Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Es läßt sich nicht beschreiben, wie langweilig und abstoßend die Jagd dieses Hasen für einen Jäger ist, welcher früher mit dem nordischen Vetter zu thun gehabt hat. Man wird angewidert von dem albernen Gesellen und schämt sich förmlich, einem so dummen Narren auf das Fell zu brennen. Ganz anders verhält sich die Sache, wenn ein Hund, und wie man hieraus mit Recht schließen kann, ein Fuchs, Schakal oder Wolf den Erneb aufscheucht. Er weiß sehr genau, daß eine kurze Flucht oder ein Verbergen unter dem Busche ihn nicht retten kann und gebraucht seine Läufe genau mit derselben Ausdauer wie Freund Lampe. Dank seiner Behendigkeit entkommt er auch meistens dem vierbeinigen Jäger; dafür lauert freilich inder Höhe ein gar schlimmer Feind, der Raubadler nämlich, welcher nur auf solche Gelegenheit wartet, um auf den über eine kahle Fläche wegeilenden und somit einige Augenblicke lang unbeschützten Nager herabzustoßen. Er nimmt ihn ohne weiteres vom Boden auf und erdrosselt den ihm gegenüber Wehrlosen, noch ehe dieser recht weiß, was ihm geschieht, in seinen gewaltigen Fängen.
Andere afrikanische Hasen (Lepus saxatilis, L. crassicaudatus, L. capensis), die in Ost⸗, West⸗ und Südafrika vorkommen, gleichen in ihrem Wesen durchaus nicht dem Erneb, sondern unserem Feldhasen. Sie sind scheu wie dieser und nicht leicht zu schießen, da sie beim Flüchten in der Steppe durch Gestrüpp und Graswuchs gut gedeckt werden. Unter den Eingeborenen in Westafrika gibt es Jagdliebhaber, welche zwar mit ihren Steinschloßflinten nicht auf flüchtiges Wild schießen, dafür aber von den gemeinen Dorfhunden etliche, die dann wertgehalten werden, wirklich zur Jagd abgerichtet haben. Sie durchstöbern mit ihnen Gestrüpp- und Grasbestände und hetzen sie, wenn ein Hase aufgestoßen wird, diesem nach, wobei sie natürlich selbst um die Wette mitlaufen. Sie müssen es auch, wenn sie etwas vom Wildbret haben wollen; denn die Hunde schneiden den Hasen an, sobald sie ihn gegriffen haben, und fressen ihn auf, wenn nicht ihr Herr sehr bald herankommt. Merkwürdig ist es immerhin, daß diese verkümmert aussehenden Hunde den schnellen und Haken schlagenden Hasen einzuholen vermögen; es gelingt ihnen aber fast regelmäßig innerhalb eines Laufes von 300—500 Schritt Länge, und eine Fehljagd gehört, wenigstens in flachem Gelände, zu den Ausnahmen. |
Von den eigentlichen Hafen unterscheidet sich das Kaninchen (Lepus cuniculus) durch weit geringere Größe, schlankeren Bau, kürzeren Kopf, kürzere Ohren und kürzere Hinterbeine. Die Körperlänge des Tieres beträgt 40 cm, wovon 7 cm auf den Schwanz kommen, das Gewicht des alten Rammlers 2—3 Kg. Das Ohr ist kürzer als der Kopf und ragt, wenn man es niederdrückt, nicht bis zur Schnauze vor. Der Schwanz ist einfarbig, oben schwarz und unten weiß, der übrige Körper mit einem grauen Pelze bekleidet, welcher oben ins Gelbbraune, vorn ins Rotgelbe, an den Seiten und Schenkeln ins Lichtrostfarbene spielt und auf der Unterseite, am Bauche, der Kehle und der Innenseite der Beine in Weiß übergeht. Der Vorderhals ist rostgelbgrau, der obere wie der Nacken einfarbig rostrot. Abänderungen scheinen seltener als beim Feldhasen vorzukommen.
Fast alle Naturforscher nehmen an, daß die ursprüngliche Heimat des Kaninchens Südeuropa war, und daß es in allen Ländern nördlich von den Alpen erst eingeführt wurde. Plinius erwähnt es unter dem Namen Cuniculus, Aristoteles nennt es Dasypus. Alle
alten Schriftsteller bezeichnen Spanien als sein Vaterland. Strabo gibt an, daß es von den Balearen aus nach Italien gekommen sei; Plinius versichert, daß es sich in Spanien zuweilen ins Zahllose vermehre und auf den Balearen Hungersnot durch Verwüstung der Ernte hervorbringe. Die Inselbewohner erbaten sich vom Kaiser Augustus Soldaten zur Hilfe gegen diese Tiere, und Kaninchenfänger waren dort sehr gesuchte Leute. Ein Gegenstück hierzu bieten in neuerer Zeit Australien und Neuseeland.
Kaninchen (Lepus cuniculus). Ys natürl. Größe.
Gegenwärtig ist das wilde Kaninchen (Karnickel, Kunelle, Murkchen und wie es sonst noch heißt) über ganz Süd- und Mitteleuropa verbreitet und an manchen Orten überall gemein. Die Länder des Mittelmeeres beherbergen es immer noch am zahlreichsten, obgleich man dort keine Schonung kennt und es zu jeder Jahreszeit verfolgt. In England wurde es der Jagdlust zuliebe in verschiedene Gegenden verpflanzt und anfangs sehr hoch gehalten; noch im Jahre 1309 kostete ein wildes Kaninchen ebensoviel wie ein Ferkel. In nördlichen Ländern kommt es nicht fort: man hat vergeblich versucht, es in Rußland und Schweden einzubürgern. | Das Kaninchen verlangt hügelige und sandige Gegenden mit Schluchten, Felsklüften und niederem Gebüsche, besonders liebt es junge, trockene Kiefernbestände, kurz Orte, wo es sich möglichst verstecken und verbergen kann. Hier legt es sich an geeigneten, am liebsten
an sonnigen Stellen ziemlich einfache Baue an, gern in Gesellschaft, oft siedelungsweise. Jeder Bau besteht aus einer ziemlich tiefliegenden Kammer und in Winkel gebogenen Röhren, von denen eine jede wiederum mehrere Ausgänge hat. Diese sind durch das häufige Aus- und Einschlüpfen gewöhnlich ziemlich erweitert; die eigentliche Röhre aber ist jo eng, daß ihr Bewohner gerade durchkriechen kann. Jedes Paar hat seine eigene Wohnung und duldet darin kein anderes Tier; wohl aber verschlingen sich oft die Röhren von mehreren Bauen. In seinen Höhlen lebt das Kaninchen fast den ganzen Tag verborgen, falls das Buschwerk um den Bau herum nicht so dicht ist, daß es fast ungesehen seiner Nahrung nachgehen kann. Sobald der Abend anbricht, rückt es auf Asung, aber mit großer Vorsicht, indem es lange sichert, ehe es den Bau verläßt. Bemerkt es Gefahr, so warnt es seine Gefährten durch starkes Aufschlagen mit den Hinterläufen, und alle eilen so schnell wie möglich in ihre Baue zurück.
Die Bewegungen des Kaninchens unterscheiden sich wesentlich von denen des Hasen. Im ersten Augenblicke übertrifft es diesen an Schnelligkeit, immer an Gewandtheit. Es versteht das Hakenschlagen meisterlich und erfordert einen vortrefflich eingeübten Hetzhund und einen guten Schützen. Ungleich verschmitzter und schlauer als der Hase, läßt es sich höchst selten auf der Weide beschleichen und weiß bei Gefahr fast immer noch ein Schlupfloch zu finden. Wollte es geradeaus forteilen, so würde es von jedem mittelmäßig guten Hunde schon nach guter Zeit gefangen werden; so aber sucht es in allerlei Gestrüpp, in Felsenritzen und Höhlen Schutz und entgeht meist den Nachstellungen seiner Feinde. Die Sinne des Augens, Vernehmens und Witterns sind ebenso scharf, vielleicht noch schärfer als bei den Hasen. In seinen Sitten hat es manches Angenehme. Es ist gesellig und vertraulich, die Mütter pflegen ihre Kinder mit warmer Liebe, die Jungen erweisen den Eltern große Ehre, und namentlich der Stammvater einer ganzen Gesellschaft wird hoch geachtet. In den Monaten Februar und März beginnt die Rammelzeit der Kaninchen. Wie bemerkt, hält das Paar treu zusammen, wenigstens viel treuer als das Hasenpaar; doch kann man nicht behaupten, daß das Kaninchen in Einweibigkeit lebe. „So viel ist ausgemacht“, sagt Dietrich aus dem Winckell, „daß der Rammler, solange das Weibchen bei ihm bleibt, nicht von dessen Seite weicht und ihm auch oft Zärtlichkeiten erweist. Nie ist er so zudringlich, daß er sein Verfolger werden wollte, wenn es sich von ihm zurückzieht. Wie die Häsin geht das Kaninchen 30 Tage tragend, ist aber geeignet, sogleich nach dem Wurfe sich wieder zu begatten und bringt deshalb seine Nachkommenschaft schon binnen Jahresfrist auf eine bedeutende Höhe. Bis zum Oktober setzt es alle 5 Wochen 4— 12 Junge in einer besonderen Kammer, welche es vorher mit seiner Bauchwolle reichlich ausgefüttert hat. Einige Tage bleiben die Kleinen blind, und bis zum nächsten Satze der Mutter verweilen sie bei ihr im warmen Neste und saugen. Die Alte ist sehr zärtlich und verläßt die Familie nur so lange, als sie braucht, um sich zu ernähren. Bei dieser Gelegenheit sucht sie den Gatten auf, um mit ihm, wenn auch nur kurze Zeit, süßer Vertraulichkeit zu pflegen. Bald aber kehrt sie zu den früheren Pfändern ihrer Liebe zurück und erfüllt mit Aufopferung alles geselligen Vergnügens die Mutterpflichten treulich. Selbst dem Gatten wird der Zugang zu den gesetzten Jungen nicht gestattet, weil wahrscheinlich die sorgsame Mutter wohl weiß, daß er in einem Anfalle von Raserei oder aus übertriebener Zärtlichkeit fähig ist, ihnen das Leben zu rauben. Bosheit treibt ihn dazu gewiß nicht an; denn er empfängt seine Kinder, wenn er sie zum ersten Male erblickt, mit Außerung echter Zärtlichkeit, nimmt sie zwischen die Pfoten, leckt sie und teilt mit der Gattin die Bemühung, sie Asung suchen zu lehren.“ In warmen Ländern sind die Jungen bereits im fünften, in kalten im achten Monate fortpflanzungsfähig, doch erreichen sie erst im zwölften Monate ihr völliges Wachstum.
Pennant hat sich die Mühe gegeben, die mögliche Nachkommenschaft eines Kaninchenpaares zu berechnen. Wenn man annimmt, daß jedes Weibchen in einem Jahre fiebenmal setzt und bei jedem Satze 8 Junge bringt, würde diese Nachkommenschaft binnen 4 Jahren die ungeheure Zahl von 1,274,840 Stück erreichen können. Es ist mehrfach behauptet worden, daß Kaninchen, abgesehen vom Hasen, sich auch mit anderen Nagern begatten und fruchtbare Junge zur Welt brächten; alle hierauf bezüglichen Angaben entbehren jedoch vollständig der Bestätigung. Die Asung des Kaninchens ist durchaus die des Hafen. Aber es verursacht viel ersichtlicheren Schaden als dieser, nicht allein, weil es sich auf einen kleineren Raum beschränkt, sondern auch wegen seiner Liebhaberei für Baumrinden, wodurch es oft ganze Pflanzungen zerstört. Man kann sich kaum denken, welche Verwüstung eine Ansiedelung bei einer so ungeheuern Fruchtbarkeit ihrer Mitglieder anzurichten vermag, wenn man der Vermehrung nicht hindernd in den Weg tritt. „Dieser überaus schädliche Nager“, sagen die Gebrüder Müller, „äußert sich außer seinem Raube an allem Wachstum des Feldes und Waldes bedeutend nach zwei Seiten hin, einmal seines örtlichen, so sehr gedrängten Vorkommens, zum anderen seiner nachteiligen Wühlerei als Erdhöhlenbewohner wegen. Er ist bei seiner platzweisen Asung viel beharrlicher als der Hase und wird dadurch, daß er von seinem Baue nicht weit in die Felder rückt, viel sichtbarer nachteilig als sein Verwandter. Noch mehr gilt das von seinen Zerstörungen im Walde, von denen jeder aufmerksame Forstmann bes | redtes Zeugnis ablegen kann. Von der Holunderstaude bis zu den edelsten Forstgewächsen verfällt das junge Wachstum, besonders die Rinde, seinem ewig beweglichen Nagezahne. Was das Eichhorn auf dem Baume, ist das Kaninchen auf dem Boden, den es siedelweise | nach allen Richtungen unterhöhlt, hierdurch allein schon den Waldbeständen, namentlich dem Nadelholze, auf sehr lockerem Boden Schaden verursachend.“ Zudem vertreiben Kaninchen durch ihr unruhiges Wesen auch das andere Wild; denn selten findet man da Hasen, wo jene die Herrschaft errungen haben. Wo sie sich sicher fühlen, werden sie unglaublich frech. Im Wiener Prater hausten sie früher zu Tausenden, liefen ungescheut auch bei Tage umher und ließen sich weder durch Rufen noch durch Steinwürfe im Asen stören. Man hegt fie nirgends, sondern erlegt sie, wo man nur immer kann, selbst während der allgemeinen Schonzeit. Dessenungeachtet sind sie ohne Hilfe des Frettchens nicht auszurotten; nur wenn sich in einer Gegend der Iltis, das große Wiesel und der Steinmarder stark vermehrt haben, oder wenn es dort Uhus und andere Eulen gibt, bemerkt man, daß sie sich vermindern. Die Marderarten verfolgen sie bis in ihre Baue, und dann sind sie fast immer verloren, oder die Uhus nehmen sie bei Nacht von der Weide weg.
In Gegenden, die ihrer Entwickelung recht günstig sind, können die Kaninchen zu einer wirklichen Landplage werden und die Bewirtschaftung des Bodens außerordentlich benachteiligen. In Neuseeland wie in Australien, wo sie sich ungeheuer vermehrt haben und die Weideplätze des Viehes kahl fressen, hat man bis jetzt ebenso eifrig wie erfolglos gegen sie angekämpft. Wie hoch man den durch sie angerichteten Schaden bewertet, ist daraus zu erkennen, daß die Regierung von Neusüdwales im vorigen Jahrzehnte etwa 15 Millionen Mark zur Bekämpfung des Übels aufgewendet und schließlich eine Belohnung von 500,000 Mark demjenigen zugesichert hat, der ein durchschlagendes Mittel gegen diese Landplage, d. h. zur Vernichtung der Kaninchen, erfinde. Gift, Schlingen, Frettchen, Drahtzäune ꝛc. haben sich unzureichend erwiesen, der alles Maß überschreitenden Futtervertilgung durch diese Nager
Einhalt zu thun. Ein in Frankreich, wie es heißt mit Glück, unternommener Versuch Pasteurs, Kaninchen durch Übertragung der Hühnercholera (Bestreuen des Futters mit den diese hervorrufenden Bakterien) schnell und gründlich auszurotten, soll nach neueren Nachrichten in Australien im großen wiederholt werden.
Das Wildbret des Kaninchens ist weiß und wohlschmeckend; der Balg wird wie der des Hasen verwendet. Unser zahmes Kaninchen, welches wir gegenwärtig in verschiedenen Färbungen züchten, ist unzweifelhaft ein Abkömmling des wilden; denn dieses kann man in kurzer Zeit zähmen, jenes verwildert binnen wenigen Monaten vollständig und erzielt eine Nachkommenschaft, welche zur Färbung des wilden zurückkehrt. Während unserer Jugendzeit hielten wir manchmal eine bedeutende Anzahl von Kaninchen. Unter ihnen hatten wir einige, welche von ihrem Stalle aus Hof und Garten besuchten. Diese warfen stets nur graue Junge, obgleich die Mutter weiß und der Vater gescheckt war. Man hält die zahmen Kaninchen in einem gepflasterten oder gedielten Stalle, in welchem man künstliche Schlupfwinkel angelegt hat, entweder lange Kasten mit mehreren Löchern oder künstliche Baue im Gemäuer, gibt ihnen viel Stroh und trockenes Moos, schützt sie gegen die Kälte im Winter und füttert sie mit Heu, Gras, Blättern, Kohl ꝛc. Leicht kann man sie gewöhnen, sich die ihnen vorgehaltene Nahrung selbst wegzunehmen; ganz zahm aber werden sie selten, und wenn man sie angreift, versuchen sie gewöhnlich zu kratzen und zu beißen. Sie sind weniger verträglich als die wilden. Zusammen aufgewachsene leben zwar sehr gut miteinander, fremde aber werden von der Inwohnerschaft eines Stalles oft arg gemißhandelt, ja sogar totgebissen. In Sachen der Liebe wird tüchtig gekämpft, und manche tragen dabei ziemlich bedeutende Wunden davon. Das Weibchen baut in seiner Höhlung ein Nest aus Stroh und Moos und füttert es sehr schön mit seinen Bauchhaaren aus. Es wirft gewöhnlich zwischen 5 und 7, manchmal aber auch mehr Junge. Lenz hat sich die Anzahl der Jungen, welche ein Weibchen in einem Jahre geworfen hatte, aufgeschrieben: Am 9. Januar brachte das Weibchen 6, am 25. März 9, am 30. April 5, am 29. Mai 4, am 29. Juni 7, am 1. August 6, am 1. September 6, am 7. Oktober 9 und am 8. Dezember 6, in einem Jahre also 58 Junge.