhunde bewiesen sogar das Gegenteil, und die Jungen von ihnen besaßen ebenfalls feine Nasen. Ich meine, jene Ansicht sei aus ungenauer Beobachtung hervorgegangen: der Europäer widmet seinen Hunden in den Tropen weniger Sorgfalt, er kann sie nicht weidgerecht führen; sie verlottern infolgedessen unglaublich, verändern ihr ganzes Wesen unter dem Einflusse des Klimas und ungenügender Nahrung, werden faul und gleichgültig oder mürrisch und reizbar, schließen sich innig denEingeborenen an oder stellen sich sehr feindlich zu ihnen. Weit schwerer als dem Jäger fällt es ihnen, sich den veränderten Bedingungen anzupassen, in ganz ungewohnter Umgebung und neuartigem Wilde gegenüber sich entsprechend zu bewähren. Es ist demnach wohl ihre allgemeine Unbrauchbarkeit zu beklagen, nicht aber das Schwinden des Geruchssinnes. Am Hitzschlage mögen wohl manche zu Grunde gehen, doch habe ich nicht einen einzigen derartigen Fall beobachtet.“
Unser Allerweltstier auf Neuguinea schildert Finsch: „Die Abstammung des Papuahundes bleibt auf einer Insel, wo kein einziges Raubtier vorkommt, ein Rätsel, dessen Lösung innigst mit der Herkunft des hier lebenden Menschen zusammenhängt. Der Papuahund gehört jener eigentümlichen Rasse an, wie sie sich allenthalben in Neuguinea findet, und die sich am meisten mit einem kleinen Dingo vergleichen läßt. Er ist glatthaarig, von kleiner, unansehnlicher Gestalt, hat einen fuchsähnlichen Kopf, aber mit stumpfer Schnauze und aufrecht stehenden, spitzgerundeten Ohren. Der Schwanz ist stark nach links gedreht, wird
aber beim Anblicke eines Fremden aus Furchtsamkeit meist hängend getragen. Die Färbung wechselt außerordentlich, und schon hieraus spricht die lange Domestikation am deutlichsten. Im allgemeinen herrscht eine rostfahle Färbung vor, mit weißer Schnauze, Stirnmitte, Kehle, Bauch und Schwanzspitze; aber es gibt auch dunkelbraune Stücke, solche mit weißem Kopfe und schwarzgefleckte, kurzum, nicht zwei sind einander völlig gleich. Eine besondere Eigentümlichkeit des Papuahundes ist, daß er nicht bellt, sondern nur heult. Im übrigen ist er von scheuem, feigem Wesen, sehr diebisch und schon wegen seiner geringen Größe nicht zur Jagd geeignet, wie er kein guter Wächter ist. Gewöhnlich pflegen sich bei Annäherung von Fremden die Hunde des Dorfes lautlos wegzuschleichen. ‚Wie der Hund, fo der Herr‘ gilt auch für Neuguinea insofern, als beide keine Jäger, wohl aber Vegetarianer sind. Wie sein Herr, nährt sich der Papuahund vorzugsweise von Pflanzenstoffen, frißt z. B. mit Vorliebe Kokosnuß, und sein bei den Papuas so sehr beliebtes Fleisch mag infolgedessen wohl nicht übel schmecken. Man hält den Hund eben des Essens wegen.“
Die Beschreibung des Wesens und Lebens unserer Haushunde mag die unübertreffliche Kennzeichnung des Tieres eröffnen, welche der Altvater der Tierkunde, Linné, in seiner eigentümlich kurzen und schlagenden Weise gegeben hat. Ich bin bemüht gewesen, dieselbe so treu wie möglich im Deutschen wiederzugeben, obgleich dies keine leichte Sache ist. Manche Stellen lassen sich gar nicht übersetzen; das übrige lautet etwa also: „Frißt Fleisch, Aas, mehlige Pflanzenstoffe, kein Kraut, verdaut Knochen, erbricht sich nach Gras; lost auf einen Stein: Griechisch Weiß, äußerst beizend. Trinkt leckend; wässert seitlich, in guter Gesellschaft oft hundertmal, beriecht des nächsten After; Nase feucht, wittert vorzüglich; läuft der Quere, geht auf den Zehen; schwitzt sehr wenig, in der Hitze läßt er die Zunge hängen; vor dem Schlafengehen umkreist er die Lagerstätte; hört im Schlafe ziemlich scharf, träumt. Die Hündin ist grausam gegen eifersüchtige Freier; in der Laufzeit treibt sie es mit vielen; sie beißt diese; in der Begattung innig verbunden; trägt 9 Wochen, wölft 4—8, die Männchen dem Vater, die Weibchen der Mutter ähnlich. Treu über alles; Hausgenosse des Menschen; wedelt beim Nahen des Herrn, läßt ihn nicht schlagen; geht jener, läuft er voraus, am Kreuzwege sieht er sich um; gelehrig, erforscht er Verlorenes, macht nachts die Runde, meldet Nahende, wacht bei Gütern, wehrt das Vieh von den Feldern ab, hält Renntiere zusammen, bewacht Rinder und Schafe vor wilden Tieren, hält Löwen im Schach, treibt das Wild auf, stellt Enten, schleicht im Sprunge an das Netz, bringt das vom Jäger Erlegte, ohne zu naschen, zieht in Frankreich den Bratspieß, in Sibirien den Wagen. Bettelt bei Tische; hat er gestohlen, kneift er ängstlich den Schwanz ein; frißt gierig. Zu Hause Herr unter den Seinigen; Feind der Bettler, greift ungereizt Unbekannte an. Mit Lecken heilt er Wunden, Gicht und Krebs. Heult zur Musik, beißt in einen vorgeworfenen Stein; bei nahem Gewitter unwohl und übelriechend. Hat seine Not mit dem Bandwurm; Verbreitung der Tollwut. Wird zuletzt blind und benagt sich selbst. Der amerikanische vergißt das Bellen. Die Mohammedaner verabscheuen ihn; Opfer der Zergliederer für Blutumlauf ꝛc.“
Wir haben diese Beschreibung bloß weiter auszuführen. Alle Haushunde kommen in der Lebensweise und in ihrem Betragen so ziemlich überein, solange nicht die Beeinflussung, welche sie von den Sitten und Gewohnheiten des Menschen notwendig mit erdulden müssen, ihnen eine andere Lebensart vorschreibt.
Die Hunde sind ebensowohl Tag- wie Nachttiere und für beide Zeiten gleich günstig ausgerüstet, auch ebensowohl bei Tage wie bei Nacht munter und lebendig. Sie jagen, wenn sie es dürfen, bei hellem Tage wie bei Nacht und vereinigen sich dazu gern in größeren
Gesellschaften. Geselligkeit ist überhaupt ein Grundzug ihres Wesens und hat auf ihre Sitten den entschiedensten Einfluß. Sie fressen alles, was der Mensch ißt, tierische Nahrung ebensowohl wie pflanzliche, und beide im rohen Zustande nicht minder gern als zubereitet. Vor allem aber lieben sie Fleisch, und zwar etwas fauliges mehr noch als das frische. Wenn sie es haben können, verzehren sie Aas mit wahrer Leidenschaft, und selbst die wohlerzogensten und bestgehaltenen Hunde verschlingen gierig die Auswurfsstoffe des menschlichen Leibes. Einzelne Arten ziehen Fleisch aller übrigen Nahrung vor, andere achten es weniger hoch. Von gekochten Speisen sind ihnen mehlige, besonders süße, die willkommensten, und auch wenn sie Früchte fressen, ziehen sie zuckerhaltige den säuerlichen vor. Knochen, gute Fleischbrühe, Brot, Gemüse und Milch sind die geeignetsten Nahrungsstoffe eines Hundes, Fett und zu viel Salz dagegen ihm schädlich. Auch mit Brot allein kann man ihn füttern und gesund erhalten, wenn man ihm nur immer seine Nahrung zu bestimmten Zeiten reicht. Keine Speise darf ihm heiß gegeben werden; sie muß immer lau sein und ihm nur aus Geschirren gereicht werden, welche man beständig rein hält. Wenn ein alter Hund sich täglich einmal recht satt fressen kann, hat er vollkommen genug Nahrung erhalten; besser jedoch ist es, wenn man ihn zweimal füttert: gibt man ihm abends so viel, daß er genügend gesättigt ist, so hütet er eifriger und sicherer den ihm anvertrauten Posten als ein hungriger, welcher leicht bestochen werden kann. Wasser trinken die Hunde viel und oft, und zwar schöpfen sie es mit der Zunge, indem sie diese löffelförmig krümmen und die Spitze etwas nach vorn biegen; Wasser ist auch zur Erhaltung ihrer Gesundheit unbedingt notwendig.