Brehms Tierleben, Band 2: Die Säugetiere II
Ihre Bewegungen sind gar nicht so langsam und träge, wie man früher angenommen hat.
Von einer in Westafrika, in Liberia, beobachteten Art (Manis gigantea) sagt Büttikofer: „Dieses Tier läuft, entgegen den Angaben in Büchern, sehr schnell, so daß ein Mann es kaum einholen könnte, und richtet sich auf der Flucht bisweilen auf Hinterbeinen und Schwanz auf, um sich umzusehen, wobei es seine Vorderfüße hängen läßt. Da das Tier sich weder aufrollen, noch in seiner Höhle umdrehen kann, hat letztere einen besonderen Eingang und
Ausgang.“ Außerdem bestätigt unser Gewährsmann die Thatsache, daß zwei andere afrikanische Arten (Manis longicaudata und M. tricuspis) ebenfalls gute Läufer und zudem gewandte Baumkletterer sind; von der letztgenannten sagt er: „Wird zahm und kann lange Zeit in Häusern gehalten werden, wo man sie frei herumlaufen läßt, weil sie den Ameisen, Kakerlaken und anderen lästigen Kerbtieren eifrig nachstellen. Sehr behende Tiere, die im Umsehen die Dächer der Häuser und Stämme der Bäume erklettern.“
Dieselbe Geschicklichkeit im Klettern beobachtete Sir Emerson Tennent an einer asiatischen Art, an dem Pangolin der Malayen. „Ich hatte“, sagt er, „immer geglaubt,
Gerippe des Pangolins. (Aus dem Berliner anatomischen Museum.)
daß der Pangolin ganz unfähig wäre, Bäume zu besteigen, wurde aber von meinem zah—⸗ men eines besseren belehrt. Auf seiner Ameisenjagd bestieg er häufig die Bäume in meinem Garten und kletterte ganz geschickt mit Hilfe der kralligen Füße und des Schwanzes, vermittelst dessen er den Baum in schiefer Richtung faßte.“ Auch ein Schuppentier, welches Burt beobachtete, wollte immer an den Wänden emporklettern. Von anderen Beobachtern erfahren wir, daß das Tier geradezu die etwas gesträubten Schuppen des Schwanzes benutzt, um sich an die Rinde der Bäume anzustemmen. „Um die Lebensweise zu beobachten“, schrieb mir Haßkarl, „habe ich mir auf Java mehrmals Schuppentiere gekauft, sie aber niemals lange besessen, weil mir kein passender Raum zu ihrer Unterbringung zur Verfügung stand und ich sie, nach Art der Eingeborenen, mittels einer Schnur an einer ihrer Schuppen befestigen und an einem Baume anbinden mußte. Auf letzteren kletterten sie sehr schnell und geschickt; sie müssen aber auch auf dem Boden gut fortkommen können, weil ich diejenigen, welche mit Verlust ihrer durchbohrten Schuppen entflohen, niemals wiederzuerlangen vermochte.“
Die einzigen Laute, die man von Schuppentieren vernommen, bestanden in einem Schnarren, Zischen oder Fauchen. Gesicht und Gehör scheinen sehr schwach entwickelt zu sein, und der Geruch ist wohl auch nicht besonders, wenn auch dieser Sinn das Tier bei seiner Jagd leitet. Über die Fortpflanzung weiß man nur fo viel, daß das Weibchen ein einziges Junges in seiner Höhle wirft, welches etwa 30 em lang und gleich bei der Geburt beschuppt ist; doch sind die Schuppen weich und namentlich gegen die Schnauzenspitze hin nur wenig entwickelt. Swinhoe erhielt eine Familie, welche aus beiden Alten und drei Jungen bestand; es geht also hieraus hervor, wie geringes Gewicht auf die älteren Angaben
gelegt werden darf, und wie wenig die eee der merkwürdigen Tiere noch beobachtet worden ist. | Die Gefangenschaft können die Schuppentiere bei geeigneter Pflege längere Zeit er: tragen. Sie gewöhnen sich auch ziemlich leicht an Milch, Brot, ja selbst an Getreidekörner, wenn auch Kerbtiere immer ihre Lieblingsnahrung bleiben. Das Fleisch wird von den Eingeborenen gegessen und als wohlschmeckend gerühmt, der Panzer von diesem und jenem Volksstamme zum Schmucke verschiedener Gerätschaften verwendet; die Schuppen gelten bei verschiedenen innerafrikanischen Völkerschaften als Zaubermittel oder Talismane und dienen den Chinesen in der Heilkunde zu allerlei Quacksalbereien. Hier und da klagt man über den Schaden, welchen Gürteltiere durch Unterwühlen von Nutzpflanzen verursachen; im allgemeinen aber machen sich die harmlosen Geschöpfe durch Aufzehren von Ameisen und Termiten nur verdient um das Besitztum des Menschen.
Man unterscheidet in der Familie der Schuppentiere zweckmäßigerweise nur eine Gattung, deren nicht zahlreiche Arten sich ziemlich gleichmäßig auf Afrika und Asien zu verteilen scheinen.
Das Langschwanzschuppentier (Manis longicaudata, M. tetradactyla und macrura, Pholidotus longicaudatus) hat eine Gesamtlänge von 1— 1,53 m, wovon beinahe zwei Dritteile auf den Schwanz kommen. Bei jüngeren Tieren hat der Schwanz die doppelte Leibeslänge und verkürzt sich erst später mit dem fortschreitenden Wachstum des Leibes. Dieser ist fast walzenförmig, mäßig dick, stark gestreckt und geht allmählich auf der einen Seite in den ziemlich kurzen Hals und in den Kopf, auf der anderen Seite in den Schwanz über. Die Nase ist vorstehend, die Mundspalte klein, der Oberkiefer ragt über den Unterkiefer vor; die Augen sind klein und blöde, die Ohren äußerlich kaum sichtbar, denn an der Stelle der Ohrmuschel sieht man nur eine wenig hervorragende Hautfalte; die Beine kurz, plump und fast gleich lang, ihre Zehen unvollkommen beweglich, die Scharrkrallen an den Vorderfüßen bedeutend größer als die Nägel der Hinterfüße, die Sohlen dick, schwielig und nackt, dabei namentlich an den Hinterfüßen nach unten ausgebogen, so daß die Krallen beim Gehen den Boden kaum berühren. Der lange und breite, etwas flach gedrückte Schwanz verschmälert sich von seiner Wurzel allmählich gegen das Ende. Die Schuppen bedecken, mit Ausnahme der unteren Außenseite der Vorderbeine, die ganze Ober- und Außenseite des Leibes und am Schwanze auch die Unterseite, steife Borsten die schuppenlosen Stellen. Ge sicht und Kehle erscheinen fast gänzlich kahl. Die außerordentlich festen und scharfschneidigen Schuppen sind in der Mitte des Rückens am größten und bilden am Kopfe und an den Leibesseiten, den Beinen und dem Schwanzende, am Kreuze auf dem Rücken 11 Längsstreifen, zwischen denen sich nirgends eingemengte Borsten finden. Ziemlich lange, tiefe Streifen laufen von der Wurzel ihrer Oberfläche aus. Auf dem Rücken sind sie platt, am Rande des Schwanzes Hohlziegeln ähnlich, an den Leibesseiten haben sie die Gestalt einer Lanzette. Zwei besonders große Schuppen liegen hinter den Schultern. Gewöhnlich besteht die Mittelreihe auf der Oberseite des Körpers, am Kopfe aus 9, am Rumpfe aus 14 und am Schwanze aus 42—44 Schuppen. Ihre Gesamtfärbung ist schwärzlichbraun und ins Rötliche spielend; die einzelnen Schuppen sind am Grunde schwarzbraun und an den Rändern gelblich gesäumt. Die Borstenhaare sehen schwarz aus. Die Heimat des Tieres ist Westafrika.
Die erste ausführlichere Nachricht über die Lebensart gab Desmarchais. „In Guinea findet man in den Wäldern ein vierfüßiges Tier, welches die Neger Quoggelo nennen. Es ist vom Halse bis zur Spitze des Schwanzes mit Schuppen bedeckt, welche fast wie die Blätter der Artischocken, nur etwas spitziger gestaltet sind. Sie liegen gedrängt
aufeinander, sind dick und stark genug, um das Tier gegen die Krallen und Zähne anderer Tiere zu beschützen, welche es angreifen. Die Leoparden verfolgen es unaufhörlich und haben keine Mühe, es zu erreichen, da es bei weitem nicht To schnell läuft wie fie. Es entflieht zwar; weil es aber bald eingeholt ist und weder seine Klauen, noch sein Maul ihm eine Waffe gegen die fürchterlichen Zähne und Klauen dieser Raubtiere gewähren, so kugelt es sich zusammen und schlägt den Schwanz unter den Bauch, daß es überall die Spitzen der Schupven nach außen kehrt. Die großen Katzen wälzen es sanft mit ihren Klauen hin und her,
Langschwanzschuppentier (Manis longicaudata). ½ natürl. Größe.
stechen sich aber, sobald sie rauher zugreifen, und sind gezwungen, es in Ruhe zu lassen. Die Neger schlagen es mit Stöcken tot, ziehen es ab, verkaufen die Haut an die Weißen und essen sein Fleisch. Dieses ist sehr weiß und zart, was ich gern glaube, wenn es wahr ist, daß das Tier bloß von Ameisen lebt, gewiß einer zarten und schmackhaften Speise! In seiner Schnauze, welche man mit einem Entenschnabel vergleichen könnte, liegt eine sehr lange, klebrige Zunge, welche es in die Löcher der Ameisenhaufen steckt oder auf ihren Weg legt; die Ameisen laufen, durch den Geruch angezogen, sogleich darauf und bleiben hängen. Merkt das Tier, daß seine Zunge mit den Kerfen beladen ist, so zieht es sie ein und hält seinen Schmaus. Es ist nicht bösartig, greift niemand an, will bloß leben, und wenn es nur Ameisen findet, so ist es zufrieden und lebt vollauf!“
Büttikofer, der unsere Tiere in Liberia beobachtete, berichtet von ihnen: „Sehr gewandte und schnelle Kletterer, werden oft inBaumgabeln und Baumhöhlen, zu einer Kugel aufgerollt, schlafend gefunden. Ich hatte eine Zeitlang eines dieser Tiere lebend; wir fütterten es mit Larven aus den pilzartigen Termitenbauten, die wir zu diesem Zwecke aus dem Walde holen und zertrümmern ließen. Dasselbe kletterte mit der größten Behendigkeit an den Wänden bis ins Dach hinauf und durchstöberte es nach Kerbtieren, besonders nach den lästigen Haustermiten.“
Der Pan golin (Manis pentadactyla, M. laticaudata, brevicaudata, brachyura und erassicaudata, Pholidotus indicus) besitzt einen kurzen Schwanz und einen Vollpanzer auf der Außenseite der Vorderbeine. Das Tier bewohnt Vorderindien und Ceylon, nach Jerdon am liebsten hügelige Gegenden, kommt aber nirgends zahlreich vor. In Indien wird es Bajar⸗kit, Sillu, Salsalu, Kassoli⸗-manjur, Alangu, Bun-rohu, von den Singalesen Kaballaya genannt. Schon Aelian erwähnt, daß es in Indien ein Tier gebe, welches wie ein Erdkrokodil aussähe. Es habe etwa die Größe eines Malteser Hundes, seine Haut sei mit einer so rauhen und dichten Rinde bewaffnet, daß sie abgezogen als Feile diene und selbst Erz und Eisen angreife. Die Inder hätten ihm den Namen Phatagen gegeben.
Von den übrigen Schuppentieren, mit Ausnahme des Steppenschuppentieres, unterscheidet sich der Pangolin durch seine Größe und dadurch, daß die Schuppen in 11— 13 Reihen geordnet, am Rücken und Schwanze sehr breit und nirgends gekielt sind; auch ist der Schwanz am Grunde ebenso dick wie der Leib, d. h. von diesem gar nicht abgesetzt. Ein ausgewachjenes Männchen kann bis 1,3 m an Gesamtlänge erreichen; hiervon kommt gegen die Hälfte auf den Leib. Die Schuppen des Leibes sind am freien Ende ungefähr doppelt so breit als lang, dreieckig und gegen die Spitze hin etwas ausgebogen, von der Spitze an bis über die Hälfte glatt, gewöhnlich in 11, zuweilen aber auch in 13 Längsreihen geordnet, indem zu der gewöhnlichen Anzahl an der Seite noch zwei kleinere Reihen hinzukommen. Die Mittel: reihe zählt auf dem Kopfe 11, auf dem Rücken und dem Schwanze je 16 Schuppen. Die Zunge ist etwa 30 em lang.
Über die Lebensweise dieser Art wissen wir ebenfalls noch wenig. „Das Tier“, sagt Sir Walter Elliot, „gräbt sich Röhren, die von der Oberfläche 2— 4 m tief schräg abwärts führen und in einen großen Kessel münden, der über 0,5 m Durchmesser haben kann. Hier leben fie paarweise und mögen im Januar bis März mit ihren 1—2 Jungen gefunden werden. Wenn sie im Baue sind, pflegen sie den Eingang mit Erde derartig zu verstopfen, daß er nicht leicht aufzufinden sein würde, wenn man nicht außerhalb ihre absonderliche Fährte bemerkte. Ein Weibchen, welches ich gefangen hielt, schlief am Tage und war die ganze Nacht munter. Es wollte weder Termiten noch Ameisen fressen, die ich ihm in sein Gefängnis brachte, obwohl sein Kot bezeugte, daß es sie zuvor zu sich genommen. Dagegen ging es sogleich zu dem ihm vorgesetzten Wasser und trank davon, wobei es seine lange, bewegliche Zunge so rasch hineintauchte und zurückzog, daß sich das Wasser mit Schaum bedeckte. Als ich es erhielt, zischte oder fauchte es, sobald es gestört wurde.“ Auch MeMaster gibt an, daß die von ihm beobachteten Tiere dieser Art am Tage stets schläfrig und bloß des Nachts unruhig waren und auch begierig Wasser zu sich nahmen. Das Fleisch wird, laut Jerdon, von den Eingeborenen als ein Reizmittel in Liebessachen betrachtet. Burt erzählt, daß der Pangolin nichts als Ameisen frißt und sehr viele davon vertilgt, aber auch 2 Monate lang hungern kann, daß er nachts umherstreift und in der Gefangenschaft sehr unruhig ist, sich ziemlich schnell zu bewegen vermag und, wenn man ihn angreift, sich ruhig dam Schwanze aufnehmen läßt, ohne den geringsten Versuch zu machen, sich gegen seinen Feind zu wehren ꝛc. Die Chinesen verfertigen Panzer aus der Haut und nageln sie auch
auf den Schild. Adams, welcher zwei dieser Schuppentiere, oder doch sehr nahe verwandte, gefangen hielt und beobachtete, entwirft eine Schilderung von ihnen, welche den bereits gegebenen allgemeinen Mitteilungen entspricht. Als vollendetes Nachttier rollt sich der Pangolin während des Tages so fest zusammen und erscheint dann so wenig bewegungsfähig, daß Adams zu dem Glauben verlockt wurde, ihn in einem Fischernetze aufbewahren zu können. Erst das wütende Gebell seines Hundes, welcher das freigewordene und flüchtende Tier entdeckt und gestellt hatte, belehrte ihn, daß „Schüppchen“ auch laufen, klimmen und sonstwie sich bewegen, überhaupt Stellungen der verschiedensten Art einnehmen könne. Furchtsam im höchsten Grade, rollten sich die von Adams gepflegten Schuppentiere sogleich zur Kugel