All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
AskTalkView media
Reading progressPage 63 of 170

Die Farbenveränderungen traten, wie es schien, zeitweise, ohne ganz besondere Veranlassungen, auf. Einmal sah der Beobachter, wie ein Octopus auf der ganzen einen Seite des Körpers und Kopfes intensiv braunrot wurde, während die andere Hälfte grau blieb.

Die sehr gefräßigen Gefangenen füttert man mit Muscheln, indem man ihnen täglich ein bestimmtes Maß der eßbaren Herzmuschel (Cardium edule) vorlegt. Sie bemächtigten sich derselben und führten sie zum Munde, indem sie dieselben mit den Armen und der zwischen ihnen ausgespannten Haut verbargen. Nach unbestimmter Zeit, längstens nach einer Stunde, warfen sie die geöffneten und entleerten Muschelschalen wieder von sich; die Schalen waren völlig unbeschädigt. Da die Herzmuscheln nicht vollkommen schließen, so war die Möglichkeit vorhanden, daß sie nach und nach ausgesogen werden konnten. Um sich hierüber Gewißheit zu verschaffen, reichte Fischer den Oktopoden eine andere Muschel, einen großen Pectunculus, welcher äußerst fest und hermetisch schließt. Die Oktopoden benahmen sich damit wie mit den Herzmuscheln, und nach drei Viertelstunden waren auch die Pektunkeln entleert und die Schalen unbeschädigt. Da hiermit also nicht zum Ziel zu kommen war, wurde nun den Oktopoden ihre Lieblingsnahrung, Krabben, vorgelegt. Sobald der Octopus die Krabbe (den Carcinus maenas) sich seiner Höhle nähern sieht, stürzt er sich über fie und bedeckt sie vollständig mit den ausgebreiteten Armen und der Armhaut. Die Arme strecken sich um das Opfer, so daß es sich nicht verteidigen kann. Etwa eine Minute lang sucht der unglückliche Krebs seine eingebogenen Beine zu bewegen, dann wird er ganz ruhig und der Octopus schleppt ihn in sein Versteck. Man sieht dann durch die Armhaut hindurch, daß die Krabbe in verschiedene Lagen gebracht wird, und nach einer Stunde ist die Mahlzeit beendet. Der Rückenpanzer ist leer und von den an dem Bruststück haftenden Eingeweiden getrennt; die Beine sind fast alle am Grunde abgebrochen; die Beinmuskeln und ein Teil der Eingeweide sind verzehrt, aber kein Teil des Hautskeletts verletzt. Wie denn eigentlich der Octopus seine Beute tötet, wurde auch durch die Fütterung mit Krabben nicht klar. Nach der Mahlzeit wirft er, wie gesagt, die Reste vor seine Wohnung und bedeckt zum Teil den Eingang damit, indem er sie mit den Saugnäpfen heranzieht. Nur die Augen ragen über diesen Schutzwall hervor und spähen auf neue Beute.

Die Heftigkeit und Geschwindigkeit, womit die Octopus ihre Opfer ergreifen und an sich reißen, der Wechsel der Farbe während des Angriffs, die Warzen, welche auf der Haut erscheinen, verleihen diesen Tieren ein wahrhaft wildes Aussehen. Wenn sie jedoch gesättigt sind, lassen sie die Krabben neben sich herumgehen und sich sogar von ihnen berühren.

Diese im Gegenteil sind offenbar in Schrecken und haben ihre gewöhnliche Keckheit eingebüßt; es scheint, als ob sie sich in ihr Schicksal ergeben und als ob sie unter jenem Zauberbann ständen, welcher kleinere Tiere ihren Feinden gegenüber bestrickt.

Eine höchst lebendige Schilderung des gemeinen Octopus oder Kraken nach den Exemplaren des Neapolitaner Aquariums hat uns Collmann gegeben: „Ich war sehr begierig, die Natur dieser Tiere kennenzu lernen. Steckt wirklich (nach den Sagen vom Kraken) etwas Wildes, Kühnes, Raubgieriges in ihrem Wesen, haben sie wirklich etwas von der Natur des Tigers? Oder ist das gerade Gegenteil der Fall? Ich gestehe, ich war geneigt, das letztere anzunehmen, denn der weiche Leib und namentlich der Anblick der toten Tiere bestärkte meinen Skeptizismus. Der frisch getötete Krake, der, im Korbe oder an der Erde liegend, zum Verkauf angeboten wird, macht nicht den geringsten Eindruck. Der Leib ist glatt und die Arme liegen in weichen Biegungen ineinander verschlungen. Sie scheinen ganz und gar ungefährlich. Aber durch die Beobachtung der lebenden Tiere ist meine Geringschätzung völlig in das Gegenteil umgeschlagen. Ja, in der That, sie sind vielleicht die kampflustigsten und mutigsten Tiere, die Wasser atmen; kühn, schnell und verwegen im Angriff, von einer überraschenden Vielseitigkeit der Bewegungen und von einer Riesenkraft in ihren weichen, knochenlosen Armen. „Ich will eine jener Geschichten erzählen, die ich vor den Wasserstuben des Aquariums erlebt habe. Es war ein großer Hummer zu den Kraken aus einem anderen Bassin gesetzt worden. Er kam gleichsam in die Verbannung. Vorher hatte er sich in dem größten Bassin des Aquariums befunden, aber durch einen abscheulichen Mord, freilich begangen im Zustande der Notwehr, sich die Ungnade der Aufsichtsbehörde zugezogen. In jenem großen Bassin befanden sich neben Haien, Zitterrochen und anderen auch vier prächtige Exemplare von Seeschildkröten. Die Seeschildkröten lieben Austern und Hummer in hohem Grade; die eine, von der Größe eines Tellers, schien Appetit zu verspüren nach jenem Hummer, sie hatte, vielleicht noch unerfahren, die Waffen des Krusters entschieden unterschätzt. Der Kopf der Schildkröte wurde von der einen Schere des Hummers erfaßt und buchstäblich zerdrückt. Nun weiß jeder, daß der Schädel dieser Tiere ein sehr festes Knochengerüst besitzt, und man kann daraus entnehmen, wie groß die Kraft in den Scheren dieser Tiere ist. Unser Hummer war freilich auch ein kolossales Exemplar, aber trotzdem bleibt die Art der mit Erfolg gekrönten Notwehr eine respektable Leistung seiner Scheren. „Dieser Hummer wurde in die Behausung der Kraken gesetzt. Der Eindringling ward mit der größten Aufmerksamkeit betrachtet und dann in weitem Bogen umkreist. Dabei verriet das ganze Wesen der Tiere etwas Herausforderndes. Vorsichtig, als ob sie einen Feind beschleichen wollten, näherten sie sich, schwangen dann die Füße über ihn, wie Peitschen, und gingen, wenn er den knochenharten Brustschild oder die gewaltigen Zangen wies, allerdings zögernd zurück. „Nach und nach legte sich die Aufregung, aber ein Krake suchte immer näher zu kommen. Auch er schien sich endlich eines anderen zu besinnen und verhielt sich vollkommen teilnahmlos. Der Hummer zog sich etwas zurück und überließ sich einer beschaulichen Ruhe, leider zu früh: im nächsten Augenblick war er schon von dem Kraken gefaßt, umklammert, festgeschnürt und völlig wehrlos. Da, in demselben Moment, sprang der Wärter herbei, packte den Knäuel, der recht wütenden Schlangen glich, und befreite den Hummer wieder. „Der Diener, ein Vollblutneapolitaner, behauptete mit der größten Bestimmtheit, bes gleitet von der lebhaftesten Mimik, jenen graziösen Gesten und rhetorischen Phrasen, welche vor allem den Süditaliener charakterisieren, der Krake hätte jedenfalls den Hummer zer: rissen, wenn er nicht rettend eingesprungen wäre. Ich hatte aber meine Vorurteile über diese Kraken, diese weichen, durchsichtigen, beinahe gallertigen Massen: sie schienen mir

einmal nicht gefährlich. Trotz der Sagen über die Gefährlichkeit dieser Tiere und des eben beobachteten Kampfspieles blieb ich ungläubig, obwohl der Wärter die haarsträubendsten Dinge zu berichten wußte. Um den weiteren Verlauf zu beobachten, kehrte ich öfters zu

Krake, in seinem Steinnest lauernd.

dem Bassin zurück. Schon nach einer Stunde schien mir bei einem der Kraken wieder die Kampflust zu erwachen, und in der That, bald darauf geschah ein neuer Angriff. Leider ließ sich nicht konstatieren, ob derselbe es war, der den Kampf erneuerte — gleichviel, es wurde gekämpft. Ich war zufällig allein im Aquarium und hütete mich, in den Kampf einzugreifen. Mich interessierte die Art des Kampfes und das Ende desselben; welchen von diesen seltsamen Gladiatoren das Geschick vernichtete, war mir völlig gleichgültig. Wieder wie das letzte Mal sah ich die Füße des Kraken mit krampfhaften Windungen den Hummer umschließen, dort löste sich einer, um an einer anderen Stelle helfend den übrigen beizustehen. Alles schien Krake, vom Hummer waren nur kleine Partien sichtbar. Die Kämpfenden rollten am Grunde umher und wühlten den Kies auf; plötzlich löste sich der

Krake, in ſeinem Steinneſt lauernd.

Knäuel und der Krake fuhr quer durch das Wasser, den Krebs mit sich schleppend, aber nicht als Sieger. Der Krebs hatte einen Fuß des Kraken tief am Ansatze beim Kopfe gefaßt und sich festgeklemmt. Ich fürchtete, es würde sofort zu einer Amputation kommen, denn der Hummer preßte seine Zange zusammen, daß der Arm schon völlig abgeschnürt erschien. Aber zu meiner Überraschung hielt die derbe, an Elastizität dem Kautschuk ähnliche Substanz des Fußes den furchtbaren Druck aus. Unterdessen schwamm der Krake, von Schmerz gepeinigt, hin und her und suchte den Gegner von sich zu schleudern. Der Hummer flog bei den schnellen Wendungen ein paarmal gegen die Steine, aus denen die Wände felsenhöhlenartig gefügt sind, und das bewog ihn, schließlich seine Beißzange zu öffnen. Darauf zogen sich beide nach verschiedenen Ecken des Bassins zurück. Der Krebs saß ruhig beobachtend in einem dunkeln Winkel, der Krake klammerte sich an einen der steinigen Vorsprünge und begann das nie ruhende Spiel mit seinen Füßen, diesich bald zusammenrollen oder, langsam ausgreifend, bald hier, bald dorthin tasten. „Selbst der tief eingeschnürte Fuß, der von dem Drucke der Scheren gepackt war, bewegte sich, zu meiner Überraschung. Ich hatte, analog der Natur eines Wirbeltieres, völlige Lähmung erwartet. Aber es war keine Spur davon zu bemerken. Diese Organismen haben sehr merkwürdige Eigenschaften an ihren Blutgefäßen, welche den höheren Tieren vollkommen in diesem Grade mangeln. Jeder Teil des Gefäßsystems ist nämlich kontraktil, so daß auch ohne Herz dennoch ein Kreislauf der Säfte möglich ist. Aus dieser Beschaffenheit läßt es sich allein erklären, daß schon nach wenigen Tagen jede Spur des Kampfes verschwunden war. h „Die Art, wie übrigens der Kampf von dem Kraken aufgenommen, und die Behendigkeit, mit welcher er trotz des nachteiligen Ausganges geführt worden war, hatte doch meine frühere geringschätzende Ansicht etwas geändert. Ich konnte vor allem dem Mute der Tiere meine Anerkennung nicht versagen, und dann war die Schnelligkeit der Bewegungen doch höchst anerkennenswert gewesen. Unterdessen dauerte der Krieg gegen den Fremdling beständig fort; der Wärter war in den nächsten Tagen wiederholt eingesprungen und hatte die Kämpfenden voneinander getrennt. Es kämpfte immer nur ein Krake, die übrigen verhielten sich vollkommen passiv; aber einmal gelang die Trennung erst, nachdem der Hummer die eine seiner Scheren verloren. „Um der beständigen Verfolgung ein Ende zu machen, wurde der Hummer in das zunächst anstoßende Bassin gebracht. Es ist von den beiden vorhergehenden, zwischen denen ein Einschnitt inder Wand ein weites Thor offen läßt, durch eine solide Zementmauer getrennt, welche ungefähr 2 em über den Wasserspiegel hervorragt. Die Hoffnung, den Krebs hier einmal vor den rauflustigen Kraken zu schützen, war eitel. Noch im Laufe des Tages setzte einer von ihnen über die Mauer, attakierte den arglos dasitzenden Hummer und riß ihn nach kurzem Kampfe buchstäblich in der Mitte entzwei. Der Überfall war gelungen, und in kaum 40 Sekunden hatte der Sieger nicht allein den Kampf aufgenommen und vollendet, sondern sich auch schon daran gemacht, den Feind zu verzehren. „Mir war dieses Benehmen des Kraken im höchsten Grade interessant. Dieser letzte Akt des Kampfes zeigte eine weit über den Instinkt hinausreichende Thätigkeit des Gehirns, er zeigte Intellekt. Der Krake hatte vielleicht gesehen, daß der Hummer von dem Wärter in das nächste Bassin gesetzt worden war, oder er hatte durch das zirkulierende Wasser Witterung von der nahen Beute erhalten, gleichviel, der Krake schließt von einem Sinneseindrucke auf eine Beute, die er nicht sieht, und führt endlich einen Sprung durch die Luft nach jener Richtung hin aus. Auf eine sichtbare Beute zu stürzen, wäre ein Akt des Instinktes, aber auf einen Feind loszustürzen, der nicht im Gesichtskreis ist, und unter den eben erwähnten erschwerenden Umständen, scheint mir unzweifelhaft mehr, ist unzweifelhaft Intellekt.

„Um diese Erscheinung richtig zu würdigen, kommt jedoch noch Folgendes in Betracht. Seit der Eröffnung des Aquariums leben die Kraken mit zwei Hummern zusammen und stehen mit ihnen auf ganz gutem Fuße. Sie zeigen sich gegen diese alten Stubengenossen also verträglich, ebenso gegen einige kleine Fische, die in jener ersten Zeit zu Mitbewohnern wurden. Der dritte Hummer hat auf sie nun einen entschieden anderen Eindruck gemacht; er erschien als Eindringling, und jeder neue Mitbewerber, der ihnen Luft und Raum streitig machen will, erregt ihren Zorn und ihren tödlichen Haß. Sie verhalten sich gegen jedes Tier genau ebenso wie gegen diesen Hummer, und wäre es selbst der nächste Verwandte. Während meines Aufenthaltes wollte man die beiden Wasserstuben noch mit mehreren Kraken, also mit Individuen derselben Spezies, bevölkern, aber der Versuch mißlang vollständig. Jeder wurde erwürgt und aufgezehrt. Und in jedem Kampfe, den die älteren Hausbewohner selbst mit überlegenen Gegnern aufnahmen, blieben sie Sieger. Der Eindringling ist den bereits seßhaften Tieren gegenüber immer im Nachteil, immer in der ungünstigsten Lage. Sie sind die Herren des Schauplatzes, mutig, unternehmend, durch die wiederholten Erfolge nur um so verwegener, und kennen vollkommen das Terrain; der Ankömmling findet sich allein in fremdem Gebiete zahlreichen Angreifern gegenüber, deren Art des Kampfes ihm völlig neu ist. Naturgemäß ist er deshalb ängstlich, zieht sich zurück und ist stets mehr auf Flucht bedacht als auf Gegenwehr. Daher der unglückliche Ausgang des Kampfes. Die Kraken hassen jeden, der ihren Raum mit bewohnen will. Es ist nicht der Hunger, der sie treibt, denn sie werden reichlich gefüttert, es ist der Haß, der überall, allerorten durch den Kampf ums Dasein erregt wird. Es ist auch Haß und Mord nicht der Grundzug ihres Wesens, wie eine andere Seite ihres Naturells zur Genüge beweist. Sie kennenz. B. ihren Wärter nicht nur ganz genau und unterscheiden ihn von anderen Personen, sie lieben ihn sogar. Sie umfassen mit weichen und schmeichelnden Windungen seine Hand und den nackten Arm und suchen den leckeren Bissen langsam zu erhaschen, den er neckend nur zu lange ihnen vorenthält.“

Continue reading
Page 63 of 170