All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 167 of 185

Bei guter Nahrung werden die Kaninchen zuweilen sehr dreist, kratzen und beißen nicht bloß den, der sie fangen will, sondern auch aus freien Stücken andere Tiere, namentlich wenn sie ihren Neid erregen. Ein Schwager von Lenz hatte einen alten Kaninchenrammler bei seinen Lämmern. „Als die Fütterung mit Esparsette begann, behagte diese dem alten Herrn sehr gut, und er hätte gern das ganze bißchen selbst in Beschlag genommen. Er setzte sich also dabei, grunzte, biß nach den Lämmern, sprang sogar einem auf den Hals und gab ihm die Zähne tüchtig zu kosten. Zu Hilfe eilende Leute warfen ihn zwar herab, er biß aber immer wieder nach den Lämmern, bis er fortgeschafft wurde. Ein anderer biß einer jungen Ziege die Beine blutig, sprang der alten auf das Genick und biß sie in die Ohren. Er mußte abgeschafft werden.“ Sehr alte Rammler beißen zuweilen auch ihre Jungen oder das Weibchen oder verlocken dieses, feine Kinder schlecht zu behandeln. Wenn eine Kaninchenmutter ihr Geheck nicht gut säugt oder gar totbeißt, gibt es nur ein Mittel, diese zu retten: Absperrung des Rammlers.

Räude und Durchfall sind die gewöhnlichen Krankheiten der Kaninchen; dieser wird meist durch zu saftiges oder zu nasses Futter hervorgerufen und folgerecht durch gutes, trockenes Futter geheilt. Gegen die Räude helfen im Anfange Einreibungen mit Fett oder Butter. In manchen Gegenden hält man viele Kaninchen, um das Fleisch zu nützen. In Frankreich und Belgien wird die Zucht in großartigem Maßstabe betrieben.

Rassen oder Spielarten des Hauskaninchens sind das silberfarbene, das russische und das angorische oder Seidenkaninchen. Ersteres ist größer als das unserige, ge: wöhnlich von bläulichgrauer Farbe mit silberfarbenem oder dunklem Anfluge. Das russische Kaninchen ist grau, der Kopf mit den Ohren braun und zeichnet sich durch eine weit herabhängende Wamme an der Kehle aus. Das angorische oder Seidenkaninchen endlich hat kürzere Ohren und einen sehr reichlichen, weichen Pelz; sein langes, gewelltes Haar reicht oft

bis zum Boden herab und hat seidenartigen Glanz. Leider ist es sehr zärtlich und verlangt deshalb sorgfältige Pflege. Versuche, es in Deutschland heimisch zu machen, schlugen fehl.

Als eine aus dem Hauskaninchen entstandene neue wilde Art kann das Porto Santo—

Kaninchen (Lepus huxleyi) gelten. Haeckel, der ihm feinen wissenschaftlichen Namen gab, schreibt darüber: „Auf der kleinen Insel Porto Santo bei Madeira wurden im Jahre 1419 einige Kaninchen ausgesetzt, die an Bord eines Schiffes von einem zahmen spanischen Kaninchen geboren worden waren. Diese Tierchen vermehrten sich in kurzer Zeit, da keine Raubtiere dort waren, so massenhaft, daß sie zur Landplage wurden und sogar eine dortige Kolonie zur Aufhebung zwangen. Noch gegenwärtig bewohnen sie die Insel in Menge, haben sich aber im Laufe von 450 Jahren zu einer ganz eigentümlichen Spielart oder, wenn man will, ‚guten Art‘ entwickelt, ausgezeichnet durch eigentümliche Färbung, rattenähnliche Form, geringe Größe, nächtliche Lebensweise und außerordentliche Wildheit. Das Wichtigste jedoch ist, daß sich diese neue Art, die ich Lepus huxleyi nenne, mit dem europäischen Kaninchen, von dem sie abstammt, nicht mehr kreuzt und keine Bastarde mehr mit ihm erzeugt.“

Dagegen hat man wiederholt vollkommen fortpflanzungsfähige Bastarde von Hase und Kaninchen erzielt und namentlich in Frankreich weiter gezüchtet, sogenannte Hasen-Kaninchen oder Leporiden. Sie wurden von Haeckel Lepus darwinii benannt, scheinen aber noch keine festen Artmerkmale angenommen zu haben.

Das Haar des Seidenkaninchens eignet sich zu feinen Gespinsten und hat deshalb einen ziemlich hohen Wert. Vom gemeinen wilden Kaninchen wird das Haar zur Filzbereitung benutzt; die Anzahl der verbrauchten Felle ist nicht festzustellen. Von gewöhnlichen zahmen Kaninchen gelangen, nach Lomer, jährlich etwa 5 Millionen Felle auf den Markt, wo sie eine bedeutende Rolle spielen. Von den vornehmlich in Frankreich und Belgien gezüchteten größeren Kaninchenrassen werden jährlich mehrere Millionen Felle, meist schwarz oder braun gefärbt, nach Amerika, Deutschland, England und Rußland ausgeführt und zu Pelzwerk verarbeitet; das Stück wird mit 1—2,5 Mark bezahlt. Die Felle des englischen „Silberkanin“ gelten 0,4—1 Mark das Stück.. f

Die in Asien heimischen Pfeifhasen (Lagomys) unterscheiden sich von den Hasen durch die weit kürzeren Ohren, die kaum verlängerten Hinterbeine, den nicht sichtbaren Schwanzstummel und durch ihr Gebiß, welches nur 5 (anstatt 6) Backenzähne in jeder Reihe enthält. Die oberen Nagezähne haben eine beträchtliche Breite und sind tief gerinnelt, wodurch sie in zwei Spitzen geteilt werden, die unteren klein und ziemlich stark gekrümmt.

Der Alpenpfeifhase (Lagomys alpinus, Lepus alpinus), eine der bekannteren Arten, erinnert in Gestalt und Größe an das Meerschweinchen; doch ist der Kopf länger und schmäler und die Schnauze weniger stumpf als bei diesem. Der Leibesbau ist gedrungen, der Schwanz äußerlich ganz unsichtbar und nur durch einen kleinen Fetthöcker angedeutet, das mittelgroße, eirunde Ohr auf der Außenseite fast nackt. Auf der Oberseite zeigt der rauhe, dichte und kurze Pelz auf rötlichgelbem Grunde eine feine schwarze Sprenkelung, während die Seiten und der Vorderhals einfarbig rostrot erscheinen; die Unterseite und Beine sind licht ockergelb; die Kehle ist graulich, die Außenseite der Ohren schwärzlich, die Innenseite gelblich. Einzelne Stücke sind vollkommen einfarbig und tiefschwarz gefärbt. Erwachsene Alpenpfeifhasen werden etwa 25 cm lang.

Pallas hat die ersten Mitteilungen über das Leben der Pfeifhasen gegeben, Radde weitere Beobachtungen veröffentlicht, Prshewalski neuerdings beider Berichte wesentlich vervollständigt. Alle Pfeifhasen finden sich auf den hohen Gebirgen Innerasiens zwischen 1000 und 4000 m über dem Meere. Hier leben fie als Standtiere auf den felsigen, wilden,

bergigen und grasreichen Stellen in der Nähe der Alpenbäche, bald einzeln, bald paarweise, manchmal in größerer Menge. Der Alpenpfeifhase gehört der ganzen ungeheuern Gebirgskette des Nordrandes Inner- und Hinterasiens an, kommt aber auch in Kamtschatka vor. Er bevorzugt nach Radde die waldigen Gegenden und meidet die kahlen Hochsteppen, in denen er durch eine zweite Art, den Otogono (zu deutsch: der Kurzschwänzige) oder die Ogotona (Lagomys ogotona), ersetzt wird. Dieser Pfeifhase wählt, nach Prshewalskis Erfahrungen, zu seinem Aufenthalte ausschließlich einen wiesenartigen Teil der Steppe, namentlich, wenn dieser hügelig ist, tritt aber auch im Baikalgebirge nicht allzu selten auf. In der nördlichen und südöstlichen Mongolei begegnet man ihm häufig; in der wüstenhaften Gobi dagegen fehlt er fast überall gänzlich.

Alpenpfeifhase (Lagomys alpinus). ½ natürl. Gröge.

Kleine, selbst gegrabene Höhlen und natürliche Felsenritzen sind die Wohnungen der Pfeifhasen. Ihre Bauten bilden stets Siedelungen von wechselnder, regelmäßig jedoch erheblicher Anzahl der einzelnen Höhlen, so daß man da, wo man eine von diesen entdeckt hat, ihrer zehn, hundert, ja selbst tausende wahrnehmen kann. Bei hellem Wetter liegen fie bis Sonnenuntergang versteckt, bei trübem Himmel find fie in voller Thätigkeit. Nach Eintritt strenger Winterkälte verlassen die Ogotonen, obgleich sie auch dann wach bleiben, ihre unterirdischen Wohnungen nicht; sobald aber die Kälte nachläßt, kommen sie zum Vorschein, setzen sich vor dem Eingange nieder, um sich an der Sonne zu wärmen, oder laufen, laut pfeifend, eiligst von einer Höhle aus der anderen zu. Aus Furcht vor ihren Feinden schleichen sie oft nur bis zu halber Leibeslänge aus ihrem Baue hervor und recken dann den Kopf in die Höhe, um sich zu überzeugen, daß sie sicher sind. In ihrem Wesen paaren sich Neugier und Furcht. Einen nahenden Menschen oder Hund betrachten sie so lange, daß der eine wie der andere bis auf 10 Schritt an sie herankommen kann, bevor sie, nunmehr aber blitzschnell, in ihrer Höhle verschwinden; bald jedoch überwindet Neugierde die Furcht: nach einigen Minuten zeigt sich am Eingange der unterirdischen Wohnung wiederum das Köpfchen des Tieres; es späht ängstlich in die Runde und erscheint, sobald der

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 8 Al

Alpenpfeifhaſe (Lagomys alpinus). ½ natürl. Gröge.

Gegenstand des Schreckens sich entfernt hat, sofort wieder auf der alten Stelle. Radde nennt die Pfeifhasen thätige, friedliche und sehr fleißige Nager, welche große Vorräte von Heu sammeln, in regelrechter Weise stapeln und zuweilen mit breitblätterigen Pflanzen zudecken, um sie vor dem Regen zu schützen. Die Ogotona beginnt schon Mitte Juni für den Winter zu sammeln und ist zu Ende des Monats damit aufs eifrigste beschäftigt. In der Wahl der Kräuter zeigt sie sich nicht sehr umständlich: sie nimmt da, wo sie nicht gestört wird, gern die saftigsten Gräser an, begnügt sich aber an Orten, wo mutwillige Knaben ihre Vorräte zerstören oder das weidende Vieh sie auffrißt, mit Gräsern und anderen Pflanzen, welche sonst von den Tieren verschmäht werden. Die von ihr zusammengetragenen Heuhaufen erreichen 12— 18 cm Höhe und 15—30 cm Durchmesser; wenn die Felsen zerklüftet sind, werden die Ritzen als Scheunen benutzt. Zu dem Baue führen schmale Pfade, welche die Pfeifhasen ausgetreten haben, und zu deren beiden Seiten sie die kurzen Gräser abweiden. Stört man die fleißigen Sammler in ihrer Arbeit, so beginnen sie diese bald wieder aufs neue, und manchmal schleppen sie noch im September die bereits vergilbten Steppenpflanzen zusammen. Wenn der Winter eintritt, ziehen sie vor ihren Höhlen Laufgräben unter dem Schnee bis zu den Heuschobern; diese Gänge sind mannigfach gekrümmt und gewunden, und jeder einzelne hat sein Luftloch.

Alle Pfeifhasen trinken wenig. Im Sommer haben sie allerdings oft Regenwasser, im Winter Schnee zu ihrer Verfügung; im Laufe des Frühlings und Herbstes aber, um welche Zeit in der mongolischen Hochebene oft monatelang keine Niederschläge stattfinden und die Trockenheit der Luft die äußerste Grenze erreicht, fehlt ihnen sogar der Nachttau zu ihrer Erquickung, und dennoch scheinen sie nichts zu entbehren. Der Schrei des Alpenpfeifhasen, welchen man noch um Mitternacht vernimmt, ähnelt dem Rufe unseres Bunt-spechtes und wird, selten häufiger als dreimal, rasch hintereinander wiederholt. Die Ogotona pfeift nach Art der Mäuse, aber lauter und heller und so oft hintereinander, daß ihr Ruf wie ein schrillender, zischender Triller klingt. Eine dritte Art, der Zwergpfeifhase (Lagomys pusillus), soll einen Ruf ausstoßen, welcher dem Schlage unserer Wachtel täuschend ähnlich ist. Zu Anfang des Sommers wirft das Weibchen, laut Pallas, gegen sechs nackte Junge und pflegt sie sorgfältig.

Leider haben die Tierchen viele Feinde. Sie werden zwar von den Jägern Ostsibiriens nicht verfolgt, aber fortwährend von Manul, Wolf, Korsak, von verschiedenen Adlern und Falken befehdet und ziehen im Winter die Schnee-Eule, ihren gefährlichsten Gegner, geradezu herbei. „Die Geschicklichkeit“, sagt Prshewalski, „welche die gefiederten Räuber bei ihrer Jagd auf Pfeifhasen bethätigen, ist erstaunlich. Ich sah oft, wie Bussarde von oben herab mit solcher Schnelle auf Ogotonen stießen, daß diesen nicht Zeit blieb, sich in ihre Höhle zu ducken. Einmal führte auch ein Adler vor unseren Augen ein solches Kunststück aus, indem

Ner sich aus einer Höhe von mindestens 60 m auf einen vor seiner Höhle sitzenden Pfeifhasen stürzte und ihn erhob.“ Die Bussarde nähren sich so ausschließlich von Ogotonen, daß sie sogar ihre Winterherberge nur der Pfeifhasen halber in der Gobi nehmen. Aber auch der Mensch schädigt die harmlosen Nager, weil er die mühevoll gesammelten Vorräte raubt. In schneereichen Wintern treiben die Mongolen ihre Schafe in solche Gegenden, wo viele Ogotonen leben, oder füttern ihre Pferde mit dem von diesen gestapelten Heue..

e7A²˙

Achte Oronung.

Die Zahnarmen (Edentata).

Die Blütezeit der Säugetiere, welche die zu schildernde Ordnung bilden, ist vorüber. In der Vorzeit lebten in Brasilien Zahnarme von der Größe eines Nashorns und darüber; heutzutage kommen die größten lebenden Mitglieder der Ordnung höchstens einem starken Wolfe an Größe gleich. Unter den ausgestorbenen Arten befanden sich Bindeglieder zwischen den noch vertretenen Familien; gegenwärtig scheinen diese durch eine weite Kluft getrennt zu sein. Und wie jenen, naht auch einzelnen von den noch lebenden Arten das Verhängnis, vernichtet zu werden: ihre Tage sind gezählt.

Von der Übereinstimmung anderer Ordnungen ist bei den Zahnarmen wenig zu bemerken. Die auffallende Gebißbildung, welche bei allen hierher zu rechnenden Tieren sich geltend macht, bleibt noch das wichtigste Kennzeichen, welches sie vor den übrigen Säugern auszeichnet. Man findet unter den Zahnarmen Säuger, auf welche der Name in seiner vollen Bedeutung paßt, da sie auch nicht eine Spur von Zähnen zeigen, und alle übrigen, welche wirklich (und zuweilen eine sehr große Anzahl) Zähne haben, entbehren doch wenigstens der vorderen Schneidezähne, und die übrigen Zähne, welche wir Schneidezähne nennen müssen, weil sie im Zwischenkiefer stehen, stimmen in Gestalt und Bildung so vollkommen mit den Backenzähnen überein, daß wir den Ausdruck doch nicht in voller Gültigkeit brauchen können. Die Eckzähne, welche äußerst selten vorhanden sind, unterscheiden sich ebenfalls durch nichts weiter als durch ihre bedeutende Länge von den Backenzähnen, und diese selbst haben einfache cylindrische oder prismatische Gestalt und sind durch Lücken voneinander getrennt. Sie bestehen durchweg bloß aus Zahnstoff und Zement, meistens ohne allen Schmelz, werden gewöhnlich nur einmal erzeugt und nur bei wenigen Arten gewechselt; bei den Erdferkeln vereinigen sich sogar mehrere zu einem zusammengesetzten Zahne. Das untere Ende der Zähne, mit Ausnahme der nur bei einer Gattung vorhandenen Milchzähne, ist nicht wurzelartig geschlossen, sondern wird von einer Höhle eingenommen, in welcher sich eine das Nachwachsen vermittelnde Masse befindet. Die Anzahl der Zähne, falls solche überhaupt vorhanden sind, ändert nicht allein bei den Familien, sondern auch bei den verschiedenen Arten einer Hauptgruppe erheblich ab; einige haben nur 20, andere gegen 100 Zähne.

Continue reading
Page 167 of 185