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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Kugelgürteltier (Tolypeutes tricinctus). Nach Zeichnungen von Göring. / natürl. Größe.

ganzen Leibe eine Kugel bildet, welche man wie einen Ball nach allen Richtungen rollen kann, ohne daß sie sich auflöst. Man kann die Kugel auch nur mit großer Gewalt aufrollen. Die Jäger töten das Tier, indem sie es heftig gegen den Boden werfen. Ich habe bloß einen einzigen gesehen, welcher mir geschenkt wurde; aber er war so schwach und krank, daß er schon am anderen Tage starb. Er hielt sich beständig in einer sehr zusammengezogenen Stellung, gleichsam kugelartig, und lief tölpisch, ohne seinen Leib auszustrecken, erhob dabei kaum die Beine und trat, anstatt auf die Sohlen, auf die Spitzen der größeren Zehen, welche er senkrecht stellte (also auf die Spitzen der Nägel), hielt auch den Schwanz so, daß er beinahe den Boden berührte. Die Hände und Füße sind viel schwächer als bei allen anderen und die Nägel nicht eben günstig zum Scharren. Deshalb zweifle ich auch, daß er sich Höhlen gräbt; wenn er wirklich in solche eintritt, sind sie wahrscheinlich von anderen seiner Sippschaft gemacht. Ich habe mich danach erkundigt, und alle behaupteten, daß man den Matako immer auf dem Felde finde. Es ist geradezu unmöglich, seinen Leib gegen seinen 43*

Kugelgürteltier (Tolypeutes tricinctus). Nach Zeichnungen von Göring. / natürl. Größe.

Willen auszustrecken, wie ich es oft bei anderen Tieren gethan, um sie zu messen. Die J Maße, welche ich gebe, habe ich von dem getöteten genommen. Seine Länge von der Schnauzenspitze bis zum Schwanzende beträgt 45 em, und der Schwanz mißt 7 em, er ist unten an der Spitze rund oder kegelförmig, an der Wurzel dagegen breitgedrückt. Die Schuppen sind auch nicht wie bei den übrigen, sondern ähneln mehr dicken Körnern und ragen weit hervor; der Harnisch der Stirn aber ist oben viel stärker als bei den übrigen und zusammengesetzt aus Schilderreihen und unregelmäßigen Stücken. Die Ohren erreichen, obgleich sie 2,5 em messen, nicht die Höhe des Harnisches, welcher ganz bedeutend den eigentlichen Kopf überragt. Das Rückenschild ist 6,5 em hoch und zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Spitze an jeder Seite aus, mit welcher das Tier nicht bloß sein Auge, sondern auch den größten Teil des Kopfes bedecken und schützen kann (wahrscheinlich wenn es sich zusammenrollt). Die drei Binden, welche der Matako besitzt, find auf dem Rücken 1,7 cm lang, verschmälern sich aber nach den Seiten zu, das Kreuzschild ist 15 em hoch. Alle einzelnen Schuppen der Schilder und Binden sind unregelmäßig, rauh, holperig, und jede ist wieder aus einer Menge kleinerer, unregelmäßiger Stückchen zusammengesetzt. Die Färbung des ganzen Tieres ist dunkelbleigrau, glänzend oder bräunlich, die Haut zwischen den Binden weißlich, an der Unterseite aber dunkel. Hier findet man kaum Schildchen, aber diese sind sehr dicht und groß auf den Außenseiten der vier Beine und an den Seiten, wo sich die Binden vereinigen. Dort bemerkt man auch die Muskeln, welche die Schilde zusammenziehen, um eine Kugel daraus au gestalten. Die einzelnen Pfoten find schuppenlos, obgleich sie einzelne Schildchen zeigen.“

Andere Reisende erzählen ebenfalls von diesem Gürteltiere und heben namentlich her: vor, daß die Hunde es mit großer Wut angreifen, weil fie nicht im stande find, den Panzer zu zerbeißen, und umsonst versuchen, das zusammengerollte Tier fortzuschleppen. Wenn sie die Bolita von der einen Seite packen, entschlüpft die große, glatte Kugel ihren Zähnen, und der Ball rollt auf den Boden, ohne Schaden zu nehmen. Dies erbittert alle Hunde aufs höchste, und ihre Wut steigert sich mehr und mehr, je weniger ihre Bemühungen von erwünschtem Erfolg begleitet sind, gerade so, wie es bei unserem Igel auch der Fall ist.

Anton Göring erhielt eine lebende Bolita aus San Luis im westlichen Argentinien, ihrer eigentlichen Heimat oder doch derjenigen Gegend, wo sie am häufigsten vorkommt. Dort lebt das Tier, ganz wie Azara angibt, im freien Felde, ob auch in selbstgegrabenen Höhlen, konnte Göring nicht erfahren. Die Eingeborenen nehmen es beim Fange der an: deren Gürteltiere, welche, wie bemerkt, eine Lieblingsspeise der Gauchos bilden, gelegentlich mit und töten es, falls sie es verzehren wollen, noch heute in der Weise, wie Azara es angegeben hat. Weil aber der Matako ein niedliches Geschöpf ist, findet er gewöhnlich Gnade vor ihren Augen und wird für die Gefangenschaft erhalten. Da spielen dann die Kinder des Hauses mit ihm, kugeln ihn hin und her oder lassen ihn auf einem Brette weglaufen und erfreuen sich an dem Geklapper, welches er durch sein sonderbares Auftreten hervorbringt. Göring wurde oft besucht und gebeten, seinen Gefangenen den Leuten vorzuführen. Obgleich das Tier noch nicht lange in der Gefangenschaft gewesen war, zeigte es sich doch vom ersten Augenblicke an zutraulich und nahm ohne weiteres das Futter, welches ihm vorgehalten wurde, aus der Hand. Es fraß allerlei Früchte und Blätter, namentlich Pfirsiche, Kürbisse und Salat, zwar nur, wenn man es ihm vorhielt, aber mehrmals am Tage, so oft man ihm etwas gab. Die Nahrung mußte man ihm, seiner kleinen Mundöffnung wegen, in dünne Stückchen schneiden; diese nahm es dann sehr zierlich zu sich. Es schlief ebenso—⸗ wohl bei Tage als bei Nacht. Dabei streckte es die Vorderbeine gerade vor sich hin, zog die Hinterbeine ein und legte sich auf sie und den Bauch, bog den Kopf herab und verbarg ihn zwischen den Vorderbeinen. Der Rücken zeigte sich in jeder Stellung sehr gewölbt: das Tier

war nicht im stande, sich eigentlich auszustrecken. Obgleich es in Gegenwart von mehreren Personen ganz ruhig fraß und umherlief, zog es sich doch augenblicklich zusammen, sobald man es berührte, wenn man es drückte, so stark, daß es zur fast vollendeten Kugel wurde. Ließ man von ihm ab, so streckte es sich allmählich wieder aus und setzte seine Wanderung fort. Auch wenn man die Kugel in die flache Hand legte, mit dem Rücken nach unten, rollte es sich langsam auf und streckte alle vier Beine gerade nach oben vor sich hin, zuckte auch manchmal mit dem Kopfe und den Vorderbeinen, machte aber sonst keine Anstrengung, sich zu befreien. Berührte man es an der Brust, so schnellte es die Vorderbeine hin und her; am Kopfe dagegen ließ es sich betasten, ohne zu widerstreben.

Es war ungemein zierlich und jede seiner Bewegungen, trotz ihrer Sonderbarkeit, wirklich anmutig. Der Gang auf den Spitzen der gegen 3 em langen, gebogenen Nägel hatte etwas höchst Überraschendes und verfehlte nie, die Verwunderung aller Zuschauer zu erregen. Wenn man es frei ließ, versuchte es so eilig wie möglich zu entfliehen; kam ihm aber ein Verfolger, z. B. ein Hund, auf die Fersen, so rollte es sich zur Kugel zusammen. Wenn man diese Kugel auf der Erde hinkollerte, blieb sie fest geschlossen; sobald aber die Bewegung aufhörte, wickelte das Tier sich auf und lief davon. Die Hunde bewiesen keine größere Erbitterung gegen die Bolita als gegen alle übrigen Gürteltiere.

Eine andere Gattung (Priodon) vertritt das Riesengürteltier, welches waldige Gegenden in Brasilien und Guayana bewohnt. Der Prinz von Wied erhielt überall Nachricht von ihm, bekam es aber niemals zu Gesicht. Er glaubt, daß es über den größten Teil von Brasilien verbreitet, ja vielleicht inganz Südamerika zu treffen ist. In den großen Urwaldungen fanden seine Jäger oft Höhlen oder Baue, namentlich unter den Wurzeln der alten Bäume, und man konnte von deren Weite einen Schluß auf die Größe des Tieres ziehen. Die eingeborenen Jäger versicherten, daß es hierin einem starken Schweine gleichkomme, und die Baue und noch mehr die Schwänze, welche der Prinz bei den Botokuden fand, schienen diese Aussage nur zu bestätigen. Am Rio grande de Belmonte fand letzterer unter den Botokuden Sprachrohre, welche geradezu „Tatuschwanz“ genannt wurden, von 36 em Länge und von 8 em Durchmesser an der Wurzel. Azara bemerkt, daß das Riesengürteltier sehr selten inParaguay wäre und keinen eigentlichen Namen habe. „Man findet es“, sagt er, „bloß in den ungeheuern Wäldern des nördlichen Teiles unseres Landes. Wenn einer von den Tagelöhnern, welche in der Gegend arbeiten, wo das Riesengürteltier sich aufhält, stirbt und, der Abgelegenheit von Friedhöfen wegen, an Ort und Stelle eingegraben werden muß, sind, wie man erzählt, die ihn zur Erde bestattenden Leute genötigt, das Grab mit starken und doppelten Stämmen auszulegen, weil sonst der Riesentatu den Leichnam ausgrabe und zerstückle, sobald er durch den Geruch an das Grab geführt werde. „Ich selbst habe das Riesengürteltier nur ein einziges Mal gesehen, und zwar zufällig. In einem Landhause erkundigte ich mich nach den Tieren der Umgegend und erfuhr von einem Alten, daß einige Nächte vorher die Knechte seines Hauses nahe am Walde ein großes Tier entdeckt hätten, vor dem sich die Pferde entsetzten. Einer der Burschen stieg ab und erkannte im Scheine des Vollmondes einen Tatu, welcher grub. Er packte ihn am Schwanze, erhob ihn, band ihm seine und seines Gefährten Wurfschlinge um den Leib und schleppte ihn vermittelst dieser nach Hause. Dort aber erhoben die Weiber aus Furcht ein Geschrei und ruhten nicht eher, bis die beiden Fänger ihre Beute getötet hatten. Am folgenden Tage erschienen dann die Nachbarn, um das merkwürdige Geschöpf zu sehen. Man zerstückelte seinen Leib, und der eine nahm den Harnisch mit sich, in der Absicht, Geigen- oder Guitarrenböden daraus zu fertigen, der andere die Klauen. Nachdem ich dies gehört, versuchte

ich zu erhalten, was ich konnte, und fand, daß die Vögel und Würmer fast alles Fleisch gefressen hatten, und daß auch der Kopf und der Schwanz bereits vollständig in Fäulnis übergegangen waren; doch sah ich noch außerdem ein Stück des Panzers, und zwar das Schulter- und Kreuzschild und die Schilder dazwischen, an welchen freilich viele Platten ihren Glanz verloren hatten. Nach diesen Resten habe ich meine Beschreibung entworfen.“ So viel konnte Azara in Erfahrung bringen

Aus später gemachten Untersuchungen ergibt sich, daß das Riesengürteltier (Priodon gigas, Dasypus giganteus, Prionodos und Prionodontes oder Cheloniscus gigas)

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eine Leibeslänge von Im und darüber erreicht und der Schwanz etwa halb fo lang wird; nach Kappler erreicht es ein Gewicht von 45 kg. Stirn und Schädel werden von sehr un: regelmäßigen Knochentafeln bedeckt. Der Schulterpanzer besteht aus 10 Gürtelreihen, zwischen denen sich hinten an den Seiten noch eine Reihe einschiebt; bewegliche Binden sind 12—13 vorhanden; der Hüftenpanzer enthält 16— 17 Reihen. Die Schilder find vier- oder rechteckig, auch fünf- oder sechseckig, die hinteren Reihen des Hüftenpanzers unregelmäßig; der Schwanz wird von viereckigen und unregelmäßigen Knochentafeln bedeckt. Überall drängen sich kurze Borsten hervor. Die Ohren sind kurz, breit, stumpf und mit runden Knochenwärzchen bedeckt. Die Färbung des Körpers, mit Ausnahme des weißlichen Kopfes, Schwanzes und einer Seitenbinde, ist schwarz. Gewaltige Krallen verstärken die kurzen, unbeweglichen Zehen. Die mittlere Klaue der fünfzehigen Vorderfüße ist ungemein groß; die Zehen der Hinterfüße dagegen tragen breite, flache, *aft hufförmige Nägel. Die Halswirbel

verwachsen teilweise jo, daß auf den ersten Blick nur ihrer fünf vorhanden zu sein scheinen. Die Wirbel tragen hohe, breite, untereinander sich berührende Dornen zur Stütze des schweren Panzers. Die 12 Kreuzwirbel verschmelzen untereinander und mit dem Hüft- und Sitzbeine. Die 12 Rippen sind sehr breit; das Brustbein besteht aus 6 Stücken. Der Oberarm ist stark gedreht, Schienen- und Wadenbein sind oben und unten innig verbunden. Das Merkwürdigste am ganzen Tiere dürfte jedoch das Gebiß sein. In der oberen Reihe finden sich je 24— 26, in der unteren Reihe je 22— 21 Zähne, von denen jedoch häufig mehrere ausfallen; immerhin aber enthält das Gebiß 90 - 100 Zähne oder wenigstens Werkzeuge, welche die Zähne vertreten. In der vorderen Hälfte der Reihen sind es nämlich bloß dünne Platten, und erst nach hinten zu werden sie allmählich dicker, eiförmig, rundlich und cylindrisch. Manche der vorderen Zahnplatten scheinen aus zwei Zähnen zusammengewachsen zu sein. Dem Stoffe nach ähneln sie denen der übrigen Gürteltiere. Was das Riesengürteltier mit dieser Masse von Zähnen anfängt, ist geradezu unerklärlich, da es sich, soviel man bis jetzt weiß, in der Nahrung durchaus nicht von den übrigen Arten unterscheidet. „In seinem Magen“, schreibt Kappler, „habe ich immer nur Käferlarven, Raupen, Maden und Würmer gefunden. Das Tier hat einen so starken moschusartigen Geruch, daß die Indianer es nicht essen. Wenn es gejagt wird, sucht es sogleich in seine Höhle zu kommen, aus der man es herausgraben muß. Es gräbt aber unter fortwährendem Fauchen so schnell weiter, daß ein Mann mit dem Spaten ihm kaum nachkommen kann.“

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