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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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daß er weit weniger begabt ist als sein Verwandter. Jede seiner Bewegungen geschieht mit einer Langsamkeit, welche man mehr als bedächtig nennen muß, eine Freiheit darin, wie man sie beim Unau wahrnimmt, fehlt ihm gänzlich, und nur in der Sicherheit des Umklammerns kommt er letztgenanntem gleich, falls er ihn nicht noch übertrifft. Einmal angeklammert, hängt er an seinem Aste, als ob er daran ein großer Knorren oder auf das innigste mit ihm verbunden wäre, und kein Rütteln und Schütteln vermag ihn zu bestimmen, daß er die einmal angenommene Stellung ändert. Auch die geistigen Fähigkeiten sind geringer als die des Verwandten. Schwerer als dieser gewöhnt er sich an eine bestimmte Persönlichkeit, betrachtet vielmehr jedermann mit Gleichgültigkeit und läßt, ohne sich zur Wehre zu setzen, alles über sich ergehen. Die Wärme lockt auch ihn herab auf den durchheizten Boden, scheint aber doch weit weniger Einfluß zu üben, was freilich mit seinem ungleich dichteren Felle zusammenhängen mag. Nach und nach bequemt er sich, aus der Hand des Wärters seine Nahrung zu empfangen, zeigt sich aber auch hierbei viel träger und gleichgültiger als der Unau. Noch in einem unterscheidet er sich von diesem: er läßt öfters ein ziemlich scharfes Pfeifen vernehmen, während der Unau, nach meinen Beobachtungen wenig—⸗ stens, stumm bleibt wie das Grab. Jedenfalls beweist eine Vergleichung der beiden Tiere, daß die einzelnen Arten der Gruppe keineswegs in allem und jedem miteinander übereinstimmen. 5 a

Der Nutzen, welchen die Faultiere den menschlichen Bewohnern ihrer Heimat gewähren, ist außerordentlich gering. In manchen Gegenden essen Indianer und Neger das Fleisch, dessen unangenehmer Geruch und Geschmack den Europäer anekeln, und hier und da bereitet man aus dem sehr zähen, starken und dauerhaften Leder Überzüge und Taschen. Schaden können die Tiere nicht verursachen, da sie in demselben Maße verschwinden, wie der Mensch sich ausbreitet. Auch sie stehen auf der Liste der Tiere, welche einem sichern Untergange entgegengehen. Nur in den entlegensten Wäldern vermögen sie sich zu halten, und solange noch die herrlichen Bäume, welche ihnen Obdach und Nahrung gewähren, verschont bleiben von der Axt des immer weiter und weiter sich ausbreitenden Europäers, so lange werden auch sie ihr Leben fristen.

Es darf uns nicht wundern, daß über die absonderlichen Tiere die wunderbarsten Sagen und Märchen verbreitet wurden. Die ersten Nachrichten, welche wir haben, stammen von Oviedo, welcher ungefähr folgendes sagt: „Der Perico ligero ist das trägste Tier, welches man in der Welt sehen kann. Es ist so schwerfällig und langsam, daß es einen ganzen Tag braucht, um nur 50 Schritt weit zu kommen. Die ersten Christen, welche es gesehen, erinnerten sich, daß man in Spanien die Neger ‚weiße Hänse zu nennen pflegte und gaben ihnen daher spottweise den Namen ‚hurtiges Hündchen“. Es ist eins der seltsamsten Tiere wegen seines Mißverhältnisses mit allen anderen. Ausgewachsen ist es zwei Spannen lang und nicht viel weniger dick. Es hat vier dünne Füße, deren Zehen wie die der Vögel miteinander verwachsen sind. Weder die Klauen noch die Füße sind so beschaffen, daß sie den schweren Körper tragen können, und daher schleppt der Bauch fast auf der Erde. Der Hals steht aufrecht und gerade, ist gleich dick, wie der Stößel eines Mörsers, und der Kopf sitzt fast ohne Unterschied oben darauf, mit einem runden Gesichte, welches dem einer Eule ähnelt und kreisförmig von Haaren umgeben ist, fo daß es nur etwas länger als breit erscheint. Die Augen sind klein und rund, die Nasenlöcher wie bei den Affen, das Maul ist klein. Es bewegt den Hals von einer Seite zur anderen, als ob es staune. Sein einziger Wunsch und sein Vergnügen ist, sich an die Bäume zu hängen oder an irgend etwas, wo es klettern kann, und daher sieht man es oft an Bäumen, an denen es langsam hinaufklettert und sich immer mit den Klauen festhält. Sehr verschieden ist seine Stimme von der anderer Tiere; es singt immer nur bei Nacht, und zwar von Zeit zu Zeit, allemal sechs

Töne, einen höher als den anderen, und immer tiefer, als wenn jemand mit fallender Stimme spräche: la, la, sol, fa, mer, re, at. So sagt es sechsmal: ha ha ha ha ha ha, daß man sehr wohl von ihm sagen kann, es hätte zur Erfindung der Tonleiter Veranlassung geben können. Hat es einmal gesungen, so wartet es eine Zeitlang und wiederholt dann dasselbe, aber nur bei Nacht, und darum, sowie seiner kleinen Augen wegen, halte ich es für ein Nachttier. Bisweilen fangen es die Christen und tragen es nach Hause; dann läuft es mit seiner natürlichen Langsamkeit und läßt sich weder durch Drohungen noch Stöße zu größerer Schnelligkeit bewegen, als es ohne äußere Anreizung sonst zu besitzen pflegt. Findet es einen Baum, so klettert es sogleich auf die höchsten Aste des Wipfels und bleibt daselbst 10, 12, ja 20 Tage, ohne daß man weiß, was es frißt. Ich habe es auch zu Hause gehabt, und nach meiner Erfahrung muß es von der Luft leben; dieser Meinung sind auch noch viele andere auf diesem Festlande, denn niemand hat es irgend etwas fressen sehen. Es wendet auch meistens den Kopf und das Maul nach der Gegend, woher der Wind weht, woraus folgt, daß ihm die Luft sehr angenehm sein muß. Es beißt nicht und kann es auch nicht, wegen seines sehr kleinen Maules, ist auch nicht giftig. Übrigens habe ich bis zur Stunde kein so dummes und kein so unnützes Tier gesehen wie dieses.“

Man sieht, daß der genannte Berichterstatter im ganzen gut beobachtet hat; denn vieles von dem, was er sagt, ist vollkommen begründet, und das übrige Fabelhafte von ihm eben auch nur als glaubhaft aufgenommen. Übertreibungen werden erst später vorgebracht, beispielsweise von Stedmann. Dieser sagt, daß das Faultier oft 2 Tage brauche, um auf den Wipfel eines mäßigen Baumes zu gelangen, und daß es diesen nicht verlasse, solange es etwas zu fressen finde. Währenddes Hinaufklimmens verzehre es nur, was ihm zur Reise nötig sei, im Wipfel angekommen, entblöße es diesen aber gänzlich. So thue es, um nicht zu verhungern, wenn es wieder auf die unteren Aste komme, um einen anderen Baum aufzusuchen; denn hätte es den unteren Teil des Wipfels abgefressen, so müsse es den Beschwerden der Reise nach anderen Bäumen natürlich unterliegen. Einige sagen auch, daß es, um sich die Mühe zu ersparen, seine Glieder zu bewegen, sich zusammenkugele und vom Baume falle. Spätere Reisebeschreiber erwähnen noch hier und da des merkwürdigen Geschöpfes, und jeder bemüht sich, die alten Fabeln wieder aufzuwärmen und womöglich mit neuen Zusätzen zu bereichern. Erst der Prinz von Wied gibt klare und vorurteilsfreie Beobachtungen; nach ihm unterrichten uns hauptsächlich Quoy und Gaimard und endlich Schomburgk.

Die Ameisenbären (Myrmecophagidae), welche die zweite Familie bilden, haben äußerlich mit den Faultieren nur geringe Ahnlichkeit. Der Körper ist gestreckt, der Kopf und zumal die Schnauze stark verlängert; der Schwanz erreicht fast die Hälfte der Körperlänge. Ein dichter, struppiger, eigentümlicher Pelz deckt den Leib, zumal die Oberseite. Die hinteren Gliedmaßen sind schlank und schwächer als die vorderen. Beide Füße zeigen im Gerippe fünf Zehen, welche jedoch nicht sämtlich mit Krallen bewaffnet sind. Die Mundspalte ist sehr eng, die Zunge aber lang, dünn und gerundet, an einen Wurm erinnernd. Die Ohren und Augen sind sehr klein. Noch auffallender ist der Schädelbau. Durch die Verlängerung des Antlitzteiles wird die Schnauze lang, röhrenförmig; der Zwischenkiefer ist sehr klein und gekrümmt, mit dem Oberkiefer auch bloß durch Knorpel verbunden. Vergeblich sucht man nach Zähnen; jede Spur davon fehlt. 15—18 Rückenwirbel tragen Rippen, 2— 6 sind rippenlos, 4 — 6 bilden das Kreuz, 29 —40 den Schwanz. Die Rippen werden To außerordentlich breit, daß ihre Ränder sich decken und alle Räume zwischen den Knochen verschwinden. Das Schlüsselbein ist bei zwei Ameisenbären verkümmert, bei einem anderen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 42

sehr entwickelt; die Armknochen sind überaus stark. Eigene Muskeln bewegen die sehr lange, runde, mit spitzigen, hornartigen, kleinen Stacheln besetzte Zunge, welche durch außerordentlich entwickelte Speicheldrüsen fortwährend mit klebrigem Schleime überzogen wird. Das Herz ist verhältnismäßig klein. Die Schlagadern bilden Wundernetze an den Schenkeln.

Die größte Art der Familie ist der Mähnenameisenbär, in Paraguay Purumi, in

Surinam, laut Kappler, Tamanoa genannt (Myrmecophaga jubata). Der Pelz dieses sehr auffallenden Tieres besteht aus dichten, steifen, rauh anzufühlenden Borstenhaaren. Kurz am Kopfe, verlängern sie sich längs des Nackens und Rückgrates, wo sie eine Mähne bilden, bis auf 24 em, und am Schwanze von 26 bis zu 40 cm, während fie am übrigen Körper, um und an den Beinen, bloß 8—11 em lang find. Diese Haare liegen

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Gerippe der Tamandua. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)

entweder mit rückwärts gedrehter Spitze am Körper oder hängen an der Seite herunter; nur am Kopfe stehen fie senkrecht empor. Diejenigen, welche die Schwanzquaste bilden, sind seitwärts zusammengedrückt und erscheinen lanzettartig. Nackt find bloß die Schnauzenspitze, die Lippen, die Augenlider und die Fußsohlen. Die Farbe des Pelzes ist ziemlich verschieden. Am Kopfe erscheint als Gesamtfarbe Aschgrau mit Schwarz gemischt, weil hier die Haare abwechselnd schwarz und aschgrau geringelt sind. Fast die nämliche Färbung haben der Nacken, der Rücken und zum Teil auch die Seiten des Rumpfes, die vorderen Beine und der Schwanz. Die Kehle, der Hals, die Brust, der Bauch, die Hinterfüße und die untere Seite des Schwanzes find schwarzbraun. Ein schwarzer, anfangs 13—15 em breiter, nach hinten spitz zulaufender Streifen erstreckt sich vom Kopfe und der Brust über den Rücken in schiefer Richtung bis zum Kreuze und wird eingefaßt von zwei schmalen, blaßgrauen Streifen, die mit ihm gleichlaufen. Eine schwarze Binde bedeckt das Ende des Vorderarmes, und auch die Zehen der Vorderfüße sowie die nackten Teile des Körpers sind schwarz. In der Jugend sind die Ameisenfresser im allgemeinen lichter als im Alter; die Haare haben auch noch nicht die lichten Ringe wie jpäter. Die Länge des erwachsenen Yurumi beträgt 1,3 m, die Länge des Schwanzes ohne Haare 68 cm, mit den Haaren aber wenigstens 95 cm, oft etwas darüber. Somit erreicht das Tier eine Gesamtlänge von 2,3 m; aber man findet zuweilen alte Männchen, welche noch größer sind. Das Gewicht beträgt nach Kappler bis zu 40 kg.

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Gerippe der Tamandua. (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.)

„Das Aussehen des Yurumi“, sagt Rengger, „ist äußerst häßlich. Sein Kopf hat die Gestalt eines langen, schmächtigen, etwas nach unten gebogenen Kegels und endet mit einer kleinen, stumpfen Schnauze. Beide Kinnladen sind gleich lang; die untere hat nur wenig Bewegung, indem der Mund bloß wie eine Spalte erscheint, welche höchstens einen starken Mannsdaumen aufnehmen kann; die Nasenlöcher sind halbmondförmig, die Augen klein und tief im Kopfe sitzend, die Ohren gleichfalls klein, etwas über 2,5 cm breit, ebenso lang und oben abgerundet. Der Hals scheint seiner langen Haare wegen dicker als der Hinterkopf; der Rumpf ist groß, unförmig und von oben nach unten etwas breitgedrückt: 5 n Yurumi: Allgemeines. J Leben

Yurumi (Myrmecophaga jubata). 1/12 natürl. Größe.

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die Glieder sind kurz, die Vorderarme breit und sehr muskelig. Die vorderen Füße sind mit vier Zehen versehen, an denen sich ein dicker, gleich Adlerskrallen zusammengedrückter Nagel findet. Dieser ist an der ersten oder innersten Zehe 4,5 cm lang und beinahe gerade, an der zweiten 1 cm lang, gebogen und am inneren Rande scharf; an der dritten hat er eine Länge von 6,5 cm und die nämliche Gestalt wie der vorhergehende, nur daß er an seinen beiden Rändern scharf ist; an der vierten Zehe endlich gleicht er in der Größe und Form dem ersten. Im Gehen und im Ruhezustande legt das Tier diese Nägel, wie die Finger einer geschlossenen Hand, gegen die Fußsohle zurück, indem es nicht mit der Fläche, sondern mit dem äußern Rande der Sohle auftritt, wo sich gleich hinter der äußersten Zehe eine große Schwiele vorfindet. Es kann übrigens die Zehen nur so weit ausstrecken, daß die Nägel mit der Fußsohle kaum mehr als einen rechten Winkel bilden. Auf der Sohlenfläche bemerkt man mehrere kleine und gegen ihren hinteren Rand eine große Schwiele. 42*

Yurumi (Myrmecophaga jubata). ½2 natürl. Größe.
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