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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Die gefangenen des Londoner Tiergartens erhalten rohes, fein geschabtes Fleisch und Eidotter als Futter; der von Noll beobachtete Hamburger Ameisenbär fraß außerdem sehr gern einen Brei aus Maismehl, welches mit heißer Milch angerührt und mit einem Löffel Sirup versüßt wurde, und es gewährte einen absonderlichen Anblick, das fremdartige Tier vor seiner Breischüssel stehen und diese mit seiner merkwürdigen Zunge ausfressen zu sehen. Mit kaum glaublicher Schnelligkeit, etwa 160mal in der Minute, fährt die schwärzliche, walzenrunde Zunge wohl 50 em weit aus dem Maule heraus und in den Brei, biegt sich darin um und zieht ebenso rasch kleine Teile der Speise mit in den Mund. Bei dieser Thätigkeit sondert sich reichlich Speichel ab, welcher die Zunge klebrig überzieht und besonders am Rande der Schüssel sich anhängt. Höchst überraschend war das Verhalten des Tieres zum Wasser. Bei seiner Ankunft zeigte es sich bezüglich der Reinhaltung entschieden verwahrlost; die Kopfhaare waren durch Schmutz verklebt und alle Körperteile voller Schorf. Gegen die mit Wasser versuchten Reinigungen wehrte sich der Ameisenbär derart, daß man, um Schaden zu verhüten, davon abstehen mußte, und da er auch ihm in Gefäßen vorgestelltes Trinkwasser niemals berührte, so glaubte man schon, das Tier besitze überhaupt Widerwillen gegen alles Wasser. Bald aber erfuhr man, daß er sich in einem größeren Becken mit sichtlichem Vergnügen badete und nach mehrmaligem Wiederholen dieses Verfahrens seine Haut vollkommen reinigte. Ebenso gern ging er in einen Teich und schwamm sogar an den tiefen Stellen munter umher.

Daß der Ameisenfresser, schließt Noll, nicht bloß für die Begriffe des Menschen eine abenteuerliche Gestalt besitzt, sondern auch auf die meisten Tiere die Wirkung der Überraschung und selbst des Schreckens hervorbringt, zeigte sich, als das Tier im Affenhause untergebracht werden sollte. Mächtiger Schrecken ergriff sämtliche Bewohner des Hauses; die Affen lärmten und tobten derartig, daß man ihre Käfige verhüllen mußte, und selbst ein Schimpanse vergrub sich angesichts des ihm entsetzlichen Tieres angsterfüllt in dem Strohe seines Wohnraumes.

Arals

Unter den übrigen Ameisenbären, welche Baumtiere find, ähnelt die Tamandıra, der

Caguare (Tamandua tetradactyla, tridactyla und bivittata, Myrmecophaga tamandua, bivittata, nigra, myosura, ursina und crispa), dem geschilderten Verwandten am meisten, wird aber trotzdem als Vertreter einer besonderen Gattung angesehen, weil er an den Vorderfüßen 4, an den Hinterfüßen 5 Zehen hat und sein Schwanz ein Greifschwanz ist. Wie uns Azara belehrt, bedeutet das Wort Caguare „Stänker des Waldes“, und diese Bezeichnung soll keineswegs aus der Luft gegriffen sein. Das Tier bewohnt so ziemlich dieselben Länder wie das vorige, reicht aber bis Peru hinüber. Seine Länge beträgt etwa Im, wovon ungefähr 60 em auf den Leib kommen; die mittlere Höhe wird auf 30-35 cm

Z

angegeben: der Caguare erreicht demnach kaum die halbe Größe des Yurumi. Er ist, obgleich er mit ihm bis auf den Schwanz viel Ahnlichkeit hat, fast noch häßlicher als dieser. Sein Kopf ist verhältnismäßig nicht so gestreckt, auch nicht in eine so lange Schnauze auslaufend, der Oberkiefer länger als der untere, der Hals groß, der Rumpf breit, die Ohren sind eiförmig und vom Kopfe abstehend; die Füße ähneln denen des Ameisenfressers, die Nägel der Vorderfüße sind 2,5 und 5 em lang, der Länge nach gebogen und an den Seiten zusammengedrückt, die der Hinterfüße kürzer, unter sich gleich lang und wenig gebogen. Der dicke, walzenförmige, muskelkräftige Wickelschwanz läuft stumpf nach der Spitze zu. Gerade, steife, rauh anzufühlende, glänzende Borstenhaare überdecken die Wollhaare, welche an Rauhigkeit den ersteren kaum etwas nachgeben und sich nur durch schwache Kräuselung unter: scheiden. Die einen und die anderen haben fast gleiche Länge; am Kopfe sind sie kurz, am

Tamandua (Tamandua tetradactyla). ½ natürl. Größe.

übrigen Körper etwa 8 em lang. Am oberen Ende des Schulterblattes bildet die Behaarung einen Wirbel, so daß die Haare vor dem Schulterblatte mit den Spitzen nach vorn, hinter demselben nach hinten stehen. Ihre Färbung ist am Kopfe, mit Ausnahme eines schwarzen Ringes ums Auge, ferner auf dem Nacken, Rücken, bis an das Kreuz, am Halse, an der Brust, an den Vordergliedern, von der Mitte des Oberarmes und an den hinteren vom Kniegelenke an sowie an den hinteren Teilen weißlichgelb; ein schwarzer Streifen zieht sich vom Halse rückwärts über die Schultern und Seiten des Körpers und nimmt so rasch an Breite zu, daß er an den Seiten und den Hinterschenkeln bereits die vorherrschende Farbe bildet. Die Färbung wird übrigens bloß durch die Spitzen der Haare hervorgebracht, denn die Wurzeln haben licht graulichgelbe Färbung. Die Spitze der Schnauze, die Lippen, Augenlider und Fußsohlen sind nackt und von schwarzer Farbe, die Ohren und der Schwanz nur dünn behaart. Junge Tiere sind durchaus weißlichgelb und nehmen erst' im zweiten und dritten Jahre allgemach die Färbung der erwachsenen an. Aber auch unter diesen finden sich Abänderungen: der schwarze Ring um die Augen fehlt, die sonst weißlichgelben Teile sind gräulich oder rötlichgelb ꝛc. |

Tamandua (Tamandua tetradactyla). ½ natürl. Größe.

Bis jetzt haben wir noch wenig über das Leben dieses merkwürdigen Geschöpfes erfahren können. In Paraguay und Brasilien lebt die Tamandua überall in den einsamen, bewaldeten Gegenden, gern am Saume der Wälder und in Gebüschen, manchmal nahe an den Wohnungen der Menschen. Sie hält sich nicht bloß auf dem Boden auf, sondern besteigt ebenso geschickt die Bäume, obgleich dies, wie bei den Faultieren, ziemlich langsam vor sich geht; dabei versichert sie sich, wie die echten Wickelschwänzler, sorgfältig mit dem Schwanze, auch im Sitzen. Ihr Gang ist zwar etwas schneller als der des Yurumi, aber doch immer noch sehr langsam, wie sie überhaupt als träges, stumpfsinniges Tier gelten muß. Um zu schlafen, legt sie sich auf den Bauch, befestigt sich mit dem Schwanze, legt den Kopf mit der Schnauze gegen die Brust und deckt ihn ganz mit ihren beiden vorderen Armen zu. Ihre Nahrung besteht, wie die des Yurumi, vorzugsweise aus Ameisen, und zwar hauptsächlich aus solchen, welche auf Bäumen leben. Der Prinz von Wied fand in ihrem Magen nur Termiten, Ameisen und deren Puppen, glaubt aber, daß sie vielleicht auch Honig fresse. Verschluckte Erde und Holzstückchen findet man ebenfalls unter der von ihr aufgenommenen Nahrung. Eine Stimme hört man selten oder nie von ihr. Das Weibchen soll im Früh: jahre ein Junges werfen und dieses lange auf dem Rücken mit sich umhertragen.

Eine Ergänzung des Vorhergehenden verdanken wir Hensel. „Viel häufiger als der große Ameisenbär ist die Tamandua; doch habe ich sie nur am Saume des Urwaldes gefunden. Im Inneren ist sie mir nicht vorgekommen, und ebensowenig habe ich sie auf den freien Campos fern von den Wäldern angetroffen. Mehrere der von mir gesammelten Stücke sind von hohen Bäumen herabgeschossen worden. Vor einem Feinde sucht sich dieser Ameisenbär stets zurückzuziehen, wenn auch ohne besondere Eile. Wird er von einem Menschen oder Hunde eingeholt, so richtet er sich auf seinen Hinterbeinen auf, wie ein Bär thut, und erwartet murmelnd den Gegner; allein er umarmt ihn niemals. Seine Hand besitzt außer den großen, gebogenen und spitzen Krallen noch einen sehr entwickelten hornharten Ballen: mit jenen Krallen nun ergreift er blitzschnell den Gegner, indem er ihn zugleich gegen den Ballen drückt. Ich habe gesehen, wie ein noch nicht einmal erwachsener Tamandua zwei große Hunde wehrlos machte, indem er den einen an der Nase, den anderen an der Oberlippe gepackt hatte und sie so, zwischen beiden aufrecht stehend, mit ausgebreiteten Armen von sich abhielt. In einem solchen Falle pflegt der Jäger dem tapferen Tiere, um es zum Loslassen zu bewegen, die Sehnen am Handgelenke zu durchschneiden. Die unsinnige Mordlust der Brasilier richtet sich auch gegen dieses harmlose und nützliche Tier. Es ist dem Brasilier durchaus unmöglich, wenn er einer Tamandua ansichtig wird, nicht von seinem Pferde abzusteigen, jener den Kopf mit seinem großen Messer zu spalten und den Leichnam den Aasgeiern zum Fraße liegen zu lassen. Er thut es schon, um die Wucht und Schärfe seines Messers zu erproben.“ Auch die Tamandua ist in der Neuzeit einige Male nach Europa, und zwar nach London gebracht worden. Dem ersten Stücke stellte Bartlett sein Zimmer zur Verfügung, um die Bewegungen des Tieres zu beobachten. Mit den mächtigen hakenförmigen Klauen und mit Hilfe des Greifschwanzes kletterte es rasch auf die verschiedenen Gegenstände des Hausrates und sprang, indem es zutraulicher wurde, von hier aus zuletzt auf Bartletts Schultern, die spitzige Schnauze und die lange, wurmförmige Zunge in alle Falten der Kleidung seines Pflegers steckend und dessen Ohren, Nase und Augen in nicht eben angenehmer Weise untersuchend. Nahte sich später ein Besucher, fo kam der Ameisenfresser rasch an die Vorder: seite des Käfigs und ließ seine forschende Zunge flüchtig über die an die Stangen des Käfigs gehaltene Hand gleiten; doch mußte man sich hüten, seine Finger von den Klauen fassen zu lassen. Die Nahrung, welche man reichte, bestand aus Milch, in welcher süßer Zwieback eingeweicht war, und klein gehacktem Fleische. Dabei befand sich das Tier wohl und munter.

Eigentümlich ist der starke, moschusähnliche Geruch, welchen die Tamandua verbreitet, zumal wenn sie gereizt wird. Er durchdringt das Fleisch und macht es für Europäer ganz ungenießbar; dennoch essen es die Indianer und Neger, welche, um den Braten zu erlangen, Schlagfallen in den Wäldern aufstellen. Die portugiesisch-brasilischen Jäger bereiten sich aus dem starken Felle Regenkappen über ihre Gewehrschlösser.

Der Zwerg- oder zweizehige Ameisenfresser (Cyeloturus didactylus, Myrmecophaga didactyla, Myrmidon didactylus), Vertreter der letzten Gattung der Familie, ein Tierchen von der Größe des Eichhörnchens, ist ungefähr 40 em lang, wovon der Wickelschwanz 18 em wegnimmt. An den Vorderfüßen sitzen vier Zehen, von denen nur zwei

Zwergameisenfresser (Cyeloturus didactylus). ½ natürl. Größe.

starke Krallen tragen, an den Hinterfüßen fünf Zehen. Der seidenweiche Pelz ist oben fuchsrot und unten grau; die einzelnen Haare sind unten graubraun, oben schwarz, an der Spitze gelbbraun. Abänderungen in der Färbung sind beobachtet worden. Der innere Leibesbau unterscheidet die Gattung nicht unwesentlich von den Verwandten.

Obgleich auch der Zwergameisenfresser noch ziemlich plump gebaut ist, darf man ihn doch ein nettes, besonders durch die Schönheit seines Felles ausgezeichnetes Geschöpf nennen. Sein Verbreitungskreis ist beschränkt. Man kennt ihn bisher bloß aus dem nördlichen Brasilien, Guayana und aus Peru, demnach aus Gegenden, welche zwischen dem 10. Grade südlicher und dem 6. Grade nördlicher Breite liegen. Im Gebirge steigt er zuweilen bis zu 600 m über das Meer empor. Er ist fast überall selten oder wird nicht häufig gefunden. Die dichtesten Wälder bilden seinen Aufenthalt, und hier entgeht er durch seine geringe Größe nur allzuleicht dem suchenden Blicke des Jägers und somit der Beobachtung. Wie seine übrigen Verwandten, lebt er einsam, höchstens während der Paarung mit einem Weibchen vereinigt. Als vollendetes Nachttier verschläft er den Tag im Gezweige der Bäume. Seine Bewegungen sind unbeholfen, langsam und abgemessen; doch klettert er geschickt, wenn auch vorsichtig und immer mit Hilfe des Schwanzes. Ameisen, Termiten, Bienen, Wespen

Zwergameiſenfreſſer (Cyeloturus didactylus). ½ natürl. Größe.

und deren Larven bilden seine Nahrung; möglicherweise verzehrt er noch andere kleine Kerbtiere, welche auf Bäumen wohnen. Wenn er einen größeren Fang gethan hat, soll er sich, wie das Eichhörnchen, aufrichten und die Beute mit den Vorderkrallen zum Munde führen. Bei Gefahr sucht er sich nach Möglichkeit zu verteidigen, seine geringe Stärke kann ihn aber nicht einmal gegen schwächere Feinde schützen: er erliegt selbst den Angriffen mittelgroßer Eulen. Über die Fortpflanzung ist nichts bekannt. Die Indianer sollen ihn erlegen, um sein Fleisch zu verwerten. Ein gefangener Zwergameisenbär wurde von Bates kurze Zeit beobachtet. Das Tierchen war von einem Indianer in einer Baumhöhlung gefunden worden, in welcher es bewegungslos gehangen hatte. Solange man es nicht reizte, verharrte es in einer und derselben Stellung, nach Art eines Faultieres aufgehängt, gereizt, hielt es sich mit Schwanz und Hinterfüßen fest und versuchte sich mit den Vorderfüßen nach Art einer Katze zu wehren. Auch während der Nacht verblieb es in derselben Stellung, welche ihm Bates am Morgen gegeben hatte. Am nächsten Tage wurde der Zwergameisenbär auf einen Baum des Gartens gebracht, in der folgenden Nacht aber war er verschwunden.

Die Gürteltiere (Dasypodidae) find, wie die Faultiere, Überlebende einer einst größeren Familie. Im Vergleiche zu manchen ihrer Verwandten aus der Vorzeit, kann man sie höchstens Zwerge nennen. Das Glyptodon oder Riesengürteltier erreichte die Größe des Nashorns, dieser und jener Vertreter anderer Gattungen wenigstens den Umfang des Ochsen, während in der Gegenwart die Gürteltiere im ganzen höchstens 1,5 m, ohne den Schwanz aber nur Um lang werden. Alle Gürteltiere find plumpe Geschöpfe mit gestrecktem, langschnauzigem Kopfe, großen Schweinsohren, starkem Schwanze und kurzen Füßen, welche sehr starke Grabklauen tragen. Ihren Namen haben sie von der eigentümlichen Beschaffenheit ihres Panzers; dieser ist nämlich durch die mitten auf dem Rücken aufliegenden Gürtelreihen besonders ausgezeichnet und unterscheidet sich gerade durch die Reihenordnung der Schilder von dem Schuppenkleide anderer Säugetiere. Die mittelsten Gürtel, welche zur Unterscheidung der Arten dienen, obgleich sie auch bei einer und derselben Art nicht immer in gleicher Anzahl vorkommen, bestehen aus länglich viereckigen Tafeln, während das Schulter- und Kreuzschild aus Querreihen vier- oder sechseckiger Platten gebildet wird, zwi: schen denen sich kleine, unregelmäßige Platten einschieben. Auch der Scheitelpanzer ist aus meist fünf- oder sechseckigen Schildchen zusammengesetzt. Unsere Tiere tragen übrigens nur auf ihrer Oberseite einen Panzer; die Unterseite ihres Leibes wird von gröberen oder feineren borstenartigen Haaren bedeckt, und solche Borsten treten auch überall zwischen den Schildern hervor.

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