Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
1 Erste Ordnung: Baumpögel; elfte Familie: Finken.
Der Steinsperling, Bergsperling, Steinfink (Passer petronius, stultus, Sylvestris und bononiensis, Petronia stulta, rupestris, saxorum, brachyrhynchos, macrorhynchos und brevirostris, Fringilla petronia, stulta und bononiensis, Pyrgita pétronia und rupestris, Coccothraustes petronia, Abbildung S. 264), ist oberseits hell erdbraun, ein breiter Streifen, der von den Nasenlöchern über das Auge bis in den Nacken zieht, dunkelbraͤun, ein dazwischen auf der Mitte des Kopfes verlaufender hellbraun, nach dem Nacken zu in fahl Gelbbräunlich übergehend, ein Zügelstreifen, welcher hinter und über dem Auge beginnt, über die Schläfen sich herabzieht und unterseits von einem dunkelbraunen begrenzt wird, licht fahlgrau, der Mantel dunkelbraun, durch breite, bräunlichweiße Längsflecken streifig gezeichnet, das obere Schwanzdeckgefieder an der Spitze fahlweiß, das der Backen und Halsseiten einfarbig erdbräunlich, das der Unterseite gelblichweiß, fahlbraun gesäumt, wodurch auf Kropf, Brust und namentlich den unteren Seiten braune Längsstreifen entstehen, ein länglichrunder Querflecken auf der Kehlmitte hellgelb, das Unterschwanzdeckgefieder braun mit breiten gelblichweißen Enden; die Schwingen sind dunkelbraun, außen und an der Spitze mit bräunlichen, an den ersten Handschwingen sich verbreiternden, an den Armschwingen noch mehr zunehmenden und ins Bräunliche übergehenden Säumen; die letzten Armschwingen auch mit einem großen, fahlweißen, spitzen Flecken geziert, die Deckfedern der Schwingen dunkelbraun, außen schmal weiß gesäumt, die größte Reihe der gleich gefärbten Flügeldecken am Ende breit fahlweiß umrandet, wodurch eine Querbinde entsteht, alle Schwingen am Rande der Innenfahne fahlbräunlich, die Schwanzfedern tiefbraun, gegen die Wurzel zu heller, an der Spitze der Innenfahne mit einem großen weißen Flecken geschmückt, die äußersten Federn jederseits außen fahlweiß, die übrigen schmal gelblich olivenfarben gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel ölgelb, der Oberschnabel dunkler, der Fuß rötlich hornfarben. Das im ganzen gleich gefärbte Weibchen unterscheidet sich durch kleineren Kehlflecken. Die Länge beträgt 16, die Breite 29, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 5,6 em. Das Verbreitungsgebiet des Steinsperlings umfaßt Mittel- und Südeuropa, einschließlich Madeiras, Nordwestafrika mit Einschluß der Kanarischen Inseln, Südwest- und Westasien, Ostsibirien und Afghanistan. In Deutschland, woselbst er, um mit Marshall zu reden, „als ein Verehrer steinerner Bauwerke von Süden her einzurücken beginnt“ und durchaus nicht zu den häufigen Vögeln gehört, findet man ihn einzeln in felsigen Gegenden oder als Bewohner alter, verfallener Gebäude, namentlich Ritterburgen, so auf der Lobedaburg bei und in den Felsen der Umgegend von Jena, seit etwa 30 Jahren auch bei Gotha, ferner hier und da im Harze, an der Mosel und am Rheine. Von Südfrankreich an tritt er regelmäßiger auf, und in Spanien, Algerien, auf den Kanarischen Inseln, in Süditalien, in Griechenland, Dalmatien, Montenegro, Palästina und Kleinasien zählt er unter die gemeinen Vögel des Landes, bewohnt hier alle geeigneten Orte, Dörfer und Städte ebensowohl wie die einsamsten Felsthäler, und bildet nach Art seiner Verwandten sogar Siedelungen. In Spanien traf ich ihn mit Sicherheit in jeder steilen Wand des Mittelgebirges, aber auch in jedem alten Schlosse an. Auf Canaria sind, wie Bohle uns mitteilt, Türme und sehr hohe Gebäude innerhalb der Städte sein Lieblingsaufenthalt. Er meidet also den Menschen keineswegs, bewahrt sich aber unter allen Umständen seine Freiheit. In die Straßen der Städte und Dörfer kommt er nur höchst selten herab, fliegt vielmehr regelmäßig nach der Flur hinaus, um hier Nahrung zu suchen. Scheu und Vorsicht bekundet er stets. Er will auch da, wo er wenig mit dem Menschen zusammenkommt, nichts mit diesem zu thun haben. In seinen Bewegungen unterscheidet sich der Steinsperling wesentlich von seinen Verwandten. Er fliegt schnell, mit schwirrenden Flügelschlägen, schwebt vor dem Niedersetzen mit stark ausgebreiteten Flügeln und erinnert viel mehr an den Kreuzschnabel als an den
————— * Steinsperling. Siedelsperling. 273 Spatz. Auf dem Boden hüpft er ziemlich geschickt umher; im Sitzen nimmt er eine kecke Stellung an und wippt häufig mit dem Schwanze. Sein Lockton ist ein schnalzendes, dreisilbiges „Giüib“, bei welchem der Ton auf die letzten Silben gelegt wird, der Warnungsruf ein sperlingsartiges „Errr“, das man jedoch auch sofort erkennen kann, der Gesang ein einfaches, oft unterbrochenes Zwitschern und Schwirren, das in mancher Hinsicht an das Lied des Gimpels erinnert, jedoch nicht gerade angenehm klingt. Die Fortpflanzungszeit fällt in die letzten Frühlings- und ersten Sommermonate. In Spanien beginnt sie wahrscheinlich schon im April; ich fand aber die meisten Nester erst in den Monaten Mai bis Juli. Bei uns zu Lande hält es sehr schwer, Beobachtungen über das Brutgeschäft anzustellen, in Südeuropa ist dies selbstverständlich leichter. Hier nistet der Steinsperling in den Höhlungen steiler Felswände, in Mauerspalten, unter den Ziegeldächern der Türme und hohen Gebäude, und zwar gewöhnlich in zahlreichen Gesellschaften. Es ist aber auch da, wo er häufig lebt, nicht eben leicht, dem Neste beizukommen; denn der Standort wird unter allen Umständen mit größter Vorsicht gewählt, und der Süden bietet in seinen zerrissenen Gebirgsschluchten der günstigen Orte so viele, daß der kluge Vogel niemals in Verlegenheit kommt. Das Nest, das mein Vater zuerst beschrieb, hat mit anderen Sperlingsnestern Ahnlichkeit, besteht aus starken Halmen, Baumbast, Tuch, Leinwand, welche Stoffe liederlich zusammengeschichtet werden, und ist innerlich mit Federn, Haaren, Wollflocken, Raupengespinst, Pflanzenfasern und dergleichen ausgefüttert. Die 5—6 Eier des Geleges sind größer als gewöhnliche Sperlingseier, 21 mm lang, 15 mm dick, auf grauem oder schmutzig weißem Grunde, am stumpfen Ende meist dichter als an der Spitze, asch- und tiefgrau oder schieferfarben gefleckt und gestrichelt. Noch ist es nicht mit Sicherheit festgestellt, ob beide Geschlechter abwechselnd brüten; dagegen weiß man gewiß, daß die Eltern sich in die Mühe der Erziehung ihrer Kinder redlich teilen. Die ausgeflogenen Jungen scharen sich mit anderen ihrer Art zu namhaften Flügen und schweifen dann bis zum Herbste ziellos in der Flur hin und her, während die Eltern zur zweiten und vielleicht zur dritten Brut schreiten. Erst nach Beendigung des Brutgeschäftes vereinigen auch sie sich wiederum zu größeren Gesellschaften. Hinsichtlich der Nahrung gilt höchst wahrscheinlich dasselbe, das wir von den übrigen Sperlingen erfahren haben. Während des Sommers verzehren die Steinsperlinge vorzugs-— weise Kerbtiere, im Winter Sämereien, Beeren und dergleichen. Auf den Landstraßen durchwühlen sie nach Art der Feld- und Haussperlinge den Mist nach Körnern. Nur in Gegenden, wo unsere Vögel häufig sind, kann man sich ihrer ohne große Mühe bemächtigen. In Spanien werden sie schockweise auf den Markt gebracht. Man fängt sie dort mit Hilfe von Lockvögeln unter Netzen oder auf den mit Leimrütchen überdeckten Bäumen. Die Jagd mit dem Fenergewehre hat immer ihre Schwierigkeiten; denn der kluge Vogel merkt es sehr bald, wenn er verfolgt wird, und seine angeborene Scheu steigert sich dann aufs höchste. Mit Recht hebt mein Vater als Eigentümlichkeit hervor, daß er an dem Orte, wo er Nachtruhe hält, am allerscheuesten ist. Man muß, um sich seiner zu bemächtigen, förmlich anstehen und sich vor einem Fehlschusse wohl in acht nehmen. Dies gilt auch für Spanien, wo wir uns oft vergebens bemühten, die schlauen Vögel zu überlisten, und trotz aller Übung im Jagen derartigen Wildes meist mit leeren Händen den Rückweg antreten mußten. In der Gefangenschaft verursacht der Steinsperling wenig Mühe, gewährt aber viel Vergnügen. Er wird bald zutraulich, verträgt sich mit anderen Vögeln vortrefflich, erfreut durch die Anmut seines Betragens und schreitet bei geeigneter Pflege auch wohl zur Fortpflanzung.
Ein Spatz, nicht aber ein Weber, wie gewöhnlich angenommen wird, ist der Siedelsperling (Passer socius, Philetaerus socius, P. lepidus, Loxia socia, Euplectes Brehm. Tierleben. 3. Auflage. IV. 18 S
lepidus). Sein Schnabel ist gestreckt kegelförmig, seitlich zusammengedrückt, auf dem Firste sanft gebogen, an dem oberen Schneidenrande ausgeschweift, der Fuß kräftig, kurzläufig, langzehig und mit dicken Schuppen bekleidet, der Flügel ziemlich lang und spitzig, in ihm die zweite Schwinge die längste, der Schwanz breit, kurz und gerade abgeschnitten. Die Federn des Oberkopfes sind braun, die der übrigen Oberseite etwas dunkler, schmal fahlbraun umrandet, die des Nackens und der Halsseiten noch dunkler und merklich heller als jene umrandet, Zügel, Gegend am Mundwinkel, Kinn und Kehle schwarz, Kropfseiten und
Siedelsperling (Passer socius). ¾ natürl. Größe.
übrige Unterteile blaß fahlbräunlich, einige Federn an den Schenkelseiten schwarz, hell fahlbraun umsäumt, Schwingen und Steuerfedern, Flügeldecken, Bürzel- und obere Schwanzdeckfedern dunkelbraun, erstere aͤußen, letztere ringsum fahlbraun gesäumt. Der Augenring hat dunkelbraune, der Schnabel wie der Fuß blaßbraune Färbung. Die Länge beträgt 13, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge 5 em. Das Innere Südafrikas ist das Vaterland, Großnamaland der Brennpunkt des Verbreitungsgebietes des Siedelsperlings. Schon die älteren Reisenden erwähnen dieses Vogels. „Im Lande der Nama“, sagt Patterson in seiner zu Ende des vorigen Jahrhunderts erschienenen Reisebeschreibung, „gibt es Mimosenwälder, die viel Gummi liefern, und deren Zweige die vornehmste Nahrung der Giraffen sind. Ihre ausgebreiteten Äste und ihr platter Stamm schützen eine Art Vögel, die sich in Herden versammeln, vor den Schlangen, welche sonst ihre Eier vernichten würden. Die Art, wie sie ihre Nester errichten, ist
höchst merkwürdig: 800 — 1000 sind unter einem gemeinschaftlichen Dache, welches einem mit Stroh bedeckten Hause gleicht, einen großen Ast mit seinen Zweigen bedeckt und über die eigentlichen, klumpenweise darunter sich befindlichen Nester hängt, so daß weder eine Schlange noch ein anderes Raubtier dazu kommt. In ihrem Kunstfleiße scheinen sie den Bienen zu gleichen. Sie sind den ganzen Tag beschäftigt, Gras herbeizuholen, woraus der wesentlichste Teil ihres Gebäudes besteht, und welches sie zum Ausbessern und Ergänzen gebrauchen. Ohne Zweifel vermehren sie jährlich die Nester, so daß die Bäume, welche diese schwebenden Städte tragen, sich biegen. Unten daran sieht man eine Menge Eingänge, deren jeder zu einer Straße führt, an deren Seiten sich die Nester befinden, ungefähr 5 em voneinander. Sie leben wahrscheinlich von den Samen des Grases, mit dem sie das Nest bauen.“ Diese Schilderung, die im ganzen richtig ist, wurde von A. Smith vervollständigt: „Das Auffällige in der Naturart dieser Vögel“, sagt er, „ist der gesellige Bau ihrer Nester unter einem Dache. Wenn sie einen Nistplatz gefunden und den Bau der Nester angefangen haben, beginnen sie gemeinschaftlich das allen dienende Dach zu errichten. Jedes Pärchen baut und bedacht sein eignes Nest, aber eines baut dicht neben das andere, und wenn alle fertig sind, glaubt man nur ein Nest zu sehen, mit einem Dache oben und unzähligen kreisrunden Löchern auf der Unterseite. Zum zweiten Male werden dieselben Nester nicht zum Brüten benutzt, sondern dann unten an die alten neue angehängt, so daß nun Dach und alte Nester die Bedeckung der neuen bilden. So nimmt die Masse von Jahr zu Jahr an Größe und Gewicht zu, bis sie endlich zu schwer wird, den Ast, an welchem sie hängt, zerbricht und herabfällt.“ Solche Ansiedelungen findet man gewöhnlich auf großen, hohen Bäumen; wo diese jedoch nicht vorkommen, wird wohl auch die baumartige Aloe benutzt. Das Gelege besteht aus 3—4 bläulichweißen, am dickeren Ende fein braun getüpfelten Eiern. Ob nur das Weibchen brütet oder darin vom Männchen unterstützt wird, ist zur Zeit noch unbekannt. Die Jungen werden mit Kerbtieren groß gezogen. Nach der Ansicht von Ayres dienen die Nester auch als Schlafräume. Lebende Siedelsperlinge werden uns leider sehr selten zugeführt; mir ist keine Angabe über ihr Betragen in der Gefangenschaft bekannt. Siedelsperling. Kernbeißer. 275 Der Kernbeißer, Kirschfink, Kirschknacker, Kirschschneller, Kirschkern-, Stein⸗, Nuß- und Bollenbeißer, Dickschnabel, Finkenkönig, Klepper, Leske,
Lysblicker ꝛc. (Coccothraustes vulgaris, deformis, atrigularis, europaeus, fagorum, cerasorum, planiceps, flaviceps und minor, Loxia und Fringilla coccothraustes), bildet mit seinen Verwandten eine sehr ausgezeichnete, nach ihm benannte Gattung (Coccothraustes),, die durch sehr kräftigen, gedrungenen Bau, ungemein großen, dicken, völlig kreiselförmigen, an den etwas gebogenen, scharfen Schneiden wenig eingezogenen, vor der Spitze des Oberschnabels undeutlich ausgeschnittenen Schnabel, kleine, rundliche, an der Schnabelwurzel liegende, mit Borsten, Federchen und Härchen bekleidete Nasenlöcher, kurze, aber kräftige und stämmige, mit mittellangen, scharfspitzigen Krallen bewehrte Füße, verhältnismäßig breite Flügel, unter deren Schwingen die dritte die Spitze bildet, und deren hintere vor dem stumpfen Ende auf der Außenfahne hakig ausgeschweift sind, während die Innenfahnen einen Ausschnitt zeigen, sehr kurzen, in der Mitte deutlich ausgeschnittenen Schwanz und dichtes und weiches Gefieder sich auszeichnet. Die Länge beträgt 18, die Breite 31, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 6 em. Stirn und Vorderscheitel sind braungelb, Oberkopf und Kopfseiten gelbbraun, ein schmaler Stirnstreifen, Zügel und Kehle schwarz, 18*
Nacken und Hinterhals aschgrau, der Oberrücken schokolade-, der Unterrücken hell kastanienbraun, Kropf und Brust schmutzig graurot, der Bauch grauweiß, Aftergegend und Unterschwanzdecken reinweiß, die Schwingen, mit Ausnahme der beiden letzten braunschwarzen, metallischblau glänzend, innen mit einem weißen Flecken an der Wurzel geziert, die Armschwingen grau gesäumt, die kleinen Oberflügeldecken dunkel schokoladebraun, die mittleren weiß, die größten vordersten schwarz, die hintersten schön gelbbraun, die mittleren Schwanzfedern an der Wurzel schwarz, in der Endhälfte außen gelbbraun, am Ende weiß, die übrigen an der Wurzel schwarz, innen in der Endhälfte weiß, die beiden äußersten außen schwarz, alle am Ende weiß gesäumt. Das Auge ist graurot, der Schnabel im Frühlinge blau, im Herbste horngelb, der Fuß fleischfarben. Beim Weibchen ist der Oberkopf hell gelblichgrau, die Unterseite grau, der Oberflügel großenteils gelblich. Im Jugendkleide sind Kehle und Zügel dunkel braungrau, Kropf und Hals hellgelb, Scheitel, Wangen und Hinterkopf dunkel rostgelb, Nacken, Halsseiten und Gurgel lehmgelb, die Federn gräulichgelb umrandet, die des Mantels matt braungelb, der Kehle hellgelb, des Oberhalses graugelblich, die der übrigen Unterteile schmutzigweiß, seitlich ins Rostfarbene ziehend, überall mit halbmondförmigen, dunkelbraunen Querflecken gezeichnet. Als Heimat des Kernbeißers sind die gemäßigten Länder Europas und Asiens anzusehen. Seine Nordgrenze erreicht er in Schweden und in den westlichen und südlichen Provinzen des europäischen Rußland. In Deutschland sieht man ihn oft auch im Winter, wahrscheinlich aber bloß als Gast, der aus dem nördlicheren Europa gekommen ist, wogegen die bei uns lebenden Brutvögel regelmäßig wandern. In Südeuropa erscheint er nur auf dem Zuge. So durchstreift er Spanien und geht bis nach Nordwestafrika hinüber. In Sibirien findet er sich von dem Quellgebiete des Amurs bis zur europäischen Grenze als Sommervogel. Bei uns ist er hier häufig, dort seltener, aber überall bekannt, weil er auf seinen Streifereien allerorten sich zeigt und jedermann auffällt. Er wählt zu seinem Sommeraufenthalte hügelige Gelände mit Laubwaldungen und hohen Bäumen, auf denen er sich, falls er nicht in eine benachbarte Kirschenpflanzung plündernd einfällt oder sich im anstoßenden Felde auf dem Boden zu schaffen macht, den ganzen Tag über verweilt und ebenso die Nacht verbringt. In Südrußland gehört er, laut Radde, zu denjenigen Vögeln, welche sich mit der Zeit an solche Steppengegenden gewöhnen, wo nach und nach Bäume und Sträuche gepflanzt werden. Nach der Brutzeit streift er mit seinen Jungen im Lande umher und kommt bei dieser Gelegenheit auch in die Obst- und Gemüsegärten herein. Zu Ende des Oktober oder im November beginnt er seine Wanderschaft, im März kehrt er wieder zurück; einzeln aber kommt er auch viel später an: so habe ich ihn am 1. Mai bei Madrid auf dem Zuge beobachtet. Der Kernbeißer ist, wie sein Leibesbau vermuten läßt, ein etwas plumper und träger Vogel. Er pflegt lange auf einer und derselben Stelle zu sitzen, regt sich wenig, bequemt sich auch erst nach einigem Besinnen zum Abstreichen, fliegt nur mit Widerstreben weit und kehrt beharrlich zu demselben Orte zurück, von welchem er verjagt wurde. Im Gezweige der Bäume bewegt er sich ziemlich hurtig, auf der Erde dagegen, dem schweren Leibe und den kurzen Füßen entsprechend, ungeschickt; auch sein Flug ist schwerfällig und rauschend, erfordert unaufhörliche Flügelbewegungen, beschreibt seichte Bogenlinien und geht nur vor dem Aufsitzen in Schweben über, fördert aber trotzdem rasch. Nicht im Einklange hiermit stehen seine geistigen Fähigkeiten. Er ist ein sehr vorsichtiger und listiger Gesell, welcher seine Feinde bald kennen lernt und mit Schlauheit auf seine Sicherung Bedacht nimmt. „Er fliegt ungern auf“, sagt mein Vater, „wenn man sich ihm nähert, ist aber auch beim Fressen immer so auf seiner Hut, daß er jede Gefahr sogleich bemerkt und ihr dadurch zu entgehen sucht, daß er sich im dichten Laube verbirgt oder, wenn dieses nicht vorhanden