All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I

PDF document794 original pagesPublished 1890
AskTalkView media
Reading progressPage 25 of 188

allen vieren auf mich zu, ergriff meine Hand am Gelenke, zog sie zu seinem Munde, biß hinein und lief davon. ‚So‘, sagte er, ‚hat der Gorilla mit mir gethan.“ Durch solche einfache Zeugen gelangt man unter den Negern am ersten zur Wahrheit. Der Leopard gilt allgemein für ein wilderes und gefährlicheres Tier als der Gorilla. Auch der Schimpanse greift, wenn er angefallen wird, einen Menschen an; dasselbe thut der Orang-Utan, dasselbe thun in der That alle Tiere vom Elefanten bis zu den Kerbtieren herunter. Ich kann also keinen Grund zu der Annahme finden, daß der Gorilla wilder und mehr geneigt zum Angriffe auf einen Menschen sei als andere Tiere, welche wie unser Affe bedächtig und furchtsam sind, und welche ihre ausgezeichnete Befähigung im Riechen und Hören sich zu nutze machen, um vor dem Menschen zu entfliehen. „In meiner bescheidenen Eigenschaft als ein bloßer Sammler von Thatsachen wünsche ich nichts weiter, als zu der Wahrheit zu gelangen. Meine Angaben unterscheiden sich von denen meiner Vorgänger, und ich muß frei zugestehen, daß für die eine wie für die andere Seite gleiche Berechtigung vorliegt. Alle Neger sind geneigt, eher zu übertreiben als zu unterschätzen. Ich habe eine größere Anzahl von Zeugen befragt als vielleicht Wilson, Savage und Ford zusammen und, nachdem die Frage einmal wichtig geworden war, doppelte Vorsicht bei meinen Untersuchungen angewendet; aber jene hatten ihrerseits großen Vorteil über mich, weil sie die Sprache der Eingeborenen kannten und keiner Dolmetschen bedurften, auch besser mit dem Wesen der Eingeborenen vertraut waren als ich. Den bezüglichen Wert unserer Mitteilungen vermag ich also nicht bestimmt abzuschätzen, schon weil ich nicht weiß, von welchem Stamme jene ihre Nachrichten erhalten haben. Das, was ich aus persönlicher Anschauung versichern kann, ist folgendes: Ich habe die Nester des Gorillas gesehen und beschrieben, bin jedoch nicht im stande, bestimmt zu sagen, ob sie als Betten oder nur als zeitweilige Lager benutzt werden. Ich habe ebenso wiederholt die Fährte des Gorillas gefunden und darf deshalb behaupten, daß der Affe gewöhnlich auf allen vieren läuft. Niemals habe ich mehr Fährten gesehen als von zwei Gorillas zusammen. Auch habe ich einen jungen Gorilla und einen jungen Schimpansen in gefangenem Zustande beobachtet und darf versichern, daß beide gleich gelehrig sind. Endlich kann ich behaupten, daß der Gorilla wenigstens zuweilen vor dem Menschen flüchtet; denn ich war nahe genug, um zu hören, daß einer von mir weglief. „Von den vielen Erzählungen über den Gorilla, welche mir mitgeteilt wurden, habe ich alle nicht genug beglaubigten weggelassen. Eine von diesen berichtet z. B., daß zuweilen eine Gorillafamilie einen Baum erklettere und sich an einer gewissen Frucht toll und voll fresse, während der alte Vater unten am Fuße des Baumes verbleibe. ‚Kannft du‘, sagen die Eingeborenen, ‚nahe genug herankommen, um ihn zu erlegen, jo kannst du auch den Rest der Familie töten.“ Die zweite Geschichte ist die, welche von allen großen Affen berichtet wird: daß sie Frauen mit sich nehmen. Man wird jedoch berechtigt sein, Zweifel zu hegen, wenn erzählt wird, daß eine Frau in die Wälder geschleppt und halbwild unter den Affen gelebt habe.“ Winwood Reade schließt seine Mitteilungen mit der Bemerkung, daß er nicht im stande gewesen sei, etwas zu erfahren, worin der Gorilla vom Schimpansen wesentlich sich unterscheide. Beide Tiere bauen Nester, beide gehen auf allen vieren, beide greifen in ähnlicher Weise an, beide vereinigen sich, obschon sie durchaus nicht gesellig sind, zuweilen in größerer Anzahl ꝛc. „Ein weißer Mann hat bis jetzt weder einen Gorilla noch einen Schimpansen erlegt. Die Vorsicht der Tiere, die Ungewißheit ihres Aufenthaltes, die Eifersucht der eingeborenen Jäger stempelt eine derartige Jagd zu einem sehr schwierigen Unternehmen.“

Seitdem Reade, unstreitig der gewissenhafteste Berichterstatter, das Vorstehende mitgeteilt hat, ist unsere Kenntnis über den Gorilla wesentlich vermehrt worden. Zweimal

Brehm, Tierleben. 3. Auflage. I. ö 5

ist es deutschen Forschern, Mitgliedern der Güßfeldtschen Loango-Expedition, gelungen, junge Gorillas am Leben zu erhalten und im Jahre 1876 sowie 1883 nach Europa zu be= fördern, wo sie unter Obhut von Direktor Hermes im Berliner Aquarium lange genug gelebt haben, um Vertretern der Wissenschaft eine Klarstellung verwickelt gewordener Fragen zu ermöglichen. Ferner hat Hugo von Koppenfels, ein leidenschaftlicher Jäger, im vorigen Jahrzehnt mehrmals Reisen in die Gabun- und Ogoweländer unternommen, um die merkwürdigen Tiere in ihrer Heimat aufzusuchen.

Koppenfels ist bis jetzt der einzige Europäer, der nachweislich Gorillas in der Wildnis beobachtet und eigenhändig erlegt hat. Er bestätigt viele der Angaben, die andere, besonders Reade, nach Hörensagen berichtet haben, und ergänzt sie nach eigenen Erfahrungen. „So unglaublich es auch klingen mag, so kann ich doch versichern, daß selbst unter den jagdliebenden Buschbewohnern kaum ein Drittel der Bevölkerung jemals einen Gorilla in der Wildnis zu Gesicht bekommen hat. Der Gorilla lebt, bis auf die alten hypochondrischen Männer, im engeren Familienkreise und treibt sich des großen Verbrauches an Nahrung wegen nomadisierend umher, indem er da nächtigt, wo er sich bei Anbruch der Dunkelheit gerade befindet. Er baut also jeden Abend ein neues Nest und errichtet dies auf gesunden, schlank gewachsenen, nicht viel über 0,3 m starken Bäumen in einer Höhe von 5—6 m. Dasselbe ist storchartig in der ersten Abzweigung stärkerer Aste aus grünen Reisern angelegt. Die Jungen und, wenn diese noch der Wärme bedürfen, auch die Mutter pflegen darauf der nächtlichen Ruhe, wogegen der Vater zusammengekauert am Fuße des Stammes, mit dem Rücken daran gelehnt, die Nacht verbringt und so die Seinigen vor dem Überfalle des Leoparden beschützt. In der trockenen Jahreszeit, wenn ihm Wasser und Nahrung im tiefen Inneren der Wälder knapp zu werden beginnen, sucht er die Pflanzungen der Eingeborenen heim, dort nach Affenart große Verwüstungen anrichtend. Die Eigentümer stellen dann Wachen aus, und es gelingt in den meisten Fällen, ihn durch wiederholtes Abfeuern der Flinten zu verscheuchen. Zuweilen kommt es jedoch vor, daß alte Gorillamänner im Bewußtsein ihrer herkulischen Kraft, im Vertrauen auf ihre äußerst scharfen Sinne, vom Hunger getrieben, sich dadurch nicht stören lassen, sondern nächtlicherweile ihre Verwüstungen fortsetzen. Die Geschädigten sehen sich dann wohl oder übel genötigt, dem Nimmersatte auf-zulauern oder nachzustellen, um ihn unschädlich zu machen. Dies gelingt ihnen in den jel-tensten Fällen, da der schlaue Bursche die ernste Absicht seiner Verfolger bald herauswittert und sich auf einige Zeit empfiehlt. „Sofern er unbehelligt bleibt, greift der Gorilla den Menschen nicht an, meidet vielmehr dessen Begegnung. Wird er jedoch überrascht, so richtet er sich auf, stößt aus tiefer Brust ein nicht wiederzugebendes, kurz abgebrochenes, bald rollendes, bald grunzendes Gebrüll aus und bearbeitet mit seinen Riesenfäusten die gigantische Brust, wobei unter Zähnefletschen und einem unendlich boshaften Ausdrucke des Gesichtes sich seine Haare auf Kopf und Nacken vibrierend sträuben. Ein wütender alter Gorilla bietet einen Furcht erweckenden Anblick. Reizt man ihn nicht und zieht sich bei guter Zeit allmählich zurück, noch bevor seine Wut ihren Höhepunkt erreicht, so glaube ich nicht, daß er zum Angriffe schreiten würde. Sollte man aber das Unglück haben, ihn nur leicht zu verwunden, dann freilich bin ich, ohne es selbst erlebt zu haben, fest überzeugt, daß er den Schützen annimmt, und wehe diesem, wenn ihm nicht sofort eine zweite Kugel zu Gebote steht! Ein Fliehen ist ihm gegenüber unmöglich, eine Verteidigung mit anderen als Schußwaffen ein Unding. „Soviel ich zu beobachten Gelegenheit fand, lebt der Gorilla von Vegetabilien. Die Jungen zeigen aber in der Gefangenschaft eine ganz besondere Vorliebefür animalische Kost; es läßt sich daraus schließen, daß sie auch in der Wildnis Fleisch sowie Eier nicht verschmähen. Der Gorilla ist mit dem Schimpansen, sofern man ihn nur einmal gesehen, nicht

zu verwechseln. Abgesehen von der weit überragenden Größe, der robusteren Gestalt, hat er eine im Alter zunehmende graue Haarfärbung. Seine Gesichtsfarbe ist jedoch von der Jugend bis zum Alter schwarz; bei den Schimpansen verändert sie sich mit den Spielarten und dem Alter. Die gesamte Muskulatur des überaus massigen Körpers des Gorillas ist, bis auf die allen Affen fehlenden Waden, zur Unförmlichkeit ausgebildet, und sofern ich mir eine solche Kraftvergleichung erlauben darf, würde ich, seine zwar unbeholfen erscheinende, in der That aber große Gewandtheit mit in Anschlag bringend, auf ihn gegen einen starken Bären wetten. Die Eingeborenen benennen ihn verschieden. Die Mpongwe, Orunku, Kama,

Galloa: „Noschina“; die Mpangwe (Fan oder Pan, wie sie sich selbst nennen) geben ihm den Namen ‚Nguyala‘.” Seinen ersten Gorilla erlegte H. von Koppestfels am Weihnachtsfeste 1874. Er hatte sich unfern von einem Ibabaume angestellt, dessen Früchte die Gorillas sehr lieben, und wo er von ihnen frisch angebissene gefunden hatte. „Eine Stunde wohl mochte ich vergeblich gewartet haben. Die Schatten der hereinbrechenden Nacht wurden bemerkbar; die Moskiten fingen an, mich empfindlich zu peinigen, und ich wollte bereits den Platz verlassen, als ein leichtes Brechen in der Gegend des Ibabaumes vernehmbar wurde. Hinter meinem Stamme hervorlugend, gewahrte ich dort eine Gorillafamilie sorglos mit den Früchten beschäftigt. Sie bestand aus den beiden Eltern und zwei im Alter verschiedenen Jungen; das menschliche Alter zum Maßstabe genommen, konnte das ältere 6 Jahre, das jüngere 1 Jahr alt sein. Es war rührend anzusehen, mit welcher Liebe das Weibchen um das Jüngste besorgt war. Der Vater hingegen kümmerte sich um nichts als um Stillung des eigenen Hungers. Die besseren Früchte mochten wohl aufgezehrt sein, als das Gorillaweibchen mit außerordentlicher Behendigkeit den Stamm erklomm und die reifen Früchte herunterschüttelte. „Der männliche Gorilla begab sich nun kauend zum nahen Wasser, um zu trinken. Ihn hatte ich keinen Augenblick aus den Augen gelassen. Die Erzählungen Du Chaillus und die märchenhaft übertriebenen der Eingeborenen hatten beim Erscheinen der Tiere in mir eine große Erregung hervorgerufen. Diese verschwand indes, als der Gorilla nahe am Rande des Wassers mit einem Male Unruhe zu erkennen gab und in geduckter Stellung nach dem Baume sicherte, der mich verbarg. Zu spät jedoch witterte er den nahen Feind, denn ich verfolgte bereits jede seiner Bewegungen mit der Büchse im Anschlage. Wenige Augenblicke genügten, das mich unbeweglich anäugende Wild aufs Korn zu nehmen. Der Schuß krachte. Noch bevor der Pulverrauch sich verzog, hatte ich eine neue Patrone in den Lauf geführt, so den Angriff des Tieres erwartend. Mein schwarzer Begleiter stand zitternd hinter mir, ein zweites Gewehr in der Hand. Es erfolgte jedoch kein Angriff. Der männliche Gorilla war tödlich getroffen auf das Gesicht gestürzt. Die Jungen flüchteten, einmal kurz aufschreiend, in das Dickicht; die Mutter sprang aus beträchtlicher Höhe vom Baume zur Erde und eilte ihnen nach. Sie zu schießen, vergaß ich in der Aufregung. So hatte mir das Jagdglück zur Zeit, in welcher man bei uns die Weihnachtsbäume anzündete, ein prächtiges Christgeschenk zu teil werden lassen.“

Nicht lange darauf schoß Koppenfels bei einer zufälligen Begegnung den stärksten Gorilla, den er überhaupt erlegt hat. Er war, von seinen Trägern gefolgt, im Walde einen schmalen Wildwechsel entlang gegangen. „Plötzlich ertönte hinter mir ein Schrei des mir zunächst gehenden Galloa, und unter dem Zurufe: ‚Gib acht, Herr, ein großer Gorilla!“ war: fen die feigen Burschen ihre Last fort und liefen davon. Ich war durch den Ruf bestürzt und gewahrte erst, als seitwärts ein dumpfes Grollen hörbar wurde, eine dunkle Masse kaum 15 Schritt von mir sich riesenhaft aufrichten. Es war der größte Gorilla, den ich je gesehen, und der erste, welcher standhielt. Hätte er meine Bestürzung benutzt, ich wäre verloren gewesen. Auf eine Probe, wie lange dieses gegenseitige Anschauen wohl dauern

5 *

würde, ließ ich es nicht ankommen. Als ich die Doppelbüchse hob, wurde das rollende Gebrüll bellender; das Trommeln auf der Brust wurde schneller; die struppigen Kopfhaare sträubten sich zitternd, und es schien, als wollte mein schreckliches Gegenüber zum Angriffe übergehen. Hätte ich mich bei guter Zeit vorsichtig zurückgezogen, würde der Gorilla, davon bin ich überzeugt, mich nicht angenommen haben. Es lag dies indes gar nicht in meiner Absicht. Meiner Aufregung Herr geworden, zielte ich ruhig und sicher nach dem Herzen. Nach abgegebenem Schusse schnellte das Tier in die Höhe und fiel, die Arme ausbreitend und sich drehend, auf das Gesicht. Hierbei hatte es eine 5 em starke Liane erfaßt, und so mächtig war seine Kraft, daß es mit dieser dürre und grüne Aste zur Erde riß. Sein Gewicht schätzte ich auf 200 kg; seine Körperlänge betrug 1,9 m.“

H. von Koppenfels' schlichte Schilderungen und Angaben über das Wesen der Gorillas, die ganz und gar auf eigener Anschauung beruhen, vermitteln uns eine richtigere Vorstellung von diesem seltenen Waldbewohner und entkleiden ihn eines großen Teiles der ihm angedichteten Schrecklichkeit. Man kann R. Burton, dem so nüchternen Beurteiler afrikanischer Dinge, nur beistimmen, wenn er, alles zusammenfassend, was er vordem selbst an Ort und Stelle erkundet hat, sagt: „Es ist ein armer Teufel von Affen, nicht ein höllisches Traumgebilde, halb Mensch, halb Bestie“.

Continue reading
Page 25 of 188