Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Die dritte Art der merkwürdigen Gruppe ist der Rohrschwirl oder Nachtigallrohrsänger (Locustella luscinioides, Sylvia, Salicaria, Acrocephalus, Oettia und Luseiniopsis Iuscinioides, Lusciniola, PSeudoluscinia und Lusciniopsis savii, Abbildung S. 129). Seine Länge beträgt 14, die Breite 21, die Fittichlänge 6,7, die Schwanzlänge 59 em. Die Oberteile sind olivenrostbraun, Schwingen und Steuerfedern etwas dunkler, die Unterteile und ein schmaler Augenstreifen viel heller, olivenroströtlich, Kinn, Bauchmitte und die verloschenen Endsäume der unteren Schwanzdecken rostweißlich; auf der Unterkehle bemerkt man einige verwaschene rostbraune Schaftflecken. Der Augenring ist tiefbraun, der Oberschnabel braunschwarz, der Unterschnabel gelblich, die Wachshaut fleischfarbig. Vorzugsweise dem Süden Europas angehörend, findet sich der Rohrschwirl auch in Galizien, an der Donau, in Südrußland, in Holland und ebenso im westlichen Asien und
Nordafrika; immer und überall aber beschränkt sich sein Vorkommen auf einzelne Gegenden, und außerdem tritt er, in Galizien wenigstens, in manchen Jahren äußerst selten, in anderen dagegen ungemein häufig am Brutorte auf. Er ist, laut Wodzieki, ein wahrer Rohrvogel, welcher das Röhricht nie verläßt, nach Art seines Geschlechtes aber sich immer bewegt und bald auf dem Boden, bald im Rohre dahinläuft. Niemals wird man ihn ruhig sitzen sehen. Im Frühjahre belustigt er sich sogar durch Balzflüge, indem er flatternd in die Luft aufsteigt und sich nach Art der Grasmücken und Pieper, jedoch ohne zu singen, mit zurückgelegten Flügeln wieder ins Röhricht wirft. Viel zutraulicher und neugieriger als der Schlagschwirl, pflegt er, sobald er ein Geräusch hört, vom Boden aufzufliegen und sich aufs Rohr zu setzen, um den Hund oder den Jäger erstaunt anzusehen. Bezeichnend für ihn ist seine außerordentliche Kampflust: während der Brutzeit verfolgen sich die Gatten oder Nebenbuhler bis zu den Füßen des Beobachters, gleichviel ob auf sie geschossen wurde oder nicht; denn sie schwirren selbst bei Gefahr. Ihr Gesang ist noch schwerer zu beschreiben als der ihrer Verwandten, um so mehr, als man ihn im bewegten Rohre nur undeutlich vernehmen kann und unser Vogel unter den drei Schwirlen zwar die angenehmste, aber auch die schwächste Stimme hat, so daß man, etwas entfernt von ihm, glauben kann, Ohrensausen zu empfinden. „Wer auf fetten Morästen das Geräusch der schnell auf die Wasserfläche kommenden Blasen gehört hat“, sagt Graf Wodzieki, „wird sich den Gesang des Rohrschwirles gut versinnlichen können. Oft ist der Ton höher oder tiefer, ohne das sonst vorherrschende R, als ob man schnell die Buchstaben glegl glagl egl' wiederholte.“ Beim Singen sitzt der Vogel hoch oder niedrig, ausnahmsweise auch ganz ruhig, den Kopf zurückgelegt, den Hals langgezogen, den Kropf stark aufgeblasen. Während der Brutzeit singt er fleißig den ganzen Tag über bis zum Sonnenuntergange, nach Schauers Beobachtungen auch lebhaft während der ganzen Nacht. Sein Gesang täuscht ebenso wie der der übrigen Verwandten. Zum Baue des Nestes, an welchem sich beide Gatten des Paares beteiligen, schleppen sie mühselig die Niststoffe herbei. Anfangs thun sie dies gemeinschaftlich, später teilen sie die Arbeit, indem das Männchen zuträgt und das Weibchen die Stoffe aus dem Schnabel nimmt und sie sodann verbaut. Das Männchen ist lustig und emsig bei der Arbeit und läßt sein eintöniges „Kr, kr“ fast ohne Aufhören ertönen. Zur Niststätte wird eine geeignete Stelle im alten, hohen Schilfe oder im dichten, jedoch nur ausnahmsweise im hohen Grase gewählt, und hier steht der große Bau zumeist auf eingeknickten Schilfstengeln zuweilen 15, manchmal auch bis 60 und 90 em über dem Wasser. Das Nest besteht nur aus breiten Schilfblättern, ist aber so sorgsam geflochten und inwendig so glatt, daß die Eier in der Mulde rollen. Jeder Unbefangene würde es eher für das Nest des Zwergrohrhuhns als für das eines Schilfsängers halten, so ähnlich ist es jenem, nur kleiner. Die größere Anzahl der Nester, welche Wodzicki untersuchte, war spitzig, oben breit und nach unten hin kegelförmig abfallend, 10 em hoch, Yem breit und etwa 6—9 em tief. Das Gelege besteht aus 5, seltener 4 Eiern, welche entweder zu Ende des Mai oder im Anfange des Juni vollzählig sind, in Form und Farbe außerordentlich abändern, einen Längsdurchmesser von 21—25, einen Querdurchmesser von 15—19 mm haben und auf weißlichem oder kalkweißem Grunde mit äußerst feinen, das dicke Ende ganz bedeckenden oder mit größeren gelben und braunschwarz violetten Punkten nur spärlich bespritzt und dann denen der Klappergras-⸗ mücke sehr ähnlich sind, ebenso wie andere wiederum an Pieper- und Heidelercheneier erinnern. Beide Gatten des Paares brüten abwechselnd und mit solcher Hingebung, daß man sie währenddem ganz gut beobachten kann; beide kommen auch, verscheucht, ohne Bedenken sofort zurück und zwar entweder im Fluge oder von Ast zu Ast hüpfend. Ist die Brut groß gezogen, so verläßt alt und jung das Rohr, siedelt ins Schilf oder ins höhere
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Gras über und verbleibt hier bis spät in den September, fortan sich auf dem nassen Boden umhertreibend. Im Süden Europas und ebenso in Südwestasien vertritt die den Rohr- und Heuschreckensängern verwandte Gattung der Buschsänger (Lusciniola), der einzeln schon in Südungarn und Nordfrankreich, häufig aber in Italien auftretende Tamariskensänger (Lusciniola melanopogon, Sylvia melanopogon und melampogon, Calamodyta, Salicaria, Cettia, Acrocephalus und Amnicola melanopogon). Er ist oberseits rötlichbraun, auf Mantel und Schultern mit verwaschenen dunkeln Schaftflecken, auf dem braunschwarzen Oberkopfe längs der Mitte durch die verwaschenen helleren Seitensäume der Federn gezeichnet, vom Nasenloche bis zur Schläfe durch einen breiten rostgelblichen, in der Zügelgegend durch einen braunschwarzen Streifen geziert, unter den Augen dunkelbräunlich, auf Kinn, Kehle und den unteren Flügeldecken weiß, auf dem übrigen Unterteile rostgelblich, seitlich dunkler gefärbt. Die Schwingen und Schwanzfedern sind dunkelbraun mit schmalen rostfahlen Außensäumen, welche an den hinteren Armschwingen sich verbreitern und ins Rötlichbraune übergehen. Zur Vervollständigung mag noch der Seidenrohrsänger (Bradypteérus cettii, Sylvia cettii, sericea und platyura, Cettia sericea, altinisonans und cettii, Calamodyta cettii und sericea, Acrocephalus, Calamoherpe, Potamodus und Salicaria cettii, Abbildung S. 125) hier eine Stelle finden. Er kennzeichnet sich durch seinen kurzen, schmalen Schnabel, die sehr abgerundeten Flügel, unter deren Schwingen die dritte und vierte die längsten sind, und die sehr breiten, langen und vollen Unterschwanzfedern, gilt daher als Vertreter einer besonderen Gattung, der Bruchrohrsänger (Bradypterus). Die Oberteile sind rötlichbraun, Bürzel und Oberschwanzdecken etwas lebhafter, Steuerfedern und die Außenränder der dunkelbraunen Schwingen dunkler, ein Augenstrich verwaschen, ein Augenring deutlicher weiß, die Unterteile und Unterflügeldecken weißlich, Kopf- und Halsseiten grau, die übrigen Körperseiten nebst den Unterschwanzdecken rostbräunlich, die längsten der letztgenannten Federn mit verwaschenem weißen Endrande. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel rostbraun, die Wurzel des unteren horngelb, der Fuß rötlichgelb. Die Länge beträgt ungefähr 13, die Fittichlänge 6, die Schwanzlänge 6, em. Das Weibchen ist merklich kleiner, das außerordentlich lockere Gefieder der Jungen nicht ganz so rötlich wie bei dem Männchen und der weiße Augenstreifen im Jugendkleide kaum angedeutet. Der Seidenrohrsänger bewohnt den Süden Europas von Spanien an bis zur Ostgrenze, auch das westliche Asien und Nordafrika und ist, wo er vorkommt, Standvogel; in Turkmenien beobachtete Alfred Walter ihn bloß als Zugvogel. Beliebte Aufenthaltsorte von ihm sind stehende, mehr aber noch fließende Gewässer, namentlich Bäche, Wasser⸗ und Abzugsgräben, deren Ufer Binsen, Brombeerhecken und Gebüsche möglichst dicht besäumen. Hier führt er ein sehr verborgenes Dasein. Laut A. von Homeyer ist er außerordentlich lebhaft und fast immer in Bewegung, kommt nicht häufig zum Vorschein, verrät sich aber sofort durch seinen lauten, aufflackernden Gesang. Sein Wohngebiet, welches einige hundert Schritt Durchmesser haben mag, durchstreift er fortwährend und überrascht durch seine Eilfertigkeit. Bald singt er zur Linken, bald wieder zur Rechten des Beobachters, welcher sich im Anfange die Möglichkeit solcher Schnelligkeit gar nicht erklären kann, um so mehr, als ein Fliegen des nicht zu Gesichte kommenden Vogels nicht wahrscheinlich erscheint. Gleichwohl bemerkt man doch, daß er das Gebüsch nicht allein behende durchschlüpft, sondern auch ganz niedrig über den Boden weg, in der Regel durch ein Gesträuch gedeckt, weitere Strecken durchfliegt. Außerst vorsichtig entflieht er bei der geringsten Gefahr, ist daher noch schwerer
zu erlegen als zu sehen. Lockton wie Gesang sind so bezeichnend, daß man den Seidensänger, wenn man ihn einmal gehört, niemals mit einem anderen Vogel verwechseln kann. Der Lockton klingt wie „tscheck tscheck tscheck“; der Gesang ähnelt dem Beginne des Nachtigallschlages oft in so hohem Grade, daß man getäuscht werden könnte, würde das ganze Lied mit der einzigen Strophe nicht auch beendet sein. Hansmann übersetzt die Laute mit „zick ziwitt ziwoid“, Graf von der Mühle mit „tschifut tschifut tschifut“, einem Worte, welches von den Türken als Schimpfname der Juden gebraucht wird und unserem Vogel bei den griechischen Hirten Haß eingetragen hat, weil sie glauben, daß der Seidensänger sie als Juden bezeichnen und schmähen wolle. Das Nest steht ziemlich niedrig über dem Boden in undurchdringlichem Gesträuche, ist tief tassenförmig, wird aus Pflanzenresten, Stengeln und Blättern in halbmoderigem Zustande hergestellt, inwendig mit feinem Grase und Ziegenhaaren oder Schaf- und Baumwolle ausgekleidet und enthält schon zu Ende des April das volle, aus 4—5 eintönig roten, 20 mm langen, 15 mm dicken Eiern bestehende Gelege. Auf die erste Brut folgt im Laufe des Sommers regelmäßig eine zweite. Über die Erziehung der Jungen finde ich keine Angabe; wohl aber erwähnt Krüper, daß strenge Winter unter den Seidenrohrsängern oft arge Verheerungen anrichten. . Die Gartensänger oder Bastardnachtigallen (KHypolais) sind über das nördlich altweltliche, indische und äthiopische Gebiet verbreitete, verhältnismäßig große Grasmücken mit großem, starkem und breitem, an den Schneiden scharfem, jedoch kaum eingezogenem Schnabel, kräftigen Füßen, mäßig langen Flügeln, in denen die dritte oder vierte Schwinge die anderen überragen, und mittellangem oder kurzem, seicht ausgeschnittenem Schwanze. Der Gartensänger, auch Gartenlaubvogel, Spötterling, Hagspatz, Bastardnachtigall, Mehlbrust, Titeritchen und Schakerutchen genannt (KHypolais philomela, icterina, hortensis, vulgaris und salicaria, Motacilla und Ficedula hippolais, Sylvia hypolais, hippolais, icterina, obscura und xanthogastra, Salicaria vulgaris), ist auf der Oberseite olivengrüngrau, auf dem Zügel und der unteren Seite blaß schwefelgelb, in der Ohrgegend, auf den Hals- und Körperseiten schwach ölgrau verwaschen; die Schwingen sind olivenbraun, auf der Außenfahne grünlich, innen breit fahlweiß gesäumt, die Schwanzfedern lichter als die Schwingen, außen wie diese gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel graubraun, an der Wurzel der Unterkinnlade rötlichgelb, der Fuß lichtblau. Die Länge beträgt 14,5, die Breite 25, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 5,3 em. Als Vaterland des Gartensängers müssen wir Mitteleuropa ansehen. Von hier aus verbreitet er sich nördlich bis Skandinavien, während er im Süden des Erdteiles durch Verwandte vertreten wird. In Großbritannien kommt er nicht vor; in Spanien haben wir ihn ebensowenig beobachtet; Griechenland besucht er nur zur Zugzeit. In Südeuropa, von Portugal an bis Dalmatien, wie in Nordwestafrika wird der Gartensänger durch den etwas kleineren und lebhafter gefärbten Sprachmeister (Hypolais bolyglotta, Sylvia und Ficedula polyglotta) vertreten, welcher sich außer durch die angegebenen Merkmale noch dadurch von ihm unterscheidet, daß die dritte und vierte Schwinge, nicht die dritte allein, die längste ist. Die Länge beträgt 13,7, die Breite 20, die Fittichlänge 6,8, die Schwanzlänge 5,5 em. Unter seinen Verwandten ist der Gartensänger der weichlichste und zärtlichste. Er erscheint bei uns zu Lande erst, wenn alle Bäume sich belaubt haben, niemals vor Ende April, und verweilt in Deutschland höchstens bis zu Ende August. Den Winter verbringt er in
Gartensänger. Sprachmeister.
Afrika. Er wohnt gern in unmittelbarer Nähe des Menschen, bevorzugt Gärten und Obstpflanzungen dem Walde, bevölkert mehr dessen Ränder als die Mitte, fehlt im Nadelwalde gänzlich und steigt auch im Gebirge nicht hoch empor. Gärten mit Hecken und Gebüschen, in denen Holunder-, Flieder-, Hartriegel- und ähnliche Gesträuche dichte und nicht allzu niedrige Bestände bilden, oder Obstpflanzungen, welche von Hecken eingefaßt werden, beherbergen ihn regelmäßig. Sein Gebiet wählt er mit Sorgfalt aus; hat er aber einmal von ihm Besitz genommen, so hält er mit Hartnäckigkeit an ihm fest und kehrt alle Sommer zu ihm zurück, solange
Gartensänger (Hypolais philomela). 2/3 natürl. Größe.
er lebt. Wir haben einen, welchen wir wegen seines wenig ausgezeichneten Gesanges halber „den Stümper“ nannten, sieben Jahre nacheinander in einem und demselben Garten beobachtet. Im Laufe des Tages ist er bald hier, bald dort, solange ihn nicht die Sorge um das brütende Weibchen oder um die Brut selbst an eine bestimmte Stelle fesselt. Gewöhnlich hüpft er in dichten Bäumen umher, immer möglichst verborgen, und es kann geschehen, daß man viele Minuten lang ihn vergeblich mit dem Auge sucht, trotzdem er sich beständig hören läßt. Gewisse Bäume, gewöhnlich die höchsten und belaubtesten seines Wohnraumes, werden zu Lieblingsplätzen; sie besucht er täglich mehrere Male, und auf ihnen verweilt er am längsten. Im Sitzen trägt er die Brust aufgerichtet; wenn er etwas Auffälliges bemerkt sträubt er die Scheitelfedern; im Hüpfen hält er sich wagerecht und streckt dabei den Hals vor. Der Flug ist rasch, gewandt und jäher Wendungen fähig. Auf den Boden herab kommt der Gartensänger selten. Nur während des Singens verweilt er längere Zeit an einer und derselben Stelle; sonst ist er, sozusagen, beständig auf der Wanderung begriffen. Die Lockstimme