Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
augenblicklich, wenn einer der Eindringlinge sie durch Unreinlichkeit belästigt. So kommt es, daß der Boden manchmal in dem Flächenraume von einer Geviertmeile vollständig unterwühlt ist. Den Tag über liegt die ganze Familie verborgen im Baue, gegen Sonnenuntergang zeigt sich eines und das andere, und mit Einbruch der Dämmerung hat sich eine mehr oder minder zahlreiche Gesellschaft vor den Löchern versammelt. Diese prüft sehr sorgfältig, ob alles sicher ist, und treibt sich längere Zeit in der Nähe des Baues umher, ehe sie sich anschickt, nach Asung auszugehen. Dann kann man Hunderte miteinander spielen sehen und vernimmt ihr schweineartiges Grunzen schon auf bedeutende Entfernungen hin. Wenn alles vollständig ruhig geworden ist, zieht die Gesellschaft auf Nahrung aus, und ihr ist alles Genießbare recht, was sich findet. Gräser, Wurzeln und Rinden bilden wohl den Hauptteil
Viscacha (Lagostomus trichodactylus). ½ natürl. Größe.
ihres Futters; sind aber Felder in der Nähe, so besuchen die Tiere auch diese und richten hier merkliche Verheerungen an. Bei ihren Weidegängen sind sie ebenfalls höchst vorsichtig: niemals kommt es dahin, daß sie ihre Sicherung vergessen. Eines um das andere richtet sich auf den Hinterbeinen empor und lauscht und lugt sorgfältig in die Nacht hinaus. Bei dem geringsten Geräusche ergreifen alle die Flucht und stürzen in wilder Hast unter lautem Geschrei nach den Höhlen zurück; ihre Angst ist so groß, daß sie auch dann noch schreien und lärmen, wenn sie bereits die sichere Wohnung wieder erreicht haben. Göring hörte niemals, daß die Viscachas beim Laufen grunzten, vernahm aber, so oft er sich einer Höhle näherte, stets das laute Gebelfer der Insassen.
In ihren Bewegungen haben die Viscachas viel Ahnlichkeit mit den Kaninchen; doch stehen sie diesen an Schnelligkeit bedeutend nach, obwohl sie munterer, lustiger und mehr zum Spielen aufgelegt sind. Auf ihren Weidegängen scherzen sie fast fortwährend miteinander, rennen hastig umher, springen grunzend übereinander weg, schnauzen sich an ꝛc. Wie der Schakalfuchs tragen sie die verschiedensten Dinge, die sie auf ihren Weidegängen finden, nach ihren Höhlen hin und schichten sie vor der Mündung in wirren Haufen, gleichsam als Spielzeug, auf. So findet man Knochen und Geniste, Kuhfladen und durch Zufall in Verlust
gekommene Gegenstände, welche ihnen ganz entschieden nicht den geringsten Nutzen gewähren, vor ihren Bauen aufgeschichtet, und die Gauchos gehen daher, wenn sie etwas vermissen, zu den nächsten Viscacheras hin, um dort das Verlorene zu suchen. Aus dem Inneren ihrer Wohnungen entfernen die Tiere sorgfältig, was nicht hineingehört, auch die Leichen ihrer eigenen Art. Ob sie sich einen Vorrat für den Winter in ihrer Höhle sammeln, um davon während der rauhen Jahreszeit zu zehren, ist noch unentschieden; wenigstens behauptet es nur einer der älteren Naturforscher. Die Stimme besteht in einem sonderbaren lauten und unangenehmen Schnauben oder Grunzen, welches nicht zu beschreiben ist.
Über die Fortpflanzung ist bis jetzt nichts Sicheres bekannt. Die Weibchen sollen 2—4 Junge werfen und diese nach 2—4 Monaten erwachsen sein. Göring sah immer nur ein Junges bei den alten Viscachas. Es hielt sich stets in nächster Nähe von seiner Mutter. Die Alte scheint es mit vieler Liebe zu behandeln und verteidigt es bei Gefahr. Eines Abends verwundete mein Gewährsmann mit einem Schusse eine Mutter und ihr Kind. Letzteres blieb betäubt liegen; die Alte aber war nicht tödlich getroffen. Als sich Göring näherte, um seine Beute zu ergreifen, machte die Alte alle möglichen Anstrengungen, um das Junge fortzuschaffen. Sie umging es wie tanzend und schien sehr betrübt zu sein, als sie sah, daß ihre Anstrengungen nichts fruchteten. Beim Näherkommen unseres Jägers erhob sich die Alte plötzlich auf ihre Hinterbeine, sprang fußhoch vom Boden auf und fuhr schnaubend und grunzend mit solcher Heftigkeit auf ihren Feind los, daß dieser sich durch Stöße mit dem Flintenkolben des wütenden Tieres erwehren mußte. Erst als die Alte sah, daß alles vergeblich und ihr Junges nicht zu retten war, zog sie sich nach ihrem nahen Baue zurück, schaute aber auch von dort aus noch immer mit sichtbarer Angst und grimmigem Zorne nach dem Mörder ihres Kindes. Wenn man diese Jungen einfängt und sich mit ihnen abgibt, werden sie zahm und können, wie unsere Kaninchen, mit Leichtigkeit erhalten werden. Hier und da trifft man Viscachas auch in europäischen Tiergärten an; eine im Frankfurter Garten gehaltene war nach Haacke stets stumpfsinnig, mürrisch und voller boshafter Wut.
Man stellt der Viscacha weniger ihres Fleisches und Felles halber als wegen ihrer unterirdischen Wühlereien nach. An den Orten, wo sie häufig ist, wird das Reiten wirklich lebensgefährlich, weil die Pferde oft die Decken der seichten Gänge durchtreten und hierdurch wenigstens außerordentlich aufgeregt werden, wenn sie nicht stürzen und dabei ihren Reiter abwerfen oder gar ein Bein brechen. Der Landeingeborene erkennt die Viscacheras schon von weitem an einer kleinen, wilden, bitteren Melone, welche vielleicht von den Tieren gern gefressen wird. Diese Pflanze findet sich immer da, wo viele Viscacheras sind, oder umgekehrt, diese werden da angelegt, wo die Pflanzen nach allen Seiten hin ihre grünen Ranken verbreiten. Es ist somit ein Zeichen gegeben, die gefährlichen Stellen zu vermeiden. Man versucht die Viscachas mit allen Mitteln aus der Nähe der Ansiedelungen zu vertreiben und wendet buchstäblich Feuer und Wasser zu ihrer Vernichtung an. Das Gras um ihre Höhlen wird weggebrannt und ihnen somit die Nahrung entzogen; ihre Baue werden unter Wasser gesetzt und sie selber gezwungen, sich ins Freie zu flüchten, wo die außen lauernden Hunde sie bald am Kragen haben. Göring wohnte einer solchen Viscachajagd bei. Man zog von einem größeren Kanal aus einen Graben bis zu den Viscacheras und ließ nun Wasser in die Röhren laufen. Mehrere Stunden vergingen, ehe der Bau gefüllt wurde, und bis dahin vernahm man außer dem gewöhnlichen Schnauben nichts von den so tückisch verfolgten Tieren. Endlich aber zwang sie die Wassernot zur Flucht. Angstlich und wütend zugleich erschienen sie an den Mündungen ihrer Höhle, schnaubend fuhren sie wieder zurück, als sie außen die lauernden Jäger und die furchtbaren Hunde stehen sahen. Aber höher und höher stieg das Wasser, größer und fühlbarer wurde die Not: endlich mußten sie flüchten. Augenblicklich waren ihnen die wachsamen Hunde auf den Fersen; eine wütende Jagd begann. Die Viscachas wehrten
fih wie Verzweifelte; doch eine nach der anderen mußte erliegen, und reiche Beute belohnte die Jäger. Unser Gewährsmann beobachtete selbst, daß getötete Viscachas von ihren Genossen nach dem Inneren der Baue geschleppt wurden. Er schoß Viscachas aus geringer Entfernung; doch ehe er noch zur Stelle kam, waren die durch den Schuß augenblicklich getöteten bereits im Inneren ihrer Höhlen verschwunden. Außer dem Menschen hat das Tier noch eine Unzahl von Feinden. Der Kondor soll den Viscachas ebenso häufig nachgehen wie ihren Verwandten oben auf der Höhe des Gebirges; die wilden Hunde und Füchse auf der Steppe verfolgen sie leidenschaftlich, wenn sie sich vor ihrer Höhle zeigen, und die Beutelratte dringt sogar in das Heiligtum dieser Baue ein, um sie dort zu bekämpfen. Zwar verteidigt sich die Viscacha nach Kräften gegen ihre starken Feinde, balgt sich mit den Hunden erst lange herum, streitet tapfer mit der Beutelratte, beißt selbst den Menschen in die Füße: aber was kann der arme Nager thun gegen die starken Räuber! Doch würde trotz aller dieser Verfolgungen die Zahl der Viscachas sich kaum vermindern, thäte die mehr und mehr sich verbreitende Anbauung des Bodens ihnen nicht gar so großen Abbruch. Der Mensch ist es auch hier, welcher durch die Besitznahme des Bodens zum furchtbarsten Feinde unseres Tieres wird.
Die Indianer der Steppe glauben, daß eine in ihre Höhle eingeschlossene Viscacha nicht fähig ist, sich selbst wieder zu befreien, und zu Grunde gehen muß, wenn nicht ihre Gefährten sie ausgraben. Sie verstopfen deshalb die Hauptausgänge der Viscacheras und binden einen ihrer Hunde dort als Wächter an, damit er die hilfefertigen anderen Viscachas abhält, bis sie selbst mit Schlingen, Netzen ꝛc. wieder zur Stelle sind. Die Erklärung dieser sonderbaren Meinung ist leicht zu geben. Die eingeschlossenen Viscachas hüten sich natürlich, sobald sie den Hund vor ihren Bauen gewahren, herauszukommen, und der Indianer erreicht somit seinen Zweck. Die übrigen Viscachas thun gar nichts bei der Sache.
Die Indianer essen das Fleisch und benutzen auch wohl das Fell, obgleich dieses einen weit geringeren Wert hat als das der früher genannten Arten.
An das Ende der Ordnung stellen wir die Hasen (Leporidae), eine so ausgezeichnete Familie, daß man ihr den Wert einer Unterordnung zusprechen könnte. Sie sind die einzigen Nager, welche mehr als 2 Vorderzähne haben; denn hinter den scharfen und breiten Nagezähnen stehen 2 wirkliche Schneidezähne, kleine, stumpfe, fast vierseitige Stifte. Hierdurch erhält das Gebiß ein so eigentümliches Gepräge, daß die Hasen geradezu einzig dastehen. 5—6 aus je 2 Platten zusammengesetzte Backenzähne finden sich außerdem in jedem Kiefer. Die Wirbelsäule besteht außer den Halswirbeln aus 12 rippentragenden, 9 Lenden⸗, 2—4 Kreuz- und 12— 20 Schwanzwirbeln. Die allgemeinen Kennzeichen der Hafen sind: gestreckter Körper mit hohen Hinterbeinen, langer, gestreckter Schädel mit großen Ohren und Augen, fünfzehige Vorder- und vierzehige Hinterfüße, dicke, höchst bewegliche, tief gespaltene Lippen mit starken Schnurren zu beiden Seiten und eine dichte, fast wollige Behaarung.
So wenig Arten die Familie auch enthält, über einen um so größeren Raum der Erde ist sie verbreitet. Nur im Australischen Reiche würden ohne Zuthun des Menschen Hasen fehlen; gegenwärtig aber sind auch in Australien und Neuseeland zwei Arten weit verbreitet. Die Hasen finden sich in allen Klimaten, in Ebenen und Gebirgen, in offenen Feldern und Felsenritzen, auf und unter der Erde, kurz überall, und wo die eine Art aufhört, beginnt eine andere, die Gegend, welche von dieser nicht ausgebeutet wird, besitzt in einer anderen einen zufriedenen Bewohner. Alle nähren sich von weichen, saftigen Pflanzenteilen; doch kann man sagen, daß sie eigentlich nichts verschonen, was sie erlangen können.
Sie verzehren die Pflanzen von der Wurzel bis zur Frucht, wenn sie auch die Blätter niederer Kräuter am liebsten genießen. Die meisten leben in beschränktem Grade gesellig und halten sehr treu an dem einmal gewählten oder ihnen zuerteilten Standorte fest. Hier liegen sie den Tag über in einer Vertiefung oder Höhle verborgen, des Nachts dagegen streifen sie umher, um ihrer Nahrung nachzugehen. Sie ruhen, streng genommen, bloß in den Mittagsstunden und laufen, wenn sie sich sicher fühlen, auch morgens und abends bei hellem Sonnenschein umher. Ihre Bewegungen sind ganz eigentümlicher Art. Die bekannte Schnelligkeit der Hasen zeigt sich bloß während des vollen Laufes; beim langsamen Gehen bewegen fie sich im höchsten Grade ungeschickt und tölpelhaft, jedenfalls der langen Hinterbeine wegen, welche einen gleichmäßigen Gang erschweren. Doch vermögen fie auch Wen dungen aller Art im schnellsten Laufe zu machen und offenbaren eine Gewandtheit, welche man ihnen nicht zutrauen möchte. Das Wasser meiden sie, obwohl sie im Notfalle über Flüsse setzen. Unter ihren Sinnen steht unzweifelhaft das Gehör obenan: es erreicht hier eine Ausbildung wie bei wenig anderen Tieren, unter den Nagern unzweifelhaft die größte; der Geruch ist schwächer, doch auch nicht übel, das Gesicht ziemlich gut entwickelt. Die Stimme besteht aus einem dum: pfen Knurren, und bei Angst in einem lauten, kläglichen Schreien. Die zur Familie gehörenden Pfeifhasen bethätigen ihren Namen. Unterstützt wird die Stimme, welche man übrigens nur selten hört, durch ein eigentümliches Aufklappen mit den Hinterbeinen, wel⸗
Gerippe des Hasen. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.) ches ebensowohl Furcht wie Zorn ausdrücken und zur Warnung dienen soll. Ihre geistigen Eigenschaften sind ziemlich gegensätzlicher Art. Im allgemeinen entsprechen die Hasen nicht dem Bilde, welches man sich von ihnen macht. Man nennt sie gutmütig, friedlich, harmlos und feig; sie beweisen aber, daß sie von alledem auch das Gegenteil sein können. Genaue Beobachter wollen von Gutmütigkeit nichts wissen, sondern nennen die Hasen geradezu boshaft und unfriedlich im höchsten Grade. Allbekannt ist ihre Furcht, ihre Aufmerksamkeit und Scheuheit, weniger bekannt die List, welche sie sich aneignen und mit zunehmendem Alter auf eine wirklich bewunderungswürdige Höhe steigern. Auch ihre Feigheit ist nicht so arg, wie man glaubt. Man thut ihnen jedenfalls unrecht, wenn man diese Eigenschaft so hervorhebt wie Linné, welcher den Schneehasen für ewige Zeiten mit dem Namen eines Feiglings gebrandmarkt hat. Ein englischer Schriftsteller sagt sehr treffend, daß es kein Wunder ist, wenn die Hasen sich feig zeigen, da jeder Leopard, jeder Tiger und Löwe sein Heil in der Flucht suchen würde, wenn 20, 30 Hunde und wohlbewaffnete Jäger ihn während seiner Ruhe aufsuchen und mit ähnlichem Susan verfolgen wollten wie wir die armen Schelme.