Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
zu schwimmen. Viele graben sich Löcher und Höhlen in die Erde oder benutzen bereits vorhandene Baue zu ihren Wohnungen; andere bemächtigen sich der Höhlen in Bäumen oder auch der Nester des Eichhorns und mancher Vögel: kurz, man kann sagen, daß diese Familie fast alle Ortlichkeiten zu benutzen weiß, von der natürlichen Steinkluft an bis zur künstlichen Höhle, vom Schlupfwinkel in der Wohnung des Menschen bis zu dem Gezweige oder Gewurzel im einsamsten Walde. Die meisten haben einen festen Wohnsitz; viele schweifen aber auch umher, je nachdem das Bedürfnis sie hierzu antreibt. Einige, welche den Norden bewohnen, verfallen in Winterschlaf, die übrigen bleiben während des ganzen Jahres in Thätigkeit.
Fast sämtliche Marder sind in hohem Grade behende, gewandte, bewegliche Geschöpfe und in allen Leibesübungen ungewöhnlich erfahren. Beim Gehen treten sie mit ganzer Sohle auf, beim Schwimmen gebrauchen sie ihre Pfoten und den Schwanz, beim Klettern wissen sie sich trotz ihrer stumpfen Krallen äußerst geschickt anzuklammern und im Gleichgewichte zu erhalten. Ihre Bewegungen stehen selbstverständlich mit ihrer Gestalt vollständig im Einklange. Zobel und Edelmarder z. B. bewegen sich beim Springen in kühn aufgerichteter Haltung, während der ihnen jo nahe verwandte Steinmarder sich schon viel geduckter hält und mehr schleicht, der Iltis fast nach Art einer Ratte, das Wiesel mäuseartig flink über den Boden huscht, der Fischotter langsam aalartig gleitet, der Vielfraß in Bogen rol-lend sich fortwälzt, die Tayra mit sprenkelkrummgebogenem Rücken sich fortschnellt, der Dachs bedächtig trabt, der Honigdachs noch lässiger fortgeht, ich möchte sagen „bummelt“. Je höher die Beine, um so kühner die Sätze, je niedriger, um so behender und rennender der Gang, beziehentlich um so fischähnlicher die Bewegung im Wasser. Unter den Sinnen der Marder scheinen Geruch, Gehör und Gesicht auf annähernd gleichhoher Stufe zu stehen; aber auch Geschmack und Gefühl dürfen als wohlentwickelt bezeichnet werden. Ebenso ausgezeichnet wie ihre Leibesbegabungen sind die geistigen Fähigkeiten. Der Verstand erreicht bei den meisten Arten eine hohe Ausbildung. Sie sind klug, listig, mißtrauisch und behutsam, äußerst mutig, blutdürstig und grausam, gegen ihre Jungen aber ungemein zärtlich. Die einen lieben die Geselligkeit, die anderen leben einzeln oder zeitweilig paarweise. Viele sind bei Tag und bei Nacht thätig; die meisten müssen jedoch als Nachttiere angesehen werden. In bewohnten und belebten Gegenden gehen alle nur nach Sonnenuntergang auf Raub: aus. Ihre Nahrung besteht vorzugsweise in Tieren, namentlich in kleinen Säugetieren, Vögeln, deren Eiern, Lurchen und Kerbtieren. Einzelne fressen Schnecken, Fische, Krebse und Muscheln; manche verschmähen nicht einmal das Aas, und andere nähren sich zeitweilig auch von Pflanzenstoffen, lieben besonders süße, saftige Früchte. Auffallend groß ist der Blutdurst, welcher alle beseelt. Sie erwürgen, wenn sie können, weit mehr, als sie zu ihrer lahrung gebrauchen, und manche Arten berauschen sich förmlich in dem Blute, welches sie ihren Opfern aussaugen. | Die Jungen, deren Anzahl erheblich, soviel man weiß zwischen zwei und zehn, schwankt, kommen blind zur Welt und müssen lange gesäugt und gepflegt werden. Ihre Mutter bewacht sie sorgfältig und verteidigt sie bei Gefahr mit großem Mute oder schleppt sie, sobald sie sich nicht sicher fühlt, nach anderen Schlupfwinkeln. Eingefangene und sorgsam aufgezogene Junge erreichen einen hohen Grad von Zahmheit und können dahin gebracht werden, ihrem Herrn wie ein Hund nachzulaufen und für ihn zu jagen und zu fischen. Abkömmlinge einer Art leben sogar seit unbestimmbaren Zeiten in der Gefangenschaft und werden vom Menschen zu gewissen Jagden verwendet.
Wegen ihrer Raublust und ihres Blutdurstes fügen einige dem Menschen zuweilen nicht unbeträchtlichen Schaden zu; im allgemeinen überwiegt jedoch der Nutzen, welchen sie mittelbar oder unmittelbar bringen, den von ihnen angerichteten Schaden bei weitem. Aber leider
wird diese Wahrheit nur von wenigen Menschen anerkannt und deshalb ein wahrer Vernichtungskrieg gegen unsere Tiere geführt, nicht selten zum empfindlichen Schaden des Menschen. Durch Wegfangen von schädlichen Tieren leisten sie nicht unerhebliche Dienste, und wenn man ihnen auch ihre Eingriffe in das Besitztum des Menschen nicht verzeihen kann, muß man doch zugeben, daß sie in der Regel nur die Nachlässigkeit ihrer unfreiwilligen Brotherren zu bestrafen pflegen. Wer seinen Taubenschlag oder Hühnerstall schlecht verwahrt, hat unrecht, dem Marder zu zürnen, welcher sich dies zu nutze macht, und wer über die Verluste klagt, welche diese Raubtiere dem Haar- oder Federwildstande zufügen, mag bedenken, daß zum mindesten Iltis, Hermelin und Wiesel weit mehr schädliche Nager als Jagdtiere vertilgen. Unbedingt schädlich sind überhaupt nur diejenigen Marderarten, welche der Fischjagd obliegen: alle übrigen bringen auch Nutzen. Der Jäger mag die Thätigkeit des Baum- und Steinmarders verdammen: der Forstwirt wird fie nicht rückhaltlos verurteilen können. N
Damit will ich nicht gesagt haben, daß eine eifrige und verständige Jagd auf unsere größeren Marderarten unberechtigt sei. Abgesehen von den mongolischen Marderjägern und denen, welche, entsprechend den Satzungen der Kirche, im Fischotterfleische eine fastengerechte Speise sehen, oder einigen Jägern, welche Dachswildbret für ein schmackhaftes Gericht erklären, ißt niemand Marderfleisch; wohl aber verwertet man das Fell fast aller Arten der Familie zu trefflichem Pelzwerke. Wie bedeutend die Anzahl der Marder ist, welche alljährlich ihres Felles halber getötet werden, ergibt sich erst aus einer Zusammenstellung der nachweislichen Erträgnisse des Pelzhandels. Nach Lomer kommen alljährlich gegen 3 Millionen Felle verschiedener Marder im Werte von über 20 Millionen Mark in die Hände von Europäern und auf den Markt, diejenigen ungerechnet, welche von indianischen und asiatischen Jägern zu eigenem Gebrauche verwendet werden. Indianische und mongolische Stämme leben fast ausschließlich von den Erträgnissen der Jagd auf Pelztiere, unter denen die Marder anerkanntermaßen die erste Stelle einnehmen; Tausende von Europäern gewinnen durch den Pelzhandel ihren Unterhalt; unbekannte, sehr ausgedehnte Gebiete sind durch Pelzjäger erschlossen worden. ä
Bei unserer Schilderung der einzelnen Familienangehörigen beginnen wir billigerweise mit denjenigen, nach welchen die ganze Familie ihren Namen trägt, mit den eigentlichen Mardern und den übrigen Gattungen, deren Mitglieder gleich diesen Zehengänger sind. Sie bilden die erste Unterfamilie (Marder, Martidae). Eine zweite bilden der Dachs und die übrigen Sohlengänger der Familie (Dachse, Melidae), eine dritte endlich der Fischotter und seine Verwandten, welche wir als Schwimmfüßler von den übrigen marderartigen Tieren trennen (Ottern, Lutridae).
Die oberste Stellung innerhalb der ersten Unterfamilie räumen wir dem Edelmarder und den übrigen Angehörigen seiner Gattung (Mustela) ein, mittelgroßen, schlank gebauten und langgestreckten, kurzbeinigen Tieren mit vorn verschmälertem Kopfe, zugespitzter Schnauze, quergestellten, ziemlich kurzen, fast dreiseitigen, an der Spitze schwach abgerundeten Ohren und mittelgroßen, lebhaften Augen, mit fünfzehigen, scharfkralligen Füßen, mittellangem Schwanze, eine bisamartige Flüssigkeit absondernden Afterdrüsen und langhaarigem, weichem Pelze. Das Gebiß besteht aus 38 Zähnen, 6 Schneidezähnen und 1 kräftigen Eckzahne in jedem Kiefer, nach hinten zu sich vergrößernden Lückzähnen in jedem Ober-, 4 in jedem Unterkiefer und 1 Backenzahne oben und 2 unten.
Der Edel-, Baum- oder Buchmarder (Mustela martes, Viverra martes, Martes vulgaris, sylvestris, abietum und sylvatica, Martarus abietum) ist ein ebenso
schönes als bewegliches Raubtier von etwa 55 em Leibes- und 30 em Schwanzlänge. Der Pelz ist oben dunkelbraun, an der Schnauze fahl, an der Stirn und den Wangen lichtbraun, an den Körperseiten und dem Bauche gelblich, an den Beinen schwarzbraun und an dem Schwanze dunkelbraun. Ein schmaler, dunkelbrauner Streifen zieht sich unterhalb der Ohren hin. Zwischen den Hinterbeinen befindet sich ein rötlichgelber, dunkelbraun gesäumter Flecken, welcher sich zuweilen in einem schmutziggelben Streifen bis zur Kehle fortzieht. Diese und der Unterhals sind schön dottergelb gefärbt, und hierin liegt das bekannteste Merkmal unseres Tieres. Die dichte, weiche und glänzende Behaarung besteht aus ziemlich langen, steifen Grannenhaaren und kurzem, feinem Wollhaare, welches an der Vorderseite weißgrau,
Edelmarder (Mustela martes) ½ natürl. Größe.
hinten und an den Seiten aber gelblich gefärbt ist. Auf der Oberlippe stehen 4 Reihen von Schnurren und außerdem noch einzelne Borstenhaare unter den Augenwinkeln sowie unter dem Kinne und an der Kehle. Im Winter ist die allgemeine Färbung dunkler als im Sommer. Das Weibchen unterscheidet sich vom Männchen durch blässere Färbung des Rückens und einen weniger deutlichen Flecken. Bei jungen Tieren sind Kehle und Unterhals heller gefärbt.
Das Vaterland des Edelmarders erstreckt sich über alle bewaldeten Gegenden der nördlichen Erdhälfte der Alten Welt. In Europa findet er sich in Skandinavien, Rußland, England, Deutschland, Frankreich, Ungarn, Italien und Spanien, in Asien bis zum Altai, südlich bis zu den Quellen des Jenissei. Solch ausgedehntem Verbreitungskreise entsprechend, ändert er namentlich in seinem Felle nicht unwesentlich ab. Die größten Edelmarder wohnen in Schweden, und der Pelz derselben ist noch einmal so dicht und so lang wie der unserer deutschen Marder, die Färbung grauer. Unter den deutschen finden sich mehr gelbbraune als dunkelbraune, welche letztere namentlich in Tirol vorkommen und dem amerikanischen Zobel oft täuschend ähneln. Die Edelmarder der Lombardei sind blaßgraubraun
oder gelbbraun, die der Pyrenäen groß und stark, aber ebenfalls hell, die aus Makedonien und Thessalien mittelgroß, aber dunkel.
Der Edelmarder bewohnt die Laub- und Nadelwälder und findet sich um so häufiger, je einsamer, dichter und finsterer dieselben sind. Er ist ein echtes Baumtier und klettert so meisterhaft, daß ihn kein anderes Raubsäugetier hierin übertrifft. Hohle Bäume, verlassene Nester von wilden Tauben, Raubvögeln und Eichhörnchen wählt er am liebsten zu seinem Lager; selten sucht er auch in Felsenritzen eine Zufluchtsstelle. Auf seinem Lager ruht er gewöhnlich während des ganzen Tages; mit Beginn der Nacht aber, meist schon vor Sonnenuntergang, geht er auf Raub aus und stellt nun allen Geschöpfen nach, von denen er glaubt, daß er sie bezwingen könne. Vom Rehkälbchen und Hasen herab bis zur Maus ist kein Säugetier vor ihm sicher. Er beschleicht und überfällt sie plötzlich und würgt sie ab. Daß er sich zuweilen auch an junge oder schwache Rehe wagt, ist von mehreren Forstleuten beobachtet worden. Der Förster Schaal sah gelegentlich eines Birschganges den Edelmarder auf einem Rehkalbe, dessen Klagen ihn herbeigelockt hatten, sitzen; Oberförster Kogho berichtet von mehreren ähnlichen Fällen. Gleichwohl gehört es zu den seltenen Vorkommnissen, daß er sich an so große Säugetiere wagt; das beliebteste Haarwild, welches er jagt, sind und bleiben die baumbewohnenden Nager, insbesondere Eichhörnchen und Bilche. Unter diesen ebenso niedlichen als nichtsnutzigen, beziehentlich schädlichen Tieren richtet er arge Verheerungen an. Daß er ein sonstwie ihm sich bietendes Säugetier, welches er bewältigen zu können glaubt, nicht verschmäht, ist selbstverständlich, weil Marderart. Einen Hasen überfällt er im Lager oder während jener sich äset; die Wasserratte soll er sogar in ihrem Elemente verfolgen. Ebenso verderblich wie unter den Säugetieren haust der Edelmarder übrigens auch unter den Vögeln. Alle Hühnerarten, welche bei uns leben, haben in ihm einen furchtbaren Feind. Leise und geräuschlos schleicht er zu ihren Schlafplätzen hin, mögen diese nun Bäume oder der flache Boden sein; ehe noch die sonst so wachsame Henne eine Ahnung von dem blutgierigen Feinde bekommt, sitzt dieser ihr auf dem Nacken und zermalmt ihr mit wenigen Bissen den Hals oder reißt ihr die Schlagadern auf, an dem herausfließenden Blute gierig sich labend. Außerdem plündert er alle Nester der Vögel aus, sucht die Bienenstöcke heim und raubt dort den Honig oder geht den Früchten nach und labt sich an allen Beeren, welche auf dem Boden wachsen, frißt auch Birnen, Kirschen und Pflaumen. Wenn ihm Nahrung im Walde zu mangeln beginnt, wird er dreister; in der höchsten Not kommt er zu den menschlichen Wohnungen. Hier besucht er Hühnerställe und Taubenhäuser und richtet Verwüstungen an wie kein anderes Tier, mit Ausnahme der Arten seiner eigenen Gattung. |
Ende Januar oder Anfang Februar beginnt die Rollzeit. Der Beobachter, welcher bei Mondschein in einem großen Walde unseren Strauchdieb zufällig entdeckt, sieht jetzt mehrere Marder sich im tollsten Treiben auf den Bäumen bewegen. Fauchend und knurrend jagen sich die verliebten Männchen, und wenn beide gleich stark sind, gibt es im Gezweige einen tüchtigen Kampf zur Ehre des Weibchens, welches nach Art ihres Geschlechtes an diesem eifersüchtigen Treiben Gefallen zu finden scheint und die verliebten Bewerber längere Zeit hinhält, bis es endlich dem stärksten sich ergibt. Nach neunwöchiger Tragzeit, also zu Ende des März oder im Anfange des April, wirft das Weibchen 3—4 Junge in ein mit Moos ausgefüttertes Lager in hohle Bäume, selten in Eichhorn- oder Elsternester oder in eine Felsenritze. Die Mutter sorgt mit aufopfernder Liebe für die Familie und geht, voll Besorgnis, sie zu verlieren, niemals aus der Nähe des Lagers. Schon nach wenigen Wochen folgen die Jungen der Alten bei ihren Lustwandelungen auf die Bäume nach und springen auf den Asten munter und hurtig umher, werden von der vorsichtigen Alten auch in allen Leibesübungen tüchtig eingeschult und bei der geringsten Gefahr gewarnt und zu eiliger