Brehms Tierleben, Band 1: Die Säugetiere I
Sehr merkwürdig und verschieden ist die Kletterbewegung der Säugetiere. Wir finden unter denjenigen, deren ganzes Leben auf dem Baume verfließt, ausgezeichnete Kletterer, Seil- oder Zweigkünstler und Gaukler. Nicht nur alle vier Beine, Hände oder Pfoten, sondern auch der Schwanz werden in Thätigkeit gesetzt; der letztere übernimmt sogar eine eigentümliche Rolle, deren Wiederholung wir nur bei einigen Kriechtieren und Fischen bemerken: er dient als Werkzeug zum Anheften und Aufhängen des Leibes. Alle Affen der Alten Welt klettern, indem fie das Gestein oder die Aste und Zweige mit ihren vier Händen packen und sich durch Anziehen der Vorderarme und Strecken der hinteren Glieder fortschieben. Daß bei solchen Künstlern auch das Umgekehrte stattfinden kann, versteht sich von selbst. Ganz anders klettern viele Affen Amerikas. Sie sind geistig wie leiblich träger, also vorsichtiger und langsamer als ihre übermütigen Verwandten in der Alten Welt, auch ihre Bewegungen müssen daher andere sein. Allerdings werden die Hände noch benutzt; der Schwanz aber ist es, welcher zum Festhalten dient. Seine starken Muskeln rollen dessen Ende so fest um einen Ast oder Zweig, daß der ganze Leib hierdurch allein schon einen Henkel erhält, mit welchem er sich so sicher befestigen kann, daß die Benutzung aller vier
Beine möglich wird. Dieser Schwanz nun ist es, welcher vorausgeschickt wird, um Anhalt zu suchen; an ihm klettert unter Umständen der Affe wie an einem festgebundenen Seile empor. Von beiden Familien unterscheiden sich die Krallenkletterer, zu welchen schon eine Familie der wirklichen Affen gehört. Sie häkeln sich mit ihren gebogenen, scharfen Krallen in die Baumrinde ein und gebrauchen den Schwanz höchstens noch zum Anstemmen gegen die Fläche, an welcher sie hinaufklettern, oder gar nicht mehr. Unser Eichhorn und die Katze, der Marder und der Bär, der Beutelbilch und das Löwenäffchen sind solche Krallenkletterer. Sie können sich mit großer Klettergeschwindigkeit auf wagerechten, schiefen und senkrechten Flächen bewegen, ja auf ihnen förmlich umherlaufen, und einzelne von ihnen, wie die Kusus und Beutelratten, besitzen dazu auch noch einen Wickelschwanz und geben dann kaum den Affen im Klettern etwas nach. Weit schwerfälliger ist das Klettern der Faultiere. Ihre Füße sind zwar mit starken Krallen versehen, sie benutzen diese aber weniger zum Einhäkeln in die Rinde als vielmehr zum Umklammern der Aste und Zweige der Bäume. An den Stämmen sollen sie wie ein Mensch emporklimmen. Noch einfacher, keineswegs aber ungefährlicher ist das Ersteigen von Felswänden oder starken Steilungen der Gebirge. Die Paviane, auf den Bäumen tölpisch, müssen als die Meister in dieser Fertigkeit angesehen werden; gleich hinter ihnen aber kommen — die Wiederkäuer, welche auf Gebirgen leben. Sie steigen zwar bloß, allein dieses Steigen ist ein Klettern in halsbrechender Weise und erfordert entschieden eine weit größere Sicherheit und eine kaum minder große Gewandtheit als das Klettern aller vorher genannten Tiere. Auch sehr große und scheinbar so plumpe Tiere wie Elefant, Flußpferd, Büffel betreten geschickt halsbrecherische Gebirgspfade und steigen schier ungangbar erscheinende Abhänge auf und ab. Afrikanische Hausziegen sieht man bisweilen recht seltsame Kletterkünste ausüben: die nach manchem Blattwerke sehr lüsternen Ziegen hängen sich an quer geriegelte Zäune, indem sie die Läufe dazwischen drängen, oder steigen in niedrigen, sparrig gewachsenen Bäumen mit schiefem Stamme umher, indem sie rauhrindige starke Aste belaufen, auf glattrindigen aber sich niederlegen und, auf dem Leibe ruhend, gewissermaßen reitend, mit beiderseits herabhängenden Läufen entlang rutschen.
Man sollte nicht meinen, daß die Vögel auch in dieser Bewegung die Säugetiere wenigstens in einer Hinsicht überträfen. Ein Eichhörnchen „reitet“ allerdings schneller an einem Stamme hinan als ein Specht, keineswegs aber auch so behend und zierlich kopfunterst an dem Stamme hinab wie die Spechtmeise, mit welcher hierin nur die Eidechsen, namentlich die Geckos, wetteifern können. Die Affen, Katzen und Eichhörnchen und einige marderartige Tiere gehen zwar auch in der genannten Richtung nach unten: sie klettern aber nicht, sondern rutschen und können sich, wenn sie einmal in Bewegung gekommen sind, keineswegs so ohne alle Umstände auf derselben Stelle erhalten wie der erwähnte Vogel. Affen thun es übrigens nur zu ihrer oder der Zuschauer Belustigung an geglätteter Stange, wenn sie gefangen gehalten werden; freilebend lassen sie sich stets Schwanz voran zum Boden herab, sei es an Stämmen oder Lianen, und zwar gewöhnlich Hand unter Hand, also umgekehrt wie beim Aufsteigen — es wäre denn, daß sie in höchster Angst flüchteten, dann aber springen sie am liebsten in die Tiefe. Die Klettergabe des Vogelaffen Papagei steht weit hinter jener seines Vorbildes zurück. Er stümpert nur, wo der Affe vollkommener Künstler ist.
Das Flattern der Säugetiere, welches oft schon mit Unrecht „Fliegen“ genannt ward, lehrt uns eine andere Bewegungsart unserer Klasse kennen. Es läßt sich in ihr allerdings eine Steigerung wahrnehmen; doch bleibt diese Bewegung immer nur bei dem Anfange, bei dem Versuche stehen und gelangt nie zur Vollendung. In den Flugeichhörnchen und Flugbeutlern sehen wir die Anfänger in dieser Fertigkeit. Sie benutzen die zwischen
ihren Beinen ausgespannte Haut eben nur als Fallschirm, wenn sie aus der Höhe in die Tiefe hinabspringen wollen, und sind nicht im stande, sich durch Bewegen dieser Haut in freier Luft zu erheben. Auch die Flattermakis vermögen nicht etwas anderes zu leisten. Einzig und allein die wahren Fledermäuse sind befähigt, mit Hilfe der Flughaut, welche zwischen ihren Gliedmaßen und zumal zwischen ihren unmäßig verlängerten Fingern sich ausspannt, in der Luft sich zu bewegen. Das geschieht, indem sie mit der ausgespannten Flughaut schief auf die Luft schlagen und sich dadurch erheben und zugleich fördern. Es scheint, als ob ihr sogenanntes Fliegen sehr leicht von statten ginge. Sie machen so schnelle und jähe Wendungen, daß sie bloß von einem recht tüchtigen Schützen im Fluge erlegt werden können, streichen flatternd rasch eine Strecke weit fort und heben und senken sich gewandt und schnell. Und dennoch ist diese Bewegung kein Flug, sondern nur ein schwerfälliges Sich-Dahinwälzen, ein Kriechen durch die Luft. Jeder Windhauch stört das Flattern der Fledermaus, ein Sturm macht es unmöglich! Der Grund hiervon ist leicht zu erkennen. Die Flughaut ist nicht eine Fläche wie der Vogelflügel, welche bald den Durchzug der Luft verwehrt, bald aber erlaubt, sondern verursacht bei jeder Bewegung Widerstand. Wenn nun auch das Flugwerkzeug des Säugetieres beim Heben etwas verkleinert wird, bleibt der größere Widerstand doch fühlbar und drückt das Tier wieder etwas nach unten; der Niederschlag hebt es, der Aufzug senkt es: es muß flattern! Wie ganz anders erscheint der Flug des Vogels! „Er ist“, jo habe ich mich früher ausgedrückt, „die köstlichste, erhabenste aller Bewegungen: bald ein geruhiges Schweben, bald ein pfeilschnelles Stürmen, bald ein Wiegen, Schaukeln, Spielen, bald ein Gleiten, Dahinschießen, ernstes Eilen, bald ein Reisen mit Gedankenschnelle, bald ein Lustwandeln, langsam, gemächlich; bald rauschen die Wellen des Athermeeres unter ihm, bald hört man keinen Laut, auch nicht den geringsten, leisesten; bald erfordert er schwere Flügelschläge, bald keine einzige Flügelbewegung; bald erhebt er den Vogel zu Höhen, von denen uns Menschen nur träumt, bald nähert er ihn der Tiefe, dem Meere, daß dessen Wogen die Fittiche netzen mit ihrem Schaume.“ Er kann so mannigfaltig, so verschieden sein, als er nur will: immer bleibt und immer heißt er Flug. Bloß das Flugwerkzeug des Vogels nennen wir Flügel; nur mit ihm begabt der Künstlergedanke die entfesselte Seele: — mit der Flughaut der Fledermaus verhäßlicht er dagegen den Teufel. Mag auch die nächtliche Lebensweise der Fledermäuse den ersten Gedanken zu solchen Einbildungen gegeben haben: die Form, die Gestalt der Flughaut ist maßgebend gewesen. Und weil solche Flatterhaut nun gerade „dem aus der Höhe zur Tiefe gestürzten Engel verliehen wurde“, während der „nach oben schwebende Bote des Himmels“ die Schwinge erhielt, deutet dies sinnbildlich darauf hin, daß die unbewußte Dichterseele des Künstlers wenigstens die eine Wahrheit ahnte: Nur der Vogel ist erdfrei geworden, — das Säugetier hängt auch mit Flügelgedanken noch an der Scholle!
Hierbei ist aber noch eins zu bedenken. Der allervollendetste Flieger, der Segler allein, nur er, welcher so recht eigentlich der Höhe angehört, ist mit der erlangten Erdfreiheit auch fremd auf der Erde geworden; der Flatterer ist es stets. Jedes Flattersäugetier erscheint als ein trauriges Mittelding zwischen den Geschöpfen der Tiefe und denen der Höhe. Auf der Erde läuft selbst das überaus behende Flattereichhorn verhältnismäßig schwerfällig dahin; die Fledermaus aber humpelt eben bloß noch. An den Hinterbeinen hängt sie sich auf zum Schlafen, das Haupt immer erdwärts gekehrt; auf ihren Flugwerkzeugen kriecht sie weiter! Nur halb vertraut mit dem Ather, fremd auf der Erde: — welch trauriges Los ist ihr geworden mit ihrem „Flügel!“ —
Freundlicher, beglückender für das Tier ist die vielen 1 verliehene Gabe, das Wasser bewohnen, in ihm schwimmen, in seine Tiefen hinabtauchen zu können. Nur sehr wenige Säugetiere sind gänzlich unfähig, schwimmend auf der Oberfläche des Wassers sich
zu erhalten: ich glaube bloß der ungeübte Mensch und einige Affen, z. B. die Menschenaffen und die Paviane; daß letztere wohl ertrinken können, wenn sie in das Wasser fallen, weiß ich aus Erfahrung. Alle übrigen versinken wenigstens nicht alsbald in die Tiefe. Die Meerkatzen schwimmen und tauchen vortrefflich; die Fledermäuse erhalten sich lange Zeit auf den Wellen; die Raubtiere, Nager, Ein- und Vielhufer schwimmen wohl fast sämtlich; unter den Beuteltieren gibt es wenigstens eins, welches nur im Wasser lebt, und die übrigen kommen wahrscheinlich auch nicht gleich darin um. Eigentliche Wassersäugetiere aber sind, mit Ausnahme der den höheren Ordnungen angehörigen Wasserbewohner, doch bloß die wahren Fischsäuger: die Seekühe und die Waltiere. Sie find gleichsamzu säugenden, kiemenlosen Fischen geworden und brauchen ihr Wohngebiet allein der Atmung wegen noch auf wenige Augenblicke (wenigstens mit einem Teile ihres Leibes) zu verlassen; sie werden im Wasser geboren, leben, lieben und sterben in ihm. Kein Schwimm- oder Tauchvogel dürfte sie in der Schnelligkeit, kaum einer in der Gewandtheit ihrer Bewegungen übertreffen: Wassersäugetiere und Wasservögel stehen sich durchschnittlich gleich.
Es ist anziehend und belehrend zugleich, die Steigerung der Schwimmthätigkeit zu verfolgen und die den Schwimmern gegebenen Bewegungs werkzeuge vergleichend zu betrachten. Wir können dabei zuerst auch auf die unfreiwilligen Schwimmer blicken. Hier ist das behufte Bein als das unvollkommenste Werkzeug anzusehen; allein unter den Vielhufern treffen wir bereits ausgezeichnete Schwimmer, ja im Flußpferde schon ein echtes Wassertier. Die Hand steht höher als der Huf, erfordert aber wie immer so auch zum Schwimmen größere Geschicklichkeit. Viel leichter wird dies den Pfotentieren. Die weit vorreichende Fingerverbindung durch die Spannhaut läßt aus der Pfote ein breiteres Ruder bilden, und dieses muß um so vollkommener sein, je mehr die Spannhaut sich ausdehnt und zur Schwimmhaut wird. Übrigens ist letztere keineswegs unbedingtes Erfordernis zu geschicktem Schwimmen: denn die Wasserspitzmaus schwimmt unzweifelhaft ebensogut wie das Schnabeltier, obgleich bei ihr nur straffe Haare zwischen den Zehen den breiten Entenfuß des letz teren ersetzen. Die Robben stehen in der Mitte zwischen den Pfotentieren und den eigentlichen Fischsäugern. Ihre Füße sind nur noch dem Namen nach Füße, in Wahrheit aber bereits Flossen; denn die Zehen sind schon gänzlich in die Bindehaut eingewickelt, und nur die Nägel lassen sie äußerlich noch sichtbar erscheinen. Bei den Walen fehlt auch dieses Merkmal; die Zehen werden durch Knorpelgewebe dicht und unbeweglich miteinander verbunden, und bloß die gesamte Flosse ist noch beweglich; die hinteren Gliedmaßen verschwinden, aber der Schwanz breitet sich wagerecht zur echten Flosse aus: das Mittelding zwischen Säuger und Fisch steht vor uns. Eine solche Verschiedenheit der Werkzeuge ändert auch die Bewegung. Die Huf- und Pfotentiere gehen oder strampeln im Wasser und stoßen sich dadurch weiter; die Flossen- und Fischsäuger fördern sich, indem fie ihre Ruder auch rudermäßig benutzen, d. h. mit der schmalen Kante durch die Wellen vorschieben und dann mit der Breitseite gegen sie drücken, oder aber den Flossenschwanz kräftig seitlich oder auf und nieder bewegen, wie der Bootsmann sein Fahrzeug mit einem Ruder durch die Fluten treibt, wenn er dieses im Stern einlegt und bald nach rechts und bald nach links hin drückt, immer aber mit der Breitseite wirken läßt. Die Pfotentiere mit Schwimmhäuten legen ihre Ruder zusammen, wenn sie die Beine vorwärts bewegen, und breiten sie aus, wenn sie gegen das Wasser arbeiten: sie rudern wie die Vögel.
Nach den Beobachtungen der Walfänger kann die Schnelligkeit der Schwimmbewegung beinahe mit der des Laufes wetteifern; denn ein angeworfener Nordwal versinkt, laut Scoresby, so geschwind, daß, wenn er so forttauchen könnte, er in einer Stunde Zeit eine Strecke von 12 Seemeilen oder über 22 Km, etwa 6 m in 1 Sekunde, zurücklegen würde. Die Hälfte dieser Strecke durcheilt er in derselben Zeit ohne Anstrengung. Große Wale