Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
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Die hinteren Glieder sind bei weitem nicht so stark gebaut wie die vorderen; ihr Fuß ist mit fünf Zehen versehen, deren Nägel bloß 1—2 em lang, von den Seiten etwas zusammengedrückt, schwach gebogen und nach vorn gerichtet sind. Das Tier tritt mit der ganzen Sohle des Hinterfußes auf. Der lange, zottige Schwanz ist hoch und schmal und bildet eine wahre Fahne. Die Zunge, deren Dicke nicht mehr als 0,9 em beträgt, hat die Gestalt eines lan: gen, allmählich sich zuspitzenden Kegels und besteht aus zwei Muskeln und zwei drüsenartigen Körpern, welche auf ihrer Grundlage sitzen. Sie ist der Länge nach sehr en indem das Tier fie beinahe 50 em weit zum Maule herausstrecken kann. „Der Yurumi kommt in Paraguay nicht häufig vor und bewohnt die n oder doch wenig besuchten Felder im Norden des Landes. Er hat weder ein bestimmtes Lager noch sonst einen festen Aufenthaltsort, sondern schweift bei Tage auf den Ebenen umher und schläft, wo ihn die Nacht überfällt; jedoch sucht er zu letzterem Zwecke eine Stelle zu gewinnen, wo das Gras sehr hoch ist, oder wo sich einige Büsche vorfinden. Man trifft ihn gewöhnlich allein an, es sei denn, daß ein Weibchen sein Junges mit sich führe. Sein Gang ist ein langsamer Schritt oder zuweilen, wenn er verfolgt wird, ein schwerfälliger Galopp, mit welchem er aber so wenig vorrückt, daß ihn ein Mensch im Schritte einholen kann. Seine Nahrung besteht einzig und allein aus Termiten, Ameisen und den Larven von beiden. Um sich diese zu verschaffen, kratzt und reißt er mit den Nägeln seiner Vorderfüße die Baue und die Erdhaufen, welche jenen zur Wohnung dienen, auf, streckt dann seine lange Zunge unter die von allen Seiten herzuströmenden Kerbtiere und zieht sie, von ihnen überzogen, wieder in den Mund zurück. Dieses wiederholt er so lange, bis er gesättigt ist, oder bis keine Ameisen oder Termiten mehr zum Vorschein kommen. „Der Zeitpunkt der Begattung sowie die Tragzeit des Weibchens ist mir unbekannt. Es wirft im Frühjahr ein einziges Junges und trägt dieses einige Zeit lang mit sich auf dem Rücken umher. Das Junge scheint während mehrerer Monate zu saugen und soll, wenn es auch schon von Kerfen sich nähren kann, seine Mutter nicht verlassen, bis sie wieder trächtig ist. Wahrscheinlich gebraucht es, da ihm die Kraft zum Aufreißen der Termitenhügel noch mangelt, während dieser Zeit die Hilfe der Mutter, um leichter zu seiner Nahrung zu gelangen. Der vorzüglichste unter den Sinnen des Purumi ist der Geruch, dessen Organe sehr ausgebildet sind; auf diesen folgt das Gehör; das Gesicht scheint nur schwach zu sein. Der einzige Laut, den er von sich gibt, und nur wenn er in Zorn gerät, ist eine Art von Brummen. Es ist ein stilles, friedliches Tier, welches weder dem Menschen noch den anderen Säugetieren den geringsten Schaden zuzufügen sucht, es jet venn, daß es heftig gereizt werde. Man kann den Purumi auf offenem Felde weite Strecken vor sich hertreiben, ohne daß er widersteht. Wird er aber mißhandelt, so setzt er sich, wie schon Azara bemerkt, auf die Sitzbeine und die Hinterfüße und breitet die Arme gegen seinen Feind aus, um ihn mit seinen Nägeln zu fassen. „Ich habe lange Zeit einen Purumi besessen, welcher noch kein Jahr alt war, als ich ihn erhielt. Man hatte ihn in einer Meierei am linken Ufer des Nexay zugleich mit seiner Mutter eingefangen, welche aber nach wenigen Tagen starb. Ich zog ihn mit Milch, Ameisen und gehacktem Fleische auf. Die Milch nahm er schlürfend zu sich oder auch, indem er die Zunge darin badete und sie dann mit der wenigen, ihr anhangenden Flüssigkeit in den Mund zurückzog. Die Ameisen suchte er im Hofe und in den Umgebungen des Hauses R auf. Sowie er einen Haufen ausgewittert hatte, fing er gleich an, ihn aufzukratzen, und that dies so lange, bis dessen Bewohner in großer Anzahl zum Vorschein kamen; dann wälzte er seine Zunge unter ihnen herum und zog sie, mit Hunderten von ihnen übersäet, in den Mund zurück. Azara behauptet, daß der Yurumi feine Zunge in einer Sekunde zweimal ausstrecke und zurückziehe, was aber bei dem meinigen nicht der Fall war, indem
er, um dieses nur einmal zu bewerkstelligen, schon mehr als eine Sekunde brauchte. Die Ameisen bleiben übrigens nicht sowohl, wie von den meisten Schriftstellern angeführt wird, auf der Zunge kleben, als daß sie sich zu ihrer Verteidigung mit ihren Freßzangen auf derselben anklammern, was sie immer thun, wenn sie, gereizt, auf einen fremden Körper stoßen. Die schwachen und wehrlosen Termiten hingegen werden auf dem klebrigen Überzuge der Zunge wie auf einer Leimrute festgehalten. Mein Yurumi fraß nicht alle Arten von Ameisen gleich gern, sondern liebte besonders diejenigen, welche weder große Freßzangen noch Stacheln besitzen; eine ganz kleine Art, welche einen sehr stinkenden Geruch von sich gibt, verschmähte er gänzlich. Das fein gehackte Fleisch, mit dem ich ihn zuweilen ernährte, mußte ihm anfangs in den Mund gestoßen werden; später aber nahm er es wie die Ameisen vermittelst der Zunge zu sich. „Die Hälfte des Tages und die ganze Nacht brachte er schlafend zu, ohne sich dafür einen eigenen Platz zu wählen. Er schlief auf der Seite liegend und etwas zusammengerollt, indem er den Kopf zwischen die Vorderbeine steckte, die Glieder einzog, so daß sie sich berührten, und sich mit dem Schwanze bedeckte. War er wach, so ging er im Hofe umher und suchte Ameisen. Da er anfangs nicht nur die Zunge, sondern auch die Schnauze in die aufgescharrten Haufen steckte, so liefen ihm zuweilen die Kerfe über die Nase hinauf, wo er sie dann mit den Vorderfüßen recht gut wieder abzustreifen wußte. Er besaß, so jung er auch war, große Kraft. Ich vermochte nicht, mit meinen Händen seine zwei größeren Nägel an dem Vorderfuße zu öffnen, wenn er sie gegen die Fußsohle angedrückt hatte. Er zeigte mehr Verstand, als man bei den anderen sogenannten zahnlosen Säugetieren antrifft. Ohne die Menschen voneinander zu unterscheiden, war er doch gern um sie, suchte sie auf, gab sich ihren Liebkosungen mit Vergnügen hin, spielte mit ihnen und kletterte ihnen besonders gern in den Schoß. Folgsam war er übrigens nicht und gehorchte nur selten dem Rufe, obschon man an den Bewegungen seines Kopfes wohl sah, daß er ihn verstanden hatte. Er vertrug sich mit allen Haustieren und ließ sich von einigen Vögeln, wie von den Helm- und Höckerhühnern, welche ich gezähmt hatte, manchen kleinen Angriff gefallen, ohne sich zu erzürnen. Wurde er aber mißhandelt, so fing er an zu murren und suchte sich mit den Klauen seiner Vorderfüße zu verteidigen. „Fleisch und Fell des Yurumi werden bloß von den wilden Indianern benutzt; jedoch gibt es Landleute in Paraguay, welche das letztere, unter das Betttuch gelegt, für ein untrügliches Mittel gegen das Lendenweh halten und es auch dagegen gebrauchen. Selten macht jemand auf diesen Ameisenfresser Jagd; trifft man ihn aber zufälligerweise auf dem Felde an, so ist es ein Leichtes, ihn mit jedem Stocke durch einige Schläge auf den Kopf zu töten. Diese Tiere sollten übrigens vom Menschen eher beschützt als verfolgt werden; statt schädlich zu sein, gewähren sie im Gegenteile großen Nutzen, indem sie die Termiten und die Ameisen vermindern, welche in einigen Gegenden von Paraguay so überhandgenommen haben, daß dort keine Pflanzungen gedeihen können. Der Jaguar und der Kuguar find neben dem Menschen wohl die einzigen Feinde des Yurumi. Die fabelhaften Erzählungen der Einwohner von Paraguay über Kämpfe, welche zwischen ihm und dem Jaguar stattfinden sollen, hat schon Azara widerlegt.“
Von anderen Naturforschern erfahren wir, daß der Ameisenfresser außer in Paraguay fast den ganzen übrigen Osten von Südamerika bewohnt und sich daher vom La Platastrome bis zum Karibischen Meere verbreitet. Beim Gehen soll er den Kopf zur Erde senken und mit der Nase auf den Boden hinschnuppern. Den Schwanz trägt er dabei geradeaus gestreckt, aber die Rückenmähne hoch empor gesträubt, so daß er weit größer erscheint, als er wirklich ist. Außer Ameisen und Termiten haben neuere Beobachter auch noch viele Erde und Holzteile in seinem Magen gefunden, welche das Tier beim Aufnehmen der Ameisen
mit verschlingt. Man hat deshalb voreilig den Schluß gezogen, daß der Ameisenfresser auch Pflanzenstoffe verzehre, während andere die Erklärung geben, daß der Genuß dieser Holz- und Erdteilchen bloß dazu diene, um die Verdauung zu erleichtern. Daß der Yurumi außer seiner Hauptnahrung sehr gern auch Wurmasseln und Tausendfüße sowie Würmer verzehrt, falls diese nicht zu groß sind, unterliegt keinem Zweifel. Den Würmern soll er oft lange nachspüren und dabei mit seinen starken Klauen die morschen Stämme ganz zersplittern. Über die Fortpflanzung erfahren wir noch, daß das Junge der Mutter ein ganzes Jahr und darüber folgt und von dieser bei Gefahr durch kräftige Schläge mit den geballten Vorderpfoten verteidigt wird. Solange der junge Yurumi nicht im stande ist, die Termitenbaue aufzubrechen, soll die Alte für ihn sorgen.
Einige bemerkenswerte Mitteilungen über den Yurumi gibt Bates. Er erhielt einen erlegten; das absonderliche Wildbret wurde gebraten und erwies sich als vortrefflich, dem Fleische der Gans einigermaßen ähnlich. Die Bewohner von Caripe rührten es nicht an, weil es, wie sie sagten, nicht üblich wäre, es zu essen. Später verlor der Bates mit Fleisch versorgende Jäger seinen Hund durch einen Yurumi: dieser hatte den Hund durch feine Krallen auf den Tod verwundet. Auch aus dieser Angabe geht hervor, daß die Mitteilungen älterer Berichterstatter über die Verteidigungsfähigkeit des Ameisenbären keineswegs aus der Luft gegriffen sind. Tschudi erfuhr an sich selbst, daß mit einem gereizten Ameisenbären nicht zu spaßen ist: ein verwundeter und zusammengebrochener raffte sich wieder auf, stellte sich auf die Hinterbeine und packte ihn mit seinen ungemein kräftigen Armen. Kappler, welcher unser Tier in Surinam beobachtete, bestätigt ebenfalls, daß es Termitenbaue er-breche, und fügt hinzu, daß er im Magen auch kleine Käfer gefunden habe. Auch er bekräftigt die Wehrhaftigkeit des bedrängten Tieres und erzählt, wie übel es dem weißen Verwalter einer Pflanzung ergangen sei. Dieser begegnete einem Ameisenbären und glaubte ihn mit seinem langen Buschmesser erlegen zu können. Er setzte dem fliehenden nach, brachte ihm aber bloß einen leichten Hieb bei, worauf das Tier sich gegen seinen Verfolger wandte, ihn packte und so fest hielt, daß alles Ringen vergeblich war. Mensch und Ameisenbär rollten zu Boden, aber der Umklammerte kam nicht frei, und erst nach stundenlangem Hilferufen kamen Leute zum Beistande heran, worauf das Tier seinen Gegner freigab und sich davon machte. Der Verwalter war so übel zugerichtet worden, daß er sogleich ins Krankenhaus nach Paramaribo geschafft werden mußte, wo seine Herstellung sich monatelang hinzog.
In der Neuzeit sind gefangene Ameisenbären wiederholt nach Europa gebracht und bei zweckentsprechender Pflege auch jahrelang am Leben erhalten worden. Ich habe solche in den Tiergärten von London und Berlin gesehen, ohne sie jedoch längere Zeit beobachten zu können, und will deshalb einen Bericht Nolls im Auszuge wiedergeben. Der Ameisenbär zeichnet sich nach Angabe dieses Beobachters durch ruhiges und sanftes Wesen aus, läßt sich gern streicheln und kratzen und zeigt sich bei guter Laune Bekannten gegenüber sogar zum Spiele aufgelegt. Ganz ungefährlich ist solches Spiel allerdings nicht, weil sich das Tier unter Umständen auf den Hinterbeinen aufrichtet und mittels der beweglichen Krallen der Vorderfüße hierbei mit erstaunlicher Schnelligkeit Schläge austeilt. Große Kraft bekundet er beim Wühlen im Boden seines Geheges; denn mit 3 oder 4 Hieben seiner Krallen hat er in der harten Erdschicht eine so lange und tiefe Grube hergestellt, daß er bequem den Kopf darin verbergen kann. Nach Nahrung suchend, scharrt er täglich wohl an 10— 20 Stellen derartige Gruben aus. Ameisen erhält er dabei freilich nicht, sondern höchstens einen Regenwurm, den er aber auch begierig verzehrt. Viel Beweglichkeit besitzt das Tier in seinen Beinen, trotzdem sein Vorwärtskommen kein rasches genannt werden kann. Die e Vorderbeine werden oft zum Kratzen des Hinterrückens benutzt während die Hinterbeine bis in die Mähne vorgreifen können.
Der Ameisenbär ist entschieden ein Tagtier, welches seine Zeit regelmäßig eingeteilt hat. Im Sommer um 7 Uhr, später um 8 Uhr, erwacht er, nimmt sein Frühstück ein und ist darauf, je nach Laune, 2—4 Stunden in Bewegung, worauf er sich bis zum Mittagsmahle niederlegt. Auch nach diesem pflegt er wieder der Ruhe, um gegen 3 Uhr zur Hauptthätigkeit zu erwachen; denn immer zeigt er sich um diese Zeit am muntersten. Jetzt am meisten zum Spielen aufgelegt, galoppiert er zuweilen selbstvergnügt in seinem Gemache umher. Mit Eintritt der Dunkelheit legt er sich nieder, um die ganze Nacht bis zur Zeit der Morgenfütterung ruhig zu verschlafen. In der Ruhe nimmt er eine eigentümliche Stellung ein: er legt sich auf die Seite, zieht die Beine an, schiebt den Kopf zwischen die Vorderbeine und breitet den buschigen Schwanz so über den ganzen Körper aus, daß dieser unter der schützenden Decke vollkommen verschwindet.