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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Sechsbindengürteltier (Dasypus sexcinctus). "s natürl. Größe. |

verschiedenen Feinden geradezu widerstandslos preisgegeben sein, wenn sie nicht andere Kunststücke verständen. Was ihnen an Gewandtheit gebricht, wird durch ihre große Muskelkraft ersetzt. Diese zeigt sich besonders in der Schnelligkeit, mit welcher sie sich in die Erde eingraben, und zwar an Stellen, wo eine Haue nur mit Mühe eindringt, z. B. am Fuße von Termitenhügeln. Ein ausgewachsener Tatu, welcher einen Feind in der Nähe wittert, braucht nur 3 Minuten, um einen Gang zu graben, dessen Länge die seines Körpers schon um ein beträchtliches übertrifft. Beim Graben kratzen die Gürteltiere mit den Nägeln der Vorderfüße die Erde auf und scharren mit den Hinterfüßen den aufgelockerten Teil derselben hinter sich. Sobald sie sich über Körperlänge eingegraben haben, ist selbst der stärkste Mann nicht mehr im stande, sie am Schwanze rückwärts aus der Röhre herauszuziehen. Da ihre Höhlen niemals größer sind, als zum Einschlüpfen eben erforderlich, brauchen sie nur ihren Rücken etwas zu krümmen, dann leisten die Ränder der Binden nach oben und die scharfen Klauen nach unten hin so starken Widerstand, daß alle Manneskraft vergeblich ist, ihn zu bewältigen. Azara sah, daß man ohne Erfolg einem Tatu, um ihn leichter herauszuziehen, ein Messer in den After stieß: das Tier hielt sich krampfhaft fest und grub dann weiter. Oft befreien sie sich auch, wenn man sie bereits aus der Höhle herausgezerrt hat, indem sie sich plötzlich zusammenbiegen und, einer Springfeder gleich, wieder ausstrecken. Hensel bestätigt diese Angabe älterer Forscher und fügt hinzu, daß der gefangene Tatu sich absichtlich verstelle, scheinbar voller Entsagung in sein Schicksal ergäbe, sofort aber zu befreien suche, falls er fühle, daß der feste Halt der Hand nachgelassen habe.

Je nach dem Zeitpunkte der Begattung wirft das Weibchen im Winter oder im Frühjahre, trotz seiner geringen Zitzenzahl, 4—6 Junge und hält fie während einiger Wochen sorgsam in seiner Höhle versteckt. Die Jungen lassen sich schwer unterscheiden, und die Brasilier glauben deshalb, daß alle eines Wurfes desselben Geschlechtes seien. Wahrscheinlich dauert die Säugezeit nicht lange; denn man sieht die Jungen bald im Felde umherlaufen. Sobald sie einigermaßen erwachsen sind, geht jedes seinen eigenen Weg, und die Alte bekümmert sich nicht im geringsten mehr um ihre Sprößlinge. Überhaupt findet man die Gürteltiere immer einzeln und höchstens die Mutter mit ihren saugendenJungen in einem und demselben Baue. Man jagt den Tatu gewöhnlich bei Mondschein. Der Jäger bewaffnet sich mit einem dicken Stocke von hartem Holze, welcher am Ende spitz oder auch keulenförmig zuläuft, und sucht mit einigen Hunden das Wild auf. Bemerkt der Tatu die Hunde noch rechtzeitig, so flieht er augenblicklich nach seiner eigenen Höhle oder gräbt sich so schnell wie möglich und zwar viel lieber, als er in einem fremden Baue seine Zuflucht sucht, eine neue. Kommen ihm die Hunde aber auf den Leib, ehe er die Höhle gewinnt, so ist er verloren. Da sie ihn mit den Zähnen nicht anpacken können, halten sie ihn mit der Schnauze und den Pfoten fest, bis der Jäger hinzukommt und ihn durch einen Schlag auf den Kopf erlegt. Geübte Hunde suchen, laut Hensel, den laufenden Tatu mit der Nase umzuwenden, um ihn an der Unterseite angreifen zu können, und zerreißen ihn, sobald dies geschehen ist, augenblicklich im buchstäblichen Sinne des Wortes, wobei der Panzer unter ihren Zähnen kracht, wie wenn Eierschalen zerdrückt werden. Ein Tatu im Baue entgeht den Hunden immer, weil ein Nachgraben von ihrer Seite stets erfolglos bleibt, auch wenn der Bau nicht tief ist; denn das Gürteltier gräbt schneller weiter, als die größeren Hunde folgen können. Wenn es von den Hunden gepackt ist, denkt es nie daran, sich irgendwie zu verteidigen, obgleich es augenscheinlich mit seinen Krallen bedeutende Verletzungen beibringen könnte. Azara sagt, daß es durchaus kein streitbares Wesen habe, sondern im Gegenteile selbst noch friedlicher sei als das Opossum, welches, so feig es sich auch anstelle, doch zuweilen tüchtig beiße. Hat sich der Tatu aber noch rechtzeitig in seine Höhle geflüchtet, so wird diese von dem Jäger mit einem

Stocke so lange vergrößert, bis sie weit genug ist, daß er ihn am Schwanze ergreifen kann. Hält sich der Tatu in einem tieferen Baue auf, so läßt sich dieses Verfahren freilich nicht anwenden; denn hier liegt er nicht weit von der Mündung des Baues auf einem Lager von Blättern und flieht nicht, auch wenn die Hunde schon am Loche zu arbeiten beginnen. Erst wenn man einen Halm oder Stock hineinsteckt, eilt er brummend und polternd in die Tiefe. Hat man Wasser in der Nähe, so füllt man oft erfolgreich die Röhre mit diesem an und nötigt dadurch das Tier, den Bau zu verlassen, oder man richtet an dessen Mündung eine Falle her, welche es beim Heraustreten erschlägt.

Bei der Unmasse von Höhlen, welche man da findet, wo die Tiere häufiger sind, würde es schwer sein, die bewohnten von den verlassenen zu unterscheiden, wüßten die geübten Indianer nicht kleine Anzeichen zu deuten. Nach den bewohnten Höhlen hin sieht man eine eigentümliche Spur im Sande verlaufen, eine kleine, seichte Rinne nämlich, welche von dem nachschleppenden Schwanze gezogen wird. Vor der Höhle findet man auch gewöhnlich den Kot des Bewohners, weil dieser nie im Inneren des Baues abgelegt wird, und endlich bemerkt man in allen Höhlen, welche gerade Tatus beherbergen, eine Menge von Stechmücken schwärmen, — jedenfalls in der Absicht, dem wehrlosen Panzerträger an den nichtgeschützten Teilen seines Leibes Blut abzuzapfen. Diese Anzeichen genügen erfahrenen Jägern vollständig. Alle Gürteltiere sind den Südamerikanern verhaßte Geschöpfe, weil sie vielfache Unfälle verschulden. Die kühnen Reiter der Steppen, welche den größten Teil des Lebens auf dem Pferde zubringen, werden durch die Arbeit der Gürteltiere hier und da arg belästigt. Das Pferd, welches in gestrecktem Galopp dahinjagt, tritt plötzlich in eine Höhle und kann nebst dem Reiter verunglücken. Deshalb verfolgen die Eigentümer aller Meiereien die armen Panzerträger auf das erbittertste und grausamste. Außer den Menschen stellen ihnen die größeren Katzenarten, der brasilische Wolf und der Schakalfuchs nach; doch scheinen ihnen alle diese Feinde nicht eben viel Schaden zu thun, da sie an Orten, wo der Mensch sie in Ruhe läßt, immer in großer Anzahl vorkommen.

Selten werden in Paraguay Tatus aufgezogen. Sie sind zu langweilige und ihres Grabens wegen auch zu schädliche Hausgenossen, als daß sich der Mensch mit ihnen besonders befreunden könnte. Am Tage halten sie sich in einem Winkel ihres Käfigs ganz ruhig, ziehen die Beine unter ihren Panzer zurück und senken die spitzige Schnauze gegen den Boden, lieben es, wie Haacke mitteilt, aber auch, auf dem Rücken liegend und alle viere in die Luft gestreckt, zu schlafen, wobei sie oft krampfhafte, zitternde Bewegungen machen. Bei einbrechender Nacht beginnen sie umherzulaufen, nehmen die ihnen vorgelegte Nahrung zu sich und versuchen von Zeit zu Zeit mit ihren Nägeln ein Loch auszuscharren. Läßt man sie in einem Hofe frei, so wühlen sie sich zuweilen schon bei Tage, gewiß aber in der ersten Nacht in die Erde ein und leben dann wie im Zustande der Freiheit, d. h. zeigen sich bloß bei Nacht und graben sich alle 3 oder 4 Tage eine neue Höhle. Niemals beweisen sie durch irgend eine Handlung, daß sie erheblichen Verstand besitzen. Die Menschen scheinen sie kaum von anderen Geschöpfen, mit denen sie leben, zu unterscheiden; doch gewöhnen sie sich daran, von ihm berührt und herumgetragen zu werden, während sie vor Hunden und Katzen zu fliehen suchen. Erschreckt man sie durch einen Schlag oder starken Laut, so springen sie einige Schritte weit fort und versuchen sogleich ein Loch zu graben; werden sie geneckt, so gebrauchen sie, nach Haacke, ihren Stirnpanzer, den sie gegen den Störenfried anstemmen, als hauptsächlichste Verteidigungswaffe. In ihrem Laufe achten sie weder auf leblose Gegenstände noch auf lebende Tiere, welche ihnen im Wege liegen, sondern rennen über alles hinweg. Unter ihren Sinnen steht der Geruch obenan, das Gehör ist schwächer, und die Augen werden vom hellen Sonnenschein vollständig geblendet, sind auch in der Dämmerung nur zum Beschauen ganz nahe liegender Gegenstände befähigt.

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 43

Die Gürteltiere, welche man auch häufig nach Europa bringt und in einigen Tiergärten mit den Affen zusammensperrt, werden in der Gefangenschaft mit Würmern, Kerbtieren, Larven und rohem oder gekochtem Fleische ernährt, welch letzteres man ihnen aber in kleinen Stücken vorwerfen muß, weil fie von größeren nichts abbeißen können. Sie ergreifen die Speise mit den Lippen oder mit ihrer sehr ausdehnbaren Zunge. Bei einigermaßen entsprechender Pflege halten sie sich im beiten Wohlsein jahrelang, dienen willig oder willen: los den Affen zu Reittieren und Spielkameraden, lassen sich alles gefallen, gewöhnen sich an Spaziergänge bei Tage und schreiten auch wohl zur Fortpflanzung. Junge, welche im Londoner Tiergarten geboren wurden, kamen blind zur Welt, und ihre noch weiche Haut zeigte alle Falten und Felder des erwachsenen Tieres. Ihr Wachstum ging außerordentlich schnell vor sich; eines hatte in Zeit von 10 Wochen fast 1,5; kg an Gewicht gewonnen und 25 cm an Größe zugenommen. Im Kölner Tiergarten warf ein Weibchen zweimal je zwei Junge. „Über die Fortpflanzungsgeschichte dieser merkwürdigen Tiere“, schrieb mir Bodinus, „bin ich, trotzdem ich die gefangenen täglich vor Augen habe, noch ziemlich im Dunkel geblieben. Ich kann nur sagen, daß die Begierde des Männchens zur Begattungszeit geradezu ungezügelt ist. Es überfällt sein Weibchen in jeder Lage und treibt es lange umher. Die Geburt der Jungen überraschte mich; denn die Geschlechter sind schwer zu unterscheiden, und ich hatte durchaus keine Anderung in dem Umfange des Weibchens wahrgenommen. Ihre verhältnismäßig sehr großen Jungen wurden halbtot vor Kälte in der Streu des Käfigs gefunden. Das Weibchen bemühte sich, sie dort zu verscharren. Dabei stieß es die Jungen in der rohesten Weise umher, kratzte und schlug mit seinen Nägeln auf die armen Geschöpfe los, daß sie blutrünstig wurden, und erneuerte dieses Verfahren immer wieder, nachdem die Jungen, als sie fortgenommen und wieder erwärmt worden waren, hingelegt wurden, um sich saugend an der Mutter zu ernähren. Daran war aber nicht zu denken. Es war mir un: möglich, irgend eine Spur von Milch zu entdecken; die Milchdrüsen waren auch nicht im geringsten angeschwollen. Was die Mutter zu so unerträglichem Verfahren gegen die Jungen veranlaßt, konnte ich bis jetzt nicht ergründen, und fernere Beobachtung wird nötig sein. Sobald es mir gelingt, den trächtigen Zustand des Weibchens wahrzunehmen, will ich Vorkehrungen treffen, um dem Tiere ein möglichst naturgemäßes Wochenbett zu bereiten.“

Der Nutzen der Gürteltiere ist nicht unbedeutend. Bei reichlicher Weide werden die Tiere so feist, daß der ganze Leib gleichsam in Fett eingewickelt erscheint. Die Indianer essen deshalb das Fleisch aller Arten leidenschaftlich gern, die Europäer dagegen bloß das von zweien. Nach Kappler verliert das Fleisch einen ihm anhaftenden Moschusgeruch, wenn man es über Nacht in eine Lauge von Salz und Zitronensaft legt. Rengger versichert, daß gebratenes und mit spanischem Pfeffer und Zitronensaft versetztes Gürteltierfleisch eines der angenehmsten Gerichte sei. Alle übrigen Reisenden stimmen hiermit überein. „Das Fleisch des Tatu“, jagt Hensel, „ein Leckerbissen, ist zart und weiß wie das der Hühner, und das reichliche Fett gleicht im Geschmack vollständig dem von den Nieren des Kalbes.“ Seine Zubereitung geschieht, laut Tschudi, in höchst einfacher Weise. Man schneidet den Bauch des Tieres auf, nimmt die Eingeweide sorgfältig heraus, reibt Salz, Pfeffer und andere Gewürze ein und bratet den Tatu über Kohlen in seinem Panzer,bis dieser ziemlich versengt ist; dann löst sich der Panzer leicht von dem garen Fleische ab. Wahrscheinlich der etwas abenteuerlichen Gestalt des Tieres halber essen es die Brasilier nicht oft; die Neger hingegen lieben es sehr und stellen allen Gürteltieren deshalb eifrig nach. Im übrigen weiß man mit dem erlegten Tatu wenig anzufangen. Die Indianer Paraguays verfertigten aus dem Panzer kleine Körbe, die Botokuden aus dem abgestreiften Schwanzpanzer Sprachrohre; früher benutzte man die Panzerstücke auch wohl, um daraus Guitarrenböden zu machen.

Apar oder Matako nennen die Eingebornen, Bolita die Spanier das noch wenig bekannte Kugelgürteltier (Tolypeutes tricinctus, Dasypus apar und tricinctus, Tatusia apar und tricincta), den Vertreter einer anderen Gattung, dessen erste Beschreibung angeblich von einem zusammengesetzten Balge herrühren sollte. Doch bereits Azara gab eine so klare Schilderung, daß an dem Vorhandensein des betreffenden Tieres nicht gezweifelt werden konnte. Er sagt, daß sich der Matako nicht in Paraguay vorfinde, sondern erst ungefähr unter dem 36. Grade südlicher Breite vorkomme. „Einige nennen ihn Bolita, weil er der einzige unter allen Tatus ist, welcher, wenn er sich fürchtet oder gefangen werden soll, den Kopf, den Schwanz und die vier Beine versteckt, indem er aus dem

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