Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Alle weiteren Versuche, Gorillas lebend nach Europa überzuführen und zu erhalten, sind bisher mißglückt..
Der vorstehend mehrfach erwähnte Schimpanse, Barris, Inschoko, Insisgo, Kulu Hamba, Nihiego Mbuve, Baam, Nsiku, Tschimpänso, und wie er sonst noch bei den Eingeborenen heißen oder von Reisenden genannt worden fein mag (Simıa troglodytes, Anthropopithecus, Pithecus chimpanza, Mimetes und Pseudanthropus troglodytes, Satyrus lagarus und chimpanza, Troglodytes niger), wird ebenfalls als Vertreter einer besonderen Gattung betrachtet. Er ist beträchtlich kleiner, im Rumpfe verhältnismäßig viel kürzer als der Gorilla, trotzdem er dieselbe Anzahl von rippentragenden und Lendenwirbeln (13 und 4) besitzt wie dieser. „Alte männliche Schimpansen“, sagt R. Hartmann, „erreichen eine aufrechte Höhe von 13— 1,7 m. Alte Weibchen werden schwerlich je über 1,3 m groß. Die bei uns in den zoologischen Gärten und Menagerien gehaltenen Exemplare waren meist jüngere Weibchen. Der Hirnschädel ist im ganzen flachkugelig. Niemals kommt es beim Männchen zur Entwickelung jenes hohen über die Scheitelmitte ziehenden Längskammes und der starken queren Hinterhauptsleiste, welche den Schädel des männlichen Gorillas auszeichnen. Die Seitenlinien des Schädels einigen sich selbst bei ganz alten Schimpansen-Männchen nur selten zur Bildung eines niedrigen und nur in kurzer Strecke verlaufenden Kammes. Die Augenbrauenbogen sind selbst bei alten Schimpansen niemals so stark wulstig entwickelt wie bei den Gorillas, sie treten daher auch nie so stark nach außen hervor. Die Kiefergegend ist bei manchen außerordentlich vorragend, sehr schiefzahnig; bei anderen nicht. Die Kiefern sind bei letzteren nicht so schnutenförmig verlängert, und die Kronränder der Schneidezähne stoßen unter einem weniger spitzen Winkel zusammen. Die Zähne der Schimpansen erreichen nur selten die Breite und Dicke, nie aber die Länge der Gorillazähne. Die Gegend der vorderen Nasenöffnung ist beim Schimpansenschädel gewöhnlich flacher, eingedrückter als an demjenigen des Gorillas. Der Knochenbau des Rumpfes und der Extremitäten erscheint bei ersterem Affen im ganzen schlanker, zierlicher, weniger massiv als bei letzterem. Wohl läßt sich jagen, daß, abgesehen von gewissen unterscheidenden Merkmalen, namentlich im Bau des Beckens, auch das Schimpansenskelett dem menschlichen sehr nahe steht. „Das Schimpansenprofil hat etwas viel Flacheres als dasjenige des Gorillas. Der Ausdruck desselben ist weit milder. Klar und seelenvoll blicken die großen, mit ziemlich
hellbrauner Regenbogenhaut versehenen Augen, von nicht hohen Knochen und Augenwülsten nur mäßig überdacht. Die Nase ist flach, mit einer wenig tiefen mittleren Längsrinne und mit nicht gewulstetem Knorpel der Flügel mit schmaler Scheidewand versehen. Beim Gorilla dagegen tritt die Nase mit ihren mächtigen kolbigen Flügelknorpeln dick und wulstig hervor. Die Oberlippe des Schimpansen ist lang, gewölbt und mit vielen von oben nach unten ziehenden und quer verlaufenden Runzeln bedeckt. Wie beim Gorilla ragt die Unter⸗
Schimpanse.
lippe etwas über die Oberlippe hinweg. Beide Teile sind ungemein beweglich und können rüsselförmig vorgestreckt werden. „Es gibt nun auch Schimpansen, bei welchen sich zwischen innerem Augenwinkel und Hinterrand des Nasenknorpels nur ein kleiner Zwischenraum befindet. Bei anderen Individuen ist derselbe aber größer. Manche Tiere haben längere, manche kürzere Lippen, je nachdem der die Schneidezähne tragende Oberkieferteil länger oder kürzer ist. Die Wangen sind faltig und von einer schmutzigen, gelblichen Fleischfarbe, die aber im Alter häufig einen rußschwarzen oder braunschwärzlichen, meist fleckenweise sich verteilenden Anflug erhält. Dasselbe zeigt sich an Ohren, Händen und Füßen sowie zuweilen auch an der Körperhaut, welche letztere jedoch meistens gelblich fleischfarben bleibt. Das Ohr des Schimpansen ist im allgemeinen größer und weniger menschenähnlich als dasjenige vieler Gorillas gebildet. Es ist mehr gerundet, mehr einem Halbkreise sich nähernd, flacher und zeigt öfters mannigfaltige Knorpelleisten, Vorsprünge und Wülste, welche wir am Ohrknorpel des Menschen vergeblich suchen. Die Krempe ist selten deutlich. Gemeinhin hat das Ohr des Schimpansen 6-7 em Höhe und 5—5,5 em Breite. Aber manche Individuen haben auch kleinere Ohren,
Schimpanse: Hartmanns Kennzeichnung. Ur
die sich in ihrer Gestaltung denen des Gorillas nähern. Andererseits gibt es auch, nach dem Schreiber dieser Zeilen vorliegenden Beispielen, Gorillas mit großen, 7 em hohen, 5,25— 5,5 em breiten Ohren von ähnlicher Gestalt, wie fie sich in der Mehrzahl der Schimpansen darbieten. „Die Schultern alter Schimpansenmännchen sind breit, Brust und Rumpf tonnenförmig; erstere ist zwar muskulös, aber gegen letzteren wenig oder gar nicht abgesetzt. Nur alte Männchen haben, ähnlich den Gorillas, eingezogene Flanken, nicht aber jüngere Männchen und selbst ältere Weibchen. Die Arme sind lang, reichen etwas über das Knie hinaus, sind sehr muskulös, aber nicht so gewaltig wie die oberen Gliedmaßen der Gorillas. An den Händen ist der Daumen dünn und kurz, die Finger sind lang, bei alten Tieren sehr dick und stark, runzelig und bis gegen die Mitte der ersten Fingerglieder durch eine Bindehaut miteinander verbunden. Der Mittelfinger ist der längste. An den Beinen ist der Unterschenkel völlig wadenlos. An dem platten Fuße ist die große Zehe durch einen tiefen Einschnitt von den übrigen Zehen getrennt; sie ist lang und dick. Die Sohle ist langgestreckt, runzelig und platt. Der Hacken ist wie beim Gorilla nur schwach ausgebildet. Die Nägel find bei beiden Affenarten rundlich, gewölbt, schwärzlich hornbraun bis schwarz. „Das Haar des Schimpansen ist schlicht, nicht wollig oder zottig, auf dem Vorderkopfe meist gescheitelt, lang am Hinterkopfe, an Wangen, Schultern, am Rücken, Ober- und Unter: arme, Ober⸗ und Unterschenkel, kürzer dagegen an den übrigen Körperteilen. Die Hauptfarbe ist ein dunkles Schwarz. Dies schillert bei manchen Exemplaren matt rötlichbraun. An alten Schimpansen fand ich die Haarspitzen der Gliedmaßen grau oder fuchsig gefärbt, was dem Kolorite dieser Teile einen bald aschigen, bald fahlrötlichen Schein verlieh. Das Untergesicht ist mit dünnen, kurzen, weißlichen Haaren besetzt. Dergleichen zeigen sich auch um den After her, hier freilich länger und dichter stehend. „Die Schimpansen gehen auf allen vieren, indem sie die Finger gegen die hohle Hand einschlagen und die mit Gangschwielen bedeckten Rückenflächen derselben auf den. Boden aufstemmen. Der Fuß wird entweder ebenso, mit eingeschlagenen Zehen, gebraucht oder auch mit flacher Sohle aufgesetzt. Das Aufrechtstehen hält der Schimpanse nicht lange aus, er sucht dabei eine Stütze für die Hände oder legt letztere über dem etwas nach hinten gebeugten Kopfe zusammen, wie um damit das Gleichgewicht zu halten. „Wenn sich nun auch der alte männliche Gorilla und der Schimpanse nicht unbeträchtlich voneinander unterscheiden, so ist dies nicht so sehr der Fall zwischen jungen männlichen und weiblichen Tieren beider Arten verschiedenen Lebensalters. Bei dem ungemein starken individuellen Variieren aller dieser Tiere hält es nicht selten schwer, dieselben als besondere Arten voneinander zu trennen, sobald man nicht in der Lage ist, den allerdings vorwiegend charakteristischen Schädelbau in Vergleich zu ziehen. Größe und Form der Ohren gibt ein nur unsicheres Unterscheidungsmerkmal ab. H. von Koppenfels hält sogar auch die von älteren Beobachtern für so beträchtlich erachteten Verschiedenheiten der Hände und Füße beider Affenarten für etwas sehr Trügerisches. Dem Erfolge meiner neueren Untersuchungen gemäß, kann ich dem Reisenden darin nur beipflichten. „Bei dieser bedeutenden Ahnlichkeit des Außeren hat man nun an stattfindende Kreuzung, an Bastardbildung zwischen Gorilla und Schimpanse, gedacht. Beide Formen kommen ja nebeneinander vor, stehen einander nahe, und es sind bereits anderweitige Beispiele von Bastardierung zwischen anderen, allerdings gefangenen Affen bekannt geworden. H. von Koppenfels hörte viel von solchen Kreuzungen. Derartige Bastarde sollen die Ohren und Farbe der Schimpansen und die Schnauze wie auch sonstige Merkmale der Gorillas haben. Die Bälge von ihm erlegter angeblicher Bastarde befinden sich im Hofnaturalienkabinette zu Dresden; die der Bezeichnung nach dazu gehörigen Schädel waren freilich nur
diejenigen unverfälschter Schimpansen. Ulrici zu Dresden und andere wollten auch in der fo viel besprochenen Affin Mafuka des dortigen zoologischen Gartens einen solchen Bastard erblicken. Ich gestehe, daß mir diese ganze Sache noch etwas mythisch vorkommt. Trotzdem aber muß die in Anregung gebrachte Bastardfrage noch näher untersucht werden. Sollte sie nicht ihre sehr einfache Lösung in der großen Variabilität beider Affenformen finden, welche eine strenge Sonderung der Arten verbietet? Erst viele und genaue Forschungen werden die richtige Antwort auf diese Frage geben.
Schimpanse Mafuka, Dresden.
„Manche haben behauptet, ein Schimpanse sehe jedesmal wie der andere aus. So kann es aber nur ungeübten Beobachtern vorkommen. Jemand, der viele solcher Tiere auf ihren physiognomischen Bau hin geprüft hat, wird die große individuelle Verschiedenheit des letzteren bemerkt haben. Man hat wiederum danach Vertreter mehrerer Arten herauserkennen wollen und die Charaktere derselben sicherzustellen gesucht. Allein diese angeblich verschiedenen Spezies von Schimpansen haben die Probe einer selbst nur flüchtigen Kritik nicht bestehen können. Verfasser, an Hand eines sehr reichhaltigen Materials im stande, diese Sache eingehend prüfen zu können, empfiehlt dringend, sich vorfeuft mit einer einzigen Spezies Schimpansen zu begnügen. „Die individuellen Abweichungen der Physiognomie und des Rumpfbaues 3 auch bei diesem Tiere sehr beträchtlich. Es scheint mir, daß je näher überhaupt in ihrer Organisation die Affen dem Menschen treten, die Eigenart des Se auch, desto stärker sich geltend macht.“
Die Erfahrungen, die von Koppenfels gesammelt hat, bestätigen nur das Vorstehende. „Vom Gorilla sind bis jetzt keine Spielarten bekannt, wohl aber vom Schimpansen. Du Chaillu hat sich dadurch verzeihlicherweise verleiten lassen, solche von letzterem mit ‚Rulu Hamba‘ und „Nschisgo Mbuve' als neue Arten zu bezeichnen. Als ich in der Nähe des Aschiralandes ein überaus starkes männliches Tier aus einem großen Trupp von Schimpansen schoß, die wohl zufällig gemeinschaftlich mit einer Gorillafamilie Kolanüsse schmausten, da ließ ich mich gleichfalls verleiten, die Vermutung auszusprechen, den von Du Chaillu entdeckten ‚Rulu Hamba‘ erlegt zu haben, und dachte an die Mög:
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Schimpanse Mafuka, Dresden.
lichkeit, da ich Gorillas und Schimpansen friedlich bei einander traf, daß eine Bastardierung zu Grunde liegen könne. Aber der Kulu Hamba ist weiter nichts als ein großer Schimpanse, den die Aschiraleute nach ihrer Sprache verschieden bezeichnen. Die Malimbas nennen ihn „Kulu“, die Mpongwe, Galloa, Kama, Orunku hingegen „Nschiégo“. Einige dieser Stämme, ich glaube die Kama, setzen zur näheren Bezeichnung noch „Mbuve' hinzu, welches jo viel heißt wie: nestbauender Affe.“
Pechuel-Loesche, der in Afrika neben zwei Gorillas viele Schimpansen vergleichen konnte, berichtet: „Je nachdem man äußeren Merkmalen größere oder geringere Tragweite zugesteht, lassen sich beliebig viele Varietäten, wenn man will, auch Arten von Schimpansen unterscheiden. Darauf näher einzugehen, kann nicht von Nutzen sein, solange man in Europa nur vereinzelte junge, durchaus nicht mehr naturwüchsige Schau- und Wundertiere kennt und das Freileben nicht genauer beobachtet worden ist. Die Eingeborenen der Loangoküste und von Yumba unterscheiden zwei Spielarten von Schimpansen, die sich
niemals zu einander gesellen sollen: eine größere und seltene, nur im Gebirge heimische, die fie „Tschimpänso' nennen — danach dürfte die üblich gewordene Bezeichnung der Fiote-sprache entstammen und etwa Wurzelgräber bedeuten — und die gewöhnliche Art, die sie „Nsiku' nennen, die wir allein kennen gelernt und tot wie lebendig mit nach Europa gebracht haben. Doch waren kaum zwei der unseren einander gleich. „An entlegenen Orten erhielt ich von jagdkundigen Eingeborenen in der Hauptsache ganz übereinstimmende Angaben über den Tschimpänso. Er sei schlauer, weit größer und
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Schimpanse Mafuka, Dresden.
braunes Fell und immer ein schwarzes Gesicht wie der Gorilla. Er wird auch gleich diesem gefürchtet. Ein Nest auf Bäumen baue er nicht, sondern raffe Laub und Gezweig zu einem Lager auf der Erde zusammen. Gleich dem Gorilla raube er junge Weiber und behalte sie im Walde bei sich. Die bösen Tiere lebten nur in kleinen Familien beisammen und nicht in Banden wie die Nsiku.“ Obwohl diese Angaben anscheinend recht bestimmt lauten, vermag ihnen doch Pechuel-Loesche kein so großes Gewicht beizulegen, um danach das Vorhandensein einer zweiten Art anzunehmen, zumal da er auf späteren Reisen keinerlei Bestätigung erlangen konnte. Der S. 78 erwähnte und hier dreimal abgebildete Schimpanse Mafuka des Dresdener zoologischen Gartens war vielleicht ein Tschimpänso; jedenfalls stammte er von der Loangoküste und war in Yumba erworben worden.
Um zu beweisen, daß die Alten den Schimpansen gekannt haben, führt man das berühmte Mosaikbild an, welches einstmals den Tempel der Fortuna in Präneste schmückte und unter vielen anderen Tieren der oberen Nilländer auch unseren Menschenaffen dargestellt