Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die Sepien, welche in die großen Bassins des Aquariums in Neapel, gewöhnlich in Gesellschaft von Seesternen, gebracht werden, gewöhnen sich sehr schnell an ihre neue Umgebung. Ihren Unmut bethätigen siedurch reichlichen Tintenerguß nur dann, wenn sie vom Wärter, der dem Publikum das interessante Schauspiel bereitet, unsanft mit einem Stabe
berührt werden. Bewegung lieben fie nicht, da fie ebensowenig wie die Oktopoden nach Beute umherstreifen, sondern auf dieselbe lauern. Wenn sie nicht frei und, oft Viertelstunden hindurch, unbeweglich im Wasser stehen, so liegen sie auf dem Grunde, entweder schlafend mit geschlossenen Augen, oder im Halbschlafe blinzelnd oder auch bei mehr in die Höhe gezogenem oberen Augenlide spähend. Ist ihnen Sand oder feinerer Kies zur Unterlage gegeben, so bedecken sie sich ganz nach Art der auf den Fang lauernden Schollen und Rochen, indem sie mit den Flossen Steinchen auf ihren Rücken schaufeln. Dabei passen sie ihre Färbung, grünliche und graue Flecke bildend, so ausgezeichnet der Umgebung an, daß Mensch und Tier getäuscht werden und sie nicht oder erst dann wahrnehmen, wenn die Sepia plötzlich auf die Beute losfährt.
Außer der gemeinen Sepia kommen im Mittelmeer noch zwei Arten vor, zarter und schöner gefärbt, welche sich beide in Gesellschaft der Eledonen auf schlammigem Grunde zu finden pflegen, gelegentlich auf den Markt kommen und wegen ihres zarten Fleisches sehr geschätzt sind. Sie heißen Sepia elegans und S. biserialis. Die erstere hat eine durchscheinende Haut, durch welche man im Leben die Rückenschale sieht. Der hervorstehende Stachel derselben am Hinterende ist das beste Kennzeichen. Sie erreicht, die Greifarme nicht inbegriffen, eine Länge von 13 cm. Die andere wird 8 em lang und wegen ein Paar Reihen weißer Flecke auf dem Rücken als die „doppelreihige“ bezeichnet.
Außer Sepia ift in der uns eben beschäftigenden Abteilung die Gattung Kalmar (Loligo) die wichtigste. Der fleischige, nackte, cylindrische Körper ist verlängert und hinten zugespitzt, und die auf dem Rücken sich vereinigenden Flossen geben dem Hinterende meist die Gestalt einer geflügelten Pfeilspitze. Im Rücken ist ein biegsamer horniger Schulp von pfeilförmiger Gestalt enthalten. Die gemeinste Art ist auch von der Systematik als solche bezeichnet, der gemeine Kalmar (Loligo vulgaris, Abbild. S. 280), Calamaro der Italiener. Seine Flossen bilden ein Rhomboid, welches sich über zwei Drittel des Rumpfes erstreckt. Das erste Armpaar ist das kürzeste, dann folgen nach der Länge das vierte, zweite und dritte. Die Greifarme sind einundeinhalbmal so lang wie der Körper und ihre verdickten Enden mit vier Reihen sehr ungleicher Näpfe besetzt. Die spezielle Eigentümlichkeit der Färbung besteht im Vorherrschen eines sehr brillanten karminroten Kolorits.
Im Mittelmeer und Atlantischen Ozean sehr allgemein verbreitet, trifft man den Kalmar zu allen Jahreszeiten, am zahlreichsten im Herbste, wo er in großen Zügen streift. Mitunter wird er in großer Menge in den für die Thunfische aufgestellten Netzen gefangen, bei Nacht auch mit dem „Mugeliera“ genannten Netze. Von den schlammigen und sandigen Gründen bringt ihn das Zugnetz das ganze Jahr hindurch herauf, am reichlichsten bei Vollmond. Mit der Lanze und dem Angelhaken ist ihm schwer beizukommen. Die Wanderungen des Kalmars richten sich besonders nach den Zügen kleinerer Fische, von denen er sich nährt. Er erreicht nicht selten ein Gewicht von 10 kg; es kommen jedoch auch größere Riesen vor, während die mittlere Länge, mit Ausschluß der Greifarme, 20 em beträgt. Die Weibchen werden etwas größer als die Männchen. Jene kolossalen Exemplare findet man in der Regel nur, wenn sie auf den Strand geraten und gestorben sind, wodurch Verany in den Besitz einer Rückenfeder von 75 em Länge kam. Die mittelgroßen Exemplare werden den übrigen verkäuflichen größeren Cephalopoden wegen ihres guten Geschmackes und zarteren Fleisches vorgezogen, namentlich der Sepia.
Auch der gemeine Kalmar war während meines Aufenthaltes in Neapel ein häufiger, wenn auch nicht ausdauernder Gast des Aquariums und zeigte, als ein Bewohner des
offenen Meeres, ein von dem duckmäuserischen Hocken seiner oben besprochenen Vettern völlig abweichendes Benehmen. Da Loligo vulgaris wie verschiedene andere Loliginen gesellig
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Gemeiner Kalmar (Loligo vulgaris), daneben der hornige Rückenschulp Natürliche Größe.
leben, so werden sie in den Fischernetzen gewöhnlich in größerer Anzahl gefangen. Wenigstens | wurden wiederholt Trupps von 10—16 Stück gebracht und in das große Bassin gesetzt. |
Hier harren sie leider nur wenige Tage, und zwar in ununterbrochener, einförmiger Bewegung aus, die ganze Herde bei einander hin und her schwimmend, immer im Lichte zwischen dem äußeren Fenster und der Glaswand. Die Bewegung ist ein zierliches, flugähnliches Rudern der Flossen; rückwärts helfen die Stöße des Trichters mit. Die Arme werden horizontal ausgestreckt gehalten. Beim Vorwärtsschwimmen steht der Kopf höher als der Rumpf, umgekehrt bei der entgegengesetzten Bewegung. Sie vermeiden sorgfältig die Berührung mit den Wandungen des Behälters, und die ganze Herde wechselt fast in demselben Augenblicke die Richtung. Während die Oktopoden und Sepien sich im Aquarium für viele Monate häuslich einrichten und, wie ich an den Oktopoden wahrnahm, selbst auf die Fortpflanzung bedacht sind, fühlen sich die Loligo augenscheinlich recht unbehaglich. Weder in Arcachon noch in Neapel ist ihre Fütterung gelungen. Nach 48 Stunden ruhelos verbrachter Gefangenschaft werden die Bewegungen langsamer und schwankender, sie verlieren die Orientierung, stoßen sich und sterben ab.
Von den übrigen Arten mögen nur ein Paar häufiger vorkommende und größere genannt werden. Der Pfeil-Kalmar (Loligo sagittata) hat kurze, oben abgerundete und eine Herzform bildende Flossen, einen durchscheinenden Körper und schlanke, wenig zurückziehbare Greifarme mit breiter Keule. Sein Farbenspiel ist mannigfaltiger als bei Loligo vulgaris, mit dem er den Verbreitungsbezirk teilt, an Plätzen, wo man die Eledonen und jo manche andere Kopffüßer findet. Pfeil-Kalmare werden gewöhnlich nur einzeln gefangen; da sie jedoch mitunter in Trupps ins Netz geraten, so scheinen sie zeitweise zu wandern. Die Verkäufer vermengen sie ihres schlechten Geschmackes wegen nicht mit L. vulgaris. Man hat mit der L. sagittata oft eine andere, größere Art, L. todarus, ver: wechselt, die jedoch einen plumperen Körper hat, und die man leicht erkennt an den dickeren, gar nicht zurückziehbaren Greifarmen, welche auf ihrer ganzen Länge mit Saugnäpfen besetzt sind und nicht keulenförmig am Ende anschwellen. Auch sie wird das ganze Jahr hindurch im Mittelmeer gelegentlich gefangen, gewöhnlich an Fischen, welche man an der Leine heraufzieht, und an welche sie sich, um sie zu fressen, angeklammert hat. Oft auch strandet fie. Ihre mittlere Länge beträgt gegen 20 cm, fie kommen aber auch 15 kg schwer vor. Ihr Fleisch ist sehr zähe und schlecht und darf an einigen Orten gar nicht auf den Markt gebracht werden. — Die beiden oben genannten Arten werden übrigens von den Neueren nicht zu den eigentlichen Loligiden gerechnet, sondern zur Gattung Ommatostrepbes, welche mit anderen einen eigentümlichen Bau des Auges gemein hat. Dasselbe entbehrt nämlich gänzlich der Hornhaut, womit also auch eine besondere vordere Augenkammer mangelt und die Linse unmittelbar vom Wasser umspült wird.
Eine solche Gattung ist auch Loligopsis, mit einer ganz ausgezeichneten Art, Loligopsis Veranyi, im Mittelmeer. Der Körper dieses Tieres ist gallertig durchsichtig. Der scharf vom Kopfe abgesetzte, schmale und längliche Rumpf wird in seiner hinteren Hälfte von der fast rundlich herzförmigen Flossenscheibe bedeckt. Der Kopf ist kugelig, breiter als der Rumpf; die Augen unverhältnismäßig groß. Die Arme nehmen in der Reihenfolge vom Rücken nach unten an Länge und Dicke zu; das Auffallendste sind aber die beiden Greifarme. Dieselben messen nämlich fast 1 m, während die ganze Körperlänge bis zur Spitze der anderen Arme gegen 30 cm beträgt, und find nur von der Stärke einer feinen Schnur, welche am Ende in eine lanzenförmige, napftragende Keule übergeht. — Mit der Durchsichtigkeit und der zarten bläulichen Färbung ist die Lebensweise der L. Veranyi in voller Übereinstimmung. Sie findet sich nämlich im offenen Meere während der Windstille der schönen Jahreszeit mitten unter den Quallen und Medusen des Mittelmeeres. Alle diese sowie andere Tiere des hohen Meeres sind durch ihre Durchsichtigkeit ausgezeichnet.
Diese Eigenschaft ist bei der bei Messina gefundenen Loligopsis vermicularis noch hervor-stechender, die bei dem Mangel aller Farbzellen gleich einem Stücke Eis im Wasser fast nicht sichtbar würde, wenn nicht die beiden schwarzen Augenpunkte den Beobachter leiteten.
Bei mehreren, in Gestalt und Lebensweise sich ebenfalls an die eigentlichen Kalmars anschließenden Gattungen, welche man Haken-Kalmars nennen kann, sind die Arme außer den Saugnäpfen auch noch mit hornigen Haken bewaffnet. Am artenreichsten ist Onychoteuthis, deren Greifarme allein Haken tragen. Von den zwei im Mittelmeer lebenden Arten hat Onychoteuthis Lichtensteinii auf jedem Fangarme zwei Reihen von zwölf nach allen Seiten beweglichen Haken, deren Stiel von einer häutigen Scheide umgeben ist. Die Flossen mit dem Körperende haben die Gestalt einer scharfen Pfeilspitze. Das Vor: kommen dieses Tieres zeigt, wie dasjenige so mancher anderen Arten, daß wir über die eigentlichen Gründe der Ausbreitung noch völlig im Dunkeln sind. Es scheint sich von dem Sparus boops, einem Brassen, zu nähren und den Zügen desselben zu folgen. Allein obgleich dieser Brassen bei Genua sehr häufig ist, wird die Onychoteuthis Lichtensteinii dort nie gefangen. In Nizza hingegen, wo man den Sparus boops vom Februar bis Mai in Netzen fängt, die man des Nachts in der Nähe der Küste aufftellt, erhält man darin auch den Cephalopoden, welcher übrigens nicht genießbar ist.
Diejenigen Haken-Kalmars, welche auf den Greifarmen nur Saugnäpfe, auf den anderen acht Armen aber außerdem Haken besitzen, werden unter der Gattung Enoploteuthis begriffen.
Für das Verständnis einiger vorweltlichen Formen ist das Posthörnchen (Spirula) wichtig. Diese Dekapode, welche von den übrigen jetzt lebenden vielfach abweicht, ist auch
| durch den Besitz einer zierlichen Schale ausgezeichnet. Diese ift spiralig
in einer Ebene gewunden und besteht aus einer Reihe hintereinander gelegener Kammern. Durch alle hindurch erstreckt sich an der Bauchseite eine Röhre, der Sipho, über den wir unten bei den Vierkiemern weiter zu sprechen haben. Dieses weißliche, perlmutterglänzende Ge: 2 häuse liegt zum Teil hinten im Mantel versteckt, zum Teil tritt es e durch einen Schlitz desselben hervor. liche Größe. Man kennt nur drei Arten, darunter eine aus dem Atlantischen Ozean. Obgleich die Schalen sehr häufig an den südlicheren Küsten ausgeworfen werden, sind doch erst vier Exemplare des vollständigen Tieres in die Hände der Naturforscher gelangt. Man wird sich nicht darüber wundern, wenn man liest, was Willemoes-Suhm von der Challenger-Expedition davon schreibt. „Wir dredgten in Sicht der Küste von Banda Neira in einer Tiefe von 360 Faden, und der Endsack des großen Fischnetzes kam mit allerlei Schätzen angefüllt herauf, die alsbald in eine mit Seewasser gefüllte Wanne geleert wurden. Wie ich darin mit Professor Thomson herumkrame, um nach und nach Ordnung in das Chaos zu bringen, kommt mir ein kleiner Cephalopode in die Hand, an dem ich die Schalenwand des Posthörnchens hervorragen sehe. Sehr erfreut gebe ich esThomson, und als wir es nun genauer betrachten, finden wir, daß es schon im Magen eines sehr großen Fisches, wahrscheinlich eines Macrurus, gewesen sein muß, der es im Drange des Augenblickes gleich nach dem Verschlucken wieder ausgespieen hat, denn die Oberhaut am ganzen Mantel des Tieres ist durch den Magensaft zerstört, unten aber und an den Armen noch geblieben, ein Zeichen, daß das sonst ganz unverletzte Tier von einem Macrurus in eben dem Momente verschluckt worden war, wo das Netz den letzteren umfaßte. Und da diese Fische stets, wie der Kilch des Bodensees, mit weit vorgequollenen Augen und zum Munde wie zum After hervorgepreßten Darme aus den Tiefen herauskommen, konnte es um jo
leichter geschehen, daß ein Tier, das so glatt und widerstandslos gleiten muß wie Spirula, gleich wieder zum Vorschein kam. Es zeigt ferner aufs unzweifelhafteste, daß Spirula in mittleren Tiefen von 300 —400 Faden leben muß, wo sie wahrscheinlich geschickt sich hinter Steinen allen Verfolgungen zu entziehen weiß, namentlich auch dem Netze. Denn vor uns hat noch niemand Spirula vom Boden des Meeres heraufgezogen, und auch wir verdanken ihren Fang nur einem glücklichen Zufalle. Soviel wie früher auch selbst am Strande danach gesucht, und so genau wir die von der Oberfläche heraufgebrachten Tiere untersucht haben, nirgends fand sich eine Spur des Spirula-Tieres. Und an den Küsten von Fidschi und Kap Pork zeigte ich den Buben die Schale und bot ihnen ein Goldstück, wenn fie mir das Tier dazu bringen würden; aber in den meisten Fällen sagte man mir, diese