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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Uferschilfsänger: Verbreitung. Aufenthalt. Wesen. Stimme.

Letzteres gewährt ihm das Bewußtsein so vollständiger Sicherheit, daß er durchaus nicht scheu ist, einen sich nahenden Menschen gar nicht beachtet, in 10 Schritt Entfernung von ihm auch wohl die Spitze eines Busches erklettert und von dort aus unbesorgt sein Lied zum besten gibt und ebenso plötzlich wieder erscheint, als er aus irgend welchem Grunde in der Tiefe verschwand. Die Lockstimme ist ein schnalzender Laut, der Ausdruck des Un-willens ein schnarchendes „Scharr“, der Angstruf ein kreischendes Quaken, der Gesang sehr angenehm, durch einen langen, flötenartigen, lauten Triller, welcher oft wiederholt wird, ausgezeichnet, dem Liede anderer Rohrsänger zwar ähnlich, aber auch wieder an das der

Uferschilfsänger (Acrocephalus schoenobaenus), Seidenrohrsänger (Bradypterus cettii) und Cistensänger

(Cisticola cursitans). 1/2 natürl. Größe.

Bachstelze oder der Rauchschwalbe erinnernd, seine Abwechselung überhaupt so groß, daß man ihn dem Gesange einzelner Grasmücken gleichstellen darf. In der Regel hält sich der Uferschilfsänger soviel wie möglich verborgen; während der Paarungszeit aber kommt er auf die Spitzen hoher Pflanzen oder auf freie Zweige empor, um zu singen oder einen Nebenbuhler zu erspähen, dessen Lied seine Eifersucht reizte. Neugier veranlaßt ihn zu gleichem Thun. Wenn man den Hühnerhund das Gestrüpp durchsuchen läßt und dieser sich ihm nähert, sieht man ihn oft an einem Binsen⸗ oder Rohrhalme in die Höhe kommen, sich umschauen und dann blitzschnell wieder in die Tiefe verbergen. Erschreckt erhebt er sich, fliegt aber, solange er in der Heimat weilt, nie weit und immer sehr niedrig über den Boden oder über dem Wasser dahin. Ununterbrochen in Bewegung, hält er sich nur, solange er singt, minutenlang ruhig auf einer und derselben Stelle, und

wählt hierzu bestimmte Halme oder Zweige, zu denen er oft zurückkehrt. Andere Vögel, welche sich auf denselben Sitzplätzen niederlassen wollen, werden mit Heftigkeit angegriffen und vertrieben. Wenn das Weibchen brütet, singt das Männchen zu allen Tageszeiten sehr eifrig, am meisten in der Morgendämmerung, aber auch in hellen Nächten, und belebt dann in anmutender Weise Gegenden, in denen man sonst kaum Klang und Sang vernimmt. Je eifriger er wird, um so mehr ändert er sein Betragen. Wenn er recht im Feuer ist, gebärdet er sich so, daß ihn der Ungeübte kaum für einen Rohrsänger halten kann; denn er fliegt jetzt, zumal bei schönem Wetter und um die Mittagszeit, sehr häufig mit langsamen Flügelschlägen von seinem Sitzpunkte aus in schiefer Richtung singend in die Höhe und schwebt, die Schwingen so hoch gehalten, daß die Spitzen sich oben berühren, langsam wieder herab oder stürzt sich gerade von oben hernieder, dabei aber immer aus voller Kehle singend und sich noch außerdem ballartig aufblähend. Ungefähr dieselben Kerbtiere, welche anderen Rohrsängern zur Speise dienen, bilden auch die Nahrung dieses Schilfsängers; Beeren frißt er ebenfalls. Das Nest steht an sehr verschiedenen, in der Regel aber schwer zugänglichen Orten, im Seggengrase und ziemlich tief im Sumpfe, oft jedoch auf ganz trockenem Gelände in der Nähe und ebenso 100 bis 200 Schritt entfernt vom Wasser, sogar auf sandigem, aber mit Buschwerk und Gräsern bewachsenem Grunde, entweder auf dem Boden selbst oder in niedrigen, kleinen Weidenköpfchen, zwischen Weidenruten, Nesselstielen und anderen derben Stengeln verwoben. Erst in der zweiten Woche des Mai beginnt der Bau, welcher aus dürren Gräsern, Stoppeln, Hälmchen, feinen Wurzeln, grünem Laube, Moos und dergleichen hergestellt, innen aber mit Pferdehaaren und anderen weichen Stoffen ausgepolstert und ausgelegt wird. Die 5–6 an dem einen Ende stark abgerundeten, an dem anderen auffallend spitzigen Eier, welche man Anfang Juni findet, sind 17 mmuelang, 12 mm dick und auf schmutzigem oder gräulichweißem Grunde mit matten und undeutlichen Flecken, kritzeligen Punkten von braungrauer und grauer Färbung gezeichnet und gemarmelt. Beide Eltern brüten in der unseren Schilfsängern überhaupt üblichen Weise mit großer Hingebung, sind während der Brutzeit noch weniger scheu als sonst und fliegen, wenn sie ihre Jungen füttern, unbekümmert um einen dicht neben dem Neste stehenden Beobachter, mit Schmetterlingen und Wasserjungfern im Schnabel ab und zu, verlassen das Nest bei Störung überhaupt nur in den ersten Tagen der Brutzeit. Nähert man sich dem brütenden Weibchen mit Vorsicht, so kann man bis unmittelbar zum Neste gelangen, bevor es letzteres verläßt. Hat es Junge, so gebärdet es sich meist sehr ängstlich; das Männchen dagegen singt, laut Naumann, „sein Lied und treibt seine Gaukeleien im Fluge ununterbrochen fort, auch wenn dem Neste Gefahr droht oder dieses gar samt dem Weibchen vor seinen Augen zu Grunde geht“, wogegen es, wenn die Jungen ausgeschlüpft sind, ängstlich in einem engen Umkreise von einem Halme zum anderen fliegt, einzelne Strophen seines Gesanges vernehmen läßt und dazwischen sein laut warnendes „Err“ unablässig ausstößt. Die Jungen verlassen das Nest, wenn sie vollkommen flügge sind, gebrauchen aber ihre Schwingen in der ersten Zeit gar nicht, sondern kriechen wie Mäuse durch die dichtesten Wasserpflanzen dahin. Gefangene Uferschilfsänger gehören zu den Seltenheiten, nicht weil sie sich schwer halten, sondern weil sie schwer zu erlangen sind. Auch sie gewöhnen sich bald an ihre neue Lage, sind nicht so zärtlich und weichlich wie andere Familienverwandte und wegen ihrer Munterkeit, Gewandtheit, schlanken Haltung und lieblichen Gesanges sehr geschätzt. Der nächste Verwandte des vorstehend beschriebenen Vogels ist der Binsenrohrsänger (Acrocephalus aquaticus und salicarius, Sylvia aquatica, salicaria, striata, paludicola und cariceti, Motacilla aquatica, Salicaria aquatica und cariceti, Muscipeta

salicaria, Calamodus aquaticus und salicarius, Caricicola aquatica und cariceti, Calamodyta aquatica). Seine Länge beträgt 13,3, die Breite 19, die Fittichlänge 5,8, die Schwanzlänge 4,7 em. Die allgemeine Färbung ist die des Uferschilfsängers, und die Unterschiede beschränken sich darauf, daß Mantel und Schultern mit scharf ausgeprägten dunkeln Schaftstrichen geziert sind, der braune Oberkopf einen ungestrichelten, deutlichen, fahlbraunen Mittelstreifen zeigt, die Unterteile lebhafter rostgelblich und Kropf und Seiten mit sehr feinen dunkeln Schaftstrichen gezeichnet sind. Mittel⸗ und Südeuropa, Westasien und Nordwestafrika, einschließlich der Kanarischen Inseln, bilden das Brutgebiet des Vogels. In Deutschland tritt er weit seltener als der Uferschilfsänger, mit diesem aber meist gemeinschaftlich auf, namentlich an geeigneten Orten der ganzen Norddeutschen Ebene, so beispielsweise im Spreewalde und im Braunschweigischen. Weite, etwas sumpfige, von Wasserarmen durchschnittene Wiesenflächen mit einzelnen dazwischen stehenden Büschen, nasse Moore, Sümpfe und Brüche sind es, welche er während der Brutzeit bewohnt. Er erscheint und verschwindet mit dem Uferschilfsänger, welchem er in seinem Wesen und Betragen überhaupt außerordentlich ähnelt. Er lebt ebenso versteckt, schlüpft mit derselben Gewandtheit durch das dichteste Pflanzengewirre, läuft, klettert, fliegt, stürzt sich am Ende seiner kurzen Flüge ebenso senkrecht aus der Luft herab; in seinem Halmwalde läßt auch er einen ähnlichen Lockton vernehmen wie jener und unterscheidet sich nur durch den Gesang einigermaßen von ihm, so schwierig es auch ist, diese Unterschiede mit Worten hervorzuheben. Laut Päßler findet man gegen Ende Mai sein mit 5—6 Eiern belegtes Nest tief unten in einem Seggenbusche, im Grase, hinter etwas Wust oder am Ufer eines Grabens nahe am Wasser, an Pflanzenstengeln hängend. Es ist merklich kleiner als das des Verwandten, aber aus denselben Stoffen gebaut, zuweilen mit zarten, schwarzbraunen Wurzeln, meist mit Rohrrispen und Halmen, unter denen auch einige Pferdehaare sein können, ausgefüttert. Die Eier sind etwas kleiner, heller, glatter und glänzender als die des Uferschilfsängers, oft mit vielen braunen Haarstrichen, oft aber so matt gezeichnet, daß sie einfarbig erscheinen. Das Männchen unterstützt sein Weibchen wenig beim Brüten; mit um so größerem Eifer aber gibt sich dieses seinen Mutterpflichten hin, sitzt so fest, daß es erst dicht vor dem sich nahenden Feinde auffliegt, und gebärdet sich hierbei in ähnlicher Weise wie der Uferschilfsänger. Nach einer 13 Tage währenden Bebrütung sind die Eier gezeitigt, kaum 3Wochen später die erwachsenen Jungen dem Neste entflogen. Die Familie bleibt nunmehr noch geraume Zeit zusammen, einen lockeren Verband bildend, beginnt sodann hin- und herzustreifen und tritt endlich im Anfange des August die Winterreise an. Pfarrer Bolsmann hat, laut Altum, in der Umgegend von Münster viele Jahre hindurch genau am 9. August und nur ausnahmsweise manchmal am 8. oder 10. dieses Monats durchziehende Binsenschilfsänger an bestimmten Stellen angetroffen. + Die Heuschreckenschilfsänger (Locustella) unterscheiden sich in Gestalt und Wesen hinlänglich von ihren Familiengenossen, um den Rang einer Gattung einzunehmen. Der Leib ist schlank, der Schnabel breit, gegen die Spitze hin pfriemenförmig, der Fuß ziemlich hoch und langzehig, der Fittich kurz und abgerundet, in ihm die zweite und dritte Schwungfeder die längsten, der Schwanz mittellang, breit und abgestuft, sein Unterdeckgefieder sehr lang, das übrige Gefieder weich und fein, seine Färbung ein düsteres Bräun⸗— lichgrün mit dunklerer Fleckenzeichnung auf dem Rücken und auf der Oberbrust.

Als Urbild der Gattung darf der Feldschwirl, Schwirl, Busch- und Heuschreckenrohrsänger, Heuschreckensänger, Buschgrille ꝛc. (Locustella naevia und rapi,

Acrocephalus locustella, Sylvia, Salicaria und Threnetria locustella, Muscipeta lo-custeélla und olivacea, Calamoherpe locustella und tenuirostris, Abbildung S. 129) gelten. Seine Länge beträgt 13,, die Breite 19, die Fittichlänge 6,3, die Schwanzlänge 4„s em. Das Gefieder ist auf der Oberseite olivenbraun, auf dem Kopfe durch kleine rundliche, auf Mantel und Schultern durch breite pfeilförmige braunschwarze Flecken gezeichnet; die Unterteile sind fahl rostgelb, Kinn, Kehle, Unterbrust und Bauchmitte lichter, ins Weißliche ziehend, auf dem Kropfe mit feinen dunkeln Schaftstrichen, auf den Unterschwanzdecken mit breiten verwaschenen Schaftflecken geziert, die Schwingen schwärzlichbraun mit schmalen ölgrauen Seitenkanten, welche nach hinten zu breiter werden, die Steuerfedern dunkel grünlichbraungrau, lichter gesäumt und gewöhnlich dunkler in die Quere gebändert. Das Auge ist graubraun, der Schnabel hornfarben, der Fuß licht rötlich. Im Herbstkleide ist die Unterseite gelblicher, im Jugendkleide die Brust gefleckt.

Im mittleren Sibirien, angeblich auch in Südrußland, vertritt ihn der Striemenschwirl (Locustella lanceolata und minuta, Acrocephalus lanceolatus, Sylvia, Oisticola und Calamodyta lanceolata). Er ist ihm sehr ähnlich, unterscheidet sich aber durch erheblich geringere Größe, zart rostgelbliche Unterseite und stärkere, dichtere, auch Kinn und Kehle einnehmende Fleckung. Dem Osten Mittelasiens entstammt der einmal auf Helgoland erbeutete Streifenschwirl (Locustella certhiola und rubescens, Motacilla, Sylvia, Turdus und Acrocephalus certhiola). Seine Länge beträgt 16, die Fittichlänge 7/5, die Schwanzlänge 6 em; sein Gefieder ist oberseits olivengraubraun, mit breiten, dunkeln Schaftstrichen gezeichnet, welche auf dem Oberkopfe sechs, auf dem Rücken acht unregelmäßige Längsreihen bilden, unterseits rostgelblich, an der Kehle und auf der Bauchmitte weißlich, an den Unterschwanzdecken fahl rostbraun, weißlich gerandet, über dem Auge, einen schmalen Streifen bildend, weißlich; die Schwingen und Schwanzfedern sind dunkelbraun, erstere außen schmal fahlbraun gesäumt, letztere mit sieben dunkeln, verloschenen Querbinden und breitem lichten Endrande geziert. Von Schweden oder Rußland an verbreitet sich der Schwirl über ganz Mitteleuropa; gelegentlich seines Zuges erscheint er im Süden unseres Erdteiles oder in Nordostafrika. Er bewohnt die Ebenen, findet sich aber keineswegs überall, sondern nur stellenweise hier und da sehr häufig, an anderen Orten, zumal im Gebirge, gar nicht. In Deutschland erscheint er um Mitte April und verweilt hier bis Ende September, ebensowohl in großen Sümpfen wie auf kleineren, mit Weidengebüsch bewachsenen Wiesen, im Walde nicht minder als auf Feldern seinen Aufenthalt nehmend. Hier entfernt er sich nicht vom Wasser, dort lebt er auf trockenem Boden; hier bevorzugt er Seggengräser, dort niederes, dichtes Buschholz und Dornengestrüppe. Eine Ortlichkeit, welche ihm hundert- und tausendfach Gelegenheit bietet, sich jederzeit zu verbergen, scheint allen Anforderungen zu entsprechen. Auf dem Zuge verbringt er den Tag allerorten, wo niedere Pflanzen den Boden dicht bedecken. „Der zusammengedrückte Leib, die bewunderungswürdige Schnelligkeit im Laufen und das gefleckte Gefieder“, sagt Graf Wodzieki, „stempeln den Schwirl zu einem Vertreter der Rallen in der Sängerfamilie. Hat man je Gelegenheit gehabt, diese Vögel beim Neste zu beobachten, wie sie emsig hin- und herlaufen auf nassem Boden, selbst kleine, mit seichtem Wasser bedeckte Strecken überschreiten, wie sie im Wasser, ohne sich aufzuhalten, die auf ihrem Wege sich vorfindenden Kerbtiere erhaschen, sie in größter Eile den Jungen zutragen und wieder fortrennen, wie sie auf die Graskaupen springen, ein paarmal schwirren und dann wieder eifrig suchen; hat man sie endlich mit ausgestrecktem Halse und aufgeblasener Kehle beim Singen gesehen, so wird man gewiß an die Wasserralle denken.“ Mit dieser Schilderung

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des Gebarens stimmen alle Beobachter überein. „Es mag“, bemerkt Naumann, „nicht leicht einen unruhigeren und dabei versteckter lebenden Vogel geben als diesen. Sein Betragen ist ein Gemisch des Wesens der Rohrsänger, Schlüpfer und Pieper. Unablässig kriecht er im dichtesten Gestrüpp von Buschholz und von Sumpfpflanzen dicht über dem Boden oder auf diesem herum und treibt hier sein Wesen fast ganz im Verborgenen. Nur ein

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