Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Vor allen unbekannten Dingen hat er überhaupt eine außerordentliche Scheu, und de3- halb meidet er auch sorgfältig alle Popanze, welche in den Feldern aufgestellt werden, um ihn abzuhalten. Dagegen kommt es auch vor, daß alte, ausgelernte Hasen sich außerordentlich dreist zeigen, sich nicht einmal durch Hunde vertreiben lassen und, sobald sie merken, daß diese eingesperrt oder angehängt find, mit einer Unverschämtheit ohnegleichen an die Gärten herankommen und sich sozusagen unter den Augen der Hunde äsen. Lenz hat mehrmals gesehen, daß Hasen so nahe unter seinem Fenster und neben den angefesselten Hunden hinschlüpften, daß der Schaum aus dem Rachen der entrüsteten Hunde ihnen auf den Pelz spritzte. Die Schnelligkeit des Hasen im Laufe rührt größtenteils daher, daß er stark überbaut ist, d. h., daß seine Hinterläufe länger als die vorderen sind. Hierin liegt auch der Grund, daß er besser bergauf als bergab rennen kann, und daß in seiner Spur die Abdrücke der Hinterläufe stets vor denen der Vorderläufe liegen. Wenn er ruhig ist, bewegt er sich in kurzen, langsamen Sprüngen; wenn ihm daran liegt, schnell fortzukommen, in sehr
großen Sätzen. Beim Entfliehen hat er die Eigentümlichkeit, daß er ohne besonderen Grund in einiger Entfernung von seinem Lager einen Kegel macht, d. h. die Stellung eines aufrecht sitzenden Hundes annimmt; ist er dem ihm nachjagenden Hunde ein Stück voraus, so stellt er sich nicht nur auf die vollständig ausgestreckten Hinterläufe, sondern geht auch wohl so ein paar Schritte vorwärts und dreht sich nach allen Seiten um. Gewöhnlich gibt er nur dann einen Laut von sich, wenn er sich in Gefahr sieht. Dieses Geschrei ähnelt dem kleiner Kinder und wird mit „Klagen“ bezeichnet.
Unter den Sinnen des Hasen ist, wie schon die großen Löffel schließen lassen, das Gehör am besten ausgebildet, der Geruch recht gut, das Gesicht aber ziemlich schwach. Unter seinen geistigen Eigenschaften steht eine außerordentliche Vorsicht und Aufmerksamkeit obenan. Der leiseste Laut, den er vernimmt, der Wind, welcher durch die Blätter säuselt, ein rauschendes Blatt genügen, um ihn, wenn er schläft, zu erwecken und im hohen Grade aufmerksam zu machen. Eine vorüberhuschende Eidechse oder das Quaken eines Frosches kann ihn von seinem Lager verscheuchen, und selbst wenn er im vollsten Laufe ist, bedarf es nur eines leisen Pfeifens, um ihn aufzuhalten. Die berühmte Harmlosigkeit des Hasen ist nicht so weit her. Dietrich aus dem Winckell sagt geradezu, daß das größte Laster des Hasen seine Bosheit sei, nicht weil er dieselbe durch Kratzen und Beißen äußere, sondern weil sie der Satzhase durch Verleugnung der elterlichen Liebe, der Rammler aber durch Grausamkeit gegen junge Häschen, oft in der empörendsten Weise, bethätige.
Die Rammelzeit beginnt nach harten Wintern Anfang März, bei gelinden schon im Februar, selbst im Januar, im allgemeinen um so eher, je mehr der Hase Nahrung hat. „Zu Anfang der Begattungszeit“, sagt unser Gewährsmann, „schwärmen unaufhörlich Rammler, Häsinnen suchend, umher und folgen ihren Spuren, gleich den Hunden, mit zur Erde gesenkter Nase. Sobald ein Paar sich zusammenfindet, beginnt die verliebte Neckerei durch Kreislaufen und Kegelschlagen, wobei anfangs der Satzhase immer der vorderste ist. Aber nicht lange dauert es, so fährt dieser an die Seite, und ehe der Rammler es versieht, gibt ihm die äußerst gefällige Schöne Anleitung, was er thun soll. In möglichster Eile bemüht sich nun der Rammler, seine Gelehrigkeit thätlich zu erweisen, ist aber dabei so ungezogen, im Augenblicke des höchsten Entzückens mit den scharfen Nägeln der Geliebten große Klumpen Wolle abzureißen. Kaum erblicken andere seines Geschlechtes den Glücklichen, so eilen sie heran, um ihn zu verdrängen oder wenigstens die Freude des Genusses zu verderben. Anfänglich versucht es jener, seine Schöne zur Flucht zu bewegen; aber aus Gründen, welche sich aus der unersättlichen Begier derselben erklären lassen, zeigt sie nur selten Lust dazu, und so hebt jetzt ein neues Schauspiel an, indem die Häsin von mehreren Bewerbern verfolgt und geneckt, endlich von dem behendesten, welcher sich den Minnesold nicht leicht entgehen läßt, eingeholt wird. Daß unter solchen Umständen nicht alles ruhig abgehen kann, versteht sich von selbst. Eifersucht erbittert auch Hasengemüter, und so entsteht ein Kampf, zwar nicht auf Leben und Tod, aber höchst lustig für den Beobachter. Zwei, drei und mehrere Rammler fahren zusammen, rennen aneinander, entfernen sich, machen Kegel und Männchen, fahren wieder aufeinander los und bedienen sich dabei mit in ihrer Art ganz kräftigen Ohrfeigen, so daß die Wolle umherfliegt, bis endlich der Stärkste seinen Lohn empfängt, oder noch öfters sich betrogen fühlt, indem sich das Weibchen mit einem der Streiter oder gar mit einem neuen Ankömmlinge unbemerkt entfernt hat, gewiß überzeugt, daß auch die Hintergangenen nicht unterlassen werden, fremden Reizen zu huldigen, sobald sich Gelegenheit dazu findet.“ Glaubwürdige Jäger versichern, daß diese Zweikämpfe zwischen verliebten Hasen, so unschuldig sie auch aussehen, zuweilen doch nicht ohne Verletzungen abgehen, weil sie nicht selten auf ihrem Reviere erblindete Hasen angetroffen haben, denen bei solchen Kämpfen
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die Lichter verwundet wurden. Gelegentlich wird auch eine Häsin so ernsthaft mißhandelt, daß sie lange kümmert oder sogar verendet. Die abgekratzte Wolle, welche auf den Kampfplätzen umherliegt, dient dem Jäger als Zeichen, daß die Rammelzeit wirklich angebrochen ist, und in besonders milden Jahren wird sich jeder Tierfreund in acht nehmen, nunmehr noch auf das Wild zu jagen.
Dreißig Tage etwa geht die Häsin tragend. Gewöhnlich Gebt sie zwischen Mitte und Ende des März das erste, im August das vierte und letzte Mal. Der erste Satz besteht aus 1 oder 2, der zweite aus 3—4, der dritte aus 3 und der vierte wiederum aus 1—2 Jungen; in ganz ungewöhnlichen Fällen umfaßt ein Satz auf einmal 5 und mehr Junge. Höchst selten und nur in sehr günstigen Jahren geschieht es, daß eine Häsin fünfmal setzt. Das Wochenbett ist eine höchst einfache Vertiefung an einem ruhigen Orte des Waldes oder Feldes: ein Misthaufe, die Höhlung eines alten Stockes, angehäuftes Laub oder auch ein bloßes Lager, eine tiefe Furche, ja endlich der flache Boden an allen Orten. Die Jungen kommen mit offenen Augen und jedenfalls schon sehr ausgebildet zur Welt. Manche Jäger sagen, daß sie sofort nach der Geburt sich selbst trocknen und putzen müssen. So viel ist sicher, daß die Mutter nur während der ersten 5—6 Tage bei ihren Kindern verweilt, dann aber, neuer Genüsse halber, sie ihrem Schicksale überläßt. Nur von Zeit zu Zeit kommt sie an den Ort zurück, wo sie die kleine Brut ins Leben setzte, lockt sie durch ein eigentümliches Geklapper mit den Löffeln und läßt sie saugen; jedenfalls muß sie aber doch für ihre Jungen sorgen, denn ohne sie würden die hilflosen Tierchen elend zu Grunde gehen. Bei Annäherung eines Feindes verläßt sie freilich ihre Kinder, obwohl auch Fälle bekannt sind, daß alte Häsinnen die Brut gegen Raubvögel und Raben verteidigt haben. Von dem ersten Satze gehen die meisten Jungen zu Grunde: der Übergang aus dem warmen Mutterleibe auf die kalte Erde ist zu jäh; das kleine Geschöpf erstarrt und geht ein. Und wenn es wirklich auch das schwache Leben noch fristet, drohen ihm Gefahren aller Art, selbst vom eigenen Vater. Der Rammler benimmt sich manchmal wahrhaft abscheulich gegen die jungen Häschen und peinigt sie, wenn er kann, zu Tode. i
Bei keinem anderen wild lebenden Tiere hat man so viel Mißgeburten beobachtet wie bei den Hasen. Solche, die zwei Köpfe oder wenigstens eine doppelte Zunge haben, oder herausstehende Zähne besitzen, sind keine Seltenheiten.
Eine junge Hasenfamilie verläßt nur ungern die Gegend, in welcher sie geboren wurde. Die Geschwister entfernen sich wenig voneinander, wenn auch jedes sich ein anderes Lager gräbt. Abends rücken sie zusammen auf Asung aus, morgens gehen sie gemeinschaftlich nach dem Lager zurück, und so währt ihr Treiben, welches mit der Zeit ein recht fröhliches und frisches wird, fort, bis sie halbwüchsig sind. Dann trennen sie sich voneinander. Nach 15 Monaten sind sie erwachsen, schon im ersten Lebensjahre aber zur Fortpflanzung geeignet. Die höchste Lebensdauer, welche der Hase bei uns erreicht, dürften 7—8 Jahre sein; es kommen aber Beispiele vor, daß Hasen allen Nachstellungen noch längere Zeit entgehen und immer noch nicht an Altersschwäche sterben. Im ersten Viertel dieses Jahrhunderts war in meiner Heimat ein Rammler berüchtigt unter den Jägern: mein Vater kannte ihn seit 8 Jahren. Stets war es dem Schlaukopfe gelungen, sich allen Nachstellungen zu entziehen; erst während eines sehr strengen Winters wurde er von meinem Vater auf dem Anstande erlegt. Beim Wiegen ergab sich, daß er ein Gewicht von 9 Kg erreicht hatte. „Das Leben unseres Nagers“, sagt Adolf Müller, „ist fast eine ununterbrochene Kette der Drangsal, der Not und des Leidens, denen die Geschwister Wachsamkeit und Vorsicht zwar auf dem Fuße folgen, welchen aber auch das allbekannte, weniger bemitleidete als verspottete Kind, die Hasenfurcht, gleichsam riesig über den Kopf wählt. Schickt doch. das ganze Heer unserer einheimischen Raubtiere unter Säugern und Vögeln die Spione,
Schleicher, Wegelagerer und Raubmörder hinter dem Friedlichen und Wehrlosen her, das stille Eden seiner Fluren und Wälder in einen Plan der Bedrängnis und des Todes umzuwandeln; jagt doch die Reihe der Hunde, vom krummläufigen, langsamen Dächsel bis zum hochläufigen, schlanken, sturmflüchtigen Windhunde ihn, den schnellsten Renner der Fluren und Wälder, zu Tode. Und wo selbst die Ausdauer und Flüchtigkeit des Hundes nicht ausreicht, wo der Spürsinn, die List und die Mordgier der Raubtiere, wo die Unwetter und Geschicke der Natur unseren Bedrängten verschonten: da hält der Mensch mit seiner tausendfachen Pein und Lift zum Verderben des Armsten noch feine Mittel bereit. Als das grausamste und zugleich hinterlistigste Raubtier verurteilt er den Leidgeborenen auch noch zum Strange. Er schleicht wie der Mörder bei Nacht und Nebel in den Wald und legt in den Paß die scheußliche Drahtschlinge, in welcher sich der Harmlose am Halse fängt, und an welcher er den jämmerlichen Tod des Erstickens stirbt. Aber dies thut nur der Wilderer, nimmermehr der Weidmann!“ ä Über die weid- und nicht weidgerechte Jagd des Hasen sind Bücher geschrieben worden, und es kann daher meine Absicht nicht sein, auf verschiedene Jagdarten näher einzugehen. Nach meinem Geschmacke gewähren dem Jäger die Suche und der Anstand das meiste Vergnügen. Die Hasenhetze mit Windhunden ist zwar im hohen Grade aufregend, verdirbt aber die Jagd; Kessel- oder Leinentreiben werden, jo vergnüglich fie in nicht zu stark bevölkerten Gebieten sind, da, wo es viele Hasen gibt, schließlich zu einer förmlichen Schlächterei, während Suche und Anstand immer in Spannung erhalten und des Jägers am würdigsten sind. Dieser hat auf der Suche Gelegenheit, sich als Weidmann zu zeigen, und schöpft auf dem Anstande manche Belehrung, weil er die Tiere, nicht die Hasen allein, sozusagen noch in ihrem Hausanzuge antrifft und ihr Benehmen im Zustande gänzlicher Ruhe und Sorglosigkeit beobachten kann. Mancher Jäger zieht den Waldanstand jeder anderen Jagd vor; denn das süßeste, die Hoffnung, ist hier des Weidmanns treue, unzertrennliche Gefährtin.
Gefangene Hasen werden leicht zahm, gewöhnen sich ohne Weigerung an alle Nahrung, welche man den Kaninchen füttert, sind jedoch zärtlich und sterben leicht dahin. Wenn man ihnen nur Heu, Brot, Hafer und Wasser, aber nie Grünes gibt, leben sie länger. Bringt man junge Hasen zu alten, so werden sie regelmäßig von diesen totgebissen. Anderen schwachen Tieren ergeht es selten besser: im Gehege von mir gepflegter Hasen fand ich eine getötete, halb aufgefressene Ratte. Mit Meerschweinchen vertragen sich die Hasen gut.
Jung eingefangene Hasen gewöhnen sich so an den Menschen, daß sie auf dessen Ruf herbeikommen, die Nahrung aus den Händen nehmen und trotz ihrer Dummheit Kunststückchen ausführen lernen; alte dagegen bleiben immer ungelehrig und gewöhnen sich kaum an ihren Pfleger. Die Gefangenen sind nett und munter, verlieren ihre Furchtsamkeit jedoch nicht. „Lächerlich sieht es aus“, sagt Lenz, „wenn man in den Stall eines Hasen mit einem weißen Bogen Papier oder sonst einem ähnlichen Dinge eintritt. Der Hase gerät ganz aus der Fassung und springt wie verrückt meterhoch an den Wänden in die Höhe.“ Anderseits gewöhnen sich Hasen jedoch auch nach und nach selbst an ihre erklärten Feinde. Der königlich bayrische Revierförster Fuchs zu Wildenberg in Unterfranken besaß, wie die „Jagdzeitung“ erzählt, einen ausgewachsenen gezähmten Hasen, welcher mit den Jagdhunden eine und dieselbe Lagerstätte teilte, mit ihnen auch aus einer Schüssel fraß und besonders die Zuneigung eines auf der Jagd scharfen, jungen Hühnerhundes sich in dem Grade erworben hatte, daß dieser ihm durch Belecken ꝛc. alle Freundschaftsbezeigungen angedeihen ließ, obgleich der Hase ihn und andere Hunde durch Trommeln auf Kopf und Rücken oft sehr rücksichtslos behandelte. Als bemerkenswert fügt der Beobachter noch hinzu, daß besagter Hase nichts lieber fraß als Fleisch jeder Gattung und nur in Ermangelung dessen grünes Futter zu sich nahm. Kalb- und Schweinefleisch, Leber- und Schwartenwurst brachten ihn in 40*