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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Auf dem Boden find die armseligen Baumsklaven fremd. Ihr Gang ist ein jo mühseliges Fortschleppen des Leibes, daß er immer das Mitleid des Beschauers wachruft. Der

langsamen Landschildkröte vergleichbar, sucht das Faultier seine plumpe Leibesmasse fortzuschaffen. Mit weit von sich gestreckten Gliedern, auf die Ellbogen gestützt, die einzelnen Beine langsam im Kreise weiter bewegend, schiebt es sich sehr allmählich vorwärts; der Bauch schleppt dabei fast auf der Erde, und Kopf und Hals bewegen sich fortwährend langsam von einer Seite zur anderen, als müßten sie das Gleichgewicht des so überaus unbeholfenen Geschöpfes vermitteln. Die Zehen der Füße werden während des Ganges in die Höhe gezogen und die Krallen nach innen geschlagen; der Fuß berührt also mit dem Außenrande und fast nur mit dem Handballen den Boden. Es leuchtet ein, daß solche Bewegung mit Langsamkeit vor sich gehen muß. Auf dem Boden erkennt das Faultier seine hilflose Lage wohl. Überrascht man es zufällig bei seinem Gange, oder setzt man ein gefangenes auf die flache Erde, so streckt es den kleinen Kopf auf seinem langen Halse empor, richtet den Vorderteil des Leibes etwas auf und bewegt langsam und mechanisch einen seiner Arme im Halbkreise gegen seine Brust, als wolle es seinen Feind mit den gewaltigen Krallen umklammern. Die Unbeholfenheit und Langsamkeit verleiht ihm einen eigentümlich kläglichen Ausdruck. Man sollte nicht meinen, daß dieses Geschöpf, welches so traurig dahinhaspelt, fähig wäre, sich aus dem Wasser zu retten, wenn es durch irgend ein Mißgeschick hineingerät. Aber das Faultier schwimmt leidlich gut, indem es sich rascher als beim Klettern selbst bewegt, den Kopf hoch über den Wasserspiegel emporhält, die Wellen ziemlich leicht durchschneidet und wirklich das feste Land wieder gewinnt; Bates und Wallace sahen ein Faultier über einen Fluß schwimmen und zwar an einer etwa 300 m breiten Stelle. Hieraus geht hervor, daß der Name Faultier, so richtig er im Grunde auch ist, sich doch eigentlich bloß auf die Gehbewegungen unseres Tieres bezieht; denn auf den Bäumen erscheint seine Trägheit, wie bemerkt, keineswegs so groß, als man früher annehmen zu müssen glaubte, irre geleitet durch die übertriebenen Schilderungen der ersten Beobachter. Bemerkenswert ist die staunenswerte Sicherheit, mit welcher alle Kletterbewegungen ausgeführt werden. Das Faultier ist im stande, mit einem Fuße an einem höheren Aste sich festzuhaken und dann ganz sicher daran frei zu hängen, indem es nicht nur die volle Last des Leibes an einem Gliede tragen, sondern auch bis zum Anhaltspunkte emporziehen kann. Gleichwohl strebt es immer danach, für alle seine Glieder sichere Stützpunkte zu finden, und scheut sich fast, mit einem Fuße loszulassen, bevor es für ihn wieder einen verläßlichen Punkt zum Anhalten gefunden hat.

Kapplers Schilderungen vervollständigen das Gesagte. Von dem in Surinam beobachteten Dreizehenfaultiere teilt er folgendes mit: „Es lebt ausschließlich von den Blättern verschiedener Bäume, wie Spondias, Cecropia und anderer. Seine Exkremente find wie die der Ziege. Trotz seines Stumpfsinnes wird es doch zahm und lernt seinen Herrn kennen. Übrigens hat man seine Trägheit bedeutend übertrieben. Beim Gehen auf dem Boden sucht es immer mit den Vorderfüßen etwas zu ergreifen, woran es sich weiterziehen kann; dieses gelingt ihm um so besser, je rauher und unebener der Boden ist. Da kann es 5—7 m in der Minute zurücklegen. Einen Baum von etwa 16 m Höhe erklettert es in S—10 Minuten.“ Vom Zweizehenfaultiere sagt Kappler: „Es ist ein wildes, schwer zu bändigendes Geschöpf, das mit den stahlharten Backenzähnen zu beißen versucht und seine Klauen nicht losläßt, wenn es jemand gepackt hat. Es lebt ganz wie das vorige, ist aber rascher in seinen Bewegungen, auch viel stärker. Sein Fleisch wird von den Eingeborenen gegessen und schmeckt, obgleich es nicht fett ist, wie Hammelfleisch. Sein Hauptfeind ist der Haubenadler, der auch dem Brüllaffen nachstellt.“

Außerordentlich schwer hält es, ein Faultier, welches sich fest an einen Ast geklammert hat, von diesem zu lösen. Ein Indianer, welcher Schomburgk begleitete, bemerkte ein dreizehiges Faultier auf den hervorragenden Wurzelästen einer Rhizophora, welches dort aus: ruhte und, als man es ergreifen wollte, nur wehmütig bittende Blicke zur Abwehr zu haben

schien. Aber man bemerkte bald, daß die Ergreifung leichter ward als die wirkliche Gefangennahme. Es schien unmöglich, das Tier vom Geäste zu trennen, an welchem es sich mit einer Kralle festgeklammert hatte. Erst nachdem man die beiden Vorderfüße, seine einzige, aber wegen der scharf hervorstehenden Klauen nicht ungefährliche Verteidigungswaffe, gebunden hatte, gelang es drei Indianern, unter Aufbietung aller Kräfte, es von dem Baume loszureißen. Beim Schlafen und Ruhen nimmt das Faultier eine ähnliche Stellung an wie gewöhnlich. Es stellt die vier Beine dicht aneinander, beugt den Leib fast kugelförmig zusammen und senkt den Kopf gegen die Brust, ohne ihn jedoch darauf ruhen zu lassen oder ihn darauf zu stützen. In dieser Lage hängt es am Tage genau auf derselben Stelle, ohne zu ermüden. Nur ausnahmsweise sucht es mit den Vorderarmen einen höheren Zweig zu fassen, hebt den Körper dadurch vorn empor und stützt vielleicht feinen Rücken auf einen anderen Ast. So unempfindlich das Tier gegen Hunger und Durst zu fein scheint, jo empfindlich zeigt es sich gegen die Nässe und die damit verbundene Kühle. Bei dem schwächsten Regen sucht es sich so eilig wie möglich unter die dichteste Bedachung der Blätter zu flüchten und macht dann sogar verzweifelte Anstrengungen, seinen Namen zu widerlegen. In der Regenzeit hängt es oft tagelang traurig und kläglich an einer und derselben Stelle, sicherlich im höchsten Grade durch das herabströmende Wasser belästigt.

Nur höchst selten, gewöhnlich bloß des Abends oder bei anbrechendem Morgen, oder auch, wenn sich das Faultier beunruhigt fühlt, vernimmt man seine Stimme. Sie ist nicht laut und besteht aus einem kläglichen, lang ausgehaltenen, feinen, kurzen und schneidenden Tone, welcher von einigen mit einer oftmaligen Wiederholung des Lautes „i“ wiedergegeben wird. Die neueren Beobachter haben niemals von einem Faultiere Töne vernommen, welche Doppellauten gleichen, oder gar, wie frühere Beobachter ebenfalls behaupten, aus einem auf- und absteigenden Akkorde bestehen. Bei Tage hört man von dem Faultiere höchstens tiefe Seufzer; auf dem Boden schreit es nicht, selbst wenn es gereizt wird.

Aus dem bereits Mitgeteilten geht hervor, daß die Sinne der Faultiere nur sehr gering entwickelt sein können. Sie scheinen vielmehr gleichmäßig stumpf zu sein. Das Auge ist blöde und ausdruckslos wie kein zweites Säugetierauge; daß das Gehör nicht ausgezeichnet ist, ergibt sich schon aus der geringen Größe und versteckten Lage der Ohrmuscheln; von der Stumpfheit des Gefühls hat man sich mehr als einmal überzeugen können; über den Geruch haben wir kein Urteil, und nur der Geschmack dürfte als einigermaßen entwickelt gelten. Sehr tief stehen die geistigen Fähigkeiten der Faultiere. Sie zeigen wenig Verstand, vielmehr Stumpfheit, Dummheit und Gleichgültigkeit. Man nennt sie harmlos, will damit aber ausdrücken, daß fie überhaupt geistiger Regungen nicht fähig find. Sie haben, jo jagen die Reisenden, keine heftigen Leidenschaften, kennen keine Furcht, besitzen aber auch keinen Mut, scheinen keine Freude zu haben, aber auch der Traurigkeit unzugänglich zu sein. Diese An: gaben sind nach meinen Erfahrungen nicht begründet. So tief, wie die meisten Beobachter glauben machen wollen, stehen die Tiere nicht. Man pflegt zu vergessen, daß man in ihnen Nachttiere vor sich hat, über deren Fähigkeiten Beobachtung in den Tagesstunden kein Urteil gewähren kann. Das schlafende Faultier ist es, welchem sein Name gebührt; das wach und rege gewordene bewegt sich in einem engen Kreise, beherrscht diesen aber genügend. Sein wenig entwickeltes Gehirn bietet einem umfassenden Verstande oder weitgehenden Gedanken und Gefühlen keine Unterlage; daß ihm aber Verständnis für seine Umgebung und die herrschenden Verhältnisse abgehe, daß es weder Liebe noch Haß bekunde, weder Freundschaft gegen seinesgleichen noch Feindschaft gegen andere Tiere zeige, daß es unfähig wäre, in veränderte Umstände sich zu fügen, wie man behauptet hat, ist falsch. |

Die Faultiere werfen nur ein einziges Junges. Vollkommen behaart, ja sogar mit bereits ziemlich entwickelten Krallen und Zehen kommt dieses zur Welt und klammert sich

sofort nach seiner Geburt mit diesen Krallen an den langen Haaren der Mutter fest, mit den Armen ihren Hals umschlingend. Nun schleppt es die Alte immer in derselben Weise überall mit sich herum. Anfangs scheint es, als betrachte sie ihr Kind mit großer Zärtlichkeit; doch die Mutterliebe erkaltet bald, und die stumpfsinnige Alte gibt sich kaum die Mühe, ihr Kind zu füttern und zu reinigen oder ihm andere Ammendienste zu leisten. Gleichgültig läßt sie es sich von der Brust wegreißen, und nur vorübergehend zeigt sie eine gewisse Unruhe, als vermisse sie etwas und wolle sich nun bemühen, es wieder aufzusuchen. Aber sie erkennt ihren Sprößling nicht eher, als bis er sie oder sie ihn berührt, und wenn er auch durch Schreien seine Nähe verraten sollte. Oft kommt es vor, daß sie ein paar Tage lang hungert, oder sich wenigstens nicht um Nahrung bemüht; dessenungeachtet säugt sie ihr Junges ununterbrochen, und dieses klebt ebenso zäh an ihr wie sie an dem Baumaste. So erzählen die Reisenden, vielleicht Berichte der Indianer wiedergebend; es fragt sich jedoch sehr, ob oder inwieweit dieselben richtig sind. Seitdem ich Faultiere jahrelang gepflegt und beobachtet habe, bin ich zu wesentlich anderen Anschauungen über sie gelangt und glaube nicht mehr an alle Angaben früherer Beobachter.

Die Trägheit der Faultiere zeigt sich auch, wenn sie gemißhandelt oder verwundet werden. Es ist eine bekannte Erfahrung, daß die niedrigsten Tiere verhältnismäßig die größten kißhandlungen, Verletzungen und Schmerzen erleiden können; bei den Faultieren nun scheint sich diese allgemeine Thatsache ebenfalls zu bestätigen. Die Berichte lauten allerdings nicht ganz übereinstimmend; doch behaupten anerkannt tüchtige Naturforscher, daß jene die unempfindlichsten aller Säugetiere wären. Es kommt nicht selten vor, daß diese Geschöpfe viele Tage und Wochen lang hungern: Caffer z. B. teilte der Versammlung der Naturforscher in Turin mit, daß er ein dreizehiges Faultier in der Gefangenschaft gehabt habe, welches einen ganzen Monat lang nicht das Geringste zu sich nahm. Eine auffallende Lebenszähigkeit der Tiere läßt sich nicht bestreiten. Sie ertragen schwere Verwundungen mit der Gleichgültigkeit eines Leichnams. Oft verändern sie nach einem tüchtigen Schrotschusse, welchen man ihnen in den Leib jagt, nicht einmal die Stellung. Nach Schomburgk widerstehen sie auch dem furchtbaren Urarigifte der Indianer am längsten. „Mag dieses nun in ihrem eigentümlichen Gefäßsystem und dem dadurch so gehemmten und langsamen Blutumlaufe seinen Grund haben, kurz, die Wirkungen treten bei ihnen am spätesten ein und sind dabei auch am kürzesten in ihrer Dauer. Ebenso werden nur sehr schwache Zuckungen bemerkbar, wie sie doch bei den übrigen Tieren bei Beginn der Wirkung des Giftes immer sichtbar sind. Ich ätzte ein Faultier in der Oberlippe und rieb ein wenig des Giftes in die Wunde. Als ich es darauf in die Nähe eines Baumes brachte, begann es diesen zu erklettern. Nachdem es aber 3—4 m an dem Stamme emporgeklettert war, blieb es plötzlich am Baume haften, wandte den Kopf nach dieser und jener Seite und suchte den Gang fortzusetzen, ohne dies zu vermögen. Erst ließ es einen der Vorderfüße los, dann den anderen, blieb aber noch mit den Hinterfüßen am Baumstamme haften, bis auch diese kraftlos wurden und es zur Erde fiel, wo es ohne alle krampfhaften Zuckungen und ohne jenes im allgemeinen immer eintretende schwere Athemholen liegen blieb, bis in der dreizehnten Minute sein Leben entflohen war.“ Wenn man bedenkt, daß die vergiftete schwache Dornspitze dem Jaguar, welchem sie der Indianer auf den Pelz blies, kaum die Haut ritzt und ihn doch in wenigen Minuten zu einem Opfer des Todes macht, bekommt man erst einen Maßstab zur Beurteilung der Lebenszähigkeit der Faultiere.

Man kann nicht sagen, daß die hilflosen Geschöpfe viele Feinde haben. Durch ihr Baumleben entgehen sie den gefährlichsten, welche sie bedrohen, den Säugetieren nämlich. Dazu kommt, daß ihr Pelz im allgemeinen ganz die Färbung des Geästes zeigt, an dem sie unbeweglich, wie die Frucht an einem Baume, hängen, so daß schon das geübte Falkenauge

der Indianer dazu gehört, um ein schlafendes Faultier aufzufinden. Übrigens sind die Tiere doch nicht so ganz wehrlos, wie es auf den ersten Blick hin scheinen mag. Auf dem Baume ist ihnen natürlich schwer beizukommen, und wenn sie auf dem Boden überrascht und angegriffen werden, werfen sie sich schnell genug noch auf den Rücken und fassen ihren Angreifer mit den Krallen; die Kraft ihrer Arme ist jedenfalls sehr beträchtlich. Selbst ein starker Mann hat Mühe, sich von der Umklammerung zu befreien oder das Tier von dem Baumaste loszureißen, an welchen es sich angeklammert hat; falls man nicht einen Fuß nach dem anderen loshakt und sodann festhält, gelingt letzteres überhaupt nicht.;

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