Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Am Asowschen Meere lebt der Hund, nach Schlatters Bericht, unter ähnlichen Verhältnissen wie in Agypten und der Türkei. Er genießt bei den nogaischen Tataren geringere Wertschätzung als die Katze, welche das Recht hat, im Hause zu wohnen, an allem herumzunaschen, aus einer Schüssel mit den Kindern und Erwachsenen zu essen und wohl auch auf einer Matratze mit dem Menschen zu schlafen. Sie wird zu den reinen Tieren gezählt, und der Tatar läßt es ihr, als dem Lieblinge des großen Propheten Mohammed, an nichts fehlen. Der Hund hingegen darf sich im Hause nicht blicken lassen. Da kein junger Hund umgebracht wird, beleben sie die Dörfer in übergroßer Anzahl Sie erhalten zwar zuzeiten, wenn ein Stück Vieh geschlachtet wird, oder wenn es Aas gibt, satt zu fressen, müssen dann aber oft wieder lange hungern. Sehr häufig sieht man sie Menschenkot verzehren; sie werden sogar herbeigerufen, um den Boden davon zu säubern. Nicht nur den Fremden, sondern selbst den Tataren sind diese grimmigen Tiere eine harte Plage. In fremder Tracht ist es kaum möglich, ohne Begleitung von Tataren durchzukommen, selbst zu Pferde hat man noch Mühe. Schlägt man mit dem Stocke drein, so kommen auf das jammernde Geheul des getroffenen Hundes alle Hunde des Dorfes zusammen, und die Sache wird ernster denn zuvor. Dasselbe ist der Fall, wenn man schnellen Gang einschlägt, oder wenn man sich durch Laufen zu retten sucht. Es sind mir mehrere Beispiele bekannt, daß Personen niedergeworfen und sehr schwer verwundet wurden. Am meisten fürchten diese Hunde den Knall des Schießgewehres, sie sind daran nicht gewöhnt und werden wie betäubt davon. Hat man nichts Derartiges bei sich, und will nichts mehr helfen, so ist das beste, wenn man sich noch zur Zeit ruhig niedersetzt. Dies hilft gewöhnlich. Es macht die Hunde stutzen; sich verwundernd stellen sie sich in einen Kreis herum, ohne anzupacken, und gehen am Ende auseinander. Zur Bewachung der Herden werden sie nicht benutzt, fallen diese sogar gelegentlich in der Steppe an.
Von den Hunden des südlichen Rußland erzählt Kohl. „Im Winter“, sagt er, „ziehen sich die Hunde scharenweise nach den Städten, stören im weggeworfenen Unrate und zerren
an verrecktem Vieh herum. In einigen Städten, wie Odessa, gehen Wächter umher, die ein beständiges Blutbad unter den herrenlosen Hunden anrichten. Allein es hilft wenig, da man die Hundequellen in den Dörfern und Städten nicht verstopfen kann. Die Hunde sind eine wahre Landplage, sie sind allen zur Last und fressen selbst den Gärtnern Obst und Trauben weg.“ In etwas besseren Verhältnissen leben die Hunde Brasiliens, welche uns von Hensel in ansprechender Weise geschildert worden sind. „Sie gehören“, sagt er, „im allgemeinen keiner bestimmten Rasse an. Vielfach gekreuzt und ausgeartet, haben sie ihre Triebe und Sinne nach keiner bestimmten Richtung besonders entwickelt, sondern nähern sich mehr dem Urzustande des Hundes, in welchem der Kampf ums Dasein alle Sinne zur Geltung bringt. Und in der That führen diese Hunde einen solchen Kampf; denn der Brasilier, welcher zu träge ist, für sich selbst die hinreichende Nahrung zu besorgen, hat sich den Grundsatz gebildet, man müsse die Hunde nie füttern, um nicht auf ihren Jagdeifer einen hemmenden Einfluß auszuüben. Schon von Jugend auf sind sie daher an Entbehrungen, aber auch zugleich an Stehlen und Rauben gewöhnt. Meilenweit durchstreifen sie das Feld, von dem Verwesungsgeruche gefallener Tiere gelockt, und machen Aasgeiern und Füchsen die Beute streitig. Daher ist auch die Anhänglichkeit an den Herrn gering und von Treue und Gehorsam wenig zu erkennen. Haben sie ihren Herrn verloren, so suchen sie sich gern einen anderen, und mit etwas Futter mag sie jedweder an sich fesseln. Doch gibt es auch Landstreicher, welche nur so lange einem bestimmten Herrn sich anschließen, als es ihnen behagt, sonst aber den Dienst leicht wechseln. Von eigentlichen verwilderten Hunden habe ich nie etwas gehört. „Gestalt und Farbe dieser Hunde ist sehr wechselnd, und ein bestimmter Rassencharakter läßt sich nicht entdecken. Wir würden sie mit dem Namen Dorfköter bezeichnen, wenn nicht ihre Größe im allgemeinen dafür zu bedeutend wäre. Offenbar sind sie die durch Hunger und Mangel an Pflege ausgearteten Nachkommen großer Hunde, welche man einst zum Schutze der Herden und Niederlassungen aus Europa eingeführt hatte. Und diese Aufgabe erfüllen sie auch noch heute. Man kann bei keiner Estancia vorüberreiten, ohne von einem Rudel junger, bissiger Wächter angefallen zu werden, deren manche selbst das Pferd nicht scheuen und sogar den Reiter auf demselben zu fassen suchen. Ihre Hauptaufgabe besteht jedoch darin, das Vieh zusammenzutreiben, was alle Wochen einmal geschieht. Die Leute des Landbesitzers reiten am Morgen mit einer Schar Hunde auf das Weideland hinaus. Ihr eigentümlicher, lang gezogener Ruf schallt weit über das Grasfeld, und alles Vieh, welches denselben hört, stürzt, von Jugend an daran gewöhnt, nach dem Sammelplatze. Aber in den abgelegenen Teilen der Weide, in kleinen Waldstücken, welche über das ganze Land zerstreut sind, steckt noch manches Stück, welches aus Scheu oder Trägheit dem Rufe des schwarzen Hirten nicht folgte. Hier nun treten die Hunde in Thätigkeit, und indem fie alle Schlupfwinkel durchjagen, treibt ihr wütendes Bellen selbst die verborgensten Tiere hervor. „Gelegentlich üben sie auch die Jagd aus, doch nur auf eigene Faust. Jede lebende warmblütige Kreatur, welche in ihren Bereich kommt, wird vernichtet. Ihre Nase ist selten sehr fein, auch halten sie nicht aus auf der Fährte. Neben ganz unbrauchbaren Hunden aber finden sich solche von hervorragenden Eigenschaften, welche dann einen besonderen Wert erhalten. In den Wäldern, wo der Mensch von selbst zur Jagd gedrängt wird und ihr oft den Lebensunterhalt verdankt, hat man nur Hunde mit feinem Geruche und leichtem Körperbaue besonders ausgesucht und gezüchtet und dadurch oft vorzügliche Ergebnisse erreicht. Manche Hunde verbellen gern das Wild auf den Bäumen, andere jagen lieber die Bisamschweine und den Tapir. Der Hauptvorzug eines solchen Hundes ist der, daß er auf der Jagd nicht in der Nähe des Herrn bleibt, sondern selbständig den Wald durchsucht, und
wenn er sein Wild gestellt hat, sei es über, auf oder unter der Erde, mit Bellen anhält, bis der Jäger kommt, und sollten Stunden darüber vergehen. Die Hunde handeln im Ein verständnis mit dem Jäger, und oft liegt die ganze Meute ermattet unter dem Baume, auf dem die Pardelkatze eine Zuflucht gefunden hat. Lang hängt die Zunge aus dem trockenen Halse, die Stimme ist heiser, und nur einzelne lassen sie noch hören, und sehnsüchtig blicken alle nach der Seite, von welcher sie ihren Herrn erwarten. Da tönt ein ferner jauchzender Schrei kaum vernehmbar von den Bergen herüber. Er ist ihnen nicht entgangen, und von neuem stürzen sie mit wütendem Bellen gegen den umlagerten Baum. Das Jauchzen wiederholt und nähert sich, und jedesmal antwortet einstimmig die ganze Meute, um dem Rufenden den Weg zu zeigen. Endlich hört man das Knacken der Zweige, und der langersehnte Herr erscheint. Die Wut der Hunde erreicht den höchsten Grad, und bald stürzen sie sich auf den Feind, welcher, obgleich schwer verwundet, sein Leben noch teuer verkauft. „Für den Reisenden sind Hunde unentbehrlich. Wenn die Sonne sich zum Untergange neigt, wird an geeigneter Stelle, d. h. wo sich Holz und Wasser findet, das Nachtlager aufgeschlagen. Die Hunde liegen im Kreise umher, womöglich bei einem Strauche oder dichten Grasbusche, um sich gegen die Kühle der Nacht oder gegen die Anfälle der Mücken zu schützen, und der Reisende, wenn er seine Reit- und Lasttiere versorgt, d. h. frei auf den Kamp getrieben hat, kann sich sorglos dem Schlafe überlassen. Die treuen Wächter halten jede Gefahr fern, welche durch Menschen oder reißende Tiere drohen könnte. Nur gegen Giftschlangen vermag ihre Wachsamkeit nichts, ebensowenig gegen die Diebe, welche des Nachts Pferde und Maultiere des Reisenden wegtreiben. Wo es also bloß auf das Wachen ankommt, wählt man am besten die gewöhnlichen Kamphunde, womöglich die Dickköpfe, welche der Jäger verachtet. Der reisende Tierkundige dagegen bedarf der Hunde als seiner besten Lieferanten und zieht deshalb die Jagdhunde vor. Doch müssen sie während des Marsches in waldigen Gegenden stets zu zweien gekoppelt sein, da sie sonst durch jede frische Fährte zur Jagd verleitet werden, so daß ihrem Herrn oft nichts übrigbleibt, als die Reise zu unterbrechen, um die Rückkunft der Hunde zu erwarten oder diese aufzugeben. Auf solche Weise geht mancher wertvolle Hund verloren, denn er kann der Fährte des berittenen Herrn später nicht folgen. Daher sind Rehhunde zur Reisebegleitung die schlechtesten. Bei ihrem ungezähmten Jagdeifer muß man sie auch gekoppelt stets im Auge behalten, was zu vielen Unbequemlichkeiten für den Reisenden führt. Der innige Verkehr des Reisenden und Jägers mit seinen Hunden, die beständige Aufmerksamkeit, welche beide Teile aufeinander haben, schafft ein Verhältnis gegenseitiger Freundschaft, welches guten Hunden gegenüber nur die unerbittliche Notwendigkeit trennen kann. Ein nicht geringer Teil meiner Sammlungen ist mit der Erinnerung an diesen oder jenen der Hunde innig verknüpft, und ich kann nicht die lange Reihe der Coatischädel oder die Gerippe der Ozelote durchmustern, ohne mich bei vielen an die Szenen von unbezähmbarer Kampfeswut der Sieger und verzweifelter Gegenwehr der Besiegten zu erinnern.“
Die Hunde in Fessan, wo sie, laut Nachtigal, im ganzen selten vorkommen, gehören entweder der auf der Nordküste bei den Arabern so beliebten lang- und dichthaarigen, meist weißen Art des Wachthundes an, oder sind leidlich hübsche Jagdwindhunde von mäßiger Größe, wie fie schöner und häufiger in Tunis und Tripoli zu finden. Die in Tibesti „ge: hören der in Fessan vorkommenden Art unvollkommener Windhunde an, und ihre mangelhafte Rasse und schlechte Ernährung scheinen ihrer Bestimmung, Gazellen, Antilopen und Strauße zu jagen, wenig zu entsprechen. Sie sind spärlich vorhanden, doch immer noch häufiger als die Katze.“ Über Art, Gebaren und Stellung der Hunde bei den sogenannten Wilden haben verschiedene Forscher genauen Bericht erstattet. Von denen der Schilluk sagt Schweinfurth:
„Hunde gewahrt man im ganzen Lande in großer Menge, sie gleichen an Gestalt einem etwas robusten Windspiele, erreichen aber selten die Größe unseres Hühnerhundes. Sie sind fast ausnahmslos von fuchsroter Färbung und haben immer eine schwarze, stark verlängerte Schnauze, das Fell ist kurz und glatthaarig wie der lange, rattenartige Schwanz; die ziemlich langen Ohren sind an der oberen Hälfte weich und lappig, werden daher zur Hälfte umgeschlagen getragen. Beispiellos ist ihre Gewandtheit im Springen und Laufen, sie überholen die Gazellen mit Leichtigkeit und dienen daher allenthalben zur Jagd; auf 3 m hohe Erdmauern und Termitenhügel schwingen sie sich mit der Gewandtheit von Katzen, mit ihren schlanken Leibern die Entfernung vom Drei- bis Vierfachen ihrer Länge überwindend. Ich besaß selbst eine Anzahl echter Schillukhunde, die sich später im tiefen Inneren vortrefflich hielten und stark vermehrten. Wie allen Hunden des Nilgebietes, vom ägyptischen Paria bis zum Dorfköter des Sudan, fehlt auch dieser Rasse die Afterklaue an den Hinterfüßen, welche unsere europäischen Hunde stets besitzen. Im allgemeinen unterscheidet sich der Schillukhund wenig von den Rassen der Beduinen Kordofans und Sennars. „Die Hunde der Bongo halten hinsichtlich ihrer Größe die Mitte zwischen der kleinen Njam⸗Njamrasse und den Dinkahunden, welche dem gemeinen Paria von Agypten am meisten entsprechen. Die eigentliche Bongorasse findet sich indes infolge der häufigen Vermischung nur noch selten echt und rein erhalten; fie ist durch eine rötlich-ledergelbe Färbung, aufrechte, steife Ohren und einen buschigen Fuchsschwanz ausgezeichnet. Eine Eigentümlichkeit, durch welche mir der Bongohund besonders auffiel, bestand in dem hohen Grade der Sträubbarkeit seiner Rückenhaare. Bei jedem Angriffe sträubte sich die straffe Behaarung auf dem ganzen Rücken und stand aufrecht erhoben bis zum Nacken hinauf, wie man das nicht selten an in Wut geratenen Katzen wahrzunehmen Gelegenheit findet. Der buschige Schweif unterscheidet die Rasse hinreichend von den mit kurzhaarigem Schwanze versehenen Hunden der Dinka sowie von denen der Njam-Njam, wo der Schwanz sich stets spiralig aufrollt wie bei einem Ferkel. So wenig wählerisch sich auch die Bongo in der Auswahl des Eßbaren zeigen, so standhaft verschmähen sie dennoch unter allen Umständen den Genuß von Hundefleisch, inwelchem ihre südlichen und südöstlichen Nachbarn sich auszeichnen. Der Ekel vor diesem ist derselbe, welchen sie dem Genusse von Menschenfleisch gegenüber an den Tag legen. Ein eigentümlicher Aberglaube knüpft sich an den Tod von Hunden. Als ich einen der meinigen, der das Zeitliche gesegnet, in eine Grube werfen lassen wollte, kamen Bongo auf mich zu, die mich beschworen, von solchem Vorhaben abzustehen, da es unfehlbar zur Folge haben würde, daß ihre Saaten ohne Regen blieben. Aus diesem Grunde werfen alle Bongo ihre verreckten Hunde stets einfach hinaus aufs offene Feld.“ Hier begegnen wir also im Inneren Afrikas einem Aberglauben, der dem ähnelt, den wir (S. 34) von Indien bezüglich des dort lebenden Wolfes anführten.