Brehms Tierleben, Band 9: Die Insekten, Tausendfüßer und Spinnen
Die Fortpflanzungsorgane, von denen wir reden wollten, nehmen zumeist die hintersten Ringe des Hinterleibes ein und bestehen bei dem Männchen aus einem Drüsenpaare zur Entwickelung der Samenkörperchen, also aus den Hoden, deren Ausführungskanäle, „Samenleiter“ genannt, und einem unpaaren Endstücke, welches sich in das vorjtülpbare Begattungsorgan, die Rute (penis), fortsetzt. Die weiblichen Teile werden von zwei vorherrschend traubenförmigen Eierstöcken, deren Ausführungsgängen, „Eileiter“, und einen fie vereinenden als Scheide bezeichneten Kanal zusammengesetzt, welch letzteren eine Begattungstasche zur Aufnahme des männlichen Gliedes bei der Begattung, eine Samentasche, zur Aufnahme und Aufbewahrung des Samens sowie Kittdrüsen anhängen können. Erst bei dem Vorbeigleiten an der Samentasche werden die Eier befruchtet, ein Vorgang, welcher in der Regel zur Entwickelung eines neuen Lebenswesens notwendig ist.
Es kommen jedoch Ausnahmen vor, wo unbefruchtete Eier ebenso entwickelungsfähig sind, und in dem einen Falle nur Weibchen, im anderen Falle nur Männchen, im dritten Falle beide Geschlechter liefern. Regelmäßig ist dies der Fall bei Psyche und Solenobia unter den Schmetterlingen, bei Blatt- und Schildläusen, bei Bienen, Wespen, Gallwespen und Blattwespen, von denen man teilweise bisher überhaupt keine Männchen kennen gelernt hat. Von Siebold hat diese Fähigkeit gewisser Insektenweibchen, sich ohne Befruchtung fortzupflanzen, unter dem Namen der Parthenogenesis (Jungfernzeugung) in die Wissenschaft eingeführt und damit eine neue Lehre begründet, welche frühere als unumstößlich angesehene Ansichten über den Haufen geworfen hat. Außer den angeführten Fällen, in welchen die Parthenogenesis die Regel bildet, ist dieselbe ausnahmsweise vorgekommen bei einer Reihe von Schmetterlingsweibchen, wie bei dem Pappelschwärmer
(Smerinthus populi), dem Braunen Bär (Euprepia caja), dem Kiefernspinner (Gastropacha pini), dem Maulbeerspinner (Bombyx mori), der Saturnia Polyphemus, bei Sphinx ligustri, Smerinthus ocellatus, Euprepia villica, Gastropacha quercifolia, potatoria, quercus, Liparis dispar, ochropoda, Orgyia pudibunda, Psyche apiformis. Einen und den anderen dieser Schmetterlinge werden wir später noch näher kennen lernen. Beinahe noch auffallender und mit den bisherigen Anschauungen nicht minder im Widerspruch war die zuerst von Nik. Wagner in Kasan gemachte Entdeckung, welche bald durch Fr. Meinert und Pagenstecher Bestätigung fand, daß gewisse Mücken (Meinert nannte die von ihm beobachtete Miastor metroloas) bereits im Larvenzustande aus Eiern neue Larven erzeugen, daß mithin ein jugendlicher Organismus, der seiner ganzen Einrichtung nach gar nicht befruchtet werden kann, zur Fortpflanzung gelangt. In der Folge lernte man auch eine Mücken puppe (Chironomus) kennen, die ebenfalls fortpflanzungsfähig ist. Man nennt diesen Vorgang mit Karl Ernst von Baer „Pädogenesis“, d. h. Zeugung im Kindesalter, und hat darin nur eine andere Form der jungfräulichen Zeugung zu erkennen. Diese gewinnt dann ein besonderes Interesse, wenn sie in mehr oder weniger regelmäßigem Wechsel mit der gewöhnlichen Fortpflanzungsweise bei einer und derselben Insektenart vorkommt. Man bezeichnet einen solchen Cyklus, innerhalb welches eine aus Männchen und Weibchen bestehende Generation mit einer oder mehreren aufeinander folgenden sich parthenogenetisch fortpflanzenden Generationen abwechselt, als Heterogonie und begegnet derselben in verschiedener Form bei Gallwespen, Blatt⸗ und Wurzelläusen, bei deren Besprechung wir ihr näher zu treten haben werden.
Wesentlich andere Ansichten über die geschlechtlichen Verhältnisse und die Erzeugung der Insekten waren unter den Alten verbreitet. So erzählt Claudius Aelianus, welcher um das Jahr 220 n. Chr. lebte und ein Werk „Über die Thiere“ geschrieben hat, in demselben (X 15): „Die Käfer (zdrvdaoos) find sämtlich männlichen Geschlechts. Sie bilden aus Mist Kugeln, rollen sie fort, bebrüten sie 28 Tage, und nach deren Ablauf kriechen die Jungen aus. Die ägyptischen Soldaten tragen Ringe, auf denen ein Käfer eingegraben ist, wodurch der Gesetzgeber andeutet, daß jeder, der für das Vaterland streitet, männlichen Mutes sein muß, da der Käfer keine weibliche Natur hat.“ Für viele Insekten galt von Aristoteles an bis zum Mittelalter die Urzeugung oder elternlose Erzeugung, d. h. die Bildung aus faulenden Substanzen oder Pflanzensäften, als die einzige Art ihrer Entstehung, bis dem Italiener Redi der einfache Nachweis gelang, daß am Fleische dann keine Fliegenmaden („Fleischwürmer“) sich zeigen, wenn nicht vorher eine Fliegenmutter ihre Hand oder vielmehr ihren Hinterleib dabei im Spiele gehabt hatte.
Denn nur aus dem Eie entsteht ein Insekt. Das Ei ist auch hier eine einzige Zelle, die allerdings für die ihr obliegende Aufgabe eine Menge von Nahrungsstoffen, „Dotterelemente“, in sich aufgenommen und dadurch eine bedeutende Größe erlangt hat; sie besitzt als Kern das Keimbläschen und als Umhüllung eine feine Dotterhaut, die nach außen hin noch von einer festen Schale, dem Chorion, umgeben ist. Die letztere hat ihren Ursprung, wie die Eizelle selbst, im Eistocke genommen und ist von einer oder mehreren feinen Offnungen, „Mikropyle“, durchsetzt, damit die befruchtenden Samenkörperchen eindringen können. Das fertige Ei ist mannigfach gestaltet: die Kugel, Halbkugel, der Kegel, die Walze mit abgerundeten Endflächen, flachgedrückte, beiderseits in Spitzen ausgezogene Formen, wie sie bei den Samen vieler Pflanzen vorkommen, und zahlreiche andere Gestalten finden sich vertreten. Die Oberfläche ist bei diesen glatt, bei anderen kantig, hier nach einer, dort nach verschiedenen Richtungen hin gerippt. Hier markiert sich eine Stelle als solche, wo sich beim Ausschlüpfen des Jungen ein Deckelchen abhebt, dort nicht, weil die Schale unregelmäßig zerreißt. Glanz, Farbe, welche sich je nach der fortschreitenden Entwickelung
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im Inneren ändern, schützende Umkleidung bedingen weitere Unterschiede. Je nach der Lebensweise der Insekten muß natürlich der Ort, an welchem, und die Art, wie die Eier von den Weibchen abgesetzt werden, anders ausfallen. Zuweilen werden die Eier reihen: weise in eine Kapsel eingebettet, wie bei der Küchenschabe.
Meist werden die Eier nach der Befruchtung im Inneren des mütterlichen Körpers abgelegt, durchlaufen mithin ihre Entwickelung außerhalb desselben; es fehlt aber auch nicht an Fällen, wo sie so lange unter dem Schutze des ersteren gedeihen, daß lebendige Larven geboren werden. Das ist der Fall bei einigen Käfern aus der Familie der Staphylinenund Chrysomelen sowie bei den durch Parthenogenese sich entwickelnden Blattläusen. Scott fing in Australien eine Motte, welche er Tinea vivipara nannte, weil aus ihrem Hinterleibe bei dem zufälligen Drucke zwischen seinen Fingerspitzen Räupchen hervorbrachen, und daß unsere gemeine Fleischfliege Maden statt der Eier gebärt, ist eine schon längst bekannte Thatsache, die auch für einige andere Fliegen gilt. Die Lausfliegen ernähren ihre Larven im Körper so lange mit Hilfe besonderer Drüsenabsonderungen, daß sie fast unmittelbar nach der Geburt zur Puppe reif sind. Wenn auch die Brutpflege, wie man den Inbegriff aller Maßregeln nennt, welche das Weibchen in Fürsorge für seine Nachkommen trifft, sich bei den Insekten wesentlich anders äußert als bei den höheren Tieren, besonders den Vögeln, so ist sie doch nicht minder bewundernswert. Während der Vogel seine Eier selbst ausbrütet und die Jungen aufzieht, überläßt das Insekt das erste Geschäft der Sonnenwärme und genießt in den weitaus meisten Fällen nicht einmal das Glück, seine Nachkommen nur zu sehen, geschweige ihnen beim Heranwachsen Liebe und Zucht angedeihen lassen zu können. Die ganze Sorgfalt beschränkt sich hier mithin auf das Unterbringen der Eier und fällt ausschließlich der Mutter anheim. Der einer jeden Art angeborene Trieb, den man mit dem nichts erklärenden Worte Instinkt zu belegen pflegt, läßt das Weibchen die Pflanze auffinden, von welcher das aus dem Eie geschlüpfte Junge seine Nahrung empfängt; sie ist bei vielen, den sogenannten Monophagen, eine sehr bestimmte, bei den Polyphagen (Vielerleifressenden) eine beliebige oder zwischen verwandten Pflanzenarten schwankende. Hier werden die Eier immer nur in die Nähe der Wurzel, da an den Stamm, dort an Knospen, Blätter, Früchte gelegt, äußerlich mit Hilfe eines beim Legen vordringenden Kittes aufgeklebt oder dem Inneren einverleibt Andere leben nur von faulenden pflanzlichen oder tierischen Stoffen und wissen solche als Brutstätten aufzufinden. Viele Mücken, Fliegen, Libellen und Verwandte, im vollkommenen Zustande recht eigentliche Luftbewohner, halten sich in ihrer Jugend im Wasser auf, darum lassen die Weibchen ihre Eier entweder in dasselbe fallen oder befestigen sie an Wasserpflanzen. Solche, die in den Leibern anderer Insekten, selbst warmblütiger Tiere, ihre Jugend verbrachten, wissen nachher die betreffenden Wohn: tiere ausfindig zu machen, um in ihnen ihre Art fortzupflanzen, sei es, daß sie sich unmittelbar auf dieselben setzen, sei es, daß fie dieselben tief im Holze und anderwärts auf: suchen und mit ihrem langen Legbohrer anstechen. Überall hier handelt es sich um Auffinden des richtigen Ortes, zweckmäßige Befestigung, Einhüllung der Eier, wenn es nötig, um fie vor der Winterkälte oder anderen feindlichen Einflüssen zu schützen. Obschon nachher öfters Nahrung und Aufenthaltsort des Weibchens wesentlich verschieden sind von denen seiner ersten Lebensperioden, so findet es doch in der Fürsorge für seine Nachkommen das Richtige wieder auf, als ob ihm Erinnerungen an die vergangenen Zeiten geblieben wären. Doch — wie der Mensch irren kann, warum sollte es nicht auch bei einem so tief unter demselben stehenden Wesen möglich werden? Ich habe schon manchmal die Eier des Kiefernschwärmers, dessen Raupe Kiefernadeln frißt, an Eichstämmen gefunden, die allerdings in der Nachbarschaft jener standen, und von ausländischen Fliegen, die ihre Eier
an verwesende Gegenstände legen, erzählt man, daß sie sich durch den Geruch der Aaspflanzen (Stapelia) irre leiten ließen und dieselben zu unrichtigen Brutstätten benutzten. Bei weitem gesteigerte Ansprüche macht die Brutpflege an diejenigen Insekten, welche im Sande, in alten Lehmwänden, faulem Holze, Röhren oder einfachen Höhlungen anlegen, allerlei andere Insekten einfangen, dort eintragen oder Honig und Blütenstaub sammeln, ein Ei daran legen und nun den Bau verschließen, das weitere der Zukunft, sich selbst dem Lose alles Sterblichen überlassend. Auf der höchsten Stufe stehen in dieser Hinsicht die Honigbienen, Ameisen und noch einige andere, in förmlichen Staaten beisammen lebende Insekten; davon jedoch später ausführlicher.
Solange das junge Tier von der Eihaut eingeschlossen ist, heißt es Embryo. Die ersten Schritte zur Ausbildung eines solchen bestehen darin, daß aus der einheitlichen Eizelle eine Menge von kleineren Zellen, gleichsam das Baumaterial, geliefert wird, eine Teilung, die man Furchung zu nennen pflegt. Die Vorgänge, welche alsdann die zahlreichen Embryo: nalzellen zu blattartigen Schichten, sogenannten Keimblättern, sich anordnen lassen und aus diesen und dem übriggebliebenen Dotter, unter dem Schutze mehrerer „Embryonalhüllen“, schließlich ein lebensfähiges Geschöpf zur Ausbildung bringen, sind zu verwickelt, um hier allgemein verständlich gemacht werden zu können. Daß sich auch beim Insekt zuerst die Bauchseite anlegt und die Rückenseite erst zuletzt zur Ausbildung gelangt, muß nach dem für die gesamten Gliederfüßer Gesagten selbstverständlich erscheinen.
Mit dem Augenblicke, wo das junge Tier die Eischale verläßt, d. h. geboren wird, hört es auf, Embryo zu sein und wird zur Larve; denn es hat in den meisten Fällen nicht die mindeste Ahnlichkeit mit dem vollkommen entwickelten Insekt, vermummt vielmehr dessen wahre Gestalt, kriecht wie ein Wurm an oder in der Erde umher und stillt seinen stets regen Hunger mit Blättern, Tieren oder der Verwesung anheimgefallenen Stoffen, während dieses in ganz anderer Gestalt auf leichten Schwingen durch die Lüfte schwebt und Honigseim oder Morgentau zur Nahrung wählt. Zwischen beiden liegt die Puppenruhe als Übergangszustand. Erst dann also, wenn die verschiedenen Verhüllungen abgelegt sind, erscheint die Imago, das wahre vollendete Bild dessen, was jene noch verbargen. Mit anderen Worten: das Insekt besteht eine vollkommene Verwandlung (Metamorphose). Doch gilt dies nicht von allen. Bei anderen, die jedoch in der Minderheit bleiben, gleicht die Larve in der Hauptsache ihren Eltern, nur fehlen ihr die Flügel, einige Fühler- und Fußglieder oder sonstige, leicht zu übersehende Eigentümlichkeiten; solche bestehen nur eine unvollkommene Verwandlung. Wenn bei denselben das Geschlechtstier die Flügel ganz entbehrt, so fallen die Merkmale der Verwandlung ganz hinweg.
Die Verwandlung der Insekten ist den Forschern früherer Jahrhunderte nicht verborgen geblieben und hat von jeher zu Vergleichen mit dem leiblichen und seelischen Leben des Menschen aufgefordert. Swammerdam, welcher tiefe Blicke in die Geheimnisse der Natur gethan hat, aber alles im Lichte der seiner Zeit eignen religiösen Sentimentalität sieht, läßt sich an einer Stelle, wo er von der Metamorphose handelt, zu etwa folgenden Außerungen hinreißen: „Dieser Vorgang geschieht bei dem Schmetterlinge auf eine so wunderbare Weise, daß wir die Auferstehung vor unseren Augen abgebildet sehen, daß wir sie mit den Händen greifen können. Sehen wir die Raupe, welche auf der Erde kriecht, sich von Futter schlechter Art nährt, und nachdem sie wochen-, monatelang unter dieser niedrigen Gestalt ihr bestimmtes Werk vollbracht hat, zuletzt in den Zwischenzustand eines scheinbaren Todes übergehen. In eine Art von Leichentuch gehüllt, in einen Sarg verschlossen und gewöhnlich unter der Erde vergraben, liegt sie da. Von der Wärme der Sonnenstrahlen gerufen, brechen sie aus ihren Gräbern hervor, die Erde, Luft und Wasser als Gefangene festhielten, werfen ihre Bedeckung ab, und mit neuem hochzeitlichen Schmucke angethan, treten fie den Genuß