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Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
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Höhe und die Hälfte seines ursprünglichen Gewichtes zugenommen. In der Zeit seiner kräftigsten Gesundheit wurde die Zahl seiner Atemzüge im Mittel auf 24 in der Minute, die der Pulse auf 88 und die Temperatur an dem unfehlbarsten Orte auf 37,7 Grad Celsius festgestellt. „Der Tod erfolgte unter den Erscheinungen der galoppierenden Schwindsucht, zu welcher sich in den letzten Tagen ein heftiger Magendarmkatarrh gesellt hatte. Die übrigens in Gegenwart der ersten pathologisch-anatomischen Autorität vorgenommene Obduktion ergab noch das überraschende Resultat, daß Mpungu mehrere sehr schwere Krankheiten in der kurzen Zeit seines Lebens und zwar wahrscheinlich der letzten Periode durch seine außerordentlich kräftige Konstitution überwunden hatte. Es zeigten sich nicht nur die Reste einer früheren Herzbeutel- und Brustfellentzündung, sondern auch einer sehr ausgedehnten Darmerkrankung. Diese alle hatte er glücklich durchgemacht, und wäre es nicht gerade dieses unheilbare Übel gewesen, dem er erlag, so wäre es der wahrhaft aufopfernden Pflege seines Besitzers und Wärters wohl gelungen, ihn noch jahrelang der Wissenschaft zu erhalten. „Anderen wird es vorbehalten sein, durch neue größere Exemplare das bisher gewonnene Material zu vermehren, und wir haben wenigstens durch Verbreitung des großen Wertes, den man diesen Anthropoiden beilegt, an der Küste das Streben nach ihrer Erwerbung so anzuregen versucht, daß die alle Gelehrten und Laien gleichmäßig interessierende Frage hoffentlich bald wieder ihrer Lösung um einen Schritt näher geführt wird.“

Über die weitere Entwickelung dieses Gorillas in dem Aquarium zu Berlin berichtet Direktor Hermes in einem während der Versammlung deutscher Naturforscher und Arzte zu Hamburg gehaltenen Vortrag in eingehender Weise: „Das Berliner Aquarium hat seit Jahren großen Wert auf den Besitz anthropomorpher Affen gelegt. Innerhalb der letzten Jahre ist es in den Besitz aller vier Anthropomorphen gelangt: des Gibbons, des Orangs, des Schimpansen und des Gorillas. Ich hatte daher die beste Gelegenheit, über ihr Gefangenleben eingehende Studien zu machen und Vergleiche anzustellen. „Auf der niedrigsten Stufe stehend ist der kleinste derselben, der Gibbon, zugleich der zarteste und geschickteste von allen. Das mit weißem Barte umrahmte Gesicht und die abenteuerlich langen Arme geben ihm ein merkwürdiges Aussehen. Er ist der einzige, welcher, auf ebener Erde gehend, stets einen aufrechten Gang besitzt. Freilich ist sein Gang mehr ein Balancieren, er erinnert an einen Seiltänzer, der mit seinen halb ausgestreckten Armen das Gleichgewicht zu halten sucht. Als Bewohner des Waldes klettert er vortrefflich und führt, von Ast zu Ast sich schwingend, die weitesten und elegantesten Sprünge aus. „Ihm gegenüber ist der Orang ein ungeschickter und phlegmatischer Geselle. Jung zutraulich und liebenswürdig, wird er mit zunehmendem Alter wild und ungebärdig. Es vergingen Monate, und es bedurfte täglicher Leckerbissen, ehe ich wagen durfte, mich dem großen Orang, dem größten, der jemals in Gefangenschaft war, zu nähern. Seinem Aussehen nach war er ein wahres Scheusal. Die rote, zottige Behaarung, die eng aneinander gerückten, kleinen, tückischen Augen in dem glatten Gesichte, die Abscheu erregenden Manieren, das furchtbare Gebiß ließen ihn als ein teuflisches Ungeheuer erscheinen, bei dessen Anblick man kaum glauben könnte, daß in ihm eine im ganzen gutmütige Natur steckt. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, ihn für einen wegelagernden Waldstrolch zu halten. „Im Gegensatze zu dem linkischen Orang bietet der Schimpanse ein Bild der ausgelassensten Munterkeit und Geschicklichkeit, an Intelligenz jenen weit überragend. Die liebenswürdigste aller Schimpansen, Tschego, kannte ihre Umgebung genau und gehorchte aufs Wort. Als ein die Reinlichkeit über alles liebendes Fräulein putzte und polierte sie die Glasscheiben ihres Käfigs. Sie kannte und benutzte die zum allgemeinen Affenkäfig und zum Orang führenden Schlüssel, suchte sie sogar aus dem Bunde heraus. Unter den

Affen hatte sie ihre ausgesprochenen Lieblinge, mehr noch liebte sie Kinder, und je kleiner diese waren, desto mehr beschützte sie dieselben. Größere behandelte sie mehr als ihresgleichen, scherzte mit ihnen, teilte Ohrfeigen aus und that es ihnen im Purzelbaumschlagen zuvor. Als sie vor einiger Zeit einem Herzleiden erlag, war mir zu Mute, als ob ein alter Bekannter von mir geschieden wäre. Ein anderer Schimpanse, zwar schon 2 Jahre in Gefangenschaft, aber noch wild und ungezogen, ersetzt zwar die Art, nicht aber entfernt das Temperament, die Tugenden Tschegos. „Von allen Anthropomorphen der vornehmste aber ist der Gorilla. Es ist, als habe er ein Adelspatent mit auf die Welt gebracht. Unser etwa 2 Jahre alter männlicher Gorilla hat eine Höhe von fast 3 Fuß erreicht. Sein Körper ist bedeckt mit seidenweichem, grau meliertem, auf dem Kopfe rötlichem Haare. Seine derbe, gedrungene Gestalt, seine muskulösen Arme, sein glattes, glänzend schwarzes Gesicht mit den wohlgeformten Ohren, das große, kluge, neckische Auge geben ihm etwas frappant Menschenähnliches. Er würde einem Negerknaben gleichen, wenn die Nase förmlicher gestaltet wäre. Dieser Eindruck steigert sich durch die Unbeholfenheit seines ganzen Wesens; jede seiner Bewegungen läßt mehr einen tölpelhaften Buben als einen Affen erkennen. Wenn er, dasitzend wie eine Pagode, seinen Blick über das ihn anstaunende Publikum schweifen läßt und dann mit nickendem Kopfe plötzlich in die Hände klatscht, hat er sich im Nu die Herzen aller erobert. Er verkehrt gern in großer Gesellschaft, unterscheidet Jung von Alt, Männlich von Weiblich. Gegen Kinder von 2— 3 Jahren ist er liebenswürdig, er küßt sie gern und läßt sich alles gefallen, ohne jemals von seinen überlegenen Kräften Gebrauch zu machen. Altere Kinder behandelt er schon schlechter; läßt er sich auch gern auf das Spielen mit ihnen ein, rennt mit ihnen um die Wette um Tisch und Stühle, die er häufig umwirft, dabei in neckischer Weise bald diesem, bald jenem einen Schlag mit der Oberfläche seiner Hand versetzend, so geniert er sich auch nicht im mindesten, mitten im Spiele ein Bein zu erfassen und seine Zähne daran zu probieren. Auf dem Arme von Damen benimmt er sich höchst dankbar, er umarmt sie, und sich an ihre Schulter lehnend, bleibt er gern längere Zeit auf ihrem Schoße. Im allgemeinen Affenkäfig spielt er gern, und hier ist er der unbedingte Beherrscher, selbst der Schimpanse ordnete sich ihm widerstandslos unter. Er behandelte diesen aber ebenbürtiger, indem er ihn fast ausschließlich als Spielgefährten erwählte und ihn, wenn auch manchmal etwas derb, liebkoste, während er rücksichtslos mit dem gemeinen Affengesindel verkehrte. Er packte den Schimpansen, und ihn festhaltend, wälzte er sich mit ihm auf der Erde. Entwischte er ihm, so fiel der Gorilla wie ein ungeschickter Knabe mit vorgestreckten Händen auf die Erde. Sein Gang hat mit dem des Schimpansen viel Ahnlichkeit, er geht auf der Sohle des Fußes, indem er sich wie dieser auf die Außenflächen der Hand stützt. Aber er setzt die Füße mehr auswärts und trägt den Kopf aufrecht mit einer Vornehmheit, die den Eindruck, als gehöre er den höheren Ständen an, hinterläßt. In guter Laune, die ihn übrigens selten verläßt, steckt er die Spitze der roten Zunge aus dem glänzend schwarzen Gesichte, was den negerbubenhaften Eindruck noch erhöht. „Menschenähnlich wie sein ganzes Wesen ist auch die Weise, wie er lebt. Morgens um die achte Stunde erhebt er sich von seinem Lager, setzt sich aufrecht hin, gähnt, kratzt sich an einigen Stellen seines Körpers und bleibt schlaftrunken, teilnahmlos, bis er seine Mor-genmilch eingenommen hat, die er aus einem Glase zu trinken pflegt. Nunmehr, ganz ermuntert, verläßt er sein Bett, sieht sich in der Stube um, ob er für seine Zerstörungslust einen Gegenstand findet, guckt zum Fenster hinaus, fängt zu klatschen und in Ermangelung passenderer Gesellschaft mit dem Wärter zu spielen an. Stets muß dieser bei ihm sein. Nicht einen Augenblick bleibt er ganz allein. Mit schrillen Tönen schreit er, wenn er sich von diesem verlassen findet. Um 9 Uhr wird er gewaschen, was ihm wohlgefällt. Mit

grunzendem Tone gibt er seiner Freude hierüber Ausdruck. Dem Zusammenleben mit dem Wärter entsprechend, hält er seine Mahlzeiten wie dieser. Zum Frühstücke erhält er ein Paar Wiener, Frankfurter oder Jauersche Würste oder ein mit Hamburger Rauchfleisch, Berliner Kuhkäse oder sonstwie belegtes Butterbrot. Dazu trinkt er am liebsten seine kühle Weiße; höchst originell sieht er aus, wenn er das umfangreiche Glas mit seinen kurzen, dicken Fingern anfaßt, das ihm entfallen würde, wenn er nicht einen Fuß zu Hilfe nähme. Obst ißt er gern und viel, von Kirschen sondert er sorgfältig die Kerne. Um 1 Uhr bringt die Frau des Wärters ihm sein Essen. Solange er während des heißen Sommers in meiner Wohnung lebte, erwartete er sehnsuchtsvoll diese Stunde. Er ließ es sich nicht nehmen, die Korridorthür selbst zu öffnen, wenn es klingelte. Erscheint die Frau, so untersucht er die Speisen und nascht gern von dem, was ihm am beiten schmeckt. Eine Ohrfeige ist die ge: wöhnliche Folge seiner Naschhaftigkeit, und artig erwartet er dann, nicht einen Blick von den Speisen wendend, den Beginn der Mahlzeit. Zuerst eine Tasse Bouillon. Im Nu ist diese bis auf die Nagelprobe geleert. Dann gibt es Reis oder Gemüse, vornehmlich Kartoffeln, Mohrrüben oder Kohlrabi mit Fleisch gekocht. Die Frau hält darauf, daß er sich anständig benimmt, und er gebraucht in der That den Löffel schon mit Geschick. Sobald er sich aber unbeobachtet glaubt, fährt er mit dem Munde in die Schüssel. Zum Schlusse ist ihm ein Stück eines gebratenen Huhnes am willkommensten. Er ist kein Kostverächter, was der Wärter ißt, ist auch seine Speise, und an Menge gibt er diesem nicht viel nach. Ist das Essen vorüber, so will er seine Ruhe haben. Ein ein- bis anderthalbstündiger Schlaf macht ihn wieder aufgelegt zu neuem Spiele. Nachmittags erhält er Obst, abends Milch oder Thee und Butterbrot. Um 9 Uhr geht er zur Ruhe. Er liegt auf einer Matratze in eine wollene Decke eingehüllt. Der Wärter bleibt bei ihm sitzen, bis er eingeschlafen ist, was bei seinem großen Bedürfnisse nach Schlaf nicht allzu lange dauert. Lieber schläft er mit dem Wärter in einem Bette, wobei er ihn umfaßt und den Kopf auf eine Stelle seines Körpers legt. Er schläft fest die ganze Nacht hindurch und pflegt vor 8 Uhr nicht zu erwachen. „Auf diese Weise hat der Gorilla gleichmäßig gelebt und sich so wohl dabei befunden, daß sein Gewicht sich von 31 auf 37 Pfund vermehrt hat. Da plötzlich, vor etwa 14 Tagen, erkrankte er an einer Luftröhrenentzündung, mit der ein starkes Fieber verbunden war. Der sonst so muntere Affe lag teilnahmlos im Bette, hustete und röchelte, daß es ein Jammer war. Dabei verhielt er sich höchst unliebenswürdig, so daß er biß, wenn man ihn berührte. Fast 8 Tage dauerte dieser besorgniserregende Zustand; außer Thee und Wasser nahm er nichts zu sich. Mehrere Arzte versammelten sich täglich mehrmals an seinem Bette, darunter sein treuer Pfleger aus Afrika; er wurde mit Chinin behandelt und mußte Emser Kränchen trinken. Nachdem er das Bitter des Chinins das erste Mal gekostet, zog er später bei jedesmaliger Annäherung des Theelöffels die Decke über den Kopf. In seinem großen Krankenzimmer wurde stets eine gleichmäßige, mit Wasserdunst geschwängerte Temperatur von 19 Grad erhalten. Er erholte sich schnell, und als ich ihn am Sonntag verließ, aß er wieder, zeigte die Zunge und klatschte in die Hände, untrügliche Zeichen seines Wohlbefindens. Vor wenigen Minuten noch brachte mir Professor Virchow die Nachricht, daß der Gorilla gestern auf ihn den Eindruck gemacht, als sei er ganz wieder der alte. Die Teilnahme des Publikums für den Patienten war groß, mehr als hundert Anfragen nach Jeinem Befinden erfolgten täglich. In kürzester Zeit hat er es verstanden, der allgemeine Liebling zu werden, und unstreitig ist Mpungu einer der populärsten Bewohner der deutschen Reichshauptstadt. x „Es ist ihm ein eigener Glaspalast, der mit einem kleinen Palmenhause in Verbindung steht, erbaut worden. Dieser soll ihm die feuchte Atmosphäre seiner tropischen Heimat ersetzen. So darf ich bei seiner sonst kräftigen Natur wohl hoffen, den Gorilla als höchste

SCHIMPANSE

SCHIMPANSE.

Zierde unseres Aquariums längere Zeit zu erhalten, Deutschland zur Ehre, der Menschheit zur Freude, der Wissenschaft zum Ruhme.“

Dieser Gorilla starb (13. November 1877), nachdem er 9 Monate in Afrika, 15 Monate in Berlin beobachtet worden war und eine längere Kunstreise nach England vortrefflich bestanden hatte. Der zweite Gorilla gelangte durch Vermittelung von Pechuel-Loesche, dem ehemaligen Gefährten Falkensteins, als er Anfang 1883 von seiner Kongoreise heimkehrte, lebend nach Europa und wiederum in das Aquarium zu Berlin. Er stammte ebenfalls von der Loangoküste und zwar aus der nämlichen Landschaft wie der erste. Doch war er kleiner als dieser, auch nicht so kräftig und zeigte darum wohl schon in Afrika wie auf der Reise eine geringere Munterkeit und geistige Regsamkeit. Die Reise mitten im Winter konnte ihm auch nicht so günstig sein wie dem ersten die Überführung im Hochsommer. Jedenfalls erwies er sich gleich liebenswürdig und gutmütig wie sein Vorgänger und verriet ebensowenig wie dieser irgend welche Spur von der Wildheit, die einigen vordem in Afrika gefangen gesehenen jungen Gorillas nachgesagt worden war. Er lebte unter Obhut von Direktor Hermes 14 Monate lang in Berlin und starb am 16. März 1884 an ähnlichen Krankheiten wie der erste Mpungu. Bemerkenswert ist, daß beide Tiere die Seekrankheit nicht bekamen.

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