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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Wenn auch die Vermehrung der Hasen nicht jo groß wie bei anderen Nagern ist, bleibt fie doch immerhin stark genug, und der alte Ausspruch der Jäger, daß der Hase im Früh: jahre selbander zu Felde ziehe und im Herbste zu 16 zurückkehre, hat an Orten, wo das Leben unserem Lampe freundlich lacht und die Verfolgung nicht allzu schlimm ist, seinen vollen Wert. Die meisten Hafen werfen mehrmals im Jahre, manche 3 — 6, ja bis 11 Junge; fast alle aber behandeln ihre Sprößlinge in einer überaus leichtsinnigen Weise, und daher kommt es, daß so viele von diesen zu Grunde gehen. Außerdem stellt ein ganzes

ke

Gerippe des Haſen. (Aus dem Berliner anatomiſchen Muſeum.) ches ebenſowohl Furcht wie Zorn aus⸗ drücken und zur Warnung dienen ſoll.

Heer von Feinden dem schmackhaften Wildbret nach, in jedem Erdteile andere, aber in jedem gleich viele. Für unser Deutschland hat Wildungen die Feinde in einem lustigen Reim zusammengestellt, den ich hiermit als besten Beweis der Menge anführen will:

| „Menschen, Hunde, Wölfe, Lüchfe

Katzen, Marder, Wiesel, Füchse, Adler, Uhu, Raben, Krähen, Jeder Habicht, den wir sehen, Elstern auch nicht zu vergessen, Alles, alles will ihn — fressen.“

Kein Wunder, daß bei einer solchen Masse von Feinden die Hasen sich nicht so vermehren, wie es sonst geschehen würde — ein Glück für uns, daß dem so ist; denn sonst würden sie unsere Feldfrüchte rein auffressen. In allen Gegenden, wo sie stark überhandnehmen, werden sie ohnehin zur Landplage.

Die Kennzeichen der Hasen (Lepus) liegen in den kopflangen Ohren, den verkürzten Daumen der Vorderpfoten, den sehr langen Hinterbeinen, dem aufgerichteten Schwanzstummel und den 6 Backenzähnen in der Oberkieferreihe.

Lampe, der Feldhase (Lepus vulgaris, europaeus, campicola, caspius, aquilonius, medius, fälschlich auch L. timidus genannt), ein derber Nager von 75 em Gesamtlänge, wovon nur 8 em auf den Schwanz kommen, und 30 em Höhe, ist einer der beiden bei uns heimischen Vertreter dieser Gattung. Er erreicht ein Gewicht von etwa 5—6 kg, in seltenen Fällen soll ein alter Rammler auch 7 und 8, ja 9 kg schwer werden. Die Färbung des Balges ist mit wenigen Worten nicht leicht zu beschreiben. Der Pelz besteht aus kurzen Wollenund langen Grannenhaaren; erstere stehen sehr dicht und sind stark gekräuselt, die Grannen stark, lang und auch etwas gekräuselt. Das Unterhaar ist auf der Unterseite der Kehle rein weiß, an den Seiten weiß, auf der Oberseite weiß mit schwarzbraunen Enden, auf dem Oberhalse dunkelrot, im Genicke an der Spitze weiß, das Oberhaar der Oberseite grau am Grunde, am Ende braunschwarz, rostgelb geringelt; doch finden sich auch viele ganz schwarze Haare darunter. Hierdurch erhält der Pelz eine echte Erdfarbe. Er ist auf der Oberseite braungelb mit schwarzer Sprenkelung, am Halse gelbbraun, weißlich überlaufen, nach hinten weißgrau, an der Unterseite weiß. Nun ändert die Färbung auch im Sommer und Winter regelmäßig ab, und die Häsin sieht röter aus als der Hase; es kommen verschiedene Abänderungen, dunkle, gescheckte, weiße Hasen vor, kurz, die Färbung kann eine sehr mannigfache sein. Meistens aber ist sie vortrefflich geeignet, unseren Nager, wenn er auf der Erde ruht, den Blicken seiner Gegner zu entrücken. Schon in einer geringen Entfernung ähnelt die Gesamtfärbung der Umgebung so, daß man den Balg nicht von der Erde unterscheiden kann. Die Sohlen der Füße sind dicht und weich behaart. Die jungen Hasen zeichnen sich häufig durch den sogenannten Stern oder eine Blesse auf der Stirn aus; in seltenen Fällen tragen sie diese Färbung auch in ein höheres Alter hinüber.

Lampe führt mehrere Namen, je nach Geschlecht und Vorkommen. Man unterscheidet Berg: und Feldhasen, Wald- oder Buschhasen, Grund-, Sumpf- und Moorhasen, Sandhasen ꝛc. Der alte männliche Hase heißt Rammler, der weibliche Häsin oder Satzhase; unter Halbwüchsigen versteht man die Jungen, unter Dreiläufern die, welche drei Viertel ihrer vollkommenen Größe erreicht haben. Die Ohren heißen in der Weidmannssprache Löffel, die Augen Seher, die Füße Läufe; das Haar wird Wolle, der Schwanz Blume, die Haut Balg genannt. Im übrigen wendet man auf sein Leben noch folgende

Ausdrücke an. Der Hase äst sich oder nimmt seine Weide, er sitzt oder drückt sich, er rückt zu Felde, um Asung zu suchen, und zu Holze, um zu ruhen, und folgt dabei seinem Passe oder Wechsel, er fährt ins Lager oder in die Vertiefung, in welcher er bei Tage schläft, und fährt aus ihr heraus. Er wird ausgestoßen; er rammelt, die Häsin setzt; er ist gut oder schlecht; er klagt, verendet, wird ausgeweidet und gestreift zc.

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Hase (Lepus vulgaris). "is natürl. Größe.

Ganz Mitteleuropa und ein kleiner Teil des westlichen Asien ist die Heimat unseres Hasen. Im Süden vertritt ihn der Hase des Mittelmeeres, eine verschiedene Art von geringer Größe und rötlicher Färbung, auf den Hochgebirgen der Alpen-, im hohen Norden der Schneehase, welcher vielleicht eine von dem Alpenhasen verschiedene, jedenfalls aber sehr ähnliche Art ist. Seine Nordgrenze erreicht er in Schottland, im südlichen Schweden und in Nordrußland, seine Südgrenze in Südfrankreich und Norditalien. Fruchtbare Ebenen mit oder ohne Gehölz und die bewaldeten Vorberge der Gebirge sind die bevorzugten Aufenthaltsorte; doch steigt er in den Alpen bis zu einer Höhe von 1500 m über dem Meere und im Kaukasus bis zu 2000 m empor. Er zieht gemäßigte Länder den rauhen entschieden vor und wählt aus Liebe zur Wärme Felder, welche unter dem Winde liegen und ge deckt find. Versuche, die man angestellt hat, ihn nach dem Norden zu verpflanzen, find

Haſe (Lepus vulgaris). "is natürl. Größe.

fehlgeschlagen; dagegen hat er sich leicht nach Australien und Neuseeland verpflanzen lassen. In Südaustralien ist er strichweise schon so häufig, daß man, wie Haacke mitteilt, oft für schöne Stücke nur etwa 1 Mark zahlt. Alte Rammler zeigen sich weniger wählerisch in ihrem Aufenthaltsorte als die Häsinnen und Junghasen, lagern sich oft in Büschen, Rohrdickichten und hoch gelegenen Berghölzern, während jene in der Wahl ihrer Lager immer sehr sorgfältig zu Werke gehen. „Im allgemeinen“, sagt Dietrich aus dem Winckell, dessen Lebensschilderung Lampes ich für die gelungenste halte, „ist der Hase mehr Nacht- als Tagtier, obwohl man ihn an heiteren Sommertagen auch vor Untergang der Sonne und noch am Morgen im Felde umherstreifen sieht. Höchst ungern verläßt er den Ort, an welchem er aufgewachsen und groß geworden ist. Findet er aber daselbst keinen anderen Hasen, mit dem er sich paaren kann, oder fehlt es ihm an Asung, so entfernt er sich weiter als gewöhnlich. Aber der Satzhase kehrt, wenn die Paarungszeit herannaht, wie der Rammler zur Herbstzeit wieder nach der Geburtsstätte zurück. Fortwährende Ruhe hält ihn besonders fest, fortgesetzte Verfolgung vertreibt ihn für immer. Der Feldhase bewohnt größtenteils die Felder und verläßt sie, wenn es regnet. Wird das Stück, in welchem er seine Wohnung gebaut hat, abgehauen, so geht er an einen anderen Ort, in die Rüben-, Saat-, Krautfelder ꝛc. Hier, überall von kräftiger Asung umgeben, schwelgt er in deren Genusse. Alle Kohl- und Rübenarten sind ihm Leckerspeise. Der Petersilie scheint er besonderen Vorzug zu geben. Im Spätherbste wählt er nicht zu frische Sturzäcker, nicht zu feuchte, mit Binsen bewachsene Vertiefungen und Felder mit Olsaat, welche nächst dem Wintergetreide den größten Teil seiner Weide ausmacht. Solange noch gar kein oder wenig Schnee liegt, verändert er seinen Wohnort nicht; nur bei Nacht geht er in die Gärten und sucht den eingeschlagenen und aufgeschichteten Kohl auf. Fällt starker Schnee, so läßt er sich in seinem Lager verschneien, zieht sich aber, sobald das Unwetter nachläßt, in die Nähe der Kleefelder. Bekommt der Schnee eine Eisrinde, so nimmt der Mangel immer mehr überhand, und je mehr dies geschieht, um so schädlicher wird der Hase den Gärten und Baumschulen. Dann ist ihm die Schale der meisten jungen Bäume, vorzüglich die der Akazie und ganz junger Lärchen sowie der Schwarzdorn, ebenso willkommen wie der Braunkohl. Vermindert sich durch Tauwetter der Schnee, oder geht er ganz weg, so zieht sich der Hase wieder zurück, und dann ist grünes Getreide aller Art seine ausschließliche Weide. Bis die Wintersaat zu schossen anfängt, äst er diese; hierauf rückt ervor Sonnenuntergang oder nach warmem Regen etwas früher aus und geht ins Sommergetreide. Auch diese Saat nimmt er nicht an, wenn sie alt wird, bleibt aber in ihr liegen, besucht abends frisch gepflanzte Krautfelder, Rübenstücke und dergleichen. Der Buschhase rückt nur abends auf die Felder und kehrt morgens mit Tagesanbruch oder bald nach Sonnenaufgang wieder ins Holz zurück. Er wechselt aber während des Sommers seinen Aufenthalt am Tage zuweilen mit hochbestandenen Getreidefeldern oder, wenn Regen fällt, mit Brach- und Sturzäckern. Im Herbste, wenn die Sträucher sich entlauben, geht er ganz aus dem Walde heraus, denn das Fallen der Blätter ist ihm entsetzlich; im Winter zieht er sich in die dichtesten Gehölze, mit eintretendem Tauwetter aber kehrt er wieder in das lichtere Holz zurück. Der eigentliche Waldhase zeigt sich während der milden und fruchtbaren Jahreszeit in den Vorhölzern und rückt von hier aus, wenn ihm die Hung auf den Waldwiesen nicht genügt, gegen Abend in die Felder. Der Berghase befindet sich beim Genusse der in der Nachbarschaft seines Aufenthaltes wachsenden duftigen Kräuter so wohl, daß er nur, wenn Felder in der Nähe sind, diese aus Lüsternheit besucht. „Außer der Rammelzeit, während welcher alles, was Hase heißt, in unaufhörlicher Unruhe ist, bringt dieses Wild den ganzen Tag schlafend oder schlummernd im Lager zu. Nie geht der Hase gerade auf den Ort los, wo er ein altes Lager weiß oder ein neues machen

will, sondern läuft erst ein Stück über den Ort, wo er zu ruhen gedenkt, hinaus, kehrt um, macht wieder einige Sätze vorwärts, dann wieder einen Sprung seitwärts, und verfährt so noch einige Male, bis er mit dem weitesten Satze an den Platz kommt, wo er bleiben will. Bei der Zubereitung des Lagers scharrt er im freien Felde eine etwa 5— 8 cm tiefe, am hinteren Ende etwas gewölbte Höhlung in die Erde, welche so lang und breit ist, daß der obere Teil des Rückens nur sehr wenig sichtbar bleibt, wenn er die Vorderläufe ausstreckt, auf diesen den Kopf mit angeschlossenen Löffeln ruhen läßt und die Hinterbeine unter den Leib zusammendrückt. In diesem Lager schützt er sich während der milden Jahreszeit leidlich vor Sturm und Regen. Im Winter höhlt er das Lager gewöhnlich so tief aus, daß man von ihm nichts als einen kleinen, schwarzgrauen Punkt gewahrt. Im Sommer wen: det er das Gesicht nach Norden, im Winter nach Süden, bei stürmischem Wetter aber so, daß er unter dem Winde sitzt.“ Dieser Angabe dürfte wohl kein anderer Beobachter beistimmen. Der Hase pflegt vielmehr je nach der Witterung, namentlich je nach der Richtung des Windes, seine Lage zu ändern und sich auch recht genau nach der Gestalt des Geländes zu richten: so wendet er in unebenen Gegenden am Hange den Kopf wohl ausnahmslos thalwärts. „Fast möchte es scheinen“, fährt unser Gewährsmann fort, „als habe die Natur den Hasen durch Munterkeit, Schnelligkeit und Schlauheit für die ihm angeborene Furchtsamkeit und Scheu zu entschädigen gesucht. Hat er irgend eine Gelegenheit gefunden, unter dem Schutze der Dunkelheit seinen sehr guten Appetit zu stillen, und ist die Witterung nicht ganz ungünstig, so wird kaum ein Morgen vergehen, an welchem er sich nicht gleich nach Sonnenaufgang auf trockenen, zumal sandigen Plätzen entweder mit seinesgleichen oder allein herumtummelt. Lustige Sprünge, abwechselnd mit Kreislaufen und Wälzen, sind Außerungen des Wohlbehagens, in welchem er sich so berauscht, daß er seinen ärgsten Feind, den Fuchs, übersehen kann. Der alte Hase läßt sich nicht so leicht überlisten und rettet sich, wenn er gesund und bei Kräften ist, vor den Nachstellungen dieses Erzfeindes fast regelmäßig durch die Flucht. Dabei sucht er durch Widerhaken und Hakenschlagen, welches er meisterhaft versteht, seinen Feind zu übertölpeln. Nur wenn er vor raschen Windhunden dahinläuft, sucht er einen anderen vorzustoßen und drückt sich in dessen Wohnung, den vertriebenen Besitzer kaltblütig der Verfolgung überlassend, oder er geht gerade in eine Herde Vieh, fährt in das erste beste Rohrdickicht und schwimmt im Notfalle auch über ziemlich breite Gewässer. Niemals aber wagt er, sich einem lebenden Geschöpfe anderer Art zu widersetzen, und nur wenn Eifersucht ihn reizt, läßt er sich in einen Kampf mit seinesgleichen ein. Zuweilen kommt es vor, daß ihn eine eingebildete oder wahre Gefahr derart überrascht und aus der Fassung bringt, daß er, jedes Rettungsmittel vergessend, in der größten Angst hin- und herläuft, ja wohl gar in ein jämmerliches Klagen ausbricht.“

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