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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 6

„Trotz der zuletzt erörterten Schwierigkeiten in Bezug auf die Fruchtbarkeit neigt sich doch die Mehrheit der Beweise entschieden zu gunsten des mehrfachen Ursprunges unseres Hundes, zumal wenn wir bedenken, wie unwahrscheinlich es ist, daß der Mensch über die ganze Erde von einer so weitverbreiteten, so leicht zähmbaren und so nützlichen Gruppe, wie die Hunde es sind, nur eine Art an sich gewöhnt haben sollte, und wenn wir ferner das außerordentliche Alter der verschiedenen Rassen sowie besonders noch die überraschende Ahnlichkeit bedenken, welche ebensowohl im äußeren Baue wie in der Lebensweise zwischen den gezähmten Hunden verschiedener Länder und den dieselben Länder noch bewohnenden Arten von Wildhunden bestehen.“

So wäre denn der Haushund nichts anderes als ein Kunsterzeugnis des Menschen.

Ein lehrreiches Beispiel zu gunsten der oben mitgeteilten Angabe, daß Haushunde vollständig verwildern können, ist der Dingo oder Warragal (Canis dingo, C. australasiae), der sogenannte Wildhund Australiens, welchen, in anbetracht seiner Lebensweise, auch ich früher für eine der ursprünglichen Arten wilder Hunde gehalten habe, gegenwärtig aber, nachdem ich verschiedene Stücke der fraglichen Art gesehen, nur für einen verwilderten Haushund erklären kann. Die Thatsache, daß der Dingo, außer einigen Flattertieren und mäuseartigen Nagern, das einzige Säugetier Australiens ist, das nicht zu den Beutel- oder Gabeltieren gehört, ist bei dieser Frage von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Gegengründe von einiger Erheblichkeit liegen nicht vor, es sei denn, daß man den angeblichen Fund von Dingoresten in Diluvialablagerungen als solchen gelten lassen wolle. Das Wie und Wann der Verwilderung läßt sich freilich nicht bestimmen, erscheint aber auch ziemlich gleichgültig für die Entscheidung der Frage gegenüber dem allgemeinen Gepräge des Tieres, dem Habitus, wie die Tierkundigen sagen. Dieses Gepräge aber ist das eines Haushundes, nicht eines Wildhundes. Der Dingo erreicht ungefähr die Größe eines mittleren Schäferhundes. Seine Gestalt ist gedrungen, der Kopf groß und plump, stumpfnasig und abgestutzt, das aufrecht stehende Ohr an der Wurzel breit, an der Spitze abgerundet, der Schwanz, welcher bis über die Ferse herabreicht, buschig, die Gliederung stämmig, da die Beine nur eine geringe Höhe haben, das Fell ziemlich gleichmäßig, weder allzu dicht noch auch zu dünn und an keinem Teile des Leibes verlängert. Bei den meisten Stücken, welche ich gesehen habe, spielt die Färbung von einem unbestimmten blaßgelblichen Rot mehr oder weniger ins Graue, auch wohl ins Schwärzliche. Kinn, Kehle, Unterseite und Schwanz pflegen heller, die Haare der Oberseite meist dunkler zu sein, weil die an der Wurzel lichteren Haare dunklere Spitzen zeigen. Obgleich gedachte Färbung vorherrscht, kommen doch z. B. auch schwarz gefärbte Dingos vor, einzelne haben weiße Pfoten ꝛc.

Noch heutigestags findet sich der Dingo fast in allen dichteren Wäldern Australiens, in den mit Buschwerk ausgekleideten Schluchten, in den Hainen der parkähnlichen Steppen und in letzteren selbst. Er reicht über das ganze Festland und ist überall ziemlich häufig. Man hält ihn für den schlimmsten Feind der Herden und verfolgt ihn auf jede Weise. Nach von Lendenfeld wird in manchen Gebieten ein Preis von 20 Mark für das Stück bezahlt; in Neusüdwales soll man jährlich mehrere Tonnen Strychnin zum Vergiften verbrauchen.

In seiner Lebensweise und in seinem Betragen ähnelt der Dingo mehr unserem Fuchse als dem Wolfe. Wie dieser liegt er da, wo es unsicher ist, den ganzen Tag in seinem Schlupfwinkel verborgen und streift dann erst zur Nachtzeit umher, räuberisch fast alle australischen Bodentiere bedrohend. An den Fuchs erinnert er auch dadurch, daß er nur selten in großen Gesellschaften jagt. Gewöhnlich sieht man Trupps von 5—6 Stück, meist eine Mutter mit ihren Kindern; doch kommt es vor, daß sich bei einem Aase viele Dingos

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Dingo: Schädlichkeit. Raubweise. 83

versammeln: manche Ansiedler wollen bei solchen Gelegenheiten schon ihrer 80 — 100 vereinigt gesehen haben. Man behauptet, daß die Familien sehr treu zusammenhalten, ein eigenes Gebiet haben und niemals in das einer anderen Meute eintreten, aber ebensowenig leiden, daß diese ihre Grenzen überschreitet.

Ehe die Ansiedler regelrecht gegen diesen Erzfeind ihrer Herden zu Felde zogen, verloren sie durch ihn erstaunlich viele Schafe. Man versichert, daß in einer einzigen Schäferei binnen 3 Monaten nicht weniger als 1200 Stück Schafe und Lämmer von den Dingos geraubt wurden. Größer noch als die Verluste, welche ein Einfall des Raubtieres unmittelbar

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Dingo (Canis dingo,. Ns natürl. Größe.

zur Folge hat, sind die mittelbaren, weil die Schafe bei seinem Erscheinen wie unsinnig davonrennen, blind in die Wildnis laufen und anderen Dingos oder dem Durste zum Opfer fallen. Alte Rinder sind, laut von Lendenfeld, vor dem Dingo sicher, nicht aber versprengte Kälber. Außerdem frißt er Känguruhs aller Art und andere größere und kleinere Buschtiere. Er greift jedes eingeborene Tier Australiens an, fürchtet sich überhaupt nur vor Haushunden. Hirten- oder Jagdhunde und Dingos leben in ewiger Feindschaft und verfolgen sich gegenseitig mit Wut. Wenn mehrere Haushunde einen Dingo sehen, fallen sie über ihn her und reißen ihn in Stücke; das Umgekehrte ist der Fall, wenn ein verirrter Haushund von Dingos gefunden wird. Doch kommt es vor, daß zur Paarungszeit eine Dingohündin sich zu den Schäferhunden gesellt und sich mit diesen verträgt. Ebenso kreuzt sich der Dingo mit zahmen Hündinnen. Diese bringen infolgedessen ein Gewölfe, welches größer und wilder zu sein pflegt als alle übrigen Haushunde.

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Dingo (Canis dingo,. Ns natürl. Größe.

Die Dingohündin wölft 6— 8 Junge, gewöhnlich in einer Höhle oder unter Baumwurzeln. Bei Gefahr schafft sie ihre Jungen in Sicherheit. Ein Gewölfe von Dingos wurde einst in einer Felsenspalte aufgefunden; da aber die Mutter nicht zugegen war, merkte sich der Entdecker den Ort, in der Absicht, bald zurückzukehren, um der ganzen Familie auf einmal den Garaus zu machen. Als er nach einiger Zeit zurückkam, fand er zu seinem großen Arger die Höhle verlassen; die Alte mochte die Spur des fremden Besuchers gewittert und ihre Kleinen fortgeschafft haben. An Dingos, welche in der Gefangenschaft wölften, beobachtete man, daß Mutter und Junge sich ganz nach Art des Haushundes betragen. Im Breslauer Tiergarten, woselbst eine Dingohündin fünf Junge warf, von denen drei gediehen und groß und zahm wurden, durfte man beide Alten in demselben Käfige belassen, da der Dingohund niemals Miene machte, der säugenden Hündin beschwerlich zu fallen. Von den Jungen hatten vier Stück ganz die Färbung der Eltern, während das fünfte schwarz aussah. Vor dem Menschen nimmt der Dingo regelmäßig Reißaus, wenn dazu noch Zeit ist. Er zeigt auf der Flucht alle List und Schlauheit des Fuchses und versteht es meisterhaft, jede Gelegenheit zu benutzen; wird er aber von seinen Feinden hart verfolgt, und glaubt er nicht mehr entrinnen zu können, so dreht er sich mit einer wilden Wut um und wehrt sich mit der Raserei der Verzweiflung; doch sucht er auch dann noch immer sobald wie möglich davonzukommen. Von der Zähigkeit seines Lebens erzählt Bennett geradezu unglaubliche Dinge. Ein Dingo war von seinen Feinden überrascht und so geschlagen worden, daß man meinte, alle seine Knochen müßten zerbrochen sein; deshalb ließ man ihn liegen. Kaum aber hatten sich die Männer von dem anscheinend leblosen Körper entfernt, als fie zu ihrer Überraschung das Tier sich erheben, schütteln und so eilig wie möglich nach dem Walde begeben sahen. Ein anderer, anscheinend toter Dingo war schon in eine Hütte getragen worden, wo er abgehäutet werden sollte; der Arbeiter hatte ihm bereits das Fell von der halben Seite des Gesichts abgezogen, da sprang er plötzlich auf und versuchte zu beißen. Gegenwärtig gelten alle Mittel, um den Dingo auszurotten. Jedermanns Hand ist über ihm. Man schießt ihn, fängt ihn in Fallen und vergiftet ihn mit Strychnin. Mit dem Gewehre erlegt man ihn nur zufällig; er ist zu scheu und listig, als daß er öfters vor das Rohr kommen sollte, und weiß auch sich auf Treibjagden trefflich durchzustehlen.

Gewöhnlich hat man unseren Hund für unzähmbar gehalten. In der Gesellschaft der Eingeborenen Australiens findet man aber ab und zu Dingos, welche nur in einem halbwilden Zustande leben. Viele Dingos, welche man bei uns zu Lande in der Gefangenschaft hielt, blieben wild und bösartig, und ihre Wolfsnatur brach bei jeder Gelegenheit durch, so daß sich ihre Wärter beständig vor ihnen zu hüten hatten. Auch gegen Tiere, die man zu ihnen brachte, zeigten sie sich unfreundlich und unduldsam. Nur mit Mühe vermochte man den Zähnen eines nach England gebrachten Dingo einen friedlichen Esel zu entreißen, und im Pariser Tiergarten sprang einer wütend gegen die Eisengitter der Bären, Jaguare und Panther. Ein in England geborener war schon in der frühesten Jugend mißmutig und scheu, verkroch sich in den dunkelsten Winkel des Zimmers und schwieg, wenn Menschen, gleichviel obBekannte oder Fremde, zugegen waren, stieß aber, allein gelassen, ein schwermütiges Geheul aus. Den ihn pflegenden Wärter lernte er kennen, zeigte sich aber niemals gegen denselben hündisch schwanzwedelnd oder freundlich. Gegen Fremde war er mürrisch und scheu, und oft und gern biß er so recht heimtückisch nach Vorübergehenden. Nach jedem Angriffe zog er sich in einen Winkel seines Käfigs zurück und blickte von hier aus mit boshaft funkelnden Augen fein Opfer an. Bei guter Laune gab er Proben von seiner Behendigkeit und Kraft. Gegen Haushunde war er stets äußerst unliebenswürdig, und niemals zeigte er die geringste Lust, mit ihnen in ein zärtliches Verhältnis zu treten.

Ich bin der Meinung, daß man auf alle diese Angaben kein größeres Gewicht legen darf, als sie verdienen. Wie schon wiederholt bemerkt, kommt alles darauf an, wie ein gefangenes Tier in frühester Jugend behandelt wurde. Der Dingo ist ein kluger Hund, und seine Zähmung muß gelingen, wenn nicht im ersten, so im zweiten oder dritten Geschlechte. Wäre er minder unansehnlich, man würde, glaube ich, seine vortreffliche Nase schon längst zu Jagdzwecken zu verwenden und ihn wirklich zu zähmen versucht haben. Wie falsch es ist, von einem oder einigen Stücken, welche man beobachtete, auf alle derselben Art zu schließen, beweisen die Dingos des Breslauer Tiergartens. Einer von ihnen ist zahm geworden wie ein Hund, der andere wild geblieben; einer hat, was wohl zu beachten, im Laufe der Zeit vollständig bellen gelernt und wandte diese neuerworbene Sprache durchaus regelrecht an, beispielsweise wenn eine Thür in der Nähe seines Käfigs geöffnet wurde, der andere dagegen heulte mit langgezogenen lachenden Lauten wie ein Schakal, und auch jener, welcher bellen konnte, begleitete ihn im Zweigesange stets heulend. Schlegel, dem ich diese Angaben verdanke, war mit mir der Ansicht, daß sich aus den Nachkommen dieser Dingos höchst wahrscheinlich sehr brauchbare Gehilfen des Menschen gewinnen lassen würden.

Wirklich ist es auch King gelungen, einen jungen Dingo aufzuziehen und derartig abzurichten, daß er sich brauchbar beim Hüten des Großviehs erwies, und Pechuel-Loesche beobachtete an Bord des englischen Panzerschiffes „Defence“ einen schönen, kräftigen Dingo, der gleich einem Hunde auf dem ganzen Schiffe herumlief, die steilen Treppen sicher beging und mit jedermann freundlich verkehrte. So lernte er auch in der Ortschaft Hilo auf Hawai (Sandwichinseln) im Besitze eines amerikanischen Kapitäns noch einen Dingo kennen, der gänzlich zum Haustiere geworden war, vollständige Freiheit genoß und sich in jeder Hinsicht wie ein zur Familie gehöriger Hund gebärdete.

Gehen wir von den verwilderten Hunden zu denen über, welche zwar herrenlos sind, immer aber noch in einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis zu dem Menschen stehen. Die Engländer haben ihnen den Namen Pariahunde beigelegt, und diese Bezeichnung verdient von uns angenommen zu werden; denn Parias, elende, verkommene, aus der besseren Gesellschaft verstoßene Tiere sind sie, die armen Schelme, trotz der Freiheit, zu thun und zu lassen, was ihnen beliebt, Parias, welche dankbar die Hand lecken, die ihnen das Joch der Sklaverei auflegt, welche glücklich zu sein scheinen, wenn der Mensch sie würdigt, ihm Gesellschaft zu leisten und ihm zu dienen.

Schon im Süden Europas leben die Hunde auf ganz anderem Fuße als bei uns zu Lande. In der Türkei, in Griechenland und in Südrußland umlagern Massen von herrenlosen Hunden die Städte und Dörfer, kommen wohl auch bis in das Innere der Straßen herein, betreten aber niemals einen Hof und würden auch von den Haushunden sofort vertrieben werden. Sie nähren sich hauptsächlich von Aas oder jagen bei Gelegenheit wohl auch auf eigene Faust kleinere Tiere, namentlich Mäuse und dergleichen. Auch die Hunde der südspanischen Bauern werden nur sehr wenig zu Hause gefüttert, streifen zur Nachtzeit weit und breit umher und suchen sich selbst ihre Nahrung. Auf den Kanarischen Inseln ist es, nach Bolle, noch neuerdings vorgekommen, daß einzelne Hunde verwilderten und unter den Schafherden bedeutenden Schaden anrichteten. So selbständig werden die verwilderten Hunde des Morgenlandes nicht; aber sie müssen durchaus für sich selbst sorgen und werden von keinem Menschen irgendwie unterstützt.

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