Brehms Tierleben, Band 10: Die Niederen Tiere
Die Veichtiere.
Die Weichtiere (Mollusca).
Der Markt des Lebens stattet jeden, auch für die nähere Befreundung mit den Weichtieren, mit einer kleinen Summe von Vorkenntnissen und Erfahrungen aus. Von einer Schnecke, einer Muschel hat jedermann den Eindruck bekommen, daß sie eben Weichtiere seien, und daß diese Bezeichnung in durchgreifenden Abweichungen von den Wirbel- und Gliedertieren beruhe. In der Annahme der Zusammengehörigkeit von Schnecke und Muschel lassen wir uns nicht stören durch die Bemerkung, daß die eine einen mit Fühlhörnern und Augen ausgestatteten Kopf besitzt, während ein solcher Körperabschnitt bei der anderen vergeblich gesucht wird; die Anwesenheit eines Gehäuses bei der Weinbergsschnecke hindert auch den ungeschulten Betrachter durchaus nicht, in der nackten Wegeschnecke ihre nächste Verwandte zu erblicken. Und wenn sich die Anschauungen mit dem Besuch des Meeres-gestades verhundertfachen, die Märkte der Seestädte neue und neueste Formen zuführen, werden auch die fremdartigeren Weichtiergestalten von dem prüfenden und vergleichenden Auge mit den Formen des Wirbeltier- und Gliedertierreiches, die Würmer nicht ausgeschlossen, nicht verwechselt werden. An vielen Weichtieren ist freilich Kopf und Leib zu unterscheiden, aber der ganze Körper bleibt, im Vergleich zu den uns schon näher bekannten Tieren, klumpenhafter und zeigt nicht im entferntesten jene Gliederung oder auch nur die Anlage dazu, welche das Gliedertier im Innersten beherrscht und auch dem Wirbeltier durch die Sonderung seiner Wirbelsäule und der gelenkigen Gliedmaßen sein eigentümliches Gepräge verleiht. Die Entschiedenheit der Gestalt, welche beim Wirbeltier vom inneren Knochenjfelett, beim Gliedertier von den erhärteten Hautbedeckungen abhängt, mangelt dem Weichtier. Nur die einfacheren Würmer treten hier wenigstens als oberflächliche Vermittler dazwischen. Aber die Schale, die Gehäuse? wird man fragen. Das sind eben bloße Gehäuse, zwar ausgeschieden und produziert vom Körper, aber so lose mit ihm zusammenhängend, daß sie einen Vergleich mit einem inneren oder äußeren Skelett nicht aushalten. Das letztere ist in vollster Bedeutung des Wortes ein Teil des Organismus. Die Knochen wachsen und ernähren sich; der Käfer kann nicht aus seinem Hautskelett herausgeschält werden; wenn der Panzer des Krebses nicht mehr lebendig mit dem Tiere verbunden ist, fällt er ab, um einem neuen Platz zu machen. Dieses innige Verhältnis findet zwischen dem Weichtiere und seinem Gehäuse nicht statt; letzteres ist ein Ausscheidungsprodukt, das allerdings durch Auflagerung neuer Schichten verdickt, durch Anfügung an den freien Rändern vergrößert und erweitert, auch, wenn es beschädigt ist, notdürftig ausgeflickt werden kann, aber nur an einer oder einigen beschränkten Stellen mit dem Tiere wirklich zusammenhängt und,
weil es an dem das Leben ausmachenden Stoffwechsel nicht teilnimmt, ein totes ist. Eine Schnecke kann man aus dem Gehäuse herausnehmen, indem man nur einen kleinen Muskel, der sie damit verbindet, zu durchschneiden hat, ein Eingriff, der an sich das Leben des Tieres durchaus nicht gefährdet. Nur in den Hautbedeckungen mancher Weichtiere kommen Absonderungen horniger und kalkiger Platten vor, die ihrer Lage wegen den Eindruck innerer Skelettstücke und Knochen machen, im wesentlichen aber mit jenen äußeren Schalenbildungen übereinstimmen.
So haben wir denn, um über den allgemeinen Charakter der Weichtiere ins reine zu kommen, uns an die zu halten, welche keine Gehäuse besitzen, und die anderen ihrer Schalen zu entkleiden. Sie stehen dann vor uns als ungegliederte, oft sehr ungeschickt aussehende Tiere, deren in der Anlage vorhandene Symmetrie oft einer unsymmetrischen Gestalt gewichen ist. Die Haut ist schlüpfrig und weich, und ausnahmslos finden wir die: selbe in Lappen und mantelartige Falten ausgezogen, von welchen der Körper ganz oder teilweise verhüllt werden kann. Es ist nichts leichter, als sich von dieser Grundeigentümlichkeit der Weichtiere eine Anschauung zu verschaffen. Wenn die Schnecke sich in das Gehäuse zurückzieht, bemerkt man, wie ein dicker Hautlappen sich über den verschwindenden Kopf hinweglegt: es ist ein Stück des Mantels. Schält man eine Muschel aus, so ist der Körper vollständig von jeder Seite mit einem großen häutigen Lappen bedeckt: das sind die beiden Hälften des Mantels. Alle Schalenbildung geht vom Mantel aus, besonders von seinen freien Rändern.
Wenn wir anführen, daß die am höchsten ausgebildeten Weichtiere bei einem nicht selten 1 m, wohl aber auch 2 und mehr, ja in riesenhaften Dimensionen 6 m und darüber langen Körper fast so vollendete Sinneswerkzeuge tragen wie die höheren Wirbeltiere und ihrer Größe entsprechende Muskelkraft entwickeln, während auch fast mikroskopische Formen dar: unter vorkommen und manche sich an die Strudelwürmer anzuschließen scheinen, so wird man auch hier nicht erwarten, daß der Bau, das Leben und Vorkommen dieses Kreises im allgemeinen geschildert werden kann. Nachdem wir die Wichtigkeit der Hautbedeckungen hervorgehoben, deuten wir nur an, daß der Hauptteil des Nervensystems in einem Schlundringe besteht, mit welchem die übrigen im Körper zerstreuten Nerven und Nervenknoten zusammenhängen. Das Vorhandensein der Sinnesorgane richtet sich nach der Stufe der Ausbildung des Körpers im ganzen und nach Aufenthalt und Lebensweise. So finden sich, um nur einige Beispiele anzuführen, nur wenige Muscheltiere mit Augen; sie haben keinen Raub zu erspähen, und ihre Nahrung wird ihnen durch unausgesetzte Flimmerbewegung an den Körperflächen zugeführt. Aber alle Schnecken und vor allen die hoch organisierten raubgierigen Tintenschnecken suchen nach ihrer Nahrung, und demgemäß spiegelt sich inihren Augen die Umgebung ab.
Sehr vollständig ist bei allen Weichtieren der Ernährungsapparat ausgebildet. Die höheren Ordnungen, nämlich alle, welche eine feste Nahrung zerkleinern, find mit sehr auf: fallenden Beiß- und Raspelwerkzeugen ausgestattet, die in neuerer Zeit mit eben dem Erfolg für eine naturgemäße Systematik sich haben verwerten lassen, wie man seit langer Zeit an der Beschaffenheit des Gebisses der Säuger ihre Lebensweise und systematische Stellung erkennt. Als starke Fresser bedürfen die Weichtiere nicht bloß eines geräumigen Darmkanales, sondern auch ein reichliches Maß der die Verdauung einleitenden und befördernden Säfte, daher wir die den Speichel und die Galle bereitenden Drüsen, Speicheldrüsen und Leber, ausnehmend entwickelt finden. Wir sehen den Blutlauf geregelt durch ein Herz, aus Kammer und einer oder zwei Vorkammern bestehend, in welches das Blut aus dem Atmungsorgan eintritt, um aus demselben in erneuertem, zur Ernährung des Organismus tauglichem Zustande dem Körper zugeführt zu werden. Auch die Atmungsorgane, meist
Kiemen, sind immer ansehnlich entfaltet und bieten der Tierbeschreibung durch ihre mannigfaltige Stellung und Form viele Anhaltspunkte. Eine außerordentliche Entwickelung pflegt auch die andere, der vegetativen Seite des Lebens gehörige Organgruppe, die der Fortpflanzungswerkzeuge, zu haben. Doch dies alles, und wie Zwitterformen mit getrennten Geschlechtern abwechseln, wie uns dort der Generationswechsel, hier Verwandlung, hier wiederum die Entwickelung ohne Verwandlung begegnet, ferner das Verhältnis der Weichtiere zu sich und zur Welt mag lieber die Schilderung der einzelnen Gruppen zeigen, zu der wir uns nun wenden. Die Liebhaber von Kuriositäten und Naturprodukten haben schon seit einigen Jahrhunderten mit Vorliebe die Schneckengehäuse und Muschelschalen gesammelt und an ihrer bunten und niedlichen Formenfülle sich geweidet. Wir sind über diesen einseitigen Standpunkt weit hinaus; ohne die Freude an den schönen Muschelsammlungen zu verdammen, dürfen wir uns im Grunde von ihnen ebensowenig befriedigen lassen, wie etwa von einer Sammlung von Krallen oder Hufen. Ja sie erläutern uns das Leben und die Verrichtung des Tieres viel weniger als die untergeordneten Teile, die uns in die Feder kamen.
Ersle Klasse. Die Kopffüßer (Cephalopoda).
Zu den unauslöschlichen Eindrücken einer italienischen Reise gehört nicht nur der erste Anblick der Borromäischen Inseln, der Florentiner Bauten, des Kolosseums, des Vesuvs im Hintergrunde des Golfes, der Tempelruinen von Pästum — auch der erste Besuch eines italienischen größeren Fischmarktes, wie er täglich in Triest, Genua, Livorno, Neapel ꝛc. abgehalten wird, hat etwas Überwältigendes. Da sind sie angehäuft, die Schätze des Meeres, auf Reihen von Tischen, hinter denen die Verkäufer in Hemdsärmeln und mit der hohen roten Mütze stehen, ihre Ware mit einem betäubenden Geschrei anpreisend. Alles ist sortiert nach Größe und Gattung. Um die feineren Speisefische drängen sich die nobleren Köchinnen, und mancher fein gekleidete Herr, dessen Hausfrau sich noch zu Hause im Bette dehnt, besorgt seinen Einkauf selbst. Auf besonderen Fleischbänken liegen die Thunfische. Weiterhin folgen die Buden, wo die Geschlechter der greulichen Rochen und Haie für die minder verwöhnten Gaumen ausliegen; der Zitterrochen ist dabei, der Meerengel und andere Untiere. Mit großer Geschicklichkeit wird ihnen die rauhe Haut abgezogen, und das Fleisch sieht nun appetitlicher aus, als es nachher schmeckt. Aber wir verweilen heute nicht bei den zum Teil sehr schön gefärbten Fischen, eilen auch an den vielen Körben der Verkäuferinnen von Muscheln, Schnecken und anderen „kfrutti di mare“ vorüber und halten bei ein paar Tischen, deren Vornehmheit durch das Schattendach angezeigt wird, und von welchen uns eine ganz fremdartige Ware entgegenglänzt. „Calamari! Calamari! O che bei Calamari! Seppe! Seppe! Delicatissime Sepiole!“ jo dröhnen die unermüdlichen Stentorstimmen in unser Ohr. Schon hat einer der Schreier uns ins Auge gefaßt. Er glaubt, daß wir unsere Küche besorgen wollen. Einige Lungerer werden fortgejagt, um uns Platz zu machen. Wir treten heran, und der Fischer hebt an den polypenartigen Armen einen fußlangen, schlanken Calamaro empor. „E tutto fresco!“ Und um zu beweisen, daß das Tier noch frisch, und wenn auch nicht mehr ganz, doch noch halb lebendig, versetzt er ihm mit der Messerspitze einen leisen Stich. Was war das? Wie ein Blitz fuhr ein Farbengewölk von Gelb und Violett über die auf weißem Grunde regenbogenfarbig schillernde
und fein gefleckte Haut hin. Weil wir unschlüssig stehen, wird der Calmar wieder zu dem Haufen seiner Genossen geworfen, und unter Fortsetzung seiner Anpreisung wendet sich der Händler zu einer anderen Sorte seiner Ware, den Sepien. Aus einem Fasse, welches an der Erde steht, nimmt er Stück für Stück heraus, löst mit einem Schnitte den weißglänzenden Rückenschulp aus, entfernt, das beutelförmige Wesen umkrempelnd, einen Teil der Eingeweide mit dem Tintenbeutel, spült das so ausgenommene Tier ab und legt es auf den Verkaufstisch. Wir sind länast als fremde Naturforscher erkannt und müssen die
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Sepiola Rondeletii. a) von der Rücken-, b) von der Bauchseite. Sehr großes Exemplar. Natürliche Größe.
ausgewählten Exemplare, die wir im Gasthause nach unseren Büchern bestimmen und untersuchen wollen, ungefähr mit dem vierfachen Marktpreise bezahlen.
Unter den für unsere Studien mitgenommenen Werken befindet sich das Buch des Herrn Verany in Nizza über die Kopffüßer oder Cephalopoden des Mittelmeeres, worin alle im Mittelmeer vorkommenden Arten nach den jahrelangen Beobachtungen dieses Naturforschers nach Form und Lebensweise in französischer Sprache beschrieben und in meisterhafter Weise farbig abgebildet find. Darunter ist denn auch die kleine Sepiola Rondeletii (s. obige Abbildungen), an welcher wir uns jetzt über den Körper und die äußeren Organe der Kopf: füßer orientieren wollen. Den Namen haben diese Weichtiere davon, daß ihr Körper deutlich in Rumpf und Kopf zerfällt, an welch letzterem ein Kreis von Anhängen steht, welche als Greif- und Bewegungsorgane gebraucht werden. Der Rumpf ist von einem Mantel umgeben, der an der Nüdenfeite sich unmittelbar in die Hautbedeckungen des Kopfes fortsetzt, am Bauche aber einen offenen Beutel bildet, aus welchem das enge Ende eines trichterförmigen Organs herausragt. Auch daran ist die Rückenseite zu erkennen, daß nach ihr
zu die beiden großen Augen einander genähert sind. Alle diese Regionen und Teile erheischen aber eine noch nähere Betrachtung, da auf ihren Abweichungen die Eigentümlichkeiten der verschiedenen Gruppen und Gattungen unserer Klasse beruhen. Die den Mund umgebenden Arme sind von sehr fester, muskulöser Beschaffenheit, dehnbar und sehr beweglich; ihr Spiel bei den größeren Arten gleicht den Windungen eines Haufens miteinander verflochtener Schlangen. Bei allen lebenden Kopffüßern, mit Ausnahmedes Nautilus, sind sie mit Saugnäpfen besetzt, wodurch ihr Zweck, die Beute festzuhalten oder bei den Kriechbewegungen zur Dirigierung des Körpers zu dienen, in ausgezeichneter Weise erfüllt wird. Gewöhnlich sitzen sie auf einem kurzen muskulösen Stiele. Ihr Umkreis besteht aus einem knorpeligen Ringe, der von Muskelfasern ausgefüllt ist. Legt sich nun der Ring an einen flachen Gegenstand an, und zieht sich die Muskelfüllung etwas aus ihm heraus, so entsteht ein Raum mit verdünnter Luft, der den Napf so fest haften macht, daß man bei den Bemühungen, ein lebendes und frisches Tier frei zu bekommen, oft einzelne dieser Organe abreißt, und daß, wenn eine Anzahl zugleich wirkt, das Tier eher den ganzen Arm als den ergriffenen Gegenstand fahren läßt; bei manchen Gattungen werden sie unterstützt durch hornige Haken und Spitzen. „Die Bewegungen der Saugnäpfe“, jagt Collmann, „bestehen aber nicht nur im Felt: halten und Loslassen, sie strecken sich auch vor und a b ziehen sich zurück, ohne daß eine Beute gefaßt wird. 95 5 Sie schließen sich und haben dann das Aussehen einer f Knospe, und öffnen sich wieder zur Hälfte oder ganz, auf der einen Seite mehr als auf der anderen, je nach \ |