Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Der Tierkreis der Manteltiere ist neben dem der Echinodermen oder Stachelhäuter der einzige, der, soweit wir wissen, keine Vertreter im süßen Wasser hat, und nebst diesem sowie denen der Molluskoiden und Hohltiere derjenige, aus dem sich keine Landformen entwickelt haben.
Erste Ordnung. Die geescheiden oder Sacktiere (Ascidiae).
Die Aseidien sind diejenigen Manteltiere, welche nur eine kurze Zeit als geschwänzte Larven einen freien Schwärmzustand durchmachen, dann aber für immer anden verschiedensten untermeerischen Gegenständen sich festsetzen. Man macht sich am zweckmäßigsten, wie wir es schon begonnen haben, mit den als Einzelindividuen lebenden größeren, bis über faustgroß werdenden Formen bekannt, welche in allen Meeren in den verschiedensten Tiefen zu den gemeineren Erscheinungen gehören, und deren gröbere anatomische Untersuchung uns hinreichend orientiert. Man nennt fie einfache Ascidien im Gegensatze zu den anderen Abteilungen mit Stockbildung. Wenden wir unsere Blicke nochmals auf die schon vorstehend gegebene Abbildung der geöffneten Ascidia microcosmus, fo erscheint es ohne weiteres als annehmbar, daß der dicke Außenmantel nicht etwa den Mantelblättern der Brachiopoden oder Muscheln entspricht, sondern höchstens mit dem zweiklappigen Gehäuse verglichen werden kann. Nachdem einige bedeutende englische Zoologen, wie Hancock und Huxley, aus verschiedenen Gründen eine innigere Verwandtschaft der Ascidien mit den Brachiopoden erkannt zu haben glaubten, entdeckte Lacaze-Duthiers an der afrikanischen Küste eine Chevreulius genannte Ascidiengattung, deren äußerer Mantel genau einer jener altmodischen Schnupftabaksdosen gleicht, an welche auch die Brachiopoden-Gattung Thecidium erinnert. Chevreulius ist in Bezug auf dieses Gebäude, welches in Gestalt einer zweiklappigen Schale ganz offenbar dem Außenmantel der übrigen Aseidien entspricht, dem im Darwinschen Sinne vergleichenden Zoologen eine willkommene Zwischenform, deren Erwähnung gewiß auch hier gerechtfertigt ist. Die eine Offnung (a), welche bei unserer Ascidia microcosmus an dem einen Ende des der Länge nach festgewachsenen Tieres sich befindet, bei den mehr kegel- und säulenförmigen Arten aber auf dem Gipfel, führt nicht unmittelbar in den Mund, sondern in eine weite Kiemenhöhle. Im Grunde derselben ist der Mund, zu welchem die Nahrung durch Flimmerung gebracht wird. Unter der zweiten Offnung (b) entleert sich der Darmkanal in eine kurze Röhre, durch welche auch die Fortpflanzungsprodukte entleert werden. Die Ascidien sind wahre Zwitter, und ihre embryonale Entwickelung hat durch die vor Jahren veröffentlichten Untersuchungen des russischen Zoologen Kowalewsky eine unser höchstes Interesse beanspruchende Wichtigkeit erlangt. Er hat nämlich nachgewiesen, daß an den, wie ich schon oben sagte, mit einem Ruderschwanz versehenen Larven der Ascidien vorübergehend ein Organ sich bildet, welches sich nicht anders verhält als ein Teil des Wirbeltierkörpers, der bisher für das ausschließliche und daher eigentlich charakteristische Eigentum der großen Abteilung angesehen wurde, der auch der Mensch seiner Leiblichkeit und Abstammung nach angehört. Dies ist die sogenannte Rückensaite. Wenn bis dahin alle Anknüpfungspunkte fehlten, um den Stammbaum der Wirbeltiere und damit unseren eignen mit der niedrigeren Tierwelt in faktische Berührung zu bringen, so ist Kowalewskys Deutung ein Riesenschritt vorwärts, eine von jenen erwünschten und immer sich einstellenden Bestätigungen, wenn es sich um die Erhärtung großer neuer wissenschaftlicher Hypothesen, wie auch der Darwinschen, handelt. Wir wollen jedoch nicht verschweigen, daß 1874 der Würzburger Zoolog Semper die Vermutung ausgesprochen hat, es zeigten die Ringelwürmer noch nähere Beziehungen zu den Wirbeltieren als die Ascidien. Es handelt sich dabei um das Vorkommen gewisser Organanlagen in den Nieren der Haifische, welche den sogenannten Segmentalorganen oder Schleifenkanälen der Würmer gleich sein sollen, sowie um die
Brehm, Tierleben. 3. Auflage. X. 16
Möglichkeit, das Bauchmark der Gliedertiere und Würmer, als dem Rückenmark der Wirbeltiere, nicht bloß der Leistung nach, sondern auch anatomisch und morphologisch, entsprechend anzusehen.
Eine Einteilung der einfachen Ascidien in Sippen ist schon vor mehr als 50 Jahren von dem verdienten Savigny bewerkstelligt worden, indem er sich teils an die lederartige oder knorpelig durchscheinende Beschaffenheit der Körperdecke, teils und vorzüglich an die gefransten Anhänge und Fühler hielt, welche die Kiemen- und die Auswurfsöffnung umgeben und zum Vorschein kommen, sobald das Tier seinen ftillen Ge: wohnheiten ungestört nachhängen und seine einfachen Bedürfnisse befriedigen kann. Neben ihnen stehen gewöhnlich auch eine Anzahl roter Punkte, welche etwas vorschnell als Augen bezeichnet worden sind. Es ist wahr, Nerven gehen sowohl in diese Fühler als in unmittelbare Nähe der Augenpunkte, und es ist nicht unmöglich, daß sie mit den Nerven zur Unter: scheidung von Lichtabstufungen dienen. Alle Nerven aber strahlen von einem bei den durchscheinenden Ascidien schon mit unbewaffnetem Auge wahrnehmbaren Nervenknoten aus, welcher zwischen den beiden Offnungen liegt. Von der Häufigkeit mancher Arten haben wir uns oben überzeugt; ähnlich ist das Vorkommen vieler anderen, und wer sich irgend mit dem Einsammeln von Seetieren vermittelst des Schleppnetzes abgegeben, hat sicher von den meisten Exkursionen, wenn keine andere Beute, so doch Ascidien mit nach Hause nehmen können.
Wenn die Ascidien durch Berührung gestört oder gar ihrem Element entrückt werden, ziehen sie die Offnungsröhren ein und nehmen dabei eine nichts weniger als elegante, klumpenhafte Gestalt an. Ganz anders, wenn sie sich im Aquarium ruhig entfalten können. Einige der anziehendsten Becken im Aquarium der zoologischen Station in Neapel find diejenigen mit den großen Ascidien, namentlich mit der weißlichen durchscheinenden Phallusia mamillaris (f. obige Abbildung). Nicht bloß der Kiemenmund, auch die ihrer Bestimmung nach so unästhetische Auswurfsöffnung gleicht einem schön geschwungenen Blumenkelche. Selbst
die sonst so ungeschlachte Ascidia mierocosmus (s.untenstehende Abbildung) zeigt alsdann so feine Bildung und zarte rote Schattierung, daß man sie mit Vergnügen ansieht. Die Empfindlichkeit der Randlappen ist aber ganz außerordentlich. Da die Tiere in dem Sande eingegraben oder an irgend welchem festen Körper angewachsen leben, so antworten sie bei jedem Versuche, ihnen etwa zum Behufe des Zeichnens eine andere Stellung zu geben, mit einem Zurückziehen in sich. Dasselbe erfolgt sogar oft schon bei plötzlicher Lichtveränderung, wenn man z. B. rasch den Deckel des Gefäßes entfernt, in das man ein Individuum zur näheren Beobachtung gesetzt hat. Wenn eine Ascidie einmal in sich versenkt und verschlossen ist, bedarf es gewöhnlich halber und ganzer Stunden, ehe sie sich in ganzer Schönheit wieder
Leder-Ascidie (Ascidia microcosmus). Natürliche Größe.
zu zeigen bereit ist. In der That, mehr als viele andere Wesen lassen die Aseidien sich nur in ihrer natürlichen Umgebung würdigen, während fie in den Körben auf dem Fischmarkt oder in den Gläsern in den Museen den Eindruck widerlicher Klumpen machen.
Die einfachen Ascidien der Tiefsee find, wie fo viele Tiefseetiere, sehr häufig mit Stielen versehen, auf denen die sackförmigen eigentlichen Leiber aufsitzen. Merkwürdigerweise ist einer der am allerlängsten gekannten Bewohner der abyssischen Gründe eine langgestielte einfache Ascidie, Boltenia fusiformis, welche bereits 1770 von Bolten beschrieben wurde, nachdem schon 10 Jahre früher von einem Engländer, Russel, eine ähnliche Form erwähnt worden war. Die modernen Tiefsee-Expeditionen haben uns mit verwandten, aus: schließlich auf sehr große Tiefen beschränkten Gattungen, wie Fungulus und Culceolus, be: kannt gemacht. Eine von diesen Formen, Culceolus Moseleyi, ist sehr zierlich, hat einen nur 2 cm großen Körpersack und einen schlanken, gegen 9 em langen Stiel. Dieses Tier wurde fast unmittelbar unter dem Äquator aus dem Zentrum des Stillen Ozeans aus einer Tiefe von 4252 m heraufgebracht. 16*
Die größte bekannte Art von einfachen Ascidien, die 30 cm lange und 15 em breite Ascopera gigantea, stammt aus mehr flachem Wasser (274 m), aber die schönste von allen, Hypobythius calycodes (s. untenstehende Abbildung), einem gebuckelten Glasgefäß vergleichbar, stammt aus der größten Tiefe, in welcher Ascidien jemals gefunden worden sind, nämlich aus der von 5303 m im nördlichen Stillen Ozean.
Eine mit den einfachen Ascidien sehr eng zusammenhängende Gruppe ist diejenige der geselligen Ascidien, wohin die in der Nordsee und den mehr nördlichen Meeren lebende Clavellina lepadiformis (s. Abbild. S. 245, oben) gehört. Die Geselligkeit derselben ist keine freiwillige. Der Mantel entsendet wurzelartige Fortsätze, von welchen sich Knospen erheben, die nach und nach zu neuen Individuen heranwachsen, ohne sich von ihren Nachbarn und dem Stammtiere zu trennen. In weit innigerem Kontakt stehen aber die Individuen derjenigen Sippen beisammen, welche die dritte Abteilung, die zusammengesetzten Ascidien, bilden. Die Einzeltiere find in diesem Falle sehr un: ansehnlich, häufen sich aber unregelmäßig oder zu bestimmten Systemen geordnet in einer gemeinsamen gallertigen oder knorpeligen Masse an. Die zu einem System gehörigen oft ziemlich zahlreichen Individuen sind um eine gemeinschaftliche Auswurfsöffnung gruppiert. | Über Lebensweise, Bau und Vermehrung dieser zusammengesetzten Ascidien hat A. Giard sehr schöne und ausgedehnte Beobachtungen an der Küste des nördlichen und westlichen Frankreich angestellt. Ihre Kolonien trifft man vorzugsweise an Stellen, wo sie der direkten Sonne nicht ausgesetzt sind, an der Unterfläche von Steinen und überhängender Felsen, zwischen Tang und Seegras, in leeren Schneckenhäusern und Muschelschalen. Da aber gehören fie zu den ge= meinsten Vorkommnissen, durch bläuliche, gelbliche oder rötliche Färbung in die Augen fallend. Am häufigsten sind sie in der Küstenzone an und unmittelbar unter dem Wasserspiegel. Gewisse Arten siedeln sich in größerer Tiefe, etwa 20— 30 Faden, an; zu den eigentlichen Tiefseetieren gehören sie nicht. Das Aussehen der Stöcke ist oft sehr abhängig von dem Orte und der Beschaffen⸗
Hypobythius calycodes. ½2 nat. Größe. heit der Unterlage. So nimmt, nach Giard, das Amarucium densum, auf Seegras angesiedelt, die Gestalt eines Pilzes mit kurzem Stiele an, während es am Felsen eine bloße Kruste bildet.
Eine sehr eigentümliche Wandlung erleiden nach demselben Forscher diese Ascidien während des Winters. Bei dem schön wachsgelben Didemnum cereum, das zu den mit zierlichen mikroskopischen Kalkkörperchen erfüllten Arten gehört, sah er nach den ersten kalten Herbsttagen eine Verfärbung der Weichteile ins Dunkle eintreten, verbunden mit einer außerordentlichen Vermehrung der Kalkkörper. Bei Amarucium densum erfolgte vom Rande der
Kolonie aus ein Schwund der Individuen. Unsere untenstehende Abbildung gibt in a die noch vollständigen, um eine Auswurfsöffnung stehenden Tiere, b ist die zur Überwinterung fertige Masse, aus welcher im Frühjahr die schon jetzt als Knospen vorhandenen neuen Individuen sich erheben werden.
Weder durch den unangenehmen Geruch, der von den meisten Ascidien ausgeht, noch durch ihre starke Hülle werden sie vor ihren Feinden gesichert. Verschiedene Nacktschnecken zehren von ihnen, eine kleine Muschel (Orenella) liebt es, sich in sie einzubohren, gewisse Würmer legen ihre Gänge und Röhren in ihnen an. Vorzüglich aber find Kruster niederer Ordnungen auf die Kiemenhöhle, namentlich einfacher Ascidien, als ihren Wohnsitz angewiesen, wo ihnen durch die die Kieme durchziehenden Wasserströme die Nahrung zugeführt wird. Das sind also nicht eigentliche, von ihrem Wirte lebende Parasiten, sondern Mitesser (der bekannte Naturforscher van Beneden der ältere hat den Ausdruck commensaux eingeführt), die ihren Vorteil aus der Zufuhr ihres Wirtes, zwar auf dessen Kosten, doch ohne ihn sonst zu schädigen, zu ziehen wissen.
Immerhin sind die Feinde, welche Frieden und Bestand Clavellina 1 Natürl. Größe der Ascidienstöcke bedrohen, nicht besonders zahlreich, und der Abgang wird bei der außerordentlichen Lebenskraft und Fortpflanzungsfähigkeit unserer Tiere reichlich gedeckt. Ein zufällig oder zum Behuf des Experimentierens gespaltener und getrennter Stock wächst wieder zusammen. Schneidet man die Oberleiber einer Gruppe von Individuen ab, so vegetieren Herz und Eierstock fort, das Ganze wird neu aufgebaut, ebenso das Nervensystem, alles mit Verwendung der Masse des Eierstockes als Bildungsmaterial. Bei einzelnen Arten, wie Cirrinatium concrescens, findet ein Zusammenwachsen einzelner, nebeneinander sich festsetzender Ssit-J a dividuen statt. Indem noch andere an diesen reinsten kommunistischen Verein sich anschließen und die vereinigten Mitglieder Knospen treiben, vergrößert sich der Stock. Überhauptist Knospung das Ausbreitungsmittel der Kolonie. Kleine Erhebungen und Ausstülpungen an verschiedenen Stellen des Körpers der Einzeltiere bezeichnen den Beginn der Knospenbildung. Diese neuen — =. n Sprossen schalten sich entweder in der Mitte ee er des Stockes ein, was bejonders bei den eine kugelige Gestalt annehmenden Arten geschieht, oder es treten, wie bei den Botryllen mit flächenhafter Stockform, neue Systeme am Umkreise auf. Wenn man jedoch früher beobachtet zu haben glaubte, daß ein ganzes Botryllus-System, d. h. alle die um eine gemeinsame Offnung stehenden Individuen, wie sie unsere Abbildung (S. 246) von Botryllus albicans zeigt, auf einmal entstände, entweder als Kollektivknospe oder vom Ei aus, so ist das nach Charniers Untersuchungen ein Irrtum. Es teilt sich nicht das aus einem Ei entstehende Wesen in acht oder mehr Individuen, sondern schon im Ei, aus welchem ein Anfangsindividuum hervorgeht, oder etwas später, an dem sich bildenden Embryo beginnt die Sprossung, und nun entsteht ein System von Tieren gleichen Alters und gleichen Wachstums. Alle die Individuen, welche als Knospen im Stocke gewachsen sind, pflanzen sich