Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Seidenlaubenvogel (Chlamydodera holosericea). ½ natürl. Größe.
Verdächtiges zeigt, ihre auf dem Boden oder im Gezweige beschäftigten Familienglieder durch ihren hellen Lockton, dem bei Erregung ein rauher, unangenehmer Gurgelton folgt. Unter den Trupps sieht man immer nur wenige ausgefärbte Männchen; es scheint daher, daß diese erst spät ihr volles Kleid erhalten. ö Das merkwürdigste in der Lebensweise der Vögel ist der Umstand, daß sie sich zu ihrem Vergnügen laubenartige Gewölbe erbauen, in denen sie sich scherzend umhertreiben. Gould lernte diese Gebäude zuerst im Museum zu Sydney kennen, wohin eines durch einen Reisenden gebracht worden war, nahm sich vor, der Sache auf den Grund zu kommen und beobachtete nun längere Zeit die Tiere bei ihrer Arbeit. „Bei Durchstreifung der Cederngebüsche des Liverpoolkreises“, so erzählt er, „fand ich mehrere dieser Lauben oder Spielplätze auf. Sie werden gewöhnlich unter dem Schutze überhängender Baumzweige im
einsamsten Teile des Waldes, und zwar stets auf dem Boden, angelegt. Hier wird aus dicht durchflochtenem Reisige der Grund gebildet und seitlich aus feineren und biegsameren Reisern und Zweigen die eigentliche Laube gebaut. Die Stoffe sind so gerichtet, daß die Spitzen und Gabeln der Zweige sich oben vereinigen. Auf jeder Seite bleibt ein Eingang frei. Besonderen Schmuck erhalten die Lauben dadurch, daß sie mit grellfarbigen Dingen aller Art verziert werden. Man findet hier buntfarbige Schwanzfedern verschiedener Papageien, Muschelschalen, Schneckenhäuser, Steinchen, gebleichte Knochen ꝛc. Die Federn werden zwischen die Zweige gesteckt, die Knochen und Muscheln am Eingange hingelegt. Alle Eingeborenen kennen diese Liebhaberei der Vögel, glänzende Dinge wegzunehmen, und suchen verlorene Sachen deshalb immer zunächst bei gedachten Lauben. Ich fand am Eingange einen hübsch gearbeiteten Stein von 4 em Länge nebst mehreren Läppchen von blauem baumwollenen Zeuge, welche die Vögel wahrscheinlich in einer entfernten Niederlassung aufgesammelt hatten. Die Größe der Lauben ist sehr verschieden.“ Noch ist es nicht vollkommen erklärt, zu welchem Zwecke die Atlasvögel solche Gebäude aufrichten. Die eigentlichen Nester sind sie gewiß nicht, sondern nur ein Ort der Vergnügung für beide Geschlechter, die hier spielend und scherzend durch und um die Laube laufen. Wie es scheint, werden die Lauben während der Paarungs- und Brütezeit zum Stelldichein benutzt und wahrscheinlich mehrere Jahre nacheinander gebraucht. Coxen berichtet, daß er gesehen habe, wie die Vögel, und zwar die Weibchen, eine Laube, die er zerstörte, wiederhergestellt haben. Der „alte Buschmann“ erzählt, daß sie in dichten Theesträuchern und anderem Gebüsche, gewöhnlich in Vertiefungen unweit ihrer Lauben brüten; doch scheinen die Eier bis zur Stunde noch nicht bekannt zu sein. „Wenn das alte Männchen erlegt wird, findet das Weibchen sofort einen anderen Gefährten: ich habe von einer Laube kurz nacheinander drei Männchen weggeschossen.“ Auch in der Gefangenschaft bauen die Vögel ihre Lauben. Strange, ein Liebhaber zu Sydney, schreibt an Gould: „Mein Vogelhaus enthält jetzt auch ein Paar Seidenlaubenvögel, von denen ich hoffte, daß sie brüten würden, als sie in den beiden letzten Monaten anhaltend beschäftigt waren, Lauben zu bauen. Beide Geschlechter besorgen die Aufrichtung der Lauben; aber das Männchen ist der hauptsächlichste Baumeister. Es treibt zuweilen sein Weibchen überall im Vogelhause herum; dann geht es zur Laube, hackt auf eine bunte Feder oder ein großes Blatt, gibt einen sonderbaren Ton von sich, sträubt alle Federn und rennt rings um die Laube herum, in welche endlich das Weibchen eintritt. Dann wird das Männchen so aufgeregt, daß ihm die Augen förmlich aus dem Kopfe heraustreten. Es hebt unablässig einen Flügel nach dem anderen, pickt wiederholt auf den Boden und läßt dabei ein leichtes Pfeifen vernehmen, bis endlich das Weibchen gefällig zu ihm geht und das Spiel zunächst beendet wird.“ In den letzten Jahrzehnten haben auch wir dann und wann lebende Stücke dieser Vögel, aber noch immer nicht Kunde über ihre Fortpflanzung erhalten.
Der Kragenvogel (Chlamydodera maculata, Chlamydera und Calodera maculata) erreicht eine Länge von 28 em, sein Fittich mißt 16, der Schwanz 12 em. Die Federn des Oberkopfes und der Gurgelgegend sind schön braun, von einer schmalen schwarzen Linie umzogen, die Oberkopffedern silbergrau an der Spitze, die ganze Oberseite, die Flügel und der Schwanz tiefbraun, alle Federn durch einen runden, braungelben Spitzenflecken gezeichnet, die Vorderschwingen innen weiß gerandet, die Schwanzfedern bräunlichgelb gespitzt, die Unterteile gräulichweiß, die seitlichen Federn durch schwache hellbraune Zickzacklinien quer gestreift. Ein schönes Nackenband von verlängerten pfirsichblütroten Federn bildet eine Art Fächer. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel und der Fuß sind braun. Die alten Vögel unterscheiden sich wenig, die Jungen durch das Fehlen des Fächers.
—
— Seidenlaubenvogel. Kragenvogel. 423 Die Kragenvögel bewohnen ausschließlich das Innere Australiens und hier zahlreich niedere Gebüschzüge an den Rändern der Ebenen, sind aber sehr scheu und werden deshalb von den Reisenden gewöhnlich nicht bemerkt. Dem Kundigen verraten sie sich durch einen rauhen, unangenehm scheltenden Lockton, den sie hören lassen, wenn sie, durch irgend etwas gestört, sich aus dem Staube machen wollen. Dann pflegen sie sich auf die höchsten Wipfel—
Kragenvogel (Chlamydodera maculata). ½ natürl. Größe.
zweige vereinzelter Gebüsche zu setzen, die Umgegend zu überspähen und sich hierauf demjenigen Orte zuzuwenden, welcher ihnen am geeignetsten scheint. Am sichersten erlegt man sie bei der Tränke, namentlich während der Zeit der Dürre, die ihnen keine Wahl läßt. Gould, der sich hier auf den Anstand legte, beobachtete, daß die Kragenvögel mißtrauischer als alle übrigen waren, endlich aber doch, vom Durste überwältigt, eilig herabkamen und nicht bloß an dem Menschen, sondern auch an einer ungeheuern schwarzen Schlange, die nahe dem Wasser ebenfalls auf der Lauer lag, vorüberflogen, um zu trinken.
Später fand Gould auch ihre Lauben auf. Diese finden sich an ähnlichen Orten, sind noch künstlicher und noch mehr ausgeschmückt, länger und bogiger als die der zuerst beschriebenen Art, manche über Um lang, bestehen äußerlich aus Reisig, das mit langen Grashalmen schön belegt ist, und werden innen überaus reich und mannigfaltig ausgeschmückt. Man findet zweischalige Muscheln, Schädel, Knochen kleiner Säugetiere und dergleichen. Zur Befestigung der Gräser und Zweige werden Steine benutzt und sehr künstlich geordnet. Sie liegen vom Eingange an jederseits so auseinander, daß zwischen ihnen Fußstege entstehen, während die Sammlung der Schmucksachen einen Haufen vor beiden Eingängen bilden. Bei einzelnen Lauben fand man fast einen halben Scheffel von Knochen, Muscheln und dergleichen vor jedem Eingange. Diese Gebäude waren wahrscheinlich seit mehreren Jahren benutzt worden. Aus der Entfernung der Lauben von den Flüssen, welche die Muscheln geliefert haben mußten, konnte der Forscher schließen, daß die Vögel ihre Schmucksachen unter Umständen meilenweit herbeischleppen. Im Aussuchen der Stoffe scheinen sie sehr wählerisch zu sein, denn sie nehmen nur solche, die abgebleicht und weiß oder farbig sind. Gould überzeugte sich, daß die Lauben von mehreren Kragenvögeln zum Stelldichein benutzt wurden; denn als er sich einst verborgen vor einem der Gebäude auf die Lauer legte, schoß er kurz nacheinander zwei Männchen, die aus demselben Eingange hervorgelaufen kamen. Coxen fand im Dezember ein Nest mit drei Jungen. Es ähnelte in seiner Gestalt dem der gemeinen europäischen Drossel, war tief napfförmig, aus dürren Reisern erbaut, leicht mit Federn und feinen Gräsern belegt und stand auf kleinen Zweigen einer Akazie über einem Wasserpfuhle. Zur Familie der Paradiesvögel rechnet man auch den Hopflappenvogel (Creadion acutirostris, Heteèralocha acutirostris und gouldii, Neamorpha acutirostris, crassirostris und gouldii), der mit verwandten Gattungen die Unterfamilie der Lappenvögel (Glaucopinae) bildet und mit ihnen an der Schnabelwurzel entspringende, mehr oder minder entwickelte buntfarbige Hautlappen gemein hat. Der Hopflappenvogel unterscheidet sich von seinen nächsten Verwandten und allen bekannten Vögeln überhaupt dadurch, daß der Schnabel des Weibchens von dem des Männchens wesentlich abweicht. Bei letzterem ist er etwa kopflang, auf dem Firste fast gerade, der Breite nach flach gerundet, an der Wurzel hoch, seitlich stark zusammengedrückt, im ganzen aber gleichmäßig nach der Spitze hin verschmächtigt; bei dem Weibchen dagegen mindestens doppelt so lang wie beim Männchen, verschmächtigt und verschmälert, merklich gekrümmt und in eine feine Spitze ausgezogen, der Oberschnabel auch über den unteren verlängert. Gegenüber diesen Merkmalen sind die uͤbrigen Kennzeichen untergeordneter Art. Der hochläufige und langzehige Fuß ist mit äußerst kräftigen, stark gebogenen Krallen bewehrt, der Flügel lang, aber abgerundet, weil in ihm die 5.—7. Schwinge die Spitze bildet, der Schwanz mittellang, breit, sanft abgerundet, das Kleingefieder reich, dicht und etwas glänzend. Die Länge des männlichen Hopflappenvogels beträgt etwa 48, die des Weibchens 50, bei beiden die Fittichlänge etwa 20 em, die Schnabellänge dagegen beim Männchen 4, beim Weibchen 9,8 em. Das Gefieder ist bis auf einen breiten weißen Endrand der Steuerfedern einfarbig schwarz, schwach grünlich scheinend, der Augenring tiefbraun, der Schnabel elfenbeinweiß, an der Wurzel schwärzlichgrau, der große winkelige Mundwinkellappen orangefarbig, der Fuß dunkel blaugrau. Junge Vögel unterscheiden sich nur durch die rötlich getrübte Färbung des Schwanzspitzenbandes und die weiß gerandeten Unterschwanzdeckfedern von den alten.
Die Berichte über da3 Freileben des Hopflappenvogels sind noch ungemein dürftig, so sehr dieser, die Huia der Maoris, die Beachtung aller Vogelkundigen und Ansiedler Neuseeland3 auf sich gezogen hat. Auf wenige Örtlichkeiten Neuseelands beschränkt und auh hier von Jahr zu Jahr seltener werdend, bietet er wenig Gelegenheit zu eingehenden Beobachtungen. Er lebt mehr auf dem Boden als im Gezweige, bewegt sich mit großen Sprüngen außerordentlich rasch, flieht bei dem geringsten Geräusche oder beim Anblicke eines Menschen
Hopjlappenvogel (Creadion acutirostris). ?3 natürl. Größe.
so eilig wie möglich dichten Gebüschen oder Waldjtreden zu und entzieht sich hier in der Regel jeder Nachstellung. So erklärt es sich, daß man eigentlich nur an gefangenen einige Beobachtungen sammeln konnte. Endlich sind Huias lebend auch nad) London gelangt, soweit mir bekannt, über ihr Betragen Mitteilungen aber nicht veröffentliht worden; ich vermag deshalb nur mitzuteilen, was Buller von denen berichtet, die er einige Tage lang pflegte. Bemerkenswert war die Leichtigkeit, mit welcher die im Freien so scheuen Vögel sich an die Gefangenschaft gewöhnten. Wenige Tage nach ihrer Erbeutung waren sie ganz zahm geworden und schienen
den Verlust ihrer Freiheit nicht im geringsten zu empfinden. Schon am nächsten Morgen, nachdem sie in den Besitz Bullers gekommen waren, fraßen sie begierig, tranken Wasser und begannen nunmehr sich lebhaft und flüchtig zu bewegen, bald auch miteinander zu spielen. Ihre Bewegungen auf dem Boden wie im Gezweige waren anmutig und fesselnd; besonders hübsch sah es aus, wenn sie ihren Schwanz fächerartig breiteten und in verschiedenen Stellungen unter leisem und zärtlichem Gezwitscher einander mit ihren Elfenbeinschnäbeln liebkosten. Mit letzteren untersuchten, behackten und bemeißelten sie alles. Sobald sie entdeckt hatten, daß die Tapeten ihres Zimmers nicht undurchdringlich waren, lösten sie einen Streifen nach dem anderen ab und hatten in kürzester Frist die Mauer vollständig entblößt. Besonders anziehend aber war für Buller die Art und Weise, wie sie bei Erbeutung ihrer Nahrung sich gegenseitig unterstützten. Da man verschiedene Erdmaden, Engerlinge und ebenso Samen und Beeren in dem Magen erlegter Stücke gefunden hatte, brachte Buller einen morschen Klotz mit großen, fetten Larven eines „Huhu“ genannten Kerbtieres in ihren Raum. Dieser Klotz erregte sofort ihre Aufmerksamkeit; sie untersuchten die weicheren Teile mit dem Schnabel und gingen sodann kräftig ans Werk, um das morsche Holz zu behauen, bis die in ihm verborgenen Larven oder Puppen des besagten Kerbtieres sichtbar wurden und hervorgezogen werden konnten. Das Männchen war hierbei stets in hervorragender Weise thätig, indem es nach Art der Spechte meißelte, wogegen das Weibchen mit seinem langen, geschmeidigen Schnabel alle jene Gänge, die wegen der Härte des umgebenden Holzes von dem Männchen nicht erbrochen werden konnten, untersuchte und ausnutzte. Mehrmals beobachtete Buller, daß das Männchen sich vergeblich bemühte, eine Larve aus einer bloßgelegten Stelle hervorzuziehen, dann stets durch das Weibchen abgelöst wurde und ihm den Bissen, den letzteres sich leicht aneignete, auch gutwillig abtrat. Anfänglich verzehrten beide nur Huhularven, im Laufe der Zeit gewöhnten sie sich auch an anderes Futter, und zuletzt fraßen sie gekochte Kartoffeln, gesottenen Reis und rohes, in kleine Stücke zerschnittenes Fleisch ebenso gern wie ihre frühere Nahrung. Zu ihrem Badenapfe kamen sie oft, immer aber nur, um zu trinken, nicht aber, um sich zu baden. Ihr gewöhnlicher Lockton war ein sanftes und klares Pfeifen, das zuerst langgezogen und dann kurz nacheinander wiederholt, zuweilen in höheren Tönen ausgestoßen oder sanft vertönt oder in ein leises Krächzen umgewandelt wurde, zuweilen dem Weinen kleiner Kinder bis zum Täuschen ähnelte. ö Über die Fortpflanzungsgeschichte der Huia vermag Buller nur die Berichte der Eingeborenen mitzuteilen, denen zufolge der Vogel in hohlen Bäumen nistet und wenige Eier legt. Die Hauptursache des vereinzelten Auftretens und der stets fortschreitenden Abnahme des Hopflappenvogels ist darin zu finden, daß die Eingeborenen seine Federn als Kopfschmuck verwenden, lebhaft begehren und teuer bezahlen, der Huia dem entsprechend nachstellen, wo und wann immer sie können. Wahrscheinlich haben die neuseeländischen Forscher nicht unrecht, wenn sie fürchten, daß infolge dieser Liebhaberei der Maoris der so überaus merkwürdige Vogel früher oder später das Los anderer gefiederter Heimatsgenossen teilen, nämlich ausgerottet werden möge. Als die den Paradiesvögeln am nächsten stehenden Singvögel erweisen sich die Raben (Corvidae), gedrungen gebaute, kräftige Vögel, mit verhältnismäßig großem, starkem, auf dem Firste des Oberschnabels oder überhaupt seicht gekrümmtem Schnabel, dessen Schneide vor der meist überragenden Spitze zuweilen einen schwachen Ausschnitt zeigt und dessen Wurzel regelmäßig mit langen, die Nasenlöcher deckenden Borsten bekleidet ist, großen und starken