Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Im Nordosten Europas, insbesondere im nördlichen Ural, vertritt ihn der Trauerlaubsänger (Phylloscopus tristis, Phyllopneuste tristis und fulvescens, Abrornis tristis), welcher sich durch matt olivenbraune Oberseite und fahl roströtliche Augenstreifen, Kopf⸗ und Körperseiten, Kehle und Kropf unterscheidet.
Der Berglaubsänger endlich (Phylloscopus bonellii, Phyllopneuste bonellii und montana, Sylvia bonellii, mattereri, albicans und prasinopyga, Ficedula bonellii) ist ebenso groß wie der Fitis, oberseits düster olivenbraun, schwach grünlichgelb angeflogen, auf dem Bürzel lebhaft olivengelb, ein Augenstrich und der Zügel weißlich,
ein kürzerer Strich hinter den Augen dunkel, die Ohrgegend fahl rostbräunlich, die Unterseite weißlich, seitlich schwach rostfahl verwaschen, das untere Flügeldeckgefieder schwefel—⸗ gelb; die Schwingen und Schwanzfedern sind olivenbraun, außen schmal olivengrün, innen weißlich, die Armschwingen breiter olivengelb gesäumt, die oberen braunen Flügeldecken am Ende olivengrünlich gerandet. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, an den Schneiden und an der Wurzel des Unterschnabels horngelb, der Fuß braun. Das Vaterland dieser Art ist der Süden Europas, das westliche Asien und Nordafrika. Auf dem Winterzuge besucht der Vogel Südnubien und den Senegal. Außer den genannten wurde auf Helgoland auch noch eine asiatische Art der Gattung, der Wanderlaubvogel (Phylloscopus mag nirostris und javanicus, Phyllopneuste magnirostris, indica, javanica, borealis, sylvicultrix und kenicotti, Sylvia flavescens), erbeutet. Das Gefieder dieser Art ist oberseits düster olivengrün, der Augenstreifen wie Backen und Ohrgegend gelblichweiß, letztere undeutlich dunkler gestrichelt, unterseits weiß, schwach gelblich angeflogen, auf den Hals- und Körperseiten bräunlichgrau verwaschen, das untere Flügeldeckgefieder gelblichweiß; die dunkelbraunen Schwingen und Schwanzfedern zeigen schmale, olivengrünliche Außen-, die ersteren breitere fahlweiße Innensäume, die ersten Decken der Armschwingen fahlgrüne Endränder, wodurch ein undeutlicher Spiegel entsteht. Unter unseren deutschen Laubvögeln trifft zuerst, meist schon um die Mitte des März, der Weidenlaubsänger, später, gegen Ende des März, der Fitislaubsänger und in der letzten Hälfte des April endlich der Waldlaubsänger ein, dieser, um bis zum August in unseren Wäldern zu verweilen, wogegen der Fitislaubsänger nicht vor Ende des September und der Weidenlaubsänger erst im Oktober von uns weg zieht. Der Berglaubsänger, ein Alpenvogel, welcher innerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes nur Schwaben und Bayern bewohnt, erscheint noch später als seine Verwandten und verläßt sein Brutgebiet bereits im August wieder. In Deutschland lebt der Waldlaubsänger wohl in jeder Provinz, nicht aber in jeder Gegend; denn sein Wohnbaum ist die Buche, und er findet sich ausschließlich da, wo sie vorkommt, da, wo sie zusammenhängende Bestände bildet, ungemein häufig, da, wo sie im Nadelwalde eingesprengt ist, seltener, unter Umständen auf eine einzige Buche sich beschränkend. Nur in Südungarn habe ich ihn auch in Weiden- und Pappelwaldungen, wahrscheinlich aber als Zugvogel, angetroffen, da er in den herrlichen Wäldern der Fruska Gora wie der Herrschaft Belye als einzige Art seines Geschlechtes wiederum durch die Buche sich fesseln ließ. Diesem Baume zu Gefallen steigt er bis zur oberen Waldgrenze empor, wie er überhaupt im Gebirge lieber zu wohnen scheint als in der Ebene. Der Fitis beschränkt seinen Aufenthalt nicht in dieser Weise, tritt vielmehr buchstäblich allerorten auf, wo er Unterkunft und Unterhalt zu finden glaubt, obwohl er gewisse Waldungen, namentlich gemischte mit viel Unterholz, anderen bevorzugt. In ähnlicher Weise verbreitet sich auch der Weidenlaubsänger, obschon er seinen Namen nicht umsonst trägt. In manchen Gegenden wohnen beide Arten friedfertig nebeneinander, hier tritt der eine, dort der andere häufiger auf. Der Berglaubvogel endlich wählt am liebsten südlich oder östlich gelegene, mit Lärchen und dichtem Unterholze bewachsene, hier und da durch Blößen unterbrochene Gehänge des Gebirges zu seinen Wohnsitzen, ohne deshalb Laubwaldungen mit Unterholz und dichter Pflanzendecke zu meiden. Für den Waldlaubvogel bilden die unteren Aste hoher Buchen die beliebtesten Sitz- und Ruheorte, wogegen der Weidenlaubsänger die äußerste Wipfelspitze aufzusuchen pflegt und der Fitis zwischen hoch und niedrig kaum einen Unterschied macht. Jedes Pärchen grenzt sich auf der erwählten Ortlichkeit sein Brutgebiet ab, duldet darin kein anderes der gleichen Art, neckt und verfolgt auch alle übrigen kleinen Vögel,
welche sich ihm allzunah aufdrängen, und trägt dadurch wie durch die ihm eigene Unruhe und den zwar einfachen, aber doch nicht unangenehmen Gesang wesentlich zur Belebung der Wälder bei. Bewegungen und Handlungen der Laubsänger verraten, wie Naumann mit Recht sagt, immerwährenden Frohsinn. Ruhig auf einer und derselben Stelle zu sitzen, kommt ihnen schwer an. Wie die Grasmücken, sind sie fast ununterbrochen in Bewegung, bald geschickt durch Zweige schlüpfend, bald einer Zweigspitze zufliegend und flatternd vor ihr sich erhaltend, um ein Kerbtier wegzunehmen, bald singend einem andern Baume zustrebend. Selbst wenn sie wirklich einmal auf einer Stelle sitzen, wippen sie wenigstens noch mit dem Schwanze. Ihr Flug ist flatternd und etwas unsicher, wie Naumann sich ausdrückt, hüpfend; auch beim Durchmessen weiterer Strecken beschreiben sie eine unregelmäßige, aus längeren und kürzeren Bogen zusammengesetzte Schlangenlinie. Nicht umsonst heißt der Waldlaubvogel auch der schwirrende; denn die Hauptstrophe seines Liedes ist in der That versinnlichen kann. Bei Beginn der Strophe, welche anscheinend mit größter Anstrengung hervorgestoßen wird, pflegt sich der Vogel von seinem Sitze herabzuwerfen und, mit den Flügeln zitternd oder schwebend, einem anderen Aste zuzuwenden, immer aber einem solchen, welchen er mit Beendigung der Strophe zu erreichen vermag, worauf er dann noch zweioder dreimal die äußerst zartklingende Silbe „hoid“ verlauten läßt. Der Gesang des Fitis besteht nur aus einer Reihe sanfter Töne, welche wie „hüid, hüid, hoid, hoid, hoid, hoid“ klingen; aber das Schmelzende und Flötenartige, das Steigen und die Weichheit der Laute gibt ihm, wie mein Vater sagt, etwas so Eigenes und Ansprechendes, daß er dem Schlage vieler Vögel vorzuziehen ist. Das Lied des Weidenlaubvogels dagegen beginnt mit den Silben „trip trip trip het“, worauf die lauteren „dillr dellr dillr dellr“ folgen; der Gesang des Berglaubsängers endlich klingt, laut Landbeck, wie „se-e-e-e-trrre-e-e, da do da, uit uit uit“. Alle Arten singen, solange die Brutzeit währt, außerordentlich eifrig, blähen dabei die Kehle auf, sträuben die Scheitelfedern, lassen die Flügel hängen, zittern vielleicht auch mit ihnen, beginnen schon am frühsten Morgen und enden erst nach Sonnenuntergang. Alle Laubsänger bauen mehr oder weniger künstliche, backofenförmige Nester auf oder unmittelbar über dem Boden. Die Nester des Waldlaubsängers, Fitis und Berglaubvogels stehen stets auf letzterem, die des Weidenlaubsängers in der Regel ebenfalls, zuweilen aber auch 0,5— Im hoch in Sträuchern, da, wo das Unterholz aus Wacholder besteht, fast stets in diesem. Der Waldlaubsänger wählt zu seinem Nistplatze den unteren Teil eines alten Stockes, den Fuß eines großen oder kleinen Baumstammes, welcher von Heidekraut, Heidel- oder Preißelbeeren, Moos und Gras dicht umgeben ist, errichtet hier aus starken Grashalmen, feinen Holzspänen, Moosstengeln, Kiefernschalen, Splittern und ähnlichen Stoffen den äußerlich ungefähr 13 em im Durchmesser haltenden Kuppelbau mit 4 em weitem Eingangsloche und kleidet das Innere mit feineren Grashalmen äußerst sauber aus, wogegen Fitis und Weidenlaubsänger den Bau aus Gras, Blättern und Halmen herstellen, mit Moos und Laub umkleiden, innen aber mit Federn, namentlich Rebhuhnfedern, ausfüttern, und der Berglaubvogel endlich, welcher das größte Nest unter allen Verwandten zu bauen scheint, Wurzeln, Gras, dürre Astchen zum Außenbaue, feiner gewählte Stoffe derselben Art zum Innenbaue und zuweilen noch Tierhaare zur Auskleidung der Mulde verwendet. Um den großen Bau zu stande zu bringen, beginnen die weiblichen Laubsänger, wie mein Vater vom Fitis beobachtete, damit, die Vertiefung auszuhöhlen, in welcher das Nest steht, ziehen, oft mit großer Anstrengung, die Gras- und Moosstengel aus und bearbeiten die Stelle mit dem Schnabel so lange, bis sie den Grund halbkugelförmig ausgegraben haben. Nunmehr erst
gehen sie zum Herbeitragen und Ordnen der Niststoffe über, bethätigen hierbei aber, obgleich sie nur in den Morgenstunden daran arbeiten, so viel Fleiß und Eifer, daß das Ganze binnen wenigen Tagen vollendet ist. Während der Arbeit suchen sie sich und das Nest sorgfältig zu verbergen, rupfen fern von jenem Moos und Gras aus, fliegen damit auf hohe, nahe beim Neste stehende Bäume und kommen erst von letzteren zur Niststelle herab. Der Waldlaubsänger brütet nur einmal im Jahre und zwar zu Ende Mai oder Anfang Juni, der Fitis früher, meist schon in der ersten Hälfte des März, der Weidenlaubsänger ungefähr um dieselbe Zeit, der Berglaubsänger dagegen, der Lage seiner Wohnsitze entsprechend, kaum vor den letzten Tagen der ersten Hälfte des Junis. Das Gelege zählt bei den erstgenannten 5—6, beim Fitis 5—7, beim Weidenlaubsänger 5—8, beim Berglaubsänger endlich 4—5 Eier, welche durchgängig 15—17 mm lang und 11—13 mm dick, verschiedengestaltig, aber stets dünn und glattschalig, glänzend und gefleckt sind. Die des Waldlaubsängers zeigen auf weißem Grunde viele rotbraune und verwaschen aschbläuliche, mehr oder minder dicht über die ganze Oberfläche verteilte oder gegen das Ende hin gehäufte, die des Fitislaubsängers in ähnlicher Anordnung auf milchweißem Grunde hellrote oder hell lehmrötliche, mitunter hell rötlichbraune und verwaschen blaurötliche, die des Weidenlaubsängers auf kreideweißem Grunde rotbraune und braunrote, auch wohl dunkel rotbraune und aschgraue, die des Berglaubsängers endlich auf weißem Grunde bläuliche oder bräun⸗— liche, entweder über däs ganze Ei verteilte oder gegen das dicke Ende hin gehäufte, hier auch wohl kranzartig zusammenfließende Punkte und Flecken. Beide Geschlechter brüten abwechselnd, das Männchen jedoch nur während der Mittagsstunden, auch nicht so hingebend wie das Weibchen, welches sich fast mit Händen greifen oder thatsächlich ertreten läßt, bevor es wegfliegt und, wenn endlich entschlüpft, in kriechender Weise dicht über dem Boden dahinfliegt, falls aber bereits Junge im Neste liegen, unter allerlei mit kläglichem Schreien begleiteten Listen und Verstellungskünsten flüchtet. Nach einer Brutzeit von höchstens 13 Tagen entschlüpfen die Jungen; ebenso viele Tage später sind sie erwachsen, noch einige Tage darauf selbständig geworden, und nun entschließen sich Fitis und Weidenlaubsänger auch wohl, zum zweiten Male zu brüten. Den behaarten und befiederten Räubern, welche kleinen Vögeln insgemein nachstellen, gesellen sich als Feinde der Laubsängerbrut Mäuse, Waldspitzmäuse, vielleicht auch Schlangen und Eidechsen; mehr aber als durch alles dieses Gezücht ist sie durch länger anhaltende Platzregen gefährdet. Der Mensch verfolgt die munteren und liebenswürdigen Vögel nur in Italien, Südfrankreich und Spanien, um auch sie für die Küche zu verwerten. Im Käfige sieht man Laubsänger selten, obwohl sie sich recht gut für die Gefangenschaft eignen, zwar nicht in allen Fällen und ohne ihnen gewidmete Aufmerksamkeit, aber doch unter sorgsamer Pflege an ein Ersatzfutter sich gewöhnen, bald zahm und zutraulich werden und dann alle auf ihre Pflege verwendete Mühe reichlich vergelten. Unbemerkt oder unerkannt durchwandert alljährlich ein dem fernen Ostasien angehöriger Laubsänger unser Vaterland, um viele tausend Kilometer von seiner Heimat, in Westafrika, Herberge für den Winter zu nehmen: der Goldhähnchenlaubsänger, wie ich ihn nennen will (Phylloscopus superciliosus und modestus, Phyllopneuste supereiliosa und modesta, Motacilla superciliosa, Regulus modestus, proregulus und inornatus, Reguloides superciliosus, modestus und proxegulus, Sylvia proregulus und bifasciata, Phyllobasileus superciliosus). Die Oberseite ist matt olivengrün, ein vom Nasenloche über den Augen hinweg zum Hinterkopfe verlaufender, ziemlich breiter, ober- und unterseits matt schwarz gesäumter Streifen blaßgelblich, ein über die Scheitelmitte ziehender zweiter, undeutlicher, heller als das ihn umgebende Gefieder, die ganze Körperseite vom Kropf
an bis zu den Schenkeln zart grünlichgelb, die übrige Unterseite weißgelblich überflogen; die Schwingen und Schwanzfedern sind schwarzbraun, außen schmal olivengrün, erstere auch innen weiß gesäumt, die Armschwingen- und größten Oberflügeldeckfedern am Ende blaßgelb gerandet, zwei helle Flügelquerbinden zeichnend. Das Auge ist gelbbraun, der Schnabel dunkel hornfarben, unterseits von der Wurzel orangegelblich, der Fuß hell rotbraun. Die Länge beträgt 9—10, die Breite 16, die Fittichlänge 5,2, die Schwanzlänge 3,9 em. Die Ausdehnung des Brutgebietes unseres Goldhähnchenlaubsängers ist zur Zeit noch unbekannt; wir wissen nur, daß er Turkistan, Ostsibirien vom Baikalsee an, China und den
Goldhähnchenlaubsänger (Phylloscopus supereiliosus), Sommergoldhähnchen (Regulus ignicapillus) und
Wintergoldhähnchen (Regulus oristatus). ½ natürl. Größe— Himalaja bewohnt, in einem Höhengürtel zwischen 1000 und 2500 mhaust und brütet und allwinterlich nach Südindien hinabwandert. Kaum minder regelmäßig, stets aber in ungleich geringerer Anzahl, zieht er auch die westliche Straße, welche ihn durch Nord- und Westeuropa führt. Nach mündlicher Mitteilung Gätkes sieht man ihn fast alljährlich auf der kleinen Insel Helgoland, und die Annahme dieses scharfen Beobachters, daß der Vogel unzweifelhaft in jedem Jahre durch Deutschland wandern muß, erscheint vollkommen gerechtfertigt. In der That hat man unseren Laubsänger in den verschiedensten Teilen Europas erbeutet, so mehrmals in der Nähe Berlins und in Anhalt, außerdem in England, Holland, bei Wien, Mailand, auch in Palästina beobachtet. Über seine Lebensweise fehlen noch immer inhaltsvolle Mitteilungen, obgleich seitenlange Berichte englischer Eierkundigen vorliegen. Gätke, dessen eigenartige Forschungen bisher leider nur bruchstückweise erschienen, hebt Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 10