Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Entzücken, so daß er förmlich tanzte, um dieser Leckerbissen teilhaftig zu werden. Wer Hasen aufzieht, wird bestätigt finden, was er auch im Freien an ihm wohlbekannten Stücken beobachten kann: daß sie nämlich ihrem Wesen nach im allgemeinen zwar übereinstimmen, aber doch vielfach eine ausgeprägte Eigenart besitzen, die sich bei frei lebenden wie bei gefangenen in ihrem Thun und Treiben kundgibt. Ihr Charakter ist eben sehr verschiedenartig entwickelt: von aufgezogenen ist der eine gutmütig, zutraulich und umgänglich, der andere unverträglich, boshaft und scheu, dieser klug und verständig, jener dumm und unüberlegt, ein fünfter immer lustig und guter Dinge, ein sechster mürrisch und launenhaft. Das gibt auch ihrem Außeren ein Sondergepräge, woran fie der Pfleger bei aller scheinbaren Gleichheit sehr genau unterscheiden kann; auch ein Hasengesicht ist ausdrucksfähig, ganz abgesehen von den sonstigen Eigenheiten in der Stellung der einzelnen Tiere, mögen sie ruhen oder sich bewegen.
Über Nutzen und Schaden des Hasen herrschen verschiedene Ansichten, je nachdem man vom wirtschaftlichen oder jagdlichen Standpunkte urteilt. Der unbefangene Richter wird den Hasen unbedingt als schädliches Tier bezeichnen müssen und behaupten dürfen, daß er mindestens das Doppelte von dem gebraucht, was er auf dem Markte einbringt. In den meisten Gegenden unseres Vaterlandes macht sich dies aus dem Grunde wenig fühlbar, weil der Hase überall zu naschen pflegt und somit seine Plünderungen auf einen großen Raum verteilt; wegstreiten aber läßt sich der von ihm verursachte Schade nicht. In Gemarkungen, in denen Tausende und mehr Hasen alljährlich erlegt werden, macht sich der durch die Hasen herbeigeführte Verlust an Futter sehr wohl bemerklich. „Nach den von Dettweiler aufgestellten Berechnungen“, jagen die Gebrüder Müller, „bedarf ein zu 2—5 kg Gewicht angenommener Hase nahe an 50 kg vorzüglichen Heues, um jenes Gewicht hervorzubringen, ähnlich wie dies nach Fütterungsversuchen bei Stallvieh gefunden worden ist. Anderthalbtausend in den Gemarkungen von Oderheim und Alsheim in Hessen in einem Jahre geschosjene Hasen stellen sonach, 50 Kg Heu zu 3—5 Mark gerechnet, einen Schaden von 5250 Mark dar, d. h. die angeführte Anzahl Hasen verzehrt durchschnittlich für die angegebene Summe Felderzeugnisse. Obgleich gegen diese Berechnungen Einwendungen mancher Art erhoben werden können, sind doch die Dettweilerschen Betrachtungen vom nationalökonomischen Standpunkte aus zu würdigen, weil sie den allerdings sehr schwierigen und schwankenden Maßstab der Wertberechnung an den von den Hasen verübten Schaden legen. Daß dieser gerade an den besten Feld- und Gartenerzeugnissen in hasenbevölkerten, mit wenig oder gar keinem Walde versehenen Feldebenen kein eingebildeter zu nennen ist, wird jedem, welcher in dieser Angelegenheit tiefer zu schauen Gelegenheit hatte, klar bewußt sein. Der Hase geht nach unseren eingehenden Beobachtungen die besten, zartesten Futtergewächse, wie Klee und Runkelrüben, Kohl, vorzüglich auch Gemüsearten und ebenso die jung ausgepflanzten Gewächse gerade in ihrer Entwickelung an, äset die Ahren der Gerste und des Hafers sehr gern und wird durch seine oft eine Strecke durchs Getreide gehenden Pfädchen mittels Abbeißens und Niedertretens der Halme nachteilig. Dieser Schade kann bei großer Vermehrung sehr empfindlich Platz greifen, während er bei mäßigem Hasenstande, wie ihn unsere vaterländischen Gegenden aufweisen, nicht erkennbar wird. Denn der Hase liebt es, genäschig, wählerisch und unruhig, wie er ist, hier und da nur Weniges zu äsen, auch nie einzeln an einem und demselben Orte länger zu verweilen, und das Zerstörende seiner Thätigkeit beschränkt sich deshalb nicht etwa auf einen Acker, sondern stellt sich als örtlich verschwindende Wirkung von einem Wenigen über weite Strecken dar.“
Darf nun auch die Schädlichkeit des Hasen als bewiesen gelten, fo ist damit noch keineswegs gejagt, daß man ihn ausrotten joil. Man sorgt ohnehin genug für seine Verminderung, und diejenigen, denen er ersichtlich schädlich und lästig wird, haben es in der Hand,
seinen Bestand nach Belieben zu verringern; denjenigen aber, welche sich für unbedingte Vertilgung des Nagers aussprechen, läßt sich erwidern, daß das Jagdvergnügen und das wohlschmeckende Wildbret des Hasen doch ebenfalls Berücksichtigung verdient.
Außer dem mit Recht geschätzten Wildbret des Hasen nutzt man auch dessen Balg. Von der von Haaren entblößten und gegerbten Haut verfertigt man Schuhe und eine Art Pergament oder benutzt sie zur Leimbereitung; die Haare werden zur Herstellung von Filzhüten verwendet. Jährlich kommen, nach Lomer, 3—4 Millionen Felle in den Handel zum Preise von 30—75 Pfennig das Stück. Sibirische weiße Hasenfelle werden seit etwa einem Jahrzehnte vorteilhaft verwertet: sie werden schwarz, braun, blau oder luchsfarbig gefärbt sowie geschoren und dem Pelze der Chinchilla ähnlich gefärbt und sodann zu sehr gefällig aussehendem, aber unhaltbarem Pelzwerke verarbeitet. Von diesen Fellen kommen jährlich 11,5 Millionen zu 0,5—2 Mark das Stück in den Handel. In der alten Arzneikunde spielten Haare, Fett, Blut und Gehirn, selbst Knochen, sogar der Kot des Hasen eine bedeutende Rolle, und noch heutigestags wenden abergläubische Menschen Lampes Fell und Fett gegen Krankheiten an. Der Hase genoß denn auch längere Zeit die Ehre, als ein verzaubertes Wesen zu gelten. Noch im vorigen Jahrhundert glaubte man in ihm einen Zwitter zu sehen und war fest überzeugt, daß er willkürlich das Geschlecht zu ändern im stande sei, also ebensowohl als Männchen wie als Weibchen auftreten könne. Die Pfädchen, welche er sich im hohen Getreide durchbeißt, werden noch heutzutage für Hexenwerke angesehen und mit dem Namen Hexenstiege belegt.
Die in Neuseeland eingebürgerten Hasen sind, laut R. von Lendenfeld, „nicht gewohnt, vor Feinden flüchten zu müssen, recht faul geworden und laufen vor dem Jäger so langsam davon, daß sie sehr leicht zu treffen sind“.
Noch ist nicht ausgemacht, ob der Schneehase der Alpen und der des hohen Nordens eine und dieselbe Art bildet. Im allgemeinen erweisen sich beide als treue Kinder ihrer Heimat. Sie sind Tiere, deren Kleid dem Boden nach den Umständen angepaßt ist; doch kommen hier eigentümliche Abweichungen vor. Die Alpenschneehasen sind im Winter rein weiß, nur an der Spitze der Ohren schwarz, im Sommer graubraun, und zwar rein einfarbig, nicht gesprenkelt wie der gemeine Hase. Die in Irland lebenden, jenen sehr ähnlichen Hasen werden angeblich nie weiß und deshalb von einigen Gelehrten als besondere Art (Lepus hibernicus) angesehen. Umgekehrt entfärben sich die im höchsten Norden wohnenden Schneehasen im Sommer nicht, sondern bleiben das ganze Jahr hindurch weiß und werden deshalb ebenfalls als eigene Art (Lepus glacialis) betrachtet. Die skandinavischen Hafen, welche sämtlich Schneehasen sind, unterscheiden sich ebenfalls: die einen werden weiß bis auf die schwarze Ohrenspitze, die anderen verändern sich nicht. Bei ihnen ist das Unterhaar schiefergrau, die Mitte schmutzig rotbraun und die Spitze weiß. Diese Färbung scheint aber eine rein zufällige zu sein; man behauptet wenigstens, daß oft Hasen eines und desselben Satzes beide Färbungen zeigen. Man wird, solange nicht anderweitige Unterschiede sich auffinden lassen, die erwähnten Schneehasen kaum trennen dürfen, und jedenfalls haben wir nicht unrecht, wenn wir zur Zeit noch alle genannten Hasen zu einer Art vereinigen.
Diese Art, der Alpen- oder Schneehase (Lepus timidus, J. alpinus, albus, borealis, canescens, hibernicus, variabilis), unterscheidet sich im Körperbau und Wesen ganz bestimmt vom Feldhasen. „Er ist“, sagt Tschudi, „munterer, lebhafter, dreister, hat einen kürzeren, runderen, gewölbteren Kopf, eine kürzere Nase, kleinere Ohren, breitere Backen; die Hinterläufe sind länger, die Sohlen stärker behaart, mit tief gespaltenen, weit ausdehnbaren Zehen, welche mit langen, spitzen, krummen, leicht zurückziehbaren Nägeln bewaffnet sind. Die Augen sind nicht, wie bei den weißen Kaninchen, weißen Eichhörnchen
und weißen Mäusen, rot, sondern dunkler braun als die des Feldhasen. In der Regel ist der Alpenhase etwas kleiner als der Feldhase; doch gibt es auch 6 kg schwere Rammler; in Bünden wurde sogar einer von 7,5 kg Gewicht geschossen. Eine genaue Vergleichung eines halb ausgewachsenen Alpen- und eines gleich alten Berghasen zeigte, daß der erstere ein weit feineres, klügeres Aussehen hatte, in seinen Bewegungen leichter und weniger dummscheu war. Sein Schienbein war auffallend stärker gewölbt, Kopf und Nase kürzer, die Löffel kleiner, aber die Hinterläufe länger als die des braunen Hasen, welcher furchtsamer war als sein alpiner Vetter. Die Bündener Berghasenjäger unterscheiden zweierlei
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Hasen, welche im Winter weiß werden, und nennen fie Wald- und Berghasen,von denen die ersteren größer seien und auch im Sommer nicht über die Holzgrenze gingen, während die letzteren kleiner und dickköpfiger wären als die weißen Waldhasen. „Wenn im Dezember die Alpen in Schnee begraben liegen, ist dieser Hase so rein weiß wie der Schnee; nur die Spitzen der Ohren bleiben schwarz. Die Frühlingssonne erregt vom März an einen sehr merkwürdigen Farbenwechsel. Er wird zuerst auf dem Rücken grau, und einzelne graue Haare mischen sich immer reichlicher auch auf den Seiten ins Weiße. Im April sieht er sonderbar unregelmäßig gescheckt oder besprengt aus. Von Tag zu Tag nimmt die dunkelbraune Färbung überhand, und endlich erst im Mai ist sie ganz vollendet, dann aber rein einfarbig, nicht gesprenkelt wie beim gemeinen Hasen, welcher auch eine derbere Behaarung hat als der Alpenhase. Im Herbste fängt er schon mit dem ersten Schnee an, einzelne weiße Haare zu bekommen; doch geht, wie in den Alpen der Sieg des Winters sich rascher entscheidet als der des Frühlings, der Farbenwechsel im
Spätjahre schneller vor sich und ist vom Anfang Oktober bis Mitte November vollendet. Wenn die Gemsen schwarz werden, wird ihr Nachbar, der Hase, weiß. Dabei bemerken wir folgende merkwürdige Erscheinungen. Zunächst vollzieht sich die Umfärbung nicht nach einer festen Zeit, sondern richtet sich nach der jeweiligen Witterung, so daß sie bei früherem Winter früher eintritt, ebenso bei früherem Frühlinge, und immer mit dem Farbenwechsel des Hermelins und des Schneehuhns, welche den gleichen Gesetzen unterliegen, Schritt hält. Ferner geht zwar die Herbstfärbung infolge der gewöhnlichen Wintermauserung vor sich, der Farbenwechsel im Frühlinge scheint sich dagegen an der gleichen Behaarung zu vollziehen, indem erst die längeren Haare an Kopf, Hals und Rücken von ihrer Wurzel an bis zur Spitze schwärzlich, die unteren weißen Wollhaare dagegen grau werden. Doch ist es noch nicht ganz gewiß, ob nicht auch im Frühjahre vielleicht eine teilweise Mauserung vor sich gehe. Im Sommerkleide unterscheidet sich der Alpenhase insoweit von dem gemeinen, daß jener olivengrauer ist mit mehr Schwarz, dieser rötlichbraun mit weniger Schwarz; bei ersterem bleibt der Bauch und ein Teil der Löffel weiß, bei diesem wird die Unterseite gelb und weiß.“ Nach Beobachtungen an Schneehasen, welche ich pflegte, hat Tschudi den Hergang der Verfärbung nicht richtig geschildert. Auch der Hase härt nur einmal und zwar im Frühjahre, während er gegen den Herbst hin sein Winterkleid durch einfache Verfärbung des Sommerkleides erhält. Wie beim Polarfuchse und Hermeline währt auch nach der Verfärbung das Wachstum der Haare fort, und es wird deshalb der Pelz mit vorschreitendem Winter immer dichter, bis im Frühjahre das Abstoßen der alten Haare durch die neu hervorsprossenden beginnt. Je nach Gegend und Lage mag die Ausbleichung des Haares früher oder später eintreten; eine Mauserung aber, wie Tschudi meint, findet im Herbste gewiß nicht statt. Die Verfärbung geschieht von unten nach oben, derart, daß zuerst die Läufe und zuletzt der Rücken weiß werden. Sie begann bei dem von mir beobachteten Tiere am 10. Oktober und war bis zu Ende des Monats so weit fortgeschritten, daß die Läufe bis zu den Knieen oder Beugegelenken, der Nacken und der hintere Teil der Schenkel weiß waren, während die Haare des übrigen Leibes zwar lichter als anfangs erschienen, aber doch noch nicht eigentlich an der Umfärbung teilgenommen hatten. Das Fell sah um diese Zeit aus, als ob es mit einem durchsichtigen, weißen Spitzenschleier überdeckt wäre. Im November nahm das Weiß außerordentlich rasch und zwar auf der ganzen Oberseite gleichmäßig zu, das Grau verschwand mehr und mehr, und Weiß trat überall an die Stelle der früheren Färbung. Von einem Ausfallen der Haare war nichts zu bemerken; doch konnte auch mit Bestimmtheit nicht festgestellt werden, ob die Verfärbung des Haares von der Spitze nach der Wurzel vorschritt oder umgekehrt von der Wurzel aus nach der Spitze verlief; letzteres schien das Wahrscheinlichste zu sein. „Der geschilderte Farbenwechsel“, fährt Tschudi fort, „wird allgemein als Vorbote der zunächst eintretenden Witterung angesehen; selbst der einsichtsvolle Prior Lamont auf dem Großen St. Bernhard teilte diesen Glauben und schrieb am 16. August 1822: ‚Wir wer: den einen sehr strengen Winter bekommen; denn schon jetzt bekleidet sich der Hase mit seinem Winterfelle.“ Wir glauben aber vielmehr, daß der Farbenwechsel nur Folge des bereits eingetretenen Wetters ist, und das gute Tier kommt mit seiner angeblichen Prophetenkunst selbst oft schlimm weg, wenn seine Winterbehaarung sich bereits gelichtet hat und abermals Frost und Schnee eintritt.“ Auch dieser Meinung Tschudis widersprechen andere Beobachtungen. Der russische Schneehase legt sein Winterkleid oft vor dem ersten Schneefalle an und leuchtet dann, um mich des Ausdruckes meines Gewährsmannes zu bedienen, „wie ein Stern aus dem dunkelgrünen Busche und dem braungelben Grase hervor“. „Der Schneehase“, berichtet Tschudi weiter, „ist in allen Alpenkantonen sicher in der Höhe zu treffen, und in der