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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Da auch das Farbenspiel und das Benehmen gegen die Mitgefangenen von Collmann genauer als von Fischer beobachtet worden, lassen wir auch diesen Teil der Jo anziehenden Schilderung noch folgen. „Das Tier hat die Fähigkeit, von dem hellsten Grau bis zu dem tiefsten Braun zu wechseln; die Farbe ändert sich dabei schnell, oder sie bleibt in irgend einer Nüance stehen; sie kann ferner nur am Körper auftreten oder an den Armen, kurz, der Krake scheint sein Kolorit vollständig beherrschen zu können. Bei jenen oben erwähnten Angriffen auf den Hummer war die ganze Haut dunkel, namentlich während des Kampfes. Wenn er den Feind kampflustig beschleicht, oder dem Wärter einen Krebs zu entreißen sucht, oder wenn sie sich neckend verfolgen, dann wird die ganze Herrschaft über die Farbe in raschem Wechsel sichtbar. — Dieser Farbenwechsel ist für die Tiere jedenfalls eine vortreffliche Waffe, um Feinde zu täuschen. Halten sich die Kraken in grauem Gesteine auf, dann nehmen sie selbst die graue Farbe an, ob willkürlich oder durch Reflexvorgänge in den Nerven, ist schwer zu sagen. Dann gleicht das Tier mit den eingezogenen Armen und dem gekrümmten Rücken selbst einem verwitterten Steine. Sie werden auf diese Weise ihren Feinden leicht entgehen. „Der Farbenwechsel ist gleichzeitig ein treffliches Mittel, um die Mimik dieser Tiere zu unterstützen. Die Kraken sind vielleicht die lebhaftesten Tiere des Meeres. Sie sind immer in Bewegung! und übertreffen an Lebendigkeit weit die Tintenfische und die Calmare.

Das ist nicht so zu verstehen, als ob sie fortwährend umherschweiften. Sie sitzen vielmehr stundenund tagelang auf einem Flecke, beobachten aber höchst aufmerksam, was um sie vorgeht, und verraten ihre Teilnahme durch kleine Armbewegungen, etwa wie die lauernde Katze mit dem Schwanze zuckt.

Bei der Durchsichtigkeit der Haut, bei der Nacktheit des ganzen Körpers lassen sich die Erregungszustände dieses Tieres leicht verfolgen, und man wird bald bemerken, daß sie eine sehr deutliche Mimik haben und eine große Reihe von Gemütsstimmungen ausdrücken können. Für solche Beobachtungen eignete sich namentlich jener Krake, der in seinem steinernen Neste beständig dicht am Fenster saß. Nahte sich einer der Brüder, so ließ er je nach der Nähe mehrere vollkommen unterscheidbare Außerungen des Unwillens bemerken. „Erst erhoben sich die Spitzen einiger Arme nach jener Gegend hin, woher der Besuch kam, langsam, aber doch entschieden ausgreifend. Heftiger war die Drohung, wenn ein paar Arme wie eine Peitsche hinausgeschleudert wurden. Dann erhob er sich gleichzeitig etwas aus der Tiefe seines Steinbaues, gleichsam zur Gegenwehr bereit. Dabei wurde das Tier dunkler an einigen Stellen; die braunen Schatten flogen über Körper und Arme, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Wenn diese Zeichen des Unwillens die zudringlichen Gesellen nicht verscheuchten, oder wenn ein Zuschauer, wie ich das oft that, nach ihm greifend mit der Hand an die Glasscheibe schlug, dann stieg der Körper bis zur Hälfte aus der Höhle empor, die Hügel, welche die Augen umfassen, schwollen an, die Farbe wurde dunkel bis in die Iris hinein, ein paar Arme erhoben sich, während die anderen, über die Steine hinweggleitend, ihre Saugnäpfe bald hier, bald dort festklammerten, um sie im nächsten Augenblick heftig loszureißen. Diese drohenden Gebärden waren stets von tiefen, gewaltsamen Atembewegungen begleitet, und das Wasser wurde in größerer Menge in den Mantel eingesaugt, dieser schwoll dadurch zu größerem Umfang auf und erhöhte das Drohende der ganzen Haltung, ebenso wie das heftige Ausstoßen des Wassers, das durch den Trichter wie aus einer Spritze herausfuhr.“

Von den übrigen Arten von Octopus wollen wir den durch seine sehr langen Arme ausgezeichneten O. macropus, den langarmigen Kraken, herausheben. Bei einer Körperlänge von 7 cm erreicht das erste Armpaar eine Länge von 1 m. In seinem Vorkommen im Freien und in seinem Verhalten in der Gefangenschaft weicht er beträchtlich von seinem oben beschriebenen Verwandten ab. Außer in den Höhlungen tiefer liegender Felsen hält er sich auch auf schlammigem Grunde auf. In einem größeren Gefäße voll Meerwasser lebt er mehrere Tage ohne Nahrung, ohne jeden Versuch zu entrinnen. Eine der schönsten, aber sehr seltenen Arten ist Octopus catenulatus, ausgezeichnet durch neß-förmig sich kreuzende Hautleisten auf der Bauchseite. Man hat ihn nur einige Male aus sehr großen Tiefen heraufgezogen, angeklammert an Fische, die man mit der Angelschnur gefangen.

Die Gattung Eledone unterfcheidet sich von Octopus hauptsächlich dadurch, daß ihre Arme bloß eine Reihe von Saugnäpfen tragen. Am häufigsten ist die Moschuseledone (Eledone moschata, s. Abbild. S. 271). Ihr Körper ist außerordentlich veränderlich, sackförmig, länglich, eiförmig, hinten abgerundet oder spitz, glatt oder warzig, wie es dem Tiere gerade beliebt. Charakteristisch ist auch die Größe der Mantelöffnung, welche bis auf den Rücken reicht. Die kleinen, vorspringenden Augen können ganz von den Lidern bedeckt werden und besitzen eine sehr veränderliche Iris. Die graue Grundfärbung geht nie in rosenrote oder rötliche Tinten über. Symmetrische schwärzliche Flecke sowie eine bläuliche Randeinfassung des Armschirmes sind fernere Kennzeichen der Art, welche überdies einem Moschusgeruche ihren Namen verdankt, den sie zwar nicht allein, aber in einem besonders bemerkbaren Grade besitzt.

Sie scheint nur im Mittelmeere vorzukommen, dort aber ist sie an allen Küsten höchst gemein. Für gewöhnlich lebt sie auf Schlammgrund von 10 — 100 m Tiefe. Man

Langarmiger Krake. Moschuseledone.

Moschuseledone (Eledone moschata). Natürliche Größe.

begegnet ihr auch auf Sand und Kiesboden zu allen Jahreszeiten, seltener auf Felsen. Da man sie an ihren natürlichen Standorten nicht beobachten kann, muß man sich mit der Beobachtung gefangener begnügen, welche man sich, da sie mit dem Grundzugnetz in großen Massen gefangen werden, sehr leicht verschaffen kann. Im Zustande der Ruhe klammert sie sich mit Hilfe der Saugnäpfe am Boden an und nimmt mit Kopf und Rumpf ungefähr die Stellung ein, welche auch Octopus vulgaris liebt. Dabei sind die Enden der Arme frei und die Trichteröffnung seitwärts hervorgestreckt. In dieser Lage verbringt das Tier ungefähr drei Vierteile seines Lebens, und man kann dabei die erstaunliche Schnelligkeit bewundern, womit die Farben wechseln. Bei der geringsten Störung gleitet eine dunkle Färbung mit der Schnelligkeit des Blitzes über den ganzen Körper, um ohne Spur zu verschwinden. Mit diesem Zustande glaubt Verany eine Art Schlafzustand abwechseln gesehen zu haben. Die Stellung ist die nämliche, aber die Armenden sind näher an den Körper herangezogen, nur der vierte Arm ist ausgestreckt, wie um Wache zu halten. Der Rumpf ruht auf den Armen, die Pupille ist zusammengezogen, und die Atmung, das Einund Auslassen des Wassers, geht langsam vor sich. Die gewöhnliche Färbung ist dabei ein Graugelb oder ein Gelbbraun, immer aber fehlen die kastanienbraunen Flecke. Gehör und Gesicht sind unempfänglich; man kann sich dem Gefäße nähern, schreien oder irgend ein Geräusch machen, ohne daß das Tier erwacht. Aber bei dem geringsten Stoße an das Gefäß, oder wenn man einen Arm auch nur ganz leise berührt, wacht es augenblicklich auf, und es geht in seinem Wesen eine auffallende Veränderung vor sich. Die Eledone richtet nämlich schnell den Körper fast senkrecht über den Kopf auf, bläht ihn etwas auf und spitzt ihn zu. Die ganze Hautfläche wird gelblich, es erscheinen die schwärzlichen symmetrischen Flecke, und überall erheben sich kegelförmige Warzen. Die Iris zieht sich zusammen und färbt sich stark schwefelgelb; aus dem Trichter wird das Wasser gewaltsamer hervorgetrieben, und die Einatmung wird unregelmäßiger. Von Zeit zu Zeit wird eine reichlichere Wassermenge in die Mantelhöhle aufgenommen und dann 2—3 m weit über das Gefäß hinausgespritzt, obwohl dabei noch eine Wassersäule von 30 em zu überwinden war. Auch als Verany der Eledone einen lebenden Krebs vorgelegt hatte, sah er, daß sie eine Stellung wie im Zustande der Aufregung annahm, sich mit Höckern bedeckte und der Haut die Farbe des Gefäßes gab, in welchem sie sich befand, wahrscheinlich um das Tier, das sie berücken und überfallen wollte, nicht mißtrauisch zu machen.

Mitunter, besonders bei Nacht, entwischt die Eledone aus ihrem Behälter, entweder weil das Wasser den Atmungsprozeß nicht mehr unterhält, oder weil das Tier seine Freiheit sucht. Sie dauern dann mehrere Stunden im Trocknen aus; auch vertragen sie ein Fasten von 10 Tagen. Trotz des sehr in die Nase fallenden Moschusgeruches wird diese Eledone doch massenhaft zu Markte gebracht. Ihr Fleisch ist zwar nicht so zähe als das der Oetopus-Arten von derselben Größe, aber weniger schmackhaft. Übrigens erscheint sie nur auf dem Tische der ärmeren Klassen.

Eine dritte, schon im Altertum berühmte und vielfach beschriebene Form der achtfüßigen Zweikiemer ist der Papiernautilus (Argonauta Argo). Nur das Weibchen ist es, das mit einem schönen zarten Gehäuse versehen ist. Auch nur ihm gilt unsere folgende Darstellung, da wir die höchst merkwürdigen Abweichungen des Männchens im Zusammenhange mit den Geschlechtsmerkmalen der Männchen der anderen Kopffüßer bringen wollen. An dem rundlichen Körper fällt der kleine Kopf und der sehr entwickelte und verlängerte Trichter auf, vor allem aber die lappenartige Verbreiterung des obersten Armpaares. Die Färbung ist

PAPIER - NAUTILU O.N

PAPIER - NAUTILU N O. N O.

außerordentlich brillant und schön. Der neapolitanische Naturforscher Sangiovanni hat sie folgendermaßen beschrieben. Die unteren und seitlichen Teile des Rumpfes sind von einer bräunlichen Silberfarbe, die je nach der Richtung und Stärke der Lichtstrahlen sich bald mit einer leichten und blauen Tinte bedeckt, ähnlich dem Meerblau, bald mit einer gräulichen, bald rötlichen. Auch finden sich auf dieser farbenwechselnden Oberfläche eine Menge kleiner glänzender Punkte, gelb und kastanienbraun, andere rosenrot, und je größer die Bewegung, desto schöner die Farben. Das Zusammenwirken dieser Farbenkügelchen, welche sich über einem silberglänzenden Grunde ausbreiten, verleiht der Haut jener Körper: teile einen Rosenschimmer, der aus unzähligen farbigen Pünktchen zusammengesetzt ist, und worin man einige etwas ausgedehntere Stellen bemerkt, welche symmetrisch liegen und umgeben sind von einem silberfarbenen Hofe. Die Rückenteile und die oberen Seitenteile der Argonaute sind mit einer schönen grünen Farbe geschmückt, die in Pistaziengrün übergeht und sich so besonders gegen Abend zeigt. Die Silber farbe der unteren Seitenteile setzt sich in Streifen nach den oberen Seitengegenden fort, welche grünlich sind, so daß die Farben hier miteinander abwechseln. Die Natur hat diesen Teil des Körpers der Argonaute mit gelben, bis ockergelben und mit kastanienbraunen Farbzellen geschmückt. Beide Sorten sind in großer Menge vorhanden, viel geringer ist die Anzahl der malvenblauen. Die ersteren beiden bedecken die Haut fast vollständig. Jedoch finden sich da und dort größere solcher Farbenkugeln in der Mitte kleiner Kreise, welche von verschieden gefärbten Zellen umgeben sind, und welche die Haut wie kleine Rosetten schmücken. Ahnliche Färbungen breiten sich über Kopf und Arme aus. NDe Die Schale des Papier⸗Nautilus, welche sich Sehne der HeleneCeenpl rn durch ihre Eleganz und Papierdünnheit auszeichnet, ist ziemlich elastisch, indem sie reichlichen organischen Stoff enthält. Sie ist deshalb weit biegsamer als die viel dünneren Schalen anderer Weichtiere, z. B. der Flossenfüßer. Sie besteht aus einer einzigen Höhlung und ist in der Weise spiralig gewunden, daß die früheren Windungen durch den letzten Umgang verdeckt werden. Das Verhältnis des Tieres zur Schale ist ganz einzig, indem es nirgends mit derselben enger verbunden oder verwachsen ist, auch die Gestalt des herausgenommenen Tieres gar nicht dazu zu passen scheint. Es ist daher sehr zu entschuldigen, wenn man früher auf den bis in die neuere Zeit festgehaltenen Gedanken kam, das Tier der Argonauten bewohne die Schale einer fremden, nicht näher bekannten Gattung, wie der Einsiedlerkrebs. Man fand indes, daß die Schale eine Absonderung der beiden Lappenarme ist, welche jene von außen bedecken und in dieser Stellung die Schale halten. Dieselbe wird also von ihrer Außenfläche her gebildet; wenn aber die verletzte Schale ausgebessert wird, so geschieht dies von innen her, indem die offene Stelle mit einer elastisch bleibenden Haut überzogen wird.

Man findet die Argonaute sehr häufig in einer Stellung abgebildet, welche sie unmöglich annehmen kann, entsprechend einer von Aristoteles bis in unsere Zeiten geglaubten Fabel, daß sie, an der Oberfläche des Meeres schwimmend, ihre beiden segelförmigen Arme emporstrecke und sie wirklich als Segel gebrauche. Wie Verany sah, kommt sie allerdings

Brehm. Tierleben. 3. Auflage. X. 18

N Sehne der Helene Ceenpl rn
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