Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die geschlechtsreifen Trichinen oder die sogenannten Darmtrichinen leben nur im Darme des Menschen und verschiedener Säugetiere und Vögel, und sie vollenden dort ihr
Wachstum, pflanzen sich fort und gehen nach und nach zu Grunde. Die Weibchen find selten wenig länger als 3 mm, die Männchen 1,5 mm lang. Das Wachstum und die Reife gehen im Darmkanal so schnell vor sich, daß die neue Generation schon 5 Tage nach Einführung der alten gefunden wird. Die Würmchen sind also mit gutem Auge gerade noch zu erkennen. Bei beiden Geschlechtern liegt der Mund gerade am Vorderende, von wo aus der Körper bis über die Mitte sich gleichmäßig verdickt, um von da aus gegen das stumpf abgerundete Hinterende wieder etwas schmäler zu werden. Die Offnung, durch welche die schon im Eihalter auskriechenden Embryonen geboren werden, liegt nicht weit vom Vorderende; das Schwanzende des Männchens ist durch ein Paar zapfenförmige Hervorragungen ausgezeichnet. Die in den Darm des Menschen und gewisser Tiere versetzten Trichinen gehen nie aus demselben in die Muskeln über, halten sich aber unter normalen Verhältnissen 5 Wochen und länger in demselben auf, und die von jedem Weibchen produzierte Anzahl von Nachkommen kann auf einige Tausende geschätzt werden. In dem unteren Teile des längeren Schlauches, in dessen oberem Teile die Eizellen sich bilden, liegen die Embryonen dicht gepackt aneinander und erreichen die zum Austritt reifen eine Länge von etwa dem zehnten Teile eines Millimeters. Sie verweilen nur ganz kurze Zeit im Aufenthaltsorte ihrer Eltern, und ihr Biograph kann das über ihre erste Jugendzeit handelnde Kapitel überschreiben:
Die Trichinen auf der Wanderung. Der Inhalt dieses Kapitels ist aber ein sehr unsicherer. In die Blutgefäße scheinen sie nur ausnahmsweise zu gelangen, um von dem Blutstrome weiter fort in entferntere Körperteile getragen zu werden. Ihr Weg dürfte vielmehr vornehmlich ein freiwilliger in dem sogenannten Bindegewebe sein, welches die Muskeln umkleidet und durchsetzt. Je reicher die Muskeln vom Bindegewebe umgeben sind, desto größer ist die Anzahl der einwandernden Trichinen. Jedoch gilt allgemein, daß die Einwanderung in die vom Rumpfe entfernteren Teile eine viel geringere ist als in die näheren. Am meisten heimgesucht sind das Zwerchfell, die Kaumuskeln, kurz solche Muskelgruppen, welche beim Atmen und Kauen gebraucht und beständig oder fast beständig beschäftigt sind. Man darf annehmen, daß die Bewegung der Muskeln selbst zum Vorwärtskommen der wandernden Trichinen beiträgt. Mit dem Ende der Wanderschaft beginnt die Periode der
Muskeltrichinen. Wir lassen über dieselbe und die damit verbundene Einkapselung Virchow reden. „Wenn eine junge Trichine in eine Muskelfaser hineingekrochen ist, so bewegt sie sich, wie es scheint, in der Regel eine gewisse Strecke fort. Sie durchbricht dabei die feineren Bestandteile des Faserinhaltes und wirkt wahrscheinlich schon dadurch zerstörend auf die innere Zusammensetzung der Faser. Aber es läßt sich auch nicht bezweifeln, daß fie von dem Inhalt derjeiben selbst Teile in sich aufnimmt. Sie hat Mund, Speiseröhre und Darm; sie wächst im Laufe weniger Wochen um ein Vielfaches; sie muß also Nahrung aufnehmen, und diese kann sie nicht anderswoher beziehen, als aus der Umgebung, in der sie sich befindet. Wenn sie auf diese Weise die Muskelsubstanz, den Fleischstoff, unmittelbar angreift, so wirkt sie zugleich reizend auf die umliegenden Teile. „Um diese Wirkungen zu verstehen, muß man sich die Zusammensetzung der Muskeln vergegenwärtigen. Schon für das bloße Auge besteht alles Fleisch aus kleinen, parallel nebeneinander gelagerten und durch ein zartes Bindegewebe zusammengehaltenen Faserbündeln. Jedes Bündel läßt sich mit feinen Nadeln leicht in kleinere Bündelchen und diese wieder in einzelne Fasern zerlegen. Mikroskopisch zeigt sich auch die einzelne Faser wieder zusammengesetzt. Außen besitzt sie eine strukturlose cylindrische Hülle; in dieser liegt der eigentliche Fleischstoff, der seinerseits aus kleinsten Körnchen besteht. Die Körnchen sind der Länge nach in Form von allerfeinsten Fäserchen (Primitivfibrillen), der Breite nach in
Form von Plättchen (Fleischscheiben) angeordnet. Zwischen ihnen befinden sich in kleinen Abständen gewisse, mit Kernen versehene Gebilde, die sogenannten Muskelkörperchen. Die zerstörende Wirkung, welche die Trichinen ausüben, gibt sich nun hauptsächlich an dem eigentlichen Fleischstoff, und zwar wesentlich an den Körnchen, Primitivpfibrillen und Scheiben kund. Diese verschwinden im größten Teile der Faser mehr und mehr, und die letztere magert in dem Verhältnis dieses Schwindens ab. Die reizende Wirkung hingegen tritt am meisten an der Hülle und an den Muskelkörperchen hervor, am stärksten an der Stelle, wo das Tier dauernd liegen bleibt. Die Hülle verdickt sich hier allmählich, die Kerne der Muskelkörperchen vermehren sich, die Körperchen selbst vergrößern sich, zwischen ihnen lagert sich eine derbere Substanz ab, und so entsteht nach und nach um das Tier herum eine festere und dichtere Masse, an welcher man noch lange die äußere Hülle und die innere Wucherung unterscheiden kann. „Je größer das Tier wird, um so mehr rollt es sich ein, indem es Kopf- und Schwanzende einkrümmt und wie eine Uhrfeder spiralförmig zusammengewickelt liegt. Diese Vorgänge bilden sich hauptsächlich in der 3.—5. Woche nach der Einwanderung aus. Von da an nimmt die Dicke der Kapsel mehr und mehr zu, und zwar verdichtet sich insbesondere der Inhalt, weniger die Hülle. Der mittlere Teil der Kapsel, wo eben das aufgerollte Tier liegt, erscheint bei mäßiger Vergrößerung wie eine helle, kugelige oder eiförmige Masse, in welcher man das Tier deutlich wahr: INNE nimmt. Über und unter dieser Stelle finden NEN sich inder Regel zwei Anhänge, welche bei durchfallendem Lichte dunkler, bei auffallendem
Trichinenkapsel in menschlichen Muskelfasern. Vergrößert. Lichte weißlich erscheinen und sich allmählich verdünnen, um in einiger Entfernung mit einem abgerundeten oder abgestumpften Ende aufzuhören. Häufig haben sie die größte Ahnlichkeit inder Form mit dem Ausschnitt des inneren Augenwinkels. Sie sind von sehr verschiedener Länge und auch an derselben Kapsel nicht selten ungleich. Zuweilen fehlen sie ganz, und die Kapsel bildet ein einfaches Oval, oder sie ist an den Enden abgestumpft oder selbst eingedrückt. Diejenigen Teile der früheren Muskelfaser, welche über sie hinaus liegen, verkümmern inzwischen, dagegen sieht man in dem umliegenden Bindegewebe manchmal eine starke wie entzündliche Wucherung, selbst mit Entwickelung neuer Gefäße. „Über diesen Umwandlungen vergehen Monate, und bei noch längerer Zeit nach der Einwanderung geschehen weitere Veränderungen an den Kapseln. Die gewöhnlichste ist, daß sich Kalksalze ablagern, oder, wie man wohl sagt, daß die Kapseln verkreiden. Nimmt die Kalkmasse sehr zu, so überzieht sie endlich das ganze Tier, und man kann auch unter dem Mikroskop von demselben nichts mehr wahrnehmen, selbst wenn es ganz unversehrt ist. Es steckt dann in einer Kalkschale wie ein Vogelei.“
Wie lange die Trichine in diesem vollkommenen Zustande der Einkapselung verharren kann, ohne die Fähigkeit zu verlieren, in einen passenden Darmkanal versetzt, sich fortzupflanzen, ist ungewiß. Jedenfalls Jahre, vielleicht Jahrzehnte. Menschen und Tiere, welche die stürmische und schmerzhafte Krankheit, von der eine massenhafte Einwanderung von Trichinen begleitet ist, überstanden haben, und bei denen die zerstörten Muskelfasern durch Neubildungen ersetzt sind, haben von den von ihnen beherbergten Gästen keine weiteren Unbilden zu erdulden. Ein höchst interessanter, hierher gehöriger Fall ist der folgende. Im Jahre 1845 frühstückten nach einer Schulvisitation in einer Provinzialstadt Sachsens
die sieben dabei beteiligten Personen in einem Gasthause. Wurst, Schinken, Weiß- und Rotwein ꝛc. waren aufgetischt. Alle sieben erkrankten sehr heftig, vier starben, und da einer achten Person, welche nur ein Glas Rotwein getrunken, nichts zugestoßen war, glaubte man an eine Vergiftung durch den anderen Wein. Es kam nichts heraus, doch war der Verdacht gegen den Wirt so groß, daß derselbe sich zur Auswanderung genötigt sah. Als einer der Genesenen 1863 sich eine Geschwulst am Halse operieren ließ, erkannte Professor Langenbeck in dem bloß liegenden Muskel eine Masse eingekapselter Trichinen, und die Krankheitserscheinungen bei der vermeintlichen Vergiftung lassen kaum eine andere Deutung als auf Trichinose (die Trichinenkrankheit) zu.
Soll die Muskeltrichine zur Geschlechtsreife gelangen, so ist, womit unsere Darstellung begann, die Versetzung in den Darmkanal des Menschen oder gewisser Tiere notwendig. Nach den bisherigen Beobachtungen und Versuchen tritt diese letzte Entwickelungs⸗ und Lebensperiode in folgenden Tieren ein: Pferd, Schwein, Kaninchen, Hase, Meerschweinchen, Maus, Ratte, Katze, Hund, Igel, Kalb, Uhu, Eichelhäher, Taube, Truthahn, Haushuhn. Diese Liste wird wahrscheinlich sich noch sehr vermehren lassen. Jedoch findet bei keinem Vogel eine Einwanderung der jungen Brut in die Muskeln statt; von den Säugetieren aber sind die dem Menschen regelmäßig zur Nahrung dienenden Kaninchen, Hasen und Rinder natürlich nur unter ganz besonderen Umständen der Trichinose ausgesetzt und können füglich als eine Quelle der Ansteckung für den Menschen nicht angesehen werden. Alle Welt weiß, daß die Vorsichtsmaßregeln auf das Schwein zu konzentrieren sind, für dieses aber scheinen Maus und Ratte, welche gelegentlich gefressen werden, häufig die Vermittler der Ansteckung zu sein.
Ein harmloser, wenn auch zur selben Familie wie die Trichine gehöriger Bewohner des Menschen ist der Peitschenwurm (Trichocephalus dispar), über 3 em lang. Der vordere Körperteil, welcher den verhältnismäßig langen Schlund enthält, ist haarförmig und wird in die Schleimhaut meist des Blinddarms eingebohrt, der hintere dick, stumpf abgerundet. Sein Vorkommen ist ebenso häufig wie das des Spulwurmes, und die Gelegenheit, seine Eier zufällig zu verschlucken, dieselbe. Die Eier halten fi) monate, ja 1—2 Jahre lang im Wasser und in der Erde, wobei die Entwickelung sehr langsam vor sich gehen, auch durch wiederholtes Eintrocknen unterbrochen werden kann. Da es, nach Fütterungsversuchen, welche Leuckart mit dem Peitschenwurm des Schafes (Trichocephalus affinis) und des Schweines (T. crenatus) anstellte, höchst wahrscheinlich ist, daß die Entwickelung auch des Peitschenwurmes des Menschen ohne Zwischenwirt abläuft, so sind alle jene Möglichkeiten da, welche auch der reinlichste Mensch nicht völlig vermeidet.
Durch manche interessante Eigentümlichkeit des Baues und der Lebensweise ist die Familie der Saitenwürmer (Gordiidae) ausgezeichnet. Schon seit Jahrhunderten wird derjenige Saitenwurm, welcher seit Linné den Namen Gordius aquaticus führt, in den naturgeschichtlichen Schriften erwähnt. Der wahrscheinlich sehr alte, im Volke entstandene Name „Wasserkalb“ ist seit 1550 durch Gesner aufbewahrt. Die auffälligen Verschlingungen und Verknotungen, welche die Tiere auf dem Grunde der Gewässer einzeln oder zu mehreren bilden, ließen sie mit einem Gordischen Knoten vergleichen, und zum Gordischen Knoten gestaltete sich dem Pastor Göze in Quedlinburg, dem Verfasser der ausgezeichneten „Naturgeschichte der Eingeweidewürmer“, die von uns jetzt Mermis genannte Gattung, deren dunkle, mit Einwanderungen in Insekten verknüpfte Lebensgeschichte ihm unlösbar schien. Wir unterscheiden unter den Saitenwürmern zwei Gattungen. Von der einen, Gordius, kommen bei uns mehrere Arten vor, welche früher nicht unterschieden und als
Gordius aquaticus. Wasserkalb, zusammengefaßt wurden. Die mittlere Länge der Männchen beträgt 10—15 em, doch messen einzelne über 30 cm. Die mittlere Länge der Weibchen ist gegen 10 em. Die Dicke der mittelgroßen Männchen schwankt zwischen zwei Fünftel und einem halben Millimeter; die Weibchen sind etwas dicker. Die im allgemeinen braune Farbe kommt in mannigfachen Nüancen vor. Die Männchen sind durchgehends dunkler und vorwiegend schwärzlich gefärbt, vom glänzenden Mäusegrau bis zum tiefsten, glänzenden Braunschwarz, welches an einigen Körperstellen auch in reines Schwarz übergehen kann. Die Farbe der Weibchen ist stets heller und nicht glänzend, vom Isabellgelb fast bis zum gesättigten Gelbbraun. Auf der Mittellinie des Bauches und des Rückens verläuft bei Männchen und Weibchen ein dunkler Längsstreif, der auch bei den übrigen dunkelsten Männchen noch wahrnehmbar ist. Bei dem erwachsenen Tiere ist ein Darmkanal nur im verkümmerten Zustande vorhanden, und es scheint, als wenn es in diesem Zustande gar keine Nahrung zu sich nehme. Wir kommen unten auf diesen Punkt zurück. An eine Ernährung frei lebender Tiere durch bloße Hautaufsaugung ist nicht zu denken. Ein allgemeines Kennzeichen der Gattung Gordius ist das gabelger Ne, N förmig gespaltene Schwanzende des Männchens. (Siehe nn nebenstehende Abbildung.) 5 „„ game, \ 5 Die Wasserkälber halten sich im geschlechtsreifen Zull ES _ ftande in seichten stehenden und fließenden Gewässern auf. N n Über ihr Vorkommen erzählt von Siebold: „Bei einer P 4 N L_ zoologischen Exkursion in das liebliche Wiesenthal der Frän— & N „ kischen Schweiz untersuchte ich zwischen Streitberg und 5 s Muggendorf in einem kleinen engen Seitenthale die von N D a | einem ausgetrockneten Bache hinterlassenen Lachen und er: oo= f—— N. —. blickte* in* diesenr ein* Paar lebende Gordien,* welche mich* an— — 3 spornten, auf diese Tiere meine besondere Aufmerksamkeit — —— eh f zu richten. Meine Mühe blieb nicht unbelohnt; denn nach