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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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ein Hyänenhund es wirklich wagt, ganz allein ein so mächtiges Tier anzugreifen.“ Nach dem, was vom indischen Wildhunde berichtet wird, dürfen wir wohl annehmen, daß unser Afrikaner bei einer solchen Jagd seine Beute oft genug bewältigt.

Der Hyänenhund scheint ein für die Zähmung vielversprechendes Raubtier zu sein. Er würde einen vortrefflichen Spürhund abgeben; aber freilich so ohne weiteres läßt sich ein derartiger Charakter dem Willen des Menschen nicht unterthänig machen. Livingstones auf Hörensagen beruhende Angabe, daß Bewohner der Kalahari ihn zu zähmen und zur Jagd abzurichten verstünden, hat keinerlei Bestätigung gefunden. Burchell schildert das Wesen des Tieres sehr richtig. Eine gefangene Jagdhyäne, welche er 13 Monate lang in seinem Hofe hatte, schreckte jedermann ab, Zähmungsversuche mit ihr anzustellen, zeigte sich im Verlaufe der Zeit aber doch nicht gänzlich unzugänglich und spielte zuletzt oft mit einem gleich ihr angeketteten Hunde, ohne diesen jemals zu verletzen. Ihr Wärter durfte sich jedoch niemals Vertraulichkeiten gegen sie herausnehmen. Schweinfurth sah jedoch in einer Seriba im Bongolande „ein in hohem Grade gezähmtes Stück, welches seinem Herrn gegenüber die Folgsamkeit eines Hundes an den Tag legte“. Im Jahre 1859 fand ich zu meiner großen Freude einen sehr schön gehaltenen und fast erwachsenen Steppenhund in einer Tier-schaubude in Leipzig. Der Besitzer zeigte außer ihm auch noch zwei junge Nilpferde, die ersten, welche nach Deutschland gekommen waren, und bot somit dem Kundigen einen seltenen Genuß. Der Hund ergötzte jedermann durch seine außerordentliche Lebendigkeit und Beweglichkeit. Bei meinen vielfachen Besuchen in jener Bude habe ich ihn kaum eine Minute lang ruhig gesehen. Allerdings konnte er auch nur diejenigen Bewegungen ausführen, welche ihm seine Kette zuließ; allein niemals sprang er in derselben einförmigen Weise hin und her, in welcher sich andere eingesperrte Raubtiere zu bewegen pflegen, wußte vielmehr die mannigfaltigsten Abwechselungen in seine Sprünge zu bringen. Die Lust, größere Tiere anzugreifen, war bei ihm sehr ausgeprägt; denn so oft sich ihm die Nilpferde näherten oder ihm auch nur einen Teil ihres Körpers zuwandten, versuchte er es, sie wenigstens zu zwicken, da ihm das dicke Fell feiner Genossen natürlich undurchdringlich war. Außerst spaßhaft sah es aus, wenn er ein Nilpferd am Kopfe angriff. Der ungeschlachte Riese öffnete gutmütig ernst seinen ungeheueren Rachen, als wolle er dem übermütigen Hunde anraten, sich in acht zu nehmen, und dieser versuchte es dann auch wirklich nicht, den gar zu gefährlich aussehenden, aber im Grunde doch harmlosen Wasserbewohner anzugreifen. Er war so gut gezähmt, als er vielleicht gezähmt werden kann, und freute sich ungemein, wenn sein Wärter sich ihm näherte und ihn liebkoste. Gleichwohl waren die Hände dieses Mannes über und über mit Bißwunden bedeckt, welche der Hund ihm beigebracht hatte, wahrscheinlich gar nicht in böser Absicht, sondern eben nur aus reinem Übermute.

Die Betrachtung des lebenden Steppenhundes ließ sogleich jede Ahnlichkeit zwischen ihm und der Hyäne verschwinden. Schon das kluge, geweckte, muntere und listige, ja übermütige Gesicht des behenden Gesellen zeigte einen ganz anderen Ausdruck; noch auffallender aber wurde der Unterschied zwischen beiden, wenn man die leichten und zierlichen Bewegungen des Hundes mit denen der Hyäne verglich. Der Hund erschien auch dem Uneingeweihten gleichsam als ein Erzeugnis des hellen Tages, während die Hyäne sich als ein echtes Kind der Nacht kundgibt. Später habe ich mehrere der Tiere gesehen und einige auch gefangen gehalten. Ein ungestümer Mutwille, ein, wie es scheinen will, unbezähmbarer Drang zum Beißen, vielleicht ohne Absicht, dadurch wehe zu thun, sondern eher das Bestreben, die qued-silberne Lebendigkeit des regen Geistes zu bethätigen: dies scheint mir das eigentliche Wesen dieses Tieres zu sein. Jede Fiber zuckt und bewegt sich, sobald der Hyänenhund irgendwie in Aufregung gerät. Seine unglaubliche Regsamkeit nimmt das Gepräge der übertriebenen Lustigkeit an und erscheint einen Augenblick später als Wildheit, Hifßgkeit, Raublust.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II.

„Bellen hilft hier nichts“, läßt Grandville seinen Wolf sagen, „es muß gebissen werden“: hätte er den Steppenhund gekannt, er würde ihm dieses Wort in das Maul gelegt haben.

Jung aufgezogene Hyänenhunde gewöhnen sich bald an eine bestimmte Person, an ihren Wärter, an regelmäßige Besucher ihres Aufenthaltes und legen beim Erscheinen eines Freundes ihre Freude in einer Weise an den Tag wie kein anderes mir bekanntes Raubtier. Angerufen, erheben sie sich von ihrem Lager, springen wie unsinnig in dem Käfig und an dessen Wänden umher, fangen unter sich aus reinem Vergnügen Streit oder auch wohl ein Kampfspiel an, verbeißen sich ineinander, rollen sich auf dem Boden hin und her, lassen plötzlich voneinander, durchmessen laufend, hüpfend, springend den Käfig von neuem und stoßen dabei ununterbrochen Laute aus, für welche man keine Bezeichnung findet, da man sie doch nicht, wie man gern thun möchte, ein Gezwitscher nennen darf. Tritt der Mensch, welcher die ganze unsägliche Lustigkeit hervorgerufen, in den Käfig, so wird er augenblicklich umlagert, umsprungen, durch die wundersamsten Laute begrüßt und vor reiner Zärtlichkeit — gebissen, mindestens gezwickt. Unbeschreibliche Lebhaftigkeit ist diesen Tieren eigen von Jugend auf. Es mag nicht unmöglich, muß aber gewiß sehr schwer sein, sie zu zähmen: gelänge es, so würde man an ihnen höchst nutzbare Jagdgehilfen gewinnen. Zu Haus- und Stubentieren eignen sie sich nicht; denn außer ihrer Bissigkeit haben sie noch einen Fehler: sie verbreiten, wie von Heuglin sehr richtig sagt, einen unerträglichen Geruch, einen noch schlimmeren fast als die Hyänen.

Bemerken will ich schließlich noch, daß gefangene Hyänenhunde sich ohne one le Umstände fortpflanzen und, was mir als das Wichtigste erscheint, bis zehn Junge wölfen; so wenigstens ist in einem Tiergarten beobachtet worden. Leider ergeht es auch ihnen wie so vielen gefangen gehaltenen Tieren: sie erliegen auch bei sorgfältigster Pflege früher oder später der Lungenschwindsucht, dem gewöhnlich unheilbaren Leiden, welches unter den Beständen unserer Tiergärten ebenso viele Opfer fordert wie unter den Menschen.

Sykes beschrieb einen Wildhund Indiens, den Kolsun, in welchem er den Stammvater aller Haushunde zu erkennen meinte. Das Tier, welches nach seiner Angabe größere Ahnlichkeit mit dem Windspiele als mit dem Wolfe oder Schakale haben soll, gehört einer dritten durch ihr nur 40zähniges Gebiß ausgezeichneten Untergattung der Wölfe (Cyon), deren Verbreitung merkwürdigerweise im großen und ganzen mit der des Tigers zusammenfällt, an und besitzt ungefähr die Verhältnisse eines mittelgroßen Windhundes, bei I m Gesamt⸗ und 20 cm (mit Haar 35-37 cm) Schwanzlänge, 45 —50 em Schulterhöhe, und ist bekleidet mit einem gleichmäßig dichten, aus ziemlich kurzen, nur an der Rute verlängerten Haaren bestehenden Pelze von schön braun- oder rostroter bis bräunlichgrauer, unterseits lichterer, auf der Schnauze, den Ohren, an den Füßen und der Schwanzspitze dunklerer Färbung. Hodgson bestimmte das Gewicht eines Rüden zu 12,3 kg.

Manche Forscher, wie Jerdon, Blyth, Sterndale, warfen den indischen Wildhund mit dem unten beschriebenen malayischen zusammen; andere glaubten, nach Hodgsons Vorgang, besonders wegen der bemerkenswerten Verbreitung, welche kein zweites indisches Säugetier besitzt, den im Himalaja und in Tibet gefundenen Wildhund als eine besondere Art von dem indischen trennen zu müssen. Nach Blanfords neuesten Untersuchungen ist jedoch diese Trennung nicht aufrecht zu erhalten. Unser Wildhund, in Indien Son-Ram- oder Ban⸗kutta, Dschangli, Kolsun, Kolsa ꝛc., im Himalaja Ram⸗- hun, Siddaki, Bhaosa, Buansu 2c., in Tibet Hasi und Phara genannt (Canis [Cyon] dukhunensis, Canis und Cuon primaevus, auch Cuon grayiformis und rutilans, Canis himalayanus), findet sich im ganzen Himalaja vom oberen Industhale und Kaschmir ostwärts bis Assam, im

östlichen Tibet, wo ihn Hodgson nachwies, und in allen waldreichen Gebieten Vorderindiens. Jerdons Angabe, daß er auch auf Ceylon heimisch und gemein sei, wird durch Kelaart und Tennent nicht bestätigt. Ob der in Barma vorkommende Wildhund der indische oder der malayische ist, muß noch unentschieden bleiben.

Als ein echter Waldbewohner haust der Kolsun oder Buansu vornehmlich in ausgedehnten Forsten, wohl auch im Dschangel; aber in den nördlichen, hochliegenden Teilen seines Verbreitungsgebietes, wo die Wälder fehlen, muß er sich auch in der offenen Landschaft

Kolsun (Canis dukhunensis). ½ natürl. Größe.

und im Gefelse zu behelfen wissen. Er scheint nirgends zahlreich zu sein und, weil er infolge seiner Jagdweise das Wild sehr beunruhigt und vertreibt, nicht lange in einem und demselben Gebiete zu verweilen. Er jagt in Meuten, deren Anzahl früher auf 50— 60 Stück angegeben wurde, nach neueren Beobachtungen indessen selten 20, in der Regel 2— 12 Köpfe beträgt; auch verfolgt er seine Beute ganz still oder läßt wenigstens nur in Zwischenräumen seine Stimme ertönen. Diese ist kein Bellen, sondern eher ein ängstliches Wimmern. Alle Berichte stimmen überein, daß er ein außerordentlich geschickter Jäger ist. Williamson, welcher ihn mehrmals bei der Verfolgung einer Beute beobachtet hat, glaubt, daß ihm kein einziges Tier bei einer längeren Jagd entkommen könne, und ebenso urteilt Sanderson. In der Jagdweise ähnelt er dem Hyänenhunde. Sobald die Meute ein Tier aufgestöbert hat, verfolgt sie es mit der größten Ausdauer, teilt sich auch wohl, um ihm den Weg nach allen Seiten hin abzuschneiden; selbst der schnellfüßige Hirsch soll ihr nicht entrinnen können.

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Kolſun (Canis dukhunensis). ½ natürl. Größe.

Der Hauptangriff erfolgt nicht von vorn und ist nicht nach der Kehle gerichtet, sondern nach den Flanken, nach den Weichteilen des hinteren Leibes, die durch blitzschnell während der Hetze angebrachte Bisse zerrissen werden, so daß die Eingeweide hervorquellen, worauf dann das verfolgte Tier sehr bald zusammenstürzt.

Da die Wildhunde sehr scheu sind und gut besiedelte Gegenden meiden, verursachen sie nicht regelmäßig Schaden unter Haustieren; indessen berichten Jerdon, Me Master und Blanford je einen Fall, daß selbst so wehrhafte Tiere wie Hausbüffel von ihnen überwältigt worden sind. Gewöhnlich jagen sie Hirsche, Antilopen, Schweine, sollen sich indessen auch an Bären, Leoparden und Tiger wagen. Obwohl nur Angaben der Eingeborenen vorliegen, sind doch erfahrene Jäger, wie Baldwin, Sterndale, Sanderson, durchaus geneigt, diese für richtig zu halten. Blanford hingegen meint, der Glaube sei dadurch entstanden, daß Wildhunde gelegentlich Leoparden und Tigern ihre Beute streitig machen und mit diesen zusammengeraten, wobei es harte Kämpfe und Tote auf beiden Seiten geben mag. Nicht glaubhaft find andere Berichte der Eingeborenen, wonach die Wildhunde ihren sehr scharfen Urin auf Buschwerk spritzen, durch welches sie das erwählte Opfer treiben, oder mittels des Schwanzes unmittelbar in die Augen des Tieres schleudern, um es im Zustande der Blendung zu überwältigen. Obwohl der Kolsun sehr kühn und raubgierig ist, so wird doch kein Fall berichtet, daß er sich am Menschen vergriffen habe. Sanderson hat ihn mehrmals hetzend beobachtet. Er schreibt: „Die Wildhunde jagen geleitet sowohl bei Gesicht wie bei Geruch, und ihre Ausdauer ist so groß, daß sie selten ein Tier vergeblich verfolgen werden. Eines Morgens jagten zwei Wildhunde einen Hirsch an meinem Zelte vorüber; der eine fiel zurück beim Erblicken des Lagers, der andere aber, der dicht an der Beute war, schnappte blitzschnell zweimal nach dem Unterleibe, bevor er sich davonmachte. Der Hirsch brach nach wenigen Fluchten mit heraushängenden Eingeweiden zusammen. Ein andermal sah ich einen von drei Wildhunden verfolgten stolzen Hirsch über eine Waldblöße fliehen. Die Verfolger hatten nur Zeit, einigemal nach den Flanken zu schnappen, denn wir warfen uns dazwischen. Auch dieser Hirsch ging nur noch wenige Schritte weit, fiel dann und wurde von einem meiner Leute gespeert. Ihm war ebenfalls der Unterleib auf- und das Kurzwildbret abgerissen; auf der Innenseite einer Keule fehlten etwa 2 kg Fleisch. Ahnliche Verwundungen könnten leicht auch einem Tiger beigebracht werden.“

Die Fortpflanzungszeit fällt inden Winter. Die Tragzeit ist nicht genau bekannt, währt aber, laut Blanford, etwa 2 Monate. Die Hündin wirft vom Januar bis März in Löchern und Höhlen sechs und manchmal noch mehr, nach Hodgson durchschnittlich aber bloß 2—4 Junge. Dieser Gewährsmann berichtet auch, daß es einmal gelungen sei, einen jungen Kolsun bis zu einem gewissen Grade zu zähmen; andere aber blieben jahrelang gleich scheu und wild. Die allgemeine Erfahrung geht vorläufig dahin, daß diese Wildhunde entweder gar nicht oder doch nur äußerst schwierig zu zähmen sind.

Die östliche Grenze der Verbreitung des indischen Wildhundes wird in Barma, überhaupt in den Ländern zwischen Assam und Tenasserim vermutet; und hier wird sich auch die ebenso zweifelhafte nordwestliche Grenze der Heimat des zweiten südasiatischen Wildhundes finden, welcher die Malayische Halbinsel, Sumatra und Java, vielleicht auch Borneo bewohnt. Der malayische Wildhund oder Adjag (Canis [Cyon] rutilans, C. sumatrensis, Cuon primaevus) ist kleiner und schwächer als sein indischer Verwandter und trägt ein gelblich fuchsrotes bis tief rostrotes, unterseits lichteres Haarkleid. Die Schwanzspitze ist schwarz. Der Adjag scheint sich in seiner Lebens- und Jagdweise nicht wesentlich vom Kolsun zu unterscheiden, nur wird von ihm nicht berichtet, daß er großen und wehrhaften Tieren

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