All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 174 of 185

Der innere Leibesbau zeigt manches Eigentümliche. Die Rippen, deren Anzahl zwischen 10 und 12 schwankt, haben außerordentliche Breite und berühren sich bei manchen Arten gegenseitig. In der Wirbelsäule verwachsen oft die Halswirbel, mit Ausnahme des ersten und zweiten, mehr oder weniger miteinander. Die Anzahl der rippenlosen Wirbel schwankt zwischen 1 und 6; das Kreuzbein besteht aus 8—12 und der Schwanz aus 16—31 Wir: beln. Bemerkenswert ist ferner die Stärke der Gliedmaßenknochen und Zehen. Das Gebiß ändert so ab, daß man nach ihm mehrere Unterfamilien gebildet hat. Bei keiner einzigen Familie schwankt die Anzahl der Zähne so außerordentlich wie bei den Gürteltieren. Einige Arten haben so viele Zähne, daß der Name Zahnarme für sie nur dann nicht unverständlich wird, wenn man festhält, daß der Zwischenkiefer immer zahnlos ist, oder wenn man die Bedeutungslosigkeit der Zähne erwägt. Man hat bis jetzt kaum mit hinreichender Sicherheit feststellen können, wie viele Zähne dieses oder jenes Gürteltier eigentlich besitze; denn auch

innerhalb derselben Art schwankt die Anzahl erheblich. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß diese Anzahl nie unter 8 in jeder Reihe beträgt und bis 26 in der einen und 24 in der anderen Reihe steigen kann, wodurch dann ein Gebiß von 96 100 Zähnen gebildet wird. Hier kann man allerdings nicht von Armut reden; allein die Wertlosigkeit dieser Gebilde ist so groß, daß sie eigentlich aufgehört haben, Zähne zu sein. Sie haben die Form seitlich zusammengedrückter Walzen, besitzen nur im Milchgebisse einer Gattung echte Wurzeln, sind höchstens von einer dünnen Schmelzschicht umgeben und ändern auch in der Größe außerordentlich ab. Gewöhnlich nehmen sie vom ersten bis gegen den mittelsten hin an Größe zu und dann wieder nach hinten allmählich ab; aber auch dies Verhältnis ist nicht regel-mäßig. Zudem sind die Zähne ungemein schwach. Sie greifen zwar ineinander ein, allein das Tier ist nicht im stande, kräftig zuzubeißen oder zu kauen. Die Zunge ähnelt der wurmförmigen der Ameisenbären, kann jedoch nicht so weit aus dem Maule hervorgestreckt werden und ist auch viel kürzer als bei diesen, dreikantig zugespitzt und mit kleinen, pilz- und fadenförmigen Warzen besetzt. Außerordentlich große Speicheldrüsen im Unterkiefer überziehen sie beständig mit klebrigem Schleime. Der Magen tft einfach, der Darm hat die 8—11fache Leibeslänge. Die Schlagadern bilden hier und da Wundernetze, aber nicht in der Ausdehnung wie bei den Faultieren. Gewöhnlich sind zwei, seltener vier Milchdrüsen vorhanden.

Alle Gürteltiere sind Bewohner des südamerikanischen Reiches bis hinauf nach Mexiko. Sie leben in spärlich bewachsenen und sandigen Ebenen, auf Feldern, und kommen bloß am Saume der Wälder vor, ohne in diese einzudringen. Nur während der Paarung finden sich mehrere der gleichen Art zusammen; während der übrigen Jahreszeit lebt jedes Gürteltier für sich, ohne sich um die übrigen Geschöpfe, mit Ausnahme derer, welche zu seiner Nahrung dienen sollen, viel zu kümmern. Alle Arten verbergen sich bei Tage soviel wie möglich und wühlen sich deshalb Gänge, die meisten nicht eben solche von großer Ausdehnung; eine Art aber lebt wie der Maulwurf unterirdisch. Die übrigen graben sich ihre Baue am allerliebsten am Fuße großer Ameisen- und Termitenhaufen, und dies aus dem sehr leicht einleuchtenden Grunde, weil ihre Nahrung vorzugsweise in Kerbtieren und deren Larven, namentlich auch in Ameisen, besteht. Würmer und Schnecken werden gelegentlich mit aufgenommen; in Fäulnis übergegangenes Aas wird ebensowenig verschmäht; manche nehmen auch gern Pflanzenkost. Mit Beginn des Abenddunkels erscheinen die gepanzerten Gesellen vor ihren tiefen, unterirdischen Bauen und strolchen eine Zeitlang umher, sich langsamen Schrittes von einem Orte zu dem anderen bewegend. Der flache Boden ist ihr eigentliches Reich; hier sind sie zu Hause wie wenig andere Tiere. So langsam und träge sie scheinen, wenn sie gehen oder sich sonst bewegen, so schnell und behend sind sie, wenn es gilt, sich in die Erde zu graben. Aufgescheucht, erschreckt und verfolgt wissen sie nichts anderes zu thun, als sich so recht im eigentlichen Sinne des Wortes der Erde anzuvertrauen. Und sie verstehen das Graben wirklich so meisterhaft, daß sie buchstäblich vor sichtlichen Augen sich versenken können. Ihre außerordentliche Wehrlosigkeit würde sie ihren Feinden schutzlos überliefern, wenn sie nicht diese Art der Flucht auszuführen verständen. Eine Art besitzt das Vermögen, sich in eine Kugel zusammenzurollen, wie unser Igel, thut dies jedoch bloß im alleräußersten Notfalle und beginnt wieder sobald wie möglich sich in die Erde zu vergraben und zuverstecken. Im Wasser wissen die anscheinend so ungefügen Tiere sich übrigens ebenfalls zu behelfen: Hensel sagt, daß sie sogar recht gut schwimmen und zwar mit schnellem Rudern nach Art eines Maulwurfes.

Die Gürteltiere sind harmlose, friedliche Geschöpfe von stumpfen Sinnen, ohne irgend welche hervorragende geistige Fähigkeiten, also durchaus nicht geeignet, mit den Menschen zu verkehren. Der, welcher sie gesehen hat, muß nach kurzer Beobachtung überzeugt sein,

reA(q

daß mit solchen gleichgültigen, dummen und langweiligen Geschöpfen sich nichts anfangen läßt. Entweder liegen sie stumpf auf einer und derselben Stelle, oder sie kratzen und scharren, um sich bald eine Höhle in die Erde zu graben. Ihre Stimme besteht in knurrenden Lauten, ohne Klang und Ausdruck. Auch die Gürteltiere gehen ihrer gänzlichen Ausrottung entgegen. Ihre Vermehrung ist gering. Einige Arten werfen zwar bis neun Junge; allein das Wachstum derselben geht so außerordentlich langsam vor sich, und die Tiere sind den vielen Feinden, welche sie haben, so wenig gewachsen, daß an Häufigwerden der Artgenossen nicht gedacht werden kann.

Die Familie zerfällt nach den Eigentümlichkeiten des Gebisses, der Eingeweide und Geschlechtswerkzeuge, der Anzahl der Zehen, der Beschaffenheit der Krallen und der Anzahl der Panzergürtel in sechs Gattungen, von denen eine (Tatusia) eine gesonderte Stellung den unter sich nahe verwandten übrigen fünf gegenüber einnimmt.

Die Gürteltiere oder Armadille (Dasypus) haben sämtlich mehr oder weniger dieselbe Gestalt. Der auf niederen Beinen stehende Leib ist gedrungen, der kegelförmige Schwanz mittellang, gepanzert und steif, der Schildpanzer knöchern und vollständig mit dem

Gerippe des Gürteltieres. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.

Leibe verwachsen. In der Mitte verlaufen sechs oder mehr bewegliche Gürtel. Alle Füße sind fünfzehig, die Krallen der Vorderfüße zusammengedrückt, die äußeren schwach nach auswärts gedreht.

Wir haben durch Azara, Rengger, den Prinzen von Wied, Tschudi, Hensel und andere vortreffliche Lebensbeschreibungen der Gürteltiere erhalten und sind hierdurch bis auf Geringfügigkeiten mit ihnen bekannt geworden. Alle Gürteltiere führen in der guaranischen Sprache den Geschlechtsnamen Tatu, welcher auch in die europäischen Sprachen herübergenommen wurde. Der Name Armadill ist spanischen Ursprungs und bedeutet eigentlich soviel wie Gerüsteter oder Gepanzerter. Man belegt mit dieser Benennung vorzugsweise das Sechsbindengürteltier, während man für die übrigen die guaranischen oder anderen Landesnamen beibehielt.

Eines der bekanntesten Gürteltiere, der Tatupoyu der Guarani, d. h. der Tatu mit der gelben Hand, unser Borstengürteltier (Dasypus villosus, Euphractes villosus, Tatusia villosa), aus den Pampas von Buenos Aires, hat unter allen Verwandten das häßlichste und schwerfälligste Aussehen. Der Kopf ist breit, oben flach und stumpfschnauzig, das Auge klein, das Ohr trichterförmig, mit roter, genetzter Haut überzogen, der Hals kurz und dick, der Rumpf breit, wie von oben nach unten gequetscht. Die kurzen, starken, fünfzehigen Füße tragen tüchtige Nägel. Der obere Teil des Kopfes ist mit einer Gruppe von unregelmäßigen sechseckigen Schildchen bedeckt; der Panzer hat über jedem Auge einen kleinen Ausschnitt. Auf dem Nacken finden sich 9 nebeneinander stehende, länglich-viereckige

Gerippe des Gürteltieres.

Schildchen, auf dem Vorderrücken seitlich 7, in der Mitte 5 Reihen von unregelmäßigen sechseckigen Platten. Auf diesen Schulterpanzer folgen 6 voneinander getrennte, bewegliche Gürtel von länglich-viereckigen Schildern und hierauf der Kreuz- oder Hüftpanzer, welcher aus 10 Reihen länglich-viereckiger Schildchen besteht. Diese liegen dicht bei einander; das letzte hat in der Mitte des hinteren Randes einen kleinen Ausschnitt. Der Schwanz ist nächst dem Rumpfe mit 5 voneinander getrennten Ringen bepanzert, welche aus viereckigen Schildchen zusammengesetzt sind; den übrigen Teil bedecken unregelmäßige sechseckige Schuppen. Endlich finden sich noch unter jedem Auge 5—7 em lange, wagerecht laufende, miteinander verbundene Schilderreihen und auch am Halse 2 dergleichen querlaufende, nicht zusammenhängende vor. Der Rücken der Füße und die vordere Seite der Vorderarme sind ebenfalls mit unregelmäßigen sechseckigen Schuppen bedeckt. Den übrigen Teil des Körpers hüllt eine dicke, gerunzelte Haut ein, auf welcher eine große Anzahl flacher Warzen steht. Am Hinterrande des Kopfschildes, des Schulterpanzers, der Rückengürtel, einzelner Schildreihen des Kreuzpanzers und der Schwanzringe zeigen sich einige steife Borsten, gewöhnlich 2 hinter jedem Schildchen. Solche Haare finden sich auch hinter den flachen Hautwarzen, welche die Zehen bedecken. Die Schildchen selbst sind verschieden gebaut. Bei den viereckigen verlaufen 2 Rinnen der Länge nach; die übrigen find mehr oder weniger eben. Ihre Farbe ist bräunlichgelb; durch die Reibung an den Wänden der Höhlen jedoch werden sie zuweilen lichtgelb oder gelblichweiß. Die Haut hat eine ähnliche Farbe wie der Rücken. Die Haare sind licht, die der bloßen Haut braun. Nicht selten findet man einzelne zu dieser Art gehörige Gürteltiere, welche anstatt 6 beweglicher Rückengürtel deren 7 und auf dem Hüftpanzer anstatt 10 Schilderreihen deren 11 haben. Die Länge beträgt 50 em, die Schwanzlänge 24 cm, die Höhe am Widerriste ebensoviel.

Das Sechsbindengürteltier (Dasypus sexcinctus, D. setosus und gilvipes), welches unsere Abbildung darstellt, ähnelt dem beschriebenen Verwandten, ist einschließlich des 20 em langen Schwanzes 56—60 em lang, trägt hinter und zwischen den Ohren ein aus acht Stücken bestehendes Schilderband, hat zwischen dem Schulter- und Rückenpanzer sechs breite Gürtel und bräunlichgelbe, oberseits dunklere Panzer- und blaßbräunlichgelbe Hautfärbung. Gürteltiere leben nicht in einem bestimmten Gebiete, sondern ändern öfters ihr Lager. Dieses besteht in einer gangförmigen, 1—2 m langen Höhle, welche von ihnen selbst gegraben wird. An der Mündung ist die Höhle kreisförmig und hat nach der Größe des Tieres einen Durchmesser von 20—60 cm; gegen das blinde Ende zu wird der Gang weiter und zuletzt kesselartig, sodaß das Tier im Grunde bequem sich umdrehen kann. Die Richtung des Ganges ist verschieden. Anfangs geht er schräg, etwa unter einem halben rechten Winkel geneigt, in die Tiefe hinab, dann wendet er sich bald gerade, d. h. wagerecht fort, bald biegt er sich nach dieser oder jener Seite hin. In solchen Höhlen bringen die Gürteltiere alle Zeit zu, welche sie nicht zum Aufsuchen ihrer Beute verbrauchen. In der Wildnis gehen sie, wenn der Himmel bewölkt und das grelle Sonnenlicht ihnen nicht beschwerlich fällt, auch bei Tage aus, in bewohnten Gegenden verlassen fie die Baue nicht vor einbrechender Dämmerung, streifen dann aber während der ganzen Nacht umher. Es scheint ihnen ziemlich gleichgültig zu sein, ob sie sich zu ihrer Höhle zurückfinden oder nicht; denn sie graben sich, falls sie den Weg verfehlt haben sollten, ohne weitere Umstände eine neue. Hiermit verbinden sie zugleich einen doppelten Zweck. Azara beobachtete, und andere Naturforscher bestätigen dies, daß die Gürteltiere ihre Baue hauptsächlich unter Ameisen- oder Termitenhaufen anlegen, weil sie hierdurch in den Stand gesetzt werden, ihre hauptsächlichste Nahrung mit größter Bequemlichkeit auch bei Tage einzusammeln. Sie unterwühlen

²˙)ĩ'.—defꝛnnal

solche Haufen und bringen es schließlich dahin, daß der Bau, für eine gewisse Zeit wenigstens, ausgenutzt wird. Dann kann ihnen nichts mehr an der alten Höhle liegen, und sie sind gewissermaßen gezwungen, sich eine neue zu graben, um einen erschöpften Boden mit einem frischen zu vertauschen. Nächst den Ameisen oder Termiten besteht ihre Nahrung vorzüglich aus Käfern und deren Larven, aus Raupen, Heuschrecken und Erdwürmern. Rengger bemerkte, daß ein Tatu Mistkäfer, welche sich in die Erde eingegraben, herausscharrte und hervorkommende Regenwürmer begierig aufsuchte und verzehrte, berichtigt aber die Meinung von Azara, welcher glaubte, daß kleine Vögel, nämlich Erdnister, sowie Eidechsen, Kröten und Schlangen vor den Nachstellungen der Gürteltiere nicht sicher seien, und glaubt auch, daß das Aas von ihnen bloß zu dem Zwecke aufgesucht werde, um die dort sich findenden Kerbtiere aufzufressen. Unzweifelhaft fest dagegen steht, daß Gürteltiere Pflanzennahrung

Sechsbindengürteltier (Dasypus sexcinctus). "s natürl. Größe. |

zu sich nehmen: Rengger hat solche in dem Magen der von ihm getöteten Tiere gefunden. Zwei sich gerade treffende Gürteltiere geben sich bei gelegener Zeit wohl auch ein Stelldichein und verweilen ein paar Minuten miteinander. Auf solchen nächtlichen Streifereien findet, wie Rengger bei Mondschein beobachtete, die Paarung statt. Männchen und Weibchen begegnen sich zufällig, beschnuppern sich ein paar Minuten lang, befriedigen ihren Geschlechtstrieb und jedes trollt weiter, so gleichgültig, als hätte es nie ein zweites Gürteltier in dieser Welt gesehen. Es läßt sich erwarten, daß die geschilderten Streifereien immer nur innerhalb eines kleinen Kreises stattfinden können. Der gewöhnliche Gang aller Armadille ist ein langsamer Schritt, die größte Beschleunigung, deren sie fähig sind, ein etwas schnellerer Wechsel der Beine, welcher sie immerhin so rasch fördert, daß ein Mensch sie nicht einholen kann. Sätze zu machen oder sich schnell und gewandt herumzudrehen, sind ihnen Dinge der Unmöglichkeit. Ersteres verwehrt die Schwerleibigkeit, das letztere der enge Anschluß des Panzers. So können sie also, wenn sie ihren Lauf auf das äußerste beschleunigen wollen, nur in gerader Richtung oder in einem sehr großen Bogen dahintrollen, und sie würden ihren

Continue reading
Page 174 of 185