Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
eine wie die andere bevölkert vorzugsweise jene dürren, nur vom Regen befeuchteten Stellen des Südens, welche spärlich mit niederem Buschwerke bestanden sind, ohne jedoch bebaute Ortlichkeiten und die Nähe menschlicher Wohnsitze zu meiden. Dies bleibt sich gleich in Spanien wie in Griechenland, in Agypten wie in der bereits wiederholt erwähnten Samhara oder der innerafrikanischen Steppe. In Spanien und Griechenland sind es vor allem anderen die Weinberge und Olbaumpflanzungen, welche ihnen Herberge geben; in Kleinasien leben sie in dünn bestandenen, parkartigen Baumbeständen bis zu 2000 m Höhe aufwärts; in Nordostafrika siedelt eine ihnen verwandte Art in trockenen Gärten, Mimosen-⸗ hainen, Baumwollfeldern, Rohrdickichten oder zwischen den Hütten der Dörfer sich an, vorausgesetzt, daß es hier an dichten Büschen nicht fehlt. Im Urwalde habe ich keine Baumnachtigall gesehen; im dünn bestandenen Steppenwalde ist sie häufig; hohe Gebirgs-, nicht aber Bergwaldungen scheint sie zu meiden. In Mittelafrika sind die Baumnachtigallen Standvögel, in Nordafrika und Südeuropa Zugvögel. Sie erscheinen in Griechenland und Spanien um die Mitte oder zu Ende des April, in Agypten kaum früher, und verlassen das Land zu Ende des September wieder. Die Männchen kommen zuerst an, die Weibchen folgen einige Tage später nach. Während des Zuges macht sich der muntere Vogel allerorten bemerklich: später muß man ihn auf seinen Lieblingsplätzen aufsuchen. Hier freilich fällt er jedem auf, welcher Augen hat, zu sehen: in Spanien ist der Rosardo (Rötling) oder Alzarabo (Schwanzaufheber) ebenso bekannt wie bei uns zu Lande das Rotkehlchen. Die Baumnachtigall macht einem ihrer Namen: Agrobates, alle Ehre; denn sie liebt es in der That, auf die Spitzen zu gehen. Der höchste Zweig des Lieblingsbusches, der Pfahl, an welchem die Rebe befestigt ist, ein Baumwipfel oder ein Telegraphendraht sind Warten, wie sie solche haben mag. Hier sitzt sie, den Schwanz gestelzt, die Flügel gesenkt, mit eingeknickten Beinen, aber ziemlich aufgerichtet; von hier herab trägt sie ihr Lied vor, von hier aus späht sie nach Beute aus. Entdeckt sie einen Wurm, ein Kerbtier oder etwas Ahnliches, so stürzt sie sich rasch auf den Boden herab, bückt sich, wippt mit dem Schwanze und breitet ihn aus, seine volle Schönheit zeigend, rennt dann eilig ein Stück auf dem Boden dahin, sängt den Raub, ruft dabei behaglich ihr lockendes „Tak tak“ und kehrt nach demselben Ruhepunkte, welchen sie früher einnahm, wieder zurück. Dies geschieht so regelmäßig, daß der Schütze sie unfehlbar erlegt, wenn er in der Nähe einer ihrer Warten sich anstellt und sie durch einen Jagdhelfer treiben läßt. Sie nimmt ihre Nahrung hauptsächlich vom Boden auf und sucht deshalb alle nackten Stellen ab, kommt auch auf freie Blößen heraus und läuft namentlich oft auf Wegen und Straßen umher. „Durch ihr wenig schüchternes und doch lebhaftes Wesen, welches in mancher Beziehung an das der Schwarzdrossel erinnert“, sagt von Heuglin, „erfreut sie den Bewohner der Landhäuser und Gärten. Oft flattert sie unruhig und häufig von Zweig zu Zweig, selbst bis in die höheren Kronen der Bäume, den Schwanz beständig bewegend, ausbreitend und aufschlagend; bald wieder sieht man sie emsig auf dem kahlen Boden oder im Gestrüppe und trockenem Grase umherhuschen und auf Würmer und Raupen jagen. Plüötzlich stößt sie einen drosselartigen Angstruf aus und flüchtet scheltend in die Büsche.“ Sie ist klug und vorsichtig, ja selbst scheu, wo sie es nötig hat, zutraulich da, wo sie es sein darf, unstet, flüchtig und bewegungslustig in hohem Grade. In Spanien fanden wir sie überall scheu; in Mittelafrika läßt sie den braunen Eingeborenen dicht neben sich vorübergehen, weicht aber dem ihr fremdartig erscheinenden Europäer sorgsam aus. Anderen Vögeln gegenüber friedfertig, liegt sie mit ihresgleichen oft im Streite. Zwei Männchen verfolgen sich mit großem Ingrimme, wirbeln zusammen hoch empor, stürzen sich rasch wieder in die Tiefe und jagen sich pfeilschnell zwischen den Büschen umher, dabei eine auffallende Gewandtheit beweisend und den prächtigen Schwanz bald breitend, bald wieder zusammenlegend. Ebenso Baumnachtigall: Verbreitung. Aufenthalt. Wesen. 117
häufig, als in ernster Absicht, mag dieses Jagen ein Spiel, ein Schäkern sein, welches aus reiner Lust an der Bewegung ausgeführt wird. In einer Hinsicht stehen sie weit hinter ihrer Namensverwandten zurück: ihr Gesang kann sich mit dem der Nachtigall nicht vergleichen; Graf von der Mühle nennt ihn „einförmig“ und vergleicht ihn mit dem Liede der Grasmücke; ich muß beistimmen, will aber ausdrücklich bemerken, daß er mir trotz seiner Einfachheit stets wohl gefallen hat. Gerade weil die Baumnachtigall an solchen Orten lebt, welche die Nachtigall meidet, und weil sie durch fleißiges Singen das zu ersetzen sucht, was ihr im Vergleiche zu ihrer hochbegabten Schwester abgeht, wird sie dem Tierfreunde lieb und wert. Sie singt auf ihrer Warte sitzend, am Boden dahinlaufend, selbst fliegend, fast ununterbrochen, und die einzelnen Töne sind immerhin wohllautend genug, um zu gefallen. Die Brutzeit beginnt im zweiten Drittel des Mai. Das große, aber unschöne Nest wird auf Baumknorzen zwischen den stärkeren Asten oder im dichten Gebüsche aus Reisig, Moos, Grasblättern oder weichen Pflanzenstengeln erbaut und seine Mulde mit Haaren, Wolle, Baumwolle und Federn ausgelegt. Tristram meint, der Vogel „scheine nicht eher zu legen, als bis er ein Stück Schlangenhaut gefunden und damit seinen Bau vollendet habe“, und in der That enthalten die meisten Nester ein Stück Schlangenhemde. Die 4-6 Eier sind sehr verschieden in Größe, Gestalt und Färbung, durchschnittlich etwa 22 mm lang und 15 mm dick, auf trübweißem oder blaugrauem Grunde mit undeutlichen dunkleren Flecken und außerdem mit braunen Pünktchen gezeichnet. Über die Aufzucht der Jungen mangelt mir jede Kunde; ich kann nur sagen, daß wir noch Anfang September, während die meisten Alten bereits in voller Mauser standen, flügge Nestjunge antrafen. Ob wirklich, wie Tristram angibt, Eier und Junge „die beständige Beute der Kriechtiere“ und diese deshalb die schlimmsten Feinde der Baumnachtigallen sind, steht dahin. Sicher werden letztere auch von dem gesamten Raubzeuge unter Säugern und Vögeln nicht verschont werden, überhaupt mit ihren Verwandten dieselben Gefahren teilen. Der Mensch tritt wohl nur in Spanien als Verfolger der anmutigen Geschöpfe auf: der Spanier jagt sie, wie alle anderen Sänger, um ihr Fleisch für die Küche zu verwerten. Die Gattung der Rohrsänger (Acrocephalus), welche in mehreren Arten vorzugsweise das nördlich altweltliche Gebiet bevölkert, außerdem aber auch im indischen, äthiopischen und australischen vertreten ist, kennzeichnet sich durch schlanken Leib, gestreckten, flachstirnigen Kopf, verhältnismäßig starken, schlank kegel- oder pfriemenförmigen Schnabel, hochläufige, kräftige Füße mit dicken Zehen und großen, scharf gekrümmten Nägeln, kurze und abgerundete Flügel, in denen die zweite oder zweite und dritte Schwinge die längsten, mittellangen, zugerundeten, stufigen oder keilförmigen Schwanz und glattes, etwas hartes Gefieder, von grüner oder graugelblicher, Ried und Röhricht entsprechender Färbung. Wesen und Gebaren dieser sehr eigenartigen Sänger entsprechen deren Aufenthaltsorten. Sie, die Rohr-, Schilf-, Ried- und Grassänger, hausen stets am Boden und bethätigen hier alle Eigenschaften, welche solche Lebensweise bedingt. Hochbegabt nach jeder Richtung hin, zeichnen sie sich auch durch ihre Gesänge aus: es sind Sumpf- und Wasserlieder, welche sie zum besten geben. Ihre Nahrung suchen und finden sie am Boden und hart über dem Wasser, an den Pflanzen, zwischen deren Dickicht sie wohnen; ihr meist künstliches Nest legen sie ebenfalls hier an. Die größte und bekannteste Art der Gattung ist der Drosselrohrsänger, auch Wassernachtigall, Schlotengatzer, Rohrsprosser, Rohrvogel, Rohrschliefer,
Nohrsperling, Rohr-, Bruh- und Weidendrossel genannt (Acrocephalus arundinaceus, turdoides, turdides und lacustris, Turdus arundinaceus und Junco, Salicaria turdoides und turdina, Calamoherpe turdina, Calamodyta arundinacea, Muscipeta lacustris, Sylvia und Arundinaceus turdoides). Seine Länge beträgt 21, die Breite 29, die Fittichlänge 9, die Shwanzlänge 8,5 cm. DaZ Gefieder ist oberseits dunkelbraun, unterseits rostgelblihweiß, auf der Kehle und Brustmitte lichter; die dunkelbraunen Shwingen sind innen rostfahl, die Steuerfedern am Ende verwaschen fahlweißlich gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel dunkel hornbraun, unterseits horngelb, der Fuß hornbräunlich
Drosselrohrsänger (Acrocophalus arundinaceus). ?/2 natürl. Größe.
Mit Ausnahme Großbritanniens bewohnt der Drosselrohrsänger vom südlichen Shwe-den an abwärts alle ebenen Gegenden des gemäßigten und südlichen Europa sowie Westasien und besucht im Winter den größten Teil Afrikas, bis in die Kapländer vordringend- Niemals verläßt er das Röhricht, fliegt selbst auf der Reise stet3 von Gewässer zu Gewässer. Am Brutorte erscheint er frühstens gegen Ende des April und verweilt höchstens bis Ende des September in der Heimat. Sofort nad) seiner Ankunft im Frühjahre vernimmt man ununterbrochen, vom frühsten Morgen bis zum späten Abende, während der ersten Zeit seines Hierseins sogar zu allen Stunden der Nacht, den lauten, weit shallenden, aus vollen, starken Tönen zusammengeseß-ten, in mehrere mannigfach abwechselnde Strophen gegliederten Gesang der Männchen. hm meint man es anzumerken, daß die Frösche beachtet worden sind; denn er erinnert ebensosehr an das Knarren und Quaken dieser wie an das Lied irgend eines anderen Vogels. Sanft flötende Töne sind unserem Sänger fremd: das ganze Lied ist nichts anderes als ein Geknarr oder ein Quieken. „Dorre dorre dorre, karre karre karre, kerr kerr kerr,
kei kei kei kei, karre karre karre, kitt“ sind die wichtigsten und wesentlichsten Teile dieses Liedes. Und dennoch spricht es an. Es liegt etwas Gemütliches in jenen Lauten, etwas Lustiges in der Art und Weise, wie sie vorgetragen werden. Da man dort, wo sie erklingen, auf anderen Vogelgesang kaum rechnen darf, vielmehr gewöhnlich nur die Stimmen der Wasservögel, das Schnattern der Gänse und Enten, das Quaken der Reiher, das Knarren der Rothühner vernimmt, stellt man freilich auch bescheidene Anforderungen und wird zu mildem Urteile geneigt. Ich muß gestehen, daß der Gesang der Rohrdrossel mich von jeher außerordentlich angezogen hat. Er vermochte mich nicht zu entzücken, hat mich aber immer weidlich ergötzt. Dem Männchen ist es Ernst mit seinem Singen: es gebärdet sich, als ob es mit einer Nachtigall wetteifern wolle. Hoch aufgerichtet, mit hängenden Flügeln und ausgebreitetem Schwanze, dick aufgeblasener Kehle, den Schnabel nach oben gewendet, sitzt es auf seinem schwankenden Halme, sträubt und glättet abwechselnd die Scheitelfedern, auch wohl das übrige Gefieder, so daß es viel größer erscheint als sonst, und schmettert sein Gequak fröhlich in die Welt hinaus. Die Rohrdrossel brütet, wie alle ihre Verwandten, erst wenn das neu aufschießende Röhricht geeignete Höhe erlangt hat, also frühstens Ende Mai, meist erst um Mitte Juni, gewöhnlich gesellig auf einem Brutplatze, auch wenn dieser nur ein kleiner Teich ist. Das Nest steht durchgehends auf der Wasserseite des Röhrichts und nie tief im Rohre, im Gegenteile oft sehr frei, fast immer über dem Wasser und an oder richtiger zwischen 4, seltener 5, höchstens 6 Rohrstengeln, welche in seine Wandungen eingewoben sind oder diese durchbohren, regelmäßig in einer Höhe, bis zu welcher das Wasser nicht emporsteigt, auch wenn es ungewöhnlich anschwellen sollte, selten einen vollen Meter über dem Wasserspiegel. Wahrheitsliebende Forscher haben beobachtet, daß die Rohrsänger ihrer Umgegend in gewissen Jahren, scheinbar ohne alle Veranlassung, ihre Nester viel höher anlegten als sonst, und anfangs darüber die Köpfe geschüttelt; da mit einem Male, lange nachdem das Nest fertig war, trat andauerndes Regenwetter ein, und der Stand der Teiche oder Flüsse erhob sich hoch über das gewöhnliche Maß: die Nester aber blieben verschont, während sie überflutet worden wären, hätten die Vögel sie ebenso niedrig aufgehängt wie sonst! Ausnahmsweise, und nicht immer durch Wohnungsnot veranlaßt, brütet der Drosselrohrsänger auch außerhalb des Röhrichts, in Gebüschen oder hohen Teichbinsen sein Nest anlegend, ebenso wie er an verschiedene Verhältnisse, beispielsweise hart an seinen Brutplätzen vorüberrasselnde Eisenbahnzüge, sich leicht gewöhnt. Das Nest selbst ist viel höher als breit, dickwandig und der Rand seiner Mulde einwärts gebogen. Die Wandungen bestehen aus dürren Grasblättern und Halmen, welche nach innen feiner werden und mit einigen Würzelchen die Aussütterung bilden. Je nach dem Standorte werden die Blätter verschieden gewählt, auch wohl mit Bastfaden von Nesseln, mit Weiderich, Samenwolle und selbst mit Raupengespinst, Hanf- und Wollfaden untermischt, oder trockene Grasrispen, Rosmarinkronen, Pferdehaare und dergleichen zur inneren Ausfütterung benutzt. Das Gelege, welches gewöhnlich aus 4—5 Eiern besteht, ist selten vor Mitte Juni vollzählig; die Eier, welche 22 mm lang, 15 mm dick, auf bläulichem oder graugrünlichweißem Grunde mit sehr dunkel olivenbraunen, aschgrauen und schieferfarbigen Flecken, Punkten und Schmitzen fast gleichmäßig bedeckt sind, werden 14 — 15 Tage eifrig bebrütet. Beide Eltern nahen sich dem Störenfriede am Neste bis auf wenige Schritte, verstecken sich und erscheinen abwechselnd vor ihm, umfliegen ihn auch wohl mit kläglichem Geschreie, sind aber so empfindlich gegen derartige Störungen, daß sie, wenn auch nicht in allen Fällen, noch wenig bebrütete Eier verlassen, wenn man das Nest wiederholt besucht. Die Jungen werden mit Kerbtieren groß gefüttert, von den Alten zärtlich geliebt und vor Gefahr gewarnt, auch nach dem Ausfliegen noch lange geleitet. Dieser Fürsorge bedürfen sie um so mehr, als sie, ehe sie ordentlich fliegen