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Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere

PDF document804 original pagesPublished 1893
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Eine zweite Familie, welche in noch geologisch älteren Schriften als die vorige wurzelt, in der Gegenwart aber nur durch vier Arten vertreten wird, ist die der Rhynchonelliden, jo genannt von der wichtigsten Sippe, Rhynchonella. Sie eben ist es, welche zu den ältesten und verbreitetsten Organismen gehört, da sie von den silurischen Zeiten an durch alle Formationen reicht. Die noch lebende Rhynchonella psittacea zeigt am besten den charakteristischen schnabelförmigen Fortsatz der Bauchklappe. Die Offnung für den Stiel befindet sich unterhalb dieses Schnabels. Die Klappen sind miteinander befestigt wie bei den Terebratuliden; das Armgerüst besteht aber nur aus zwei kurzen, schmalen, gekrümmten, schalenförmigen Plättchen, die an der Scheitelgegend der kleinen Klappe befestigt sind. Über Vorkommen und Lebensweise der genannten Art hat Barett auf feiner skandinavischen Reise einige Beobachtungen gesammelt. „Sie findet sich lebend nicht besonders häufig in den nördlichsten Gegenden, nämlich bei Tromsoe in einer Tiefe von 70— 150 Faden; Klappen ohne das Tier sind bei Hammerfest im Schlamme gesammelt worden. Diese Art schien mir sehr schwer zu beobachten, da das Tier, für alle Eindrücke besonders empfänglich, bei der geringsten Bewegung seine Klappe schließt. Die Arme erweitern ihre Spiralgänge genugsam, um die Fransen bis an den Rand der Schale gelangen zu lassen. Ich habe diese Art oft bei klaffenden Klappen beobachtet, nie aber habe ich gesehen, daß sich ihre Arme entrollt und aus der Schale hervorgestreckt hätten.“

Wenn wir ferner die Sippe Crania mit in unsere Betrachtung hineinziehen, so geschieht es auch nicht, weil ihre Lebensverrichtungen interessante Momente böten, sondern weil ihre geologische und gegenwärtige Verbreitung dazu auffordert. Sie ist so abweichend, daß sie für sich allein eine Familie bildet. Ihre Schale ist nämlich an unterseeische Körper mit der Bauchklappe aufgewachsen. Die Rückenklappe ist deckelförmig, und beide werden nicht durch ein Schloß oder Einlenkungsfortsätze, sondern lediglich durch Muskeln aneinander

gehalten. Auch stützen sich die fleischigen Spiralarme nur auf einen nasenförmigen Fortsatz im Mittelpunkte der Bauchklappe. Die bekannteste der vier lebenden Arten ist Crania anomala aus unseren nördlichen Meeren, welche fast stets in Gesellschaft von Terebratula caput serpentis gefunden wird, derselben jedoch weder in die Meere des borealen Nordamerikas noch in das Mittelmeer folgt. Man kennt sie noch nicht im fossilen Zustande, und Sueß hat daher vermutet, „daß ihre Entstehung in eine jüngere Zeit falle, und sie jene Erscheinungen nicht erlebt habe, welche es der Terebratula caput serpentis möglich gemacht haben, nach Nordamerika zu kommen, und welche in einem fortlaufenden Uferrande oder einer zusammenhängenderen Inselkette zwischen diesem Weltteile und dem unserigen bestanden zu haben scheinen. Dagegen deutet ihr Auftreten in der Vigo-Bucht (Spanien) darauf hin, daß sie den allmählichen Rückzug der nördlichen Bevölkerungen aus dem mittleren Europa wenigstens teilweise mitgemacht habe.“

Die Brachiopoden, von denen wir bisher gehandelt, gehören, gleich den übrigen mit Kalkgehäuse, mit wenigen Ausnahmen dem tieferen Meeresgrunde an. Anders verhält es sich mit zwei anderen Gruppen, den Linguliden und Disciniden. Ihre Schalen find von horniger Beschaffenheit, fie Cem man W En bewohnen vorherrschend und in großer Individuenzahl die Ufer: zone und sind zugleich an die wärmeren Meere gebunden. Am bekanntesten aus der ersteren Familie ist die Sippe Lingula.

Die Schale der Lingula ist dünn und hornig, fast biegsam und von grünlicher Farbe. Die Klappen sind nicht aneinander eingelenkt und fast gleich, auch bieten sie im Inneren keine Fortsätze zur Stütze der dicken, fleischigen und spiraligen Arme dar. Über das geologische Vorkommen der Lingula-Arten sagt Sueß: „Diese Sippe tritt, wie diejenige der Discina, schon in den ältesten versteinerungsführenden Ablagerungen in nicht geringer Artenzahl auf. Seit jener Zeit hat sie sich durch alle Formationen hindurch bis auf den heutigen Tag erhalten, ohne in irgend einer Zeitepoche ein auffallendes Maximum zu zeigen.“ — Es lebt heute keine Lingula in den europäischen Meeren, aber an der amerikanischen Küste findet sich die Lingula pyramidata (s. Abbild. S. 236), an welcher Morse interessante Beobachtungen machte. Ihr Stiel ist neunmal fo lang wie der Körper, wächst nicht an, ist wurmartig beweglich und hat die Fähigkeit, so wie gewisse Würmer Röhren aus Sand anzufertigen. Sowohl im natürlichen Zustande als in der Gefangenschaft, wenn man ihnen Sand gibt, machen sie Höhlungen, in welche sie sich zurückziehen. Indem sie alsdann durch Übereinanderlegen der Borsten des Mantelrandes ein feines Sieb bilden, verhindern sie, daß mit dem Wasser Sandkörner in die Kiemen geraten. Die übereinander sich erstreckenden Röhren sehen aus wie die einer Terebelle.

Morse ist der Meinung, daß wenigstens Lingula pyramidata ihr Leben nicht über ein Jahr bringt. Mehrere hundert im Juni und Juli gesammelte Exemplare waren alle von gleicher Größe und ihre Schalen von gleichmäßig frischem Aussehen. Der Schluß, daß alle auch von gleichem Alter seien, lag nahe. Die während des Sommers gesammelten und gehaltenen Tiere starben Ende September unter ähnlichen Erscheinungen, wie sie auch nach den Untersuchungen von Williams den natürlichen Tod gewisser Ringelwürmer (Tais, Arenicola) begleiten.

Aus der Einfachheit der Schale der Lingula, die sich am besten mit knorpeligen Bildungen am Vorderende einiger Kopfkiemer unter den Borstenwürmern vergleichen läßt,

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verbunden mit dem Vorkommen der Gattung in den ältesten Muschelwürmer führenden Schichten, ließe sich vielleicht schließen, daß sie den wurmartigen Vorfahren noch am nächsten stehen. Wir müssen aber dabei eine unberechenbare Zeit voraussetzen, während welcher die Umwandlung, von der uns die Entwickelung der heutigen Formen Zeugnis gibt, vor sich ging. Wir haben wohl gerade darin, daß diese Umwandlung schon in den entlegensten Urzeiten stattfand und erst nach Erlangung einer kaum extremer zu denkenden Rückbildung still stand, die Schlüssel zu suchen zu der seitherigen fast beispiellosen Beständigkeit der Klasse innerhalb ihrer Grenzen. Damit ist der Artveränderung ohne Erwerbung wesentlicher neuer Organe aller mögliche Spielraum gelassen, wie Kaysers Studien gezeigt haben und neue hierauf gerichtete Beobachtungen bestätigen werden. Den Muschelsammlern und Museumszoologen galten die Schalen der meisten Brachiopoden noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit als Seltenheiten ersten Ranges und wurden teuer von ihnen bezahlt. Man ging von der Ansicht aus, daß wenigstens die Terebrateln ganz besonders NnahRas echte Tiefseetiere seien, denn man kannte sie nur aus Tiefen, in welche man damals die äußerste Grenze der Möglichkeit tierischen Lebens verlegte. Die modernen Tiefsee-Expeditionen haben uns eines Besseren belehrt und uns gezeigt, daß die Terebrateln e | u zwar lokalisiert in ihrem Vorkommen find, aber dort, wo

Lingula pyramidata. Natürliche Größe. Ne einmal vorkommen, in bedeutenden Mengen vergesellschaftet aufzutreten pflegen, wie es auch in der Vorwelt, z. B. in den Meeren des Muschelkalkes, gewesen ist. Zweitens aber wissen wir nach den neueren Forschungen, daß die Brachiopoden gerade keinen hervorragenden Bestandteil der Tiefseetierwelt ausmachen. So kommen von der Strandlinie bis zu 900 m Tiefe 98 Arten Brachiopoden vor, aber zwischen 900 und 1800 nur noch 16 und zwischen 3600 und 5800 m, wo sie die größte Tiefe ihres Vorkommens erreichen, nur noch 3. Und diese vertikale Verbreitung, die den früheren vorgefaßten Meinungen so gar wenig entspricht, ist sehr erklärlich, wenn wir die Organisation der Armfüßer und die Verhältnisse der Tiefsee erwägen. Die Brachiopoden find, wie wir sahen, festsitzende Tiere und bedürfen im all: gemeinen eines felsigen Untergrundes, auf dem sie sich vor Anker legen und gedeihen können. Solcher Boden findet sich aber in bedeutenden Tiefen nur selten, meist ist derselbe vielmehr mit weichem Schlamm, sei es kalkigem grauen Schlick oder eisenschüssigem und Fiefel: haltigem roten Thon, bedeckt, hat folglich eine Beschaffenheit, welche den Aufenthalt der Brachiopoden ausschließt.

Die Manteltiere.

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Die Manteltiere (Tunicata).

Wir haben uns schon wiederholt auf einen der reichlicher versehenen Fischmärkte der italienischen und französischen Küstenstädte begeben, um die erste vorläufige Bekanntschaft mit gew essen Seetieren zu machen, welche den Bewohner der Binnenländer durch Form und Aussehen überraschen. Ich lade nochmals zu einem solchen Gange ein. Wir haben die Haufen der bunten, kostbareren Fische, der den ärmeren Klassen überlassenen Haie und Rochen sowie der unser Auge mehr als unsere Zunge reizenden Sepien und Calmars Revue passieren lassen und sind an die Reihe der mit Schnecken und Muscheln gefüllten Körbe getreten. Wenn auch nicht nach Gattung und Art, sind uns diese Tiere doch im allgemeinen wohl bekannt. Da aber, mitten darunter, finden wir ein Gefäß voll bräunlicher und unregelmäßiger Knollen, voller Runzeln und Höcker, schmutzig und mit allerhand Ansiedlern bedeckt, zu deren Kauf wir ebenso eindringlich eingeladen werden wie vorher zu dem der leckeren Muränen und Branzine. Es ist vollkommen unmöglich, diesen Körpern anzusehen, ob sie pflanzliche oder tierische Gebilde sind; sie fühlen sich an wie hartes, ausgedörrtes Leder, sie bewegen sich nicht. Doch, indem wir einen derselben derb anfassen, spritzt uns ein feiner Wasserstrahl ins Gesicht, und wir entdecken auf der unappetitlichen Oberfläche eine etwas hellere Stelle (a, s. Abbild. S. 240) mit fast kreuzförmigem, feinem Schlitze, aus welchem wir durch Druck noch mehr Wasser entleeren können. Ein Mann aus dem Volke, der ein Dutzend der rätselhaften Knollen für geringe Kupfermünze ersteht, kommt unserer Wißbegierde weiter zu Hilfe; er spaltet mit scharfem Messer ein Stück und zeigt uns einen schön gelblichen Sack, der mit der groben, dicken Hülle nur an jener Stelle, aus welcher der Wasserstrahl hervortrat, und an einer zweiten ähnlichen (b) in engerem Zusammenhange ist. Diesen gelben Sack ißt unser neuer Freund mit dem größten Appetit, während er uns uneigennützig die lederzähe Schale zum weiteren wissenschaftlichen Gebrauche überläßt. Wir haben hiermit die oberflächliche Bekanntschaft mit einem Manteltier gemacht, und es bedarf kaum noch der ausdrücklichen Versicherung, daß eben jene undurchsichtige lederartige Hülle der Mantel, und zwar der äußere Mantel war, während die übrigen Organe des Tieres von einer zweiten, feineren Hülle umschlossen sind, welche letztere mit zwei Zipfeln an der ersten aufgehaugen ist. Der Name dieses und der ihm ähnlichen Tiere wird daher keiner weiteren Rechtfertigung bedürfen. Wir könnten nun an diesem Sadtiere, welches von dem Umstande, daß es in der Regel eine ganze Welt von kleinen pflanzlichen und tierischen Ansiedlern auf sich trägt, den Beinamen „Microcosmus“ erhielt, sogleich unsere weiteren Detailstudien anstellen, ich rate jedoch, erst noch einige praktische Erfahrungen über andere Formen der Gruppe zu sammeln, um einiges Material zur Vergleichung zu haben.

Der Besuch einer der Badeanstalten im Hafen von Triest oder Neapel gibt uns dasselbe an die Hand; die Unterseite der meisten im Wasser befindlichen Holzteile sind, außer mit vielen Pflanzen und anderen Tieren, auch mit Manteltieren der Gruppe Ascidiae jo dicht besetzt, daß man ganze Haufen abschälen kann. Die sich hier findenden Manteltiere haben aber keine lederartige, sondern eine durchscheinend häutige Hülle, und vorherrschend ist eine Art, welche ungefähr wie ein Stück Darm aussieht. Auch an ihr, der Ascidia oder Phallusia intestinalis, überzeugen wir uns nun leicht, daß ein innerer feiner Sack in dem festeren Außenmantel aufgehängt und im Umkreise zweier an und neben dem Vorderende befindlichen Offnungen mit jenem enger verbunden ist.

Über einen ganz anderen Typus von Manteltieren haben mir oft die dalmatischen Fischer ihr Leid geklagt. Sie bekommen nicht selten ihr Zugnetz statt mit Fischen mit Zentnerlasten von kleinen, kaum 1— 2 cm langen kristallhellen Tierchen erfüllt, welche etwa einer

Ascidia microcosmus, aufgeschnitten. Natürliche Größe.

an beiden Enden offenen Tonne gleichen, und in welchen die Forschung trotz ihrer ganz verschiedenen Lebensweise längst die nächsten Verwandten der Ascidien erkannt hat. Auch ihr Körper ist von einem derben Mantel umgeben, der in seiner mikroskopischen und chemischen Zusammensetzung mit dem jener übereinstimmt. Wir müssen nämlich zur allgemeinen Charakterisierung der Manteltiere die chemische Beschaffenheit des Teiles betonen, über dessen Beziehungen zu dem gleichnamigen Organ der Muscheln oder vielleicht zu den Schalen der Brachiopoden weiter unten zu reden sein wird. Die Sache verhält sich so: Vor einigen Jahrzehnten noch, als die Systematik im stande zu sein glaubte, scharfe, trennende Unterscheidungsmerkmale zwischen Pflanzen und Tieren aufzustellen, hielt man die Cellulose oder den Pflanzenzellmembranstoff für ein ausschließliches Eigentum der Pflanzen. Es ist aber eine von den hinfällig gewordenen Eigentümlichkeiten der Vegetabilien, indem sich zeigte, daß die Cellulose einen Hauptbestandteil des Mantels der Manteltiere ausmache und, nach neueren Untersuchungen von Ambronn, auch sonst in den Geweben niederer Tiere hin und wieder vorkäme, wenn auch in anderer Form als im Pflanzenreich. Wir können nunmehr die beiden schon angedeuteten Hauptabteilungen näher ins Auge fassen.

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