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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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nachstelle, wohl aber, laut H. O. Forbes, wenigstens auf Sumatra und Java, daß er seinen Urin in der bereits vom Kolsun erzählten Weise verwende. Er findet sich auf den genannten Inseln, soviel bis jetzt bekannt, von etwa 1000 m Höhe an bis zum Meeresstrande, wo er, nach Junghuhn, zeitweilig einer eigenartigen Beute nachzustellen pflegt. „Als ich“, schildert Junghuhn, „am 14. Mai 1846 aus dem Küstengebüsche des Tandjung-Sodong hervortrat und über das breite Sandgestade hinsah, bis zur jenseitigen Landzunge Pangarok

Adjag (Canis rutilans). ½ natürl. Größe.

oder Schildkrötenkrieg, glaubte ich ein Schlachtfeld vor mir zu erblicken. Hunderte von Gerippen der ungeheuer großen Schildkröten lagen auf dem Sande umher zerstreut. Einige schon von der Sonne gebleichte bestanden nur aus glatten Knochen, andere waren zum Teile noch von faulenden, stinkenden Eingeweiden erfüllt und wieder andere noch frisch und blutend: aber alle lagen auf dem Rücken. Hier ist der Ort, wo die Schildkröten auf ihrer nächtlichen Wanderung vom Saume des Meeres bis zu den Dünen und von da zurück zum Meere von den Wildhunden angefallen werden. Diese kommen in Trupps von 20— 30 Stück, packen die Schildkröte an allen zugänglichen Teilen ihres umpanzerten Leibes, zerren

Adjag (Canis rutilans). ½ natürl. Größe.

an den Füßen, am Kopfe, am After und wissen durch ihre vereinigte Kraft das Tier, ungeachtet seiner ungeheueren Größe, umzuwälzen, so daß es auf den Rücken zu liegen kommt. Dann fangen sie an allen Enden an zu nagen, reißen die Bauchschilder auf und halten an den Eingeweiden, dem Fleische und den Eiern ihr blutiges Mahl. Viele Schildkröten entfliehen ihrer Wut und erreichen, oft die zerrenden Hunde hinter sich herschleppend, glücklich das Meer. Auch eine erlangte Beute verzehren die Hunde nicht immer in Ruhe. In manchen Nächten geschieht es, daß der Herr der Wildnis, der Königstiger, aus dem Walde hervorbricht, einen Augenblick stille hält, stutzt, mit funkelnden Augen den Strand überspäht, dann leise heranschleicht und endlich mit einem Satze, unter dumpfschnaufendem Geknurre unter die Hunde springt, welche nun nach allen Seiten auseinander stieben und in wilder Flucht dem Walde zueilen. Ein abgebrochener, mehr pfeifender als knurrender Laut begleitet ihren Abzug. So führen sie in Wahrheit einen Kampf mit Bewohnern des Weltmeeres an einem Orte, außerordentlich wüst und schauervoll, welcher niemals von Sa: vanen besucht wird, dem Wanderer aber, welcher die Wildnis durchirrt, schon aus der Ferne erkenntlich ist an der Menge von Raubvögeln, welche hoch in der Luft darüber kreisen.“

Aber auch in bevölkerten Gegenden, bis hoch ins Gebirge hinauf, betreibt der Adjag seine wilde Jagd. Wie Junghuhn im Jahre 1844 erfuhr, durchzieht er zuweilen in Meuten von einem Dutzend und darüber die halbbebauten Gaue eines Höhengürtels von ungefähr 1000 m über dem Meere, überfällt nachts Ziegen und selbst Pferde, welche man auf der Weide gelassen oder in der Nähe der Dörfer im Freien an einen Pfahl gebunden hat, greift sie gemeinschaftlich und gleichzeitig an, beißt sich am After und den Geschlechtsteilen fest, reißt ihnen die weichen Teile des Bauches auf und weiß sie so zu bewältigen. Nach Versicherung der Javanen vergehen nach solchem Überfalle Jahre, in denen keine Spur von den wüsten Gästen bemerkt wird, ein Beweis, daß sie wie alle Verwandten weit im Lande umherschweifen. Aus den Beobachtungen von Forbes wäre noch zu entnehmen, daß unsere Tiere, ungleich ihren indischen Verwandten, vorwiegend auch laut zu jagen pflegen: „Das Gebell“, schreibt dieser Gewährsmann auf Java, „von Adjags erreichte oft mein Ohr, aber alle meine Bemühungen, fie beim Jagen zu beobachten, waren vergeblich. Sie find jo scheu und vorsichtig, daß es schwer ist, einen zum Schusse zu bekommen, und ich erhielt nur ein einziges Stück in schlechtem Zustande.“

Über Versuche, diesen Wildhund zu zähmen, sind keinerlei Mitteilungen zu finden. Ich sah einen Adjag im Tiergarten von Amsterdam, wohin er von Tscheribon (Java) gebracht worden war. In mancher Hinsicht ähnelt er dem zahmen Hunde. Er läuft, sitzt, liegt zusammengekauert wie dieser, |

„Er knurrt und zweifelt, legt sich auf den Bauch, Er wedelt — alles Hundebrauch“. Aber der erste Blick auf ihn genügt, um in ihm ein von unserem Hunde durchaus verschiedenes Tier zu erkennen. Allerdings läßt sich nicht so leicht beschreiben, worin der Unterschied liegt; allein der vergleichende Blick eines Naturkundigen, welcher lebende Tiere zu beobachten gewohnt ist, will meiner Ansicht nach nicht weniger sagen, als etwaige Maßunterschiede oder ein kleines Höckerchen mehr oder weniger auf einem beliebigen Zahne. Dem Adjag schaut der Wildhund so klar aus dem Gesichte heraus, daß man gar nicht zweifeln kann, wes Geistes Kind man vor sich hat. Kein einziger Haushund hat einen solchen Gesichtsausdruck wie irgend ein wilder; selbst der Hund der Eskimos ist, wenn man ihm ins Gesicht schaut, vom Wolfe zu unterscheiden: der Adjag aber sieht so wild aus wie nur irgend einer seiner freilebenden Verwandten.

Der Gefangene in Amsterdam wurde nur mit Fleisch gefüttert; andere Stoffe rührte er nicht an. Gegen seine Wärter zeigte er nicht die geringste Anhänglichkeit. Er lebte in

Feindschaft mit Menschen und Tieren. Bei Tage schlief er fast immer, nachts war er lebendig und raste oft wie unsinnig im Käfige umher. Mehr habe ich leider nicht erfahren können. Die Abbildung auf S. 69 hat Mützels Künstlerhand nach zwei Adjags entworfen, die er 1881 im Tiergarten zu London beobachten konnte.

Als dritter im Bunde tritt in den Gebirgsländern Ost- und Mittelasiens der Alpenhund oder Alpenwolf, Subri der Sojoten und Burjäten, Dscherkul der Tungusen (Canis [Cyon] alpinus, Cuon alpinus) auf. Giebel hält ihn für eine Unterart unseres Wolfes, mit welchem er aber wegen der merklich geringeren Größe und abweichenden

Alpenwolf (Canis alpinus). ½ natürl. Größe.

Behaarung und Färbung kaum verglichen werden kann; Gray findet durch Vergleichung seines und des Schädels vom Kolsun, daß er mit diesem große Ahnlichkeit hat, Scully hingegen weist nach, daß er sich von ihm durch viel größere obere Backenzähne unterscheidet. Ein schönes Stück des Berliner Museums ähnelt einem sehr großen zottigen Schäferhunde, hat breiten Kopf mit abgestumpfter Schnauze, mäßig großen Augen und mittelhohen, oben abgerundeten, außen und innen dicht behaarten Ohren, kräftige Glieder und langen, bis zum Boden herabreichenden Schwanz, ist 153 m lang, wovon der Schwanz 35 cm wegnimmt, und 45 cm hoch; der Pelz ift sehr lang, straff und hart, das zwischen den Grannen stehende Wollhaar dicht, weich und lang, die Fahne außerordentlich weich und buschig, das Haar der Oberseite an der Wurzel dunkel rötlichgrau, in der Mitte rostrot, an der Spitze schwarz oder weiß, wodurch hier eine fahlroströtliche Färbung hervorgebracht wird, während die Unter- und Innenseite sowie der Pfotenteil der Läufe blaß isabellgelb aussehen.

Alpenwolf (Canis alpinus). ½ natürl. Größe.

Abgegrenzte Farbenfelder bemerkt man nur am Vorderteile der Beine, wo das allgemeine Rostfahlrot oder Rostfahlgelb der Oberseite neben dem lichten Isabellgelb der Unterseite als länglicher Flecken sich zeigt. Der Schwanz ist merklich dunkler als der Oberkörper, etwa fahlgrau. Das Ohr trägt außen rötlichgelbe, innen weißliche Behaarung. |

Über Verbreitung und Sitten des Tieres berichtet Radde. Der Alpenwolf tritt in den Gebirgen, denen die östlichen Quellzuströme des Jenissei entspringen, strichweise häufig auf, wird aber ebensowohl von den Burjäten und Sojoten wie von den russischen Jägern nicht gejagt, sondern nur beiläufig erbeutet. Mehr der geringe Wert seines groben Pelzes als die Furcht vor ihm ist Ursache, daß man ihm nicht besonders nachstellt. Sein Vorkommen scheint an gewisse Ortlichkeiten geknüpft zu sein, an solche, welche zu den wildesten Gebirgsgegenden gehören und von den Hirschen besonders gern als Standorte gewählt werden. So ist er im Jagdgebiete der Karagassen westlich vom mittleren Okalaufe noch in Trupps von 10 bis 15 Stück vorhanden und geht dort den Hirschen, ganz besonders den Hirschkühen und Kälbern, nach. Vereinzelter lebt er im Gebiete der Sojoten, namentlich am Schwarzen Irkut, wo er sich vornehmlich an Steinböcke hält. Im oberen Irkutthale hatte er im Jahre 1859 die Hirsche dergestalt versprengt, daß die Jagden auf sie erfolglos blieben. Im südlichen Apfelgebirge erkundigte sich Radde vergeblich nach ihm, erfuhr dagegen in den Hochsteppen Dauriens, daß der Dscherkul hier zuweilen vorkomme. In den e des unteren Amur ist er häufig. Von den Jägern im Amurthale wird der Alpenwolf gefürchtet. Die von ihm gebildeten Meuten umzingeln ihre Beute und fällen fie sicher. Dem Jäger, welcher diese Raub: tiere in größerer Anzahl antrifft, bleibt nichts übrig, als sich auf einen Baum zu flüchten. Hirsche und Steinböcke werden von den Alpenhunden zu Felsabstürzen getrieben, angeschossene Stücke verfolgt und sehr bald niedergerissen. Angesichts der Beute lassen sie einen pfeifend zischenden Laut vernehmen und stürzen sich so gierig auf den Fraß, daß man sich ihnen sehr gut nähern kann. Ein Radde bekannter Birar-Tunguse erlegte von vier Alpenhunden, welche ihm einen eben angeschossenen Hirsch streitig machten, drei nacheinander, ohne daß die überlebenden durch das Zusammenstürzen der getöteten sich bei ihrer Mahlzeit hätten stören lassen. Von den kundigen Eingeborenen werden sie übrigens als sehr schlaue und schnelle Tiere geschildert. Starke, alte Männchen führen die Meute, und zwar nehmen gewöhnlich ihrer mehrere die Spitze. Erfahrene Jagdhunde folgen der Spur ihrer Verwandten nicht, kehren vielmehr wie nach erkannter Tigerspur furchtsam, mit gesträubtem Rückenhaare, zum Herrn zurück. Das Fleisch wird nicht gegessen, das Fell von den russischen Kaufleuten nicht begehrt. Von Radde verlangte man freilich 6— 10 Rubel dafür, aber nur, weil man merkte, wie viel ihm an einem vollständigen Balge gelegen war.

In einer Beziehung der vorgeschrittenste aller Hunde ift der Waldhund der brafi-lischen Urwälder, der die letzte Untergattung der wolfsartigen Hunde bildet. Diese Untergattung (Ietieyon) wird gekennzeichnet durch das gewöhnlich nur noch aus 36 Zähnen bestehende Gebiß, wie es kein anderer Hund besitzt.

Der Wald- oder Buschhund (Canis [Icticyon] venaticus, Cynogale venatica, Cynalicus melanogaster), der von manchen Schriftstellern zu den Mardern gestellt worden ist, hat einen dicken, kurz- und breitschnauzigen Kopf, einen mittelgroßen, gedrungenen Körper mit kurzen, kräftigen Beinen und kurzem Schwanze. Der ziemlich langhaarige Pelz ist im großen und ganzen braun. Das dunkle Gesicht erinnert an das des Vielfraßes.

Das seltene Tier führt ein nächtliches Leben im dichten Urwalde, und deswegen ist auch fast nichts über sein Wesen und Treiben bekannt. Kappler berichtet über ihn aus

Surinam: „Er soll im Innern vorkommen und in Rudeln jagen. Ich bin ihm zwar nie begegnet, doch brachte man mir einen halbwüchsigen lebend. Er war außer dem 6 Zoll langen, kurz behaarten Schwanze bei 2 Fuß lang und 1 Fuß hoch, dunkel grauschwarz von Farbe, Hals und Kopf gelbbraun. Er war äußerst wild, fraß nichts und kläffte und knurrte, sobald man sich dem Käfige näherte, weshalb ich ihn tötete.“

Ein junger Waldhund, welcher im Londoner Tiergarten gepflegt wurde, benahm sich gänzlich wie ein spiellustiger junger Hund.

„Durch den Verstand des Hundes besteht die Welt.“ So steht im Vendidad (Gesetzbuch), dem ältesten und echtesten Teile des Zen davesta, eines der ältesten Bücher der Menschheit. Für die erste Bildungsstufe des Menschengeschlechtes waren und sind noch heute diese Worte eine goldene Wahrheit. Der wilde, rohe, ungesittete Mensch ist undenkbar ohne den Hund, der gebildete, gesittete Bewohner des angebautesten Teiles der Erde kaum minder. Mensch und Hund ergänzen sich hundert- und tausendfach; Mensch und Hund sind die treuesten aller Genossen. Kein einziges Tier der ganzen Erde ist der vollsten und ungeteiltesten Achtung, der Freundschaft und Liebe des Menschen würdiger als der Hund. Er ist ein Teil des Menschen selbst, zu dessen Gedeihen, zu dessen Wohlfahrt unentbehrlich. „Der Hund“, sagt Cuvier, „ist die merkwürdigste, vollendetste und nützlichste Eroberung, welche der Mensch jemals gemacht hat. Die ganze Art ist unser Eigentum geworden; jedes Einzelwesen dieser gehört dem Menschen, seinem Herrn, gänzlich an, richtet sich nach seinen Gebräuchen, kennt und verteidigt dessen Eigentum und bleibt ihm ergeben bis zum Tode. Und alles dieses entspringt weder aus Not noch aus Furcht, sondern aus reiner Liebe und Anhänglichkeit. Die Schnelligkeit, die Stärke des Geruchs haben für den Menschen aus ihm einen mächtigen Gehilfen gemacht, und vielleicht ist er sogar notwendig zum Bestande der Gesellschaft des Menschenvereins. Der Hund ist das einzige Tier, welches dem Menschen über den ganzen Erdboden gefolgt ist.“

Der Hund ist wohl würdig, daß ich ihn ausführlich behandle und trotz seiner scheinbaren Allbekanntschaft hier sehr mit Lust und Liebe seiner gedenke. Soweit sich das Menschengeschlecht ausgedehnt hat, findet man auch ihn, und selbst die armseligsten, ungesittetsten und ungebildetsten Völker haben ihn zu ihrem Genossen, Freunde und Verteidiger. Aber weder Sage noch Forschung hat uns bisher über seine Vorfahren genügenden Aufschluß gegeben: über die Abstammung des wichtigsten aller Haustiere gehen die Ansichten noch weit auseinander. Es gibt kein anderes Tier, über welches so viele Mutmaßungen, so viele Annahmen ausgesprochen sind. „Will man den Haushund“, sagt Blasius, „als Art von den übrigen Wölfen trennen, so gibt es noch jetzt keine besseren Merkmale als der links gekrümmte Schwanz, wie es Linné angibt. Das naturgeschichtliche Schicksal des Hundes gleicht dem des Menschen. Daß der Hund sich dem Herrn der Erde ganz unterworfen und angeeignet hat, ist von Folgen gewesen, wie wir ihresgleichen in der Tierwelt nicht finden. Das Vorhandensein des Hundes ist mit dem des Menschen so eng verschmolzen, der Hund hat sich, wie der Mensch, den mannigfaltigsten und gegensätzlichsten Natureinflüssen in einem solchen Maße unterwerfen müssen, um den ganzen Erdkreis erobern und beherrschen zu helfen, daß von seinem ursprünglichen Naturzustande wie von dem des Menschen nur willkürliche Vermutungen uns Kunde geben können. Doch gilt dies bloß von seinen leiblichen Eigentümlichkeiten. Über sein geistiges Wesen können die Stimmen nicht geteilt sein. Der Hund ist nach

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