Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
seinem Gerippe, nach seinem Schädel und Gebisse ein Wolf; doch ist es nach Schädel noch nach Gebiß weder möglich, ihn mit irgend einer wild vorkommenden Wolfsart zu vereinigen, noch von den bekannten Wolfsarten scharf zu trennen. Unsere europäischen Hunde schwanken in ihren Schädeleigentümlichkeiten zwischen denen des Wolfes und des Schakals, doch so, daß sich die Eigentümlichkeiten mannigfaltigst kreuzen, verbinden und abändern. Doch wenn auch der Schädel Ahnlichkeit mit dem des Wolfes und Schakals hat, sogar entfernt an den des Fuchses erinnert, hält er doch immer etwas Eigentümliches fest. Die Stirn tritt in der Regel etwas stärker über dem Scheitel und dem Nasenrücken hervor als beim Wolfe und Schakale; doch darin zeigen sich erst recht gegensätzliche Abweichungen bei den verschiedenen Hunderassen. Es versteht sich, daß in diesen Eigentümlichkeiten nur Schädel von ungefähr gleichem Alter miteinander erfolgreich verglichen werden können. | „Die Amerikaner haben Hunde gehabt, ehe durch die Spanier der europäische Hund nach Amerika gebracht wurde. In Mexiko fanden die Spanier stumme Hunde vor. A. v. Humboldt führt an, daß von den Indianern von Jauja und Huanca, ehe fie der Inka Ba: hacutec zum Sonnendienste bekehrte, die Hunde göttlich verehrt wurden. Ihre Priester bliesen auf skelettierten Hundeköpfen, und Hundeschädel und Hundemumien fanden sich in den peruanischen Grabmälern der ältesten Zeit. Tschudi hat diese Schädel untersucht, hält sie für verschieden von denen der europäischen Hunde und glaubt, daß sie von einer eigenen Art herrühren, die er Canis ingae nennt; auch werden die einheimischen Hunde im Peruanischen mit dem Namen Runasallco bezeichnet, um fie von den europäischen, die verwildert in Südamerika vorkommen, zu unterscheiden. Diese Hunde sollen besonders gegen Europäer feindlich gesinnt sein. „Wenn es schon auffallend erscheint, daß die eingeborenen Hundearten sich in dem Schädelbau den wilden Wolfsarten nähern, so ist es noch auffallender, daß sie auch im Außern wieder den wilden Formen nahe rücken, wenn fie in den Zustand der Verwilderung übergegangen sind. Das gilt nicht allein von der Färbung, sondern auch von der Form des Tieres, den aufrecht stehenden, spitzen Ohren, der Behaarung und dergleichen. Schon Olivier bemerkte, daß die Hunde in der Umgebung von Konstantinopel schakalähnlich sind. Im südlichen und östlichen Rußland gibt es zahllose, halbverwilderte, in ganzen Gesellschaften umherlaufende Hunde, welche dem Schakale in Farbe und Gestalt des Körpers und der Ohren häufig täuschend ähnlich sind. Die Beobachtung von Pallas, daß die Hunde mit dem Schakale in entschiedener Freundschaft leben, ist bei diesen äußeren Ahnlichkeiten leicht zu begreifen. Es ist bekannt, daß vom Hunde und Wolfe Bastarde in jeder Art der Kreuzung nachgewiesen find. Bastarde zwischen Hund und Schakal find nach Naturbeobachtungen keine Seltenheit. Pallas erwähnt sogar, daß unter den Russen Bastarde von Hund und Fuchs als eine bekannte Sache angenommen werden; doch gründet er diese Behauptung offenbar nicht auf eigene Beobachtungen. „Fragt man sich nun nach diesen Andeutungen, ob der Hund eine Art, eine selbständige und getrennte Art ist, wie der Wolf, Schakal und Fuchs, so hält es schwer, die Frage zu bejahen. Kein einziges wildes Tier zeigt solche Abweichungen im Schädel, im ganzen Körperbau, in den Verhältnissen der absoluten Größe. Aber auch die Haustiere, bei denen wir annehmen müssen, daß die Art an und für fi noch unverfälscht erhalten, nur durch Zähmung und Kultur verändert ist, wie Pferd, Esel, Rind, Ziege, Schwein, haben solche Gegensätze nicht aufzuweisen, und noch weniger läßt sich sagen, daß mehrere Arten unter dieser großen Mannigfaltigkeit von Formen enthalten wären. Daß von einer Stammart des Hundes nicht die Rede sein kann, wird aus allem wohl klar. Es ist ebenso nicht wahrscheinlich, daß eine solche Stammart bis jetzt unbeachtet und unentdeckt geblieben wäre.
„Und so bleibt darin, solange man diese Fragpunkte auf dem Gebiete der Naturforschung erhalten will, kaum ein anderer Ausweg, als sich zu der Ansicht zu bekennen, welcher Pallas huldigt: daß in der Zähmung und Vermischung der in verschiedenen Ländern ursprünglichen Wolfsarten der Ursprung des Haushundes zu suchen sei. Diese Ansicht ist natürlich wie jede andere über diesen Punkt nur eine Annahme, aber es wird, wenn sie in der Natur begründet ist, möglich sein, sie durch unmittelbare Vergleichung der Hunde: und Wolfsschädel bis zur vollen Überzeugung zu erheben. Man hat keine Ver: anlassung mehr, sich in solcher Auffassung durch die Lehren und Annahmen von Buffon beirren zu lassen. Daß sich gleichzeitig die unbeschränkte Kreuzung der Hundearten unter sich und des Hundes mit Wolf und Schakal am besten mit dieser Ansicht verträgt, liegt auf der Hand. Daß auch die große Mannigfaltigkeit der Hunde in Gestalt und Größe allein dadurch eine Analogie erhielt, z. B. in den verschiedenartigen, zwitterhaften Pflanzen, sogar im Tierreiche unter den Hühnern, ist auch nicht ohne Gewicht. Ebenso ist die große Verwandtschaft der verwilderten Hunde in Gestalt und Farbe mit dem Schakale und der Annäherung und Freundschaft beider von großer Bedeutung. Auch die verwilderten Pferde nähern sich ursprünglich den wilden wieder. Ziegen, die sich von Geschlecht zu Geschlecht den größten Teil des Jahres frei im Gebirge umhertreiben, wie in Dalmatien und manchen Gegenden Italiens geschieht, gleichen sehr der wilden Bezoarziege; bunte Kaninchen, welche im Freien ausgesetzt werden, haben im Verlaufe von einigen Jahren Junge, die von wilden nicht zu unterscheiden und vollkommen wild sind.“
Darwin gelangt zu derselben Annahme wie Blasius. „Einige Tierkundige“, sagt er, „glauben, daß alle gezähmten Spielarten des Hundes vom Wolfe oder dem Schakale oder einer unbekannten und ausgestorbenen Art abstammen; andere wiederum meinen, daß sie ebensowohl von mehreren ausgestorbenen wie jetzt lebenden Arten, welche sich mehr oder weniger miteinander vermischt haben, herrühren. Wahrscheinlich werden wir niemals im stande sein, ihren Ursprung mit Sicherheit zu bestimmen. Die Vorweltskunde wirft nicht viel Licht auf diese Frage. Einerseits hängt dies von der großen Ahnlichkeit der Schädel der ausgestorbenen und lebenden Wölfe und Schakale, andererseits von der großen Unähnlichkeit der Schädel der verschiedenen Rassen gezähmter Hunde ab. Man scheint auch in den neuen Tertiärlagern Überrefte gefunden zu haben, welche mehr einem großen Hunde als einem Wolfe angehört haben dürften. Dies unterstützt die Ansicht Blain villes, daß unsere Hunde die Nachkommen einer einzigen ausgestorbenen Art sind. Einige gehen so weit, zu behaupten, daß jede Hauptrasse ihren wilden Stammvater gehabt haben müsse, diese letztere Ansicht ist jedoch außerordentlich unwahrscheinlich; denn sie läßt der Abänderung keinen Spielraum, läßt das fast mißgebildete Gepräge einiger Zuchten unberücksichtigt und nimmt beinahe mit Notwendigkeit an, daß eine große Anzahl von Arten seit der Zeit, in welcher der Mensch den Hund zähmte, ausgestorben sei: lebte doch noch im Jahre 1710 der Wolf auf einer so kleinen Insel, wie Irland ist. „Die Gründe, welche verschiedene Schriftsteller zu der Annahme geführt haben, daß unsere Hunde von mehr als einer wilden Art abstammen, sind erstens die großen Verschiedenheiten zwischen den Rassen und zweitens die Thatsache, daß in den ältesten bekannten geschichtlichen Zeiten mehrere Hunderassen lebten, welche einander sehr unähnlich, jetzt lebenden aber sehr ähnlich sind oder mit diesen zusammenfallen. Zwischen dem 14. Jahrhundert und der römischen Zeit sind die Urkunden auffallend mangelhaft. Im frühesten Zeitabschnitte gab es verschiedene Rassen; doch ist es unmöglich, die Mehrzahl derselben mit irgend einer Sicherheit wiederzuerkennen. Youatt gibt eine Zeichnung von der Villa des Antonius, auf welcher zwei junge Windspiele dargestellt sind. Auf einem assyrischen Denkmale, ungefähr 640 v. Chr., ist eine ungeheuere Dogge dargestellt, wie solche, laut
Dynastie, das ist von ungefähr 3400—2100 v. Chr., werden, wie ich aus den Prachtwerken von Lepsius und Rosellini ersehe, verschiedene Hunderassen dargestellt, von denen die meisten den Windspielen verwandt sind. Später tritt ein dem Parforcehund ähnlicher Hund mit hängenden Ohren, aber mit längerem Rücken und spitzigerem Kopfe dazu, und ebenso findet sich ein der jetzt lebenden Spielart sehr ähnlicher Dachshund mit kurzen, krummen Beinen. Diese Art Mißbildung ist bei verschiedenen Tieren aber so häufig, daß es Vorurteil sein würde, den Hund der ägyptischen Denkmäler als den Stammvater aller unserer Dachshunde zu betrachten, um so mehr, als Sykes einen indischen Pariahund beschrieben hat, welcher denselben Charakter zeigt. Der älteste auf den ägyptischen Denkmälern abgebildete _ Hund, einer der sonderbarsten von allen, gleicht einem Windspiele, hat aber lange, spitze Ohren und einen kurzen, gekrümmten Schwanz. Eine nahe verwandte Spielart lebt noch jetzt in Nordafrika, der arabische Eberhund, von welchem Harcourt angibt, daß er ein ausgezeichnet hieroglyphisches Tier sei, ein solches, mit dem einst Cheops jagte, und einigermaßen dem zottigen schottischen Hirschhunde gleiche. Mit dieser ältesten Spielart lebte gleichzeitig ein dem Pariahunde ähnliches Tier. Wir sehen hieraus, daß vor 400— 500 Jahren verschiedene Rassen von Hunden lebten und zwar Pariahunde, Windspiele, gewöhnliche Parforcehunde, Doggen, Haus-, Schoß- und Dachshunde, welche mehr oder weniger unseren jetzigen Rassen glichen. Doch haben wir keinen hinreichenden Beweis, anzunehmen, daß irgend einer dieser alten Hunde mit den unserigen vollkommen gleichartig sei. Solange man annahm, daß der Mensch nur etwa 6000 Jahre auf der Erde lebte, war diese Thatsache von der großen Verschiedenheit der Rassen in einer so frühen Zeit ein wichtiger Beweis dafür, daß dieselben von verschiedenen wilden Stammeltern herrührten; seitdem wir aber wissen, daß der Mensch eine unvergleichlich längere Zeit gelebt hat, und indem wir im Auge behalten, daß selbst die ungesittetsten Völkerschaften Haushunde besitzen, verliert dieser Beweis viel an Gewicht. „In Europa wurde der Hund lange vor der Zeit irgend welcher geschichtlichen Urkunde gefangen gehalten. Die Knochen eines hundeartigen Tieres, welche in den dänischen Küchenabfällen der neueren Steinzeit gefunden wurden, gehörten, nach Steenstrup, wahrscheinlich einem Haushunde an. Diesem alten Hunde folgten während der Bronzezeit eine größere, etwas verschiedene und letzterem wiederum während der Eisenzeit eine noch größere Art oder Rasse. Ein in der Schweiz während der neuen Steinzeit lebender, mittelgroßer gezähmter Hund stand, wie Rütimeyer angibt, nach seinem Schädel zu schließen, ziemlich gleichweit von dem Wolfe und Schakale entfernt und zeigte gewisse Kennzeichen unserer Jagdund Wachtelhunde. Während der Bronzezeit erschien ein großer Hund, welcher, nach seinen Kinnladen zu urteilen, einem Hunde von demselben Alter in Dänemark glich. Schmerling fand Überbleibsel zweier Hunderassen unbestimmbaren Alters in einer Höhle. „Man nimmt an, daß die Aufeinanderfolge verschiedener Hunderassen in der Schweiz und in Dänemark von der Einwanderung erobernder Stämme herrühre, welche ihre Hunde mitbrachten, und diese Ansicht stimmt auch mit der Meinung überein, daß verschiedene wilde, hundeartige Tiere in verschiedenen Gegenden gezähmt worden seien. Unabhängig von der Einwanderung neuer Stämme sehen wir aus dem weitverbreiteten Vorkommen von Bronze, daß viel Verkehr in Europa bestanden haben muß, und dürfen schließen, daß wahrscheinlich auch Hunde mit vertauscht worden sind. In der Gegenwart gelten die Taruma-Indianer unter den wilden Stämmen des Innern von Guayana für die besten Hundezüchter. Sie besitzen eine große Rasse, welche sie zu hohen Preisen anderen Stämmen vertauschen. „Der wichtigste Beweisgrund zu gunsten der Ansicht, daß die verschiedenen Rassen des Hundes von bestimmten wilden Stämmen herrühren, ist die Ahnlichkeit, welche sie in
verschiedenen Gegenden mit den hier noch wild lebenden Arten besitzen. Zwar muß man zugeben, daß die Vergleichung zwischen den wilden und gezähmten Hunden nur in wenigen Fällen mit hinreichender Genauigkeit gemacht worden ist; doch hat man auch von vornherein keine Schwierigkeit, anzunehmen, verschiedene Hundearten seien gezähmt worden. Glieder der Hundefamilie bewohnen fast die ganze Erde, und mehrere Arten stimmen in Bau und Lebensart mit unseren verschiedenen gezähmten Hunden ziemlich überein. Wilde halten und zähmen Tiere aller Art, gesellig lebende Tiere wie die Hunde selbstverständlich am leichtesten. In einer früheren Zeit, in welcher der Mensch zuerst das Land betrat, hatten die dort lebenden Tiere keine angeborene oder ererbte Furcht vor ihm und ließen sich folglich wahrscheinlich bei weitem leichter als jetzt zähmen. Als die Falklandinseln zuerst von Menschen besucht wurden, kam der große Falklandwolf (Canis antarcticus) ohne Furcht zu Byrons Matrosen, welche die Neugier für Wildheit hielten und flohen. Selbst in der Neuzeit kann ein Mensch, welcher in der einen Hand ein Stück Fleisch, in der anderen ein Messer hält, gedachte Wölfe noch zuweilen erstechen. Auf den Schildkröteninseln stieß ich mit der Spitze meiner Flinte Falken von einem Zweige herunter und hielt einen Eimer Wasser anderen Vögeln hin, welche sich darauf setzten und tranken. Von großer Bedeutung ist ferner, daß verschiedene Arten von Hunden keinen Widerwillen haben oder Schwierigkeiten darbieten, sich in Gefangenschaft fortzupflanzen. Gerade die Unfähigkeit aber, in der Gefangenschaft sich fortzupflanzen, ist eines der bedeutsamsten Hindernisse für die Zähmung. Die Wilden legen Hunden außerordentlichen Wert bei, und selbst halbgezähmte Tiere sind ihnen von großem Nutzen. Indianer Nordamerikas kreuzen ihre halbwilden Hunde mit Wölfen, um sie zwar noch wilder als vorher, aber auch kühner zu machen. Die Wilden von Guayana fangen die Jungen von zwei wilden Hundearten, um sie einigermaßen zu zähmen und zu benutzen, wie es die Eingeborenen Australiens mit denen des verwilderten Dingo thun. King teilte mir mit, daß er einmal einen jungen wilden Dingo abrichtete, Rindvieh zu hüten, und das Tier sehr nützlich fand. Aus diesen verschiedenen Angaben geht hervor, daß man dreist annehmen darf, der Mensch habe in verschiedenen Ländern verschiedene Arten von Hunden gezähmt. Es würde sogar eine eigentümliche Erscheinung sein, wenn auf der ganzen Erde nur eine einzige Art gezähmt worden wäre. „Gehen wir nun auf Einzelheiten ein. Der genau beobachtende und scharfsinnige Richardson bemerkt, daß die Ahnlichkeit zwischen den Wechsel- oder Falbwölfen und den Haushunden der Indianer ungemein groß sei und nur die Größe und Stärke des Wolfes der einzige Unterschied zu sein scheine. ‚Mehr als einmal‘, jagt er, ‚habe ich ein Rudel Wölfe für die Hunde eines Trupps Indianer gehalten; denn auch das Geheul der Tiere beider Arten wird so genau mit denselben Lauten hervorgebracht, daß selbst das geübte Ohr der Indianer sich zuweilen täuschen läßt.“ Richardson fügt hinzu, daß die nördlicheren Eskimohunde nicht bloß dem grauen Wolfe des Polarkreises in Form und Farbe außerordentlich ähneln, sondern ihm auch in der Größe beinahe gleichen. Kane hat in dem Gespanne seiner Schlittenhunde öfter das schräge Auge, ein Merkmal, auf welches einige Tierkundige viel Gewicht legen, den herabhängenden Schwanz und den scheuen Blick des Wolfes gesehen. Nach Hayes weichen die Eskimohunde wenig von den Wölfen ab, sind keiner Anhänglichkeit an den Menschen fähig und so wild, daß sie bei argem Hunger selbst ihren Herrn anfallen. Sie verwildern leicht, und ihre Verwandtschaft mit den Wölfen ist eine so innige, daß sie sich oft mit ihnen kreuzen; auch nehmen die Indianer junge Wölfe, um die Zucht ihrer Hunde zu verbessern. Solche Falbwölfe können zuweilen, wenn auch selten, gezähmt werden. Vor dem zweiten oder dritten Geschlechte geschieht dies nie. Hayes meint von diesen Hunden, daß fie ohne Zweifel verbesserte Wölfe seien. Jedenfalls bekunden die an: geführten Thatsachen, daß Eskimohunde und Wölfe sich fruchtbar kreuzen müssen; denn sonst