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Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II

PDF document770 original pagesPublished 1890
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Über die Fortpflanzung unseres Tieres ist nichts bekannt; von einem in Gefangenschaft beobachteten berichtet Noack: „Wesen sehr phlegmatisch, das Tier sitzt regungslos in hockender Stellung“.

Erst in der Neuzeit ist man bekannter geworden mit den Mitgliedern einer kleinen Familie amerikanischer Tiere, deren Felle schon seit alten Zeiten von den Ureingeborenen Südamerikas benutzt und auch seit Ende vorigen Jahrhunderts in Menge nach Europa übergeführt wurden. Die Hasenmäuse oder Chinchillen (Lagostomidae) könnte man äußerlich als Mittelglieder zwischen den Mäusen und Hafen bezeichnen. Wenn man fie Kaninchen mit langem, buschigem Schwanze nennt, hat man ihre kürzeste Beschreibung

gegeben. Doch unterscheidet sie von den Hasen scharf und bestimmt das Gebiß. Die Baden: zähne find wurzellos, zeigen 2—3 gleichlaufende Schmelzblätter, und die Reihen nähern sich vorn einander. Die Wirbelsäule besteht aus 12 Rippen-, 8 Lenden-, 2 Kreuz- und 20 Schwanzwirbeln. Der feinste Pelz, welchen Säugetiere überhaupt tragen, deckt ihren Leib. Seine Färbung ist ein lichtes Grau mit Weiß und Schwarzbraun oder Gelb.

Alle Chinchillen bewohnen Südamerika und zwar größtenteils das Gebirge noch inbedeutender Höhe zwischen den kahlen Felsen unter der Schneegrenze; nur eine Art findet sich in der Ebene. Natürliche Höhlen oder von den Tieren eigens gegrabene Gänge bilden ihre Wohnsitze. Alle sind gesellig, manche bewohnen familienweise eine und dieselbe Höhle. Wie die Hasen dem Lichte abhold, zeigen sie sich am meisten in der Dämmerung oder in der Nacht. Sie sind schnelle, lebhafte, behende, scheue und furchtsame Tiere und auch in ihren Bewegungen halb Kaninchen, halb Mäuse. Das Gehör scheint der entwickeltste Sinn zu sein. Ihr Verstand ist gering. Wurzeln und Flechten, Zwiebeln und Rinde, auch wohl Früchte bilden ihre Nahrung. Ihre Vermehrung ist ungefähr ebenso groß wie die der Hasen. Sie ertragen die Gefangenschaft leicht und erfreuen durch Reinlichkeit und Zahmheit. Manche Arten richten Schaden an oder werden wenigstens dem Menschen durch das Unterwühlen des Bodens lästig, alle aber nützen durch ihr Fleisch und Fell.

Die Chinchillas (Eriomys), welche die erste Gattung bilden, zeichnen sich durch dicken Kopf, breite, gerundete Ohren, fünfzehige Vorder-, vierzehige Hinterfüße und den langen, außerordentlich weichen und seidenhaarigen Pelz vor ihren Verwandten aus. Die Backenzähne sind aus drei Schmelzblättern gebildet. Man kennt bloß zwei Arten dieser Tiere, die

Chinchilla (Eriomys chinchilla, Lagostomus laniger, Chinchilla brevicaudata) und die Wollmaus (Eriomys lanigera, Mus, Cricetus und Callomys laniger). Erftere wird 30 cm lang und trägt einen 13 em, mit den Haaren aber 20 cm langen Schwanz. Der gleichmäßige, feine, überaus weiche Pelz ist auf dem Rücken und an den Seiten mehr als 2 cm lang; die Haare sind an der Wurzel tief blaugrau, sodann breit weiß geringelt und an der Spitze dunkelgrau. Hierdurch erscheint die allgemeine Färbung silberfarben, dunkel angeflogen. Die Unterseite und die Füße sind reinweiß; der Schwanz hat oben zwei dunkle Binden; die Schnurren sehen an ihrer Wurzel schwarzbraun, an der Spitze graubraun aus. Die großen Augen sind schwarz.

Schon zur Zeit der Inka verarbeiteten die Peruaner das feine Seidenhaar der Chinchilla zu Tuchen und ähnlichen sehr gesuchten Stoffen, und die alten Schriftsteller, wie Acosta und Molina, geben ziemlich ausführliche, wenn auch nicht eben getreue Schilderungen des wichtigen Tieres. Im vorigen Jahrhundert erhielt man die ersten Pelze als große Seltenheiten über Spanien; jetzt find fie zu einem gewöhnlichen Handelsartikel geworden. Die Pelzhändler kannten weit früher als die Tierkundigen zwei Arten: echte Chinchillas und Bastard— Chinchillas; aber letztere konnten anfangs nichts Sicheres feststellen, weil alle Pelze, welche kamen, unvollständig waren und die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale des Tieres, den Schädel mit seinem Gebisse und die Füße mit ihren Zehen, nicht zur Anschauung brachten. So vermochte erst im Jahre 1829 Bennett Ausführlicheres über das Tier zu berichten, nachdem er es sich lebend verschafft und es in England längere Zeit beobachtet hatte. Aber noch immer ist die Naturgeschichte der Chinchilla in vielen Punkten sehr dunkel.

Der Reisende, welcher von der westlichen Küste Südamerikas die Kordilleren emporklimmt, gewahrt, wenn er einmal eine Höhe von 2— 3000 m erreicht hat, oft meilenweit alle Felsen von dieser Chinchilla und zwei Arten einer anderen Gattung der nämlichen

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. II. 39

Familie bedeckt. In Peru, Bolivia und Chile müssen diese Tiere überaus häufig sein; denn wir erfahren von Reisenden, daß sie während eines Tages an Tausenden vorübergezogen sind. Auch an hellen Tagen sieht man die Chinchillas vor ihren Höhlen sitzen, aber nie auf der Sonnenseite der Felsen, sondern immer im tiefsten Schatten. Noch häufiger gewahrt man sie in den Früh- und Abendstunden. Sie beleben dann das Gebirge und zumal die Grate unfruchtbarer, steiniger und felsiger Gegenden, wo die Pflanzenwelt nur noch in dürftigster Weise sich zeigt. Gerade an den scheinbar ganz kahlen Felswänden treiben sie sich umher, sich ungemein schnell und lebhaft bewegend. Mit überraschender Leichtigkeit klettern sie an den Wänden hin und her, welche scheinbar gar keinen Ansatz bieten. Sie steigen

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Chinchilla (Eriomys chinchilla). ½ natürl. Größe.

6—10 m senkrecht empor, mit einer Gewandtheit und Schnelligkeit, daß man ihnen mit dem Auge kaum folgen kann. Obwohl nicht gerade scheu, lassen sie sich doch nicht nahe auf den Leib rücken und verschwinden augenblicklich, sobald man Miene macht, sie zu verfolgen. Eine Felswand, welche mit Hunderten bedeckt ist, erscheint noch in derselben Minute tot und leer, in welcher man einen Schuß gegen sie abfeuert. Jede Chinchilla ist eiligst in eine Fels: spalte geschlüpft und in ihr verschwunden, als ob sie durch Zauber dem Auge entrückt wäre. Je zerklüfteter die Wände, um so häufiger werden sie von den Chinchillas bewohnt; denn gerade die Ritzen, Klüfte und Höhlen zwischen dem Gesteine bilden ihre Schlupfwinkel. Manchmal kommt es vor, daß der Reisende, welcher, ohne den Tieren etwas zuleide zu thun, oben in jenen Höhen Rast hält, geradezu umlagert wird von diesen Felsenbewohnern. Das Gestein wird nach und nach lebendig; aus jeder Ritze, aus jeder Spalte lugt ein Kopf hervor. Die neugierigsten und vertrauendsten Chinchillas wagen sich auch wohl noch näher herbei und laufen schließlich ungescheut unter den Beinen der weidenden Maultiere herum. Ihr Lauf ist mehr, eine Art von Springen als Gehen, erinnert aber an die Bewegungen

Chinchilla (Eriomys chinchilla). ½ natürl. Größe.

unserer Mäuse. Wenn sie ruhen, sitzen sie auf dem Hinterteile, mit an die Brust gezogenen Vorderbeinen, den Schwanz nach hinten gestreckt; sie können sich jedoch auch ganz frei auf den Hinterbeinen erheben und eine Zeitlang in dieser Stellung erhalten. Beim Klettern greifen sie mit allen vier Füßen in die Ritzen des Gesteins ein, und die geringste Unebenheit genügt ihnen, um mit vollständiger Sicherheit Fuß zu fassen. Alle Beobachter stimmen in der Angabe überein, daß dieses Tier es meisterhaft verstehe, auch die ödeste und traurigste Gebirgsgegend zu beleben und somit dem Menschen, welcher einsam und verlassen dort oben dahinzieht, Unterhaltung und Erheiterung zu bieten.

Über die Fortpflanzung der Chinchilla ist noch nichts Genaueres bekannt geworden, obwohl sie sich im Londoner Tiergarten vermehrt hat. In ihrer Heimat hat man zu jeder Zeit des Jahres trächtige Weibchen gefunden und von den Eingeborenen erfahren, daß die Anzahl der Jungen zwischen 4 und 6 schwanke; Eingehenderes weiß man nicht. Die Jungen werden selbständig, sobald sie die Felsenritzen verlassen können, in denen sie das Licht der Welt erblickten, und die Alte scheint sich von dem Augenblicke des Auslaufens an nicht mehr um ihre Nachkommenschaft zu kümmern. In ihrem Vaterlande wird die Chinchilla oft zahm gehalten; nach Europa gelangt sie immer noch ziemlich selten. Die Anmut ihrer Bewegungen, ihre Reinlichkeit und die Leichtigkeit, mit welcher sie sich in ihr Schicksal findet, erwerben ihr bald die Freundschaft des Menschen. Sie zeigt sich so harmlos und zutraulich, daß man sie frei im Hause und in den Zimmern umherlaufen lassen kann. Nur durch ihre Neugier wird sie lästig; denn sie untersucht alles, was sie in ihrem Wege findet, und selbst die Geräte, welche höher gestellt sind, weil es ihr eine Kleinigkeit ist, an Tisch und Schränken emporzuklimmen. Nicht selten springt sie den Leuten plötzlich auf Kopf und Schultern. Ihre geistigen Fähigkeiten stehen ungefähr auf gleicher Stufe mit denen unseres Kaninchens oder Meerschweinchens. Man kann auch bei ihr weder Anhänglichkeit an ihren Pfleger noch Dankbarkeit gewahren. In der Gefangenschaft ist sie bei weitem nicht so lebhaft wie im Freien, und niemals legt sie ihre Furchtsamkeit ab, wenn sie auch, wie Haacke an dem Männchen eines im Frankfurter Tiergarten gehaltenen Pärchens erfuhr, gelegentlich ein wenig auf einen vermeintlichen Angreifer losfährt und ihn mit ihrem Harne bespritzt. Mit trockenen Kräutern ist sie leicht zu erhalten. Im Freien frißt sie Gräser, Wurzeln und Moose und bedient sich der Vorderpfoten, um ihre Speise zum Munde zu führen.

In früheren Zeiten soll die Chinchilla bis zum Meere herab auf allen Bergen ebenso häufig vorgekommen sein wie in der Höhe; gegenwärtig findet man sie bloß hier und da und immer nur vereinzelt in dem tieferen Gebirge. Die unablässige Verfolgung, welcher sie ihres Felles wegen ausgesetzt ist, hat sie in die Höhe getrieben. Man hat schon von alters her ihr eifrig nachgestellt und wendet auch jetzt noch fast genau dieselben Jagdweisen an wie früher. Die Europäer erlegen sie zwar ab und zu mit dem Feuergewehre oder mit der Armbrust; doch bleibt diese Jagd immer eine mißliche Sache, denn wenn eine Chinchilla nicht so getroffen wird, daß sie augenblicklich verendet, schlüpft sie regelmäßig noch in eine ihrer Felsenritzen und ist dann für den Jäger verloren. Weit sicherer ist die Jagdart der Indianer. Diese stellen gut gearbeitete Schlingen vor allen Felsspalten auf, zu denen sie gelangen können, und lösen am anderen Morgen die Chinchillas aus, welche sich in diesen Schlingen gefangen haben. Außerdem betreibt man leidenschaftlich gern die Jagd, welche wir ebenfalls bei den Kaninchen anwenden. Die Indianer verstehen es meisterhaft, das peruanische Wiesel (Mustela agilis) zu zähmen und zur Jagd der Chinchillas abzurichten; dann verfährt man genau so wie unsere Frettchenjäger oder überläßt es auch dem Wiesel, das von ihm im Inneren der Höhle getötete Tier selbst herbeizuschleppen.

Tschudi erwähnt, daß ein einziger Kaufmann in Molinos, der westlichsten Ortschaft der La Platastaaten, früher alljährlich 2— 3000 Dutzend Chinchillafelle ausführte, schon im 39*

Jahre 1857 aber nur noch 600 Dutzend in den Handel bringen konnte. „Mehrere der indianischen Jäger“, so berichtet er, „beklagten sich in meiner Gegenwart über die große Verminderung dieser Tiere und die stets vermehrte Schwierigkeit ihres Fanges. Das sind die Folgen der unablässigen, unnachsichtlichen Verfolgung. Der Chinchillajäger, sobald er den Erlös seiner Beute verpraßt hat, kauft aus einem Vorschusse auf künftige Jagden einige Lebensmittel und begibt sich damit in die wildesten Gebirgsteile. Hier leben diese niedlichen Tierchen in fast unzugänglichen Felsenritzen oder am Fuße der Felsen in selbstgegrabenen Höhlen. Sie sind ungemein scheu, und jede fremdartige Erscheinung oder ein ihnen ungewohntes Geräusch treibt sie blitzschnell in ihre sicheren Schlupfwinkel, wenn sie in geringer Entfernung davon äsen oder, was sie besonders gern thun, in der Sonne spielen. Der Chinchillafänger stellt in den ihm schon bekannten oder bei seinen beschwerlichen Wanderungen durch seinen Adlerblick neuentdeckten Siedelungen vor die Eingangslöcher Schlingen aus starkem Roßhaare oder einfache Schlagfallen und wartet, in einiger Entfernung wohl: versteckt, auf den Erfolg. Die neugierigen Chinchillas fahren, sobald sie sich sicher glauben, schnell aus ihren Verstecken und bleiben entweder in den Schlingen hängen, oder werden von den Fallen totgeschlagen. Der Indianer eilt herzu, löst fie aus und richtet seine Fang-werkzeuge von neuem. Nun aber dauert es länger, ehe die eingeschüchterten Tiere wiederum ihren Bau verlassen. Sind mehrere von ihnen gefangen, so bleiben die übrigen auch wohl 1—2 Tage in ihren Höhlen, ehe fie von neuem wagen, ins Freie zu gehen, ein Ver: such, den sie gewöhnlich mit dem Leben bezahlen. Es ist leicht einzusehen, daß der zähe und geduldig ausharrende Indianer auf diese Weise eine ganze Siedelung ausrotten kann; denn schließlich treibt der Hunger die letzten Chinchillas der Gesellschaft in die Schlingen. Geschossen werden die Chinchillas nicht; denn erstens flüchten sich selbst die sehr schwer verwundeten in ihre Höhlen und sind dann verloren, zweitens aber beschmutzt das Blut der Wunden die außerordentlich feinen Haare so sehr, daß solche Felle sehr viel an Schönheit und Wert verlieren. Nach mehrwöchentlichem Aufenthalte in den Kordilleren kehrt der Chinchillajäger mit seiner Beute nach Molinos zurück und empfängt für je ein Dutzend Felle 5 — 6 Pesos (20— 24 Mark).“

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