Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
zuerst hervor, daß Wesen und Betragen mit dem Auftreten und Gebaren anderer Laubsänger übereinstimmen; Radde bemerkt, daß der Vogel in Südostsibirien um Mitte Mai erscheint und bis gegen Ende September verweilt, gelegentlich seines Herbstzuges lange an einem und demselben Orte sich aufhält oder wenigstens sehr langsam reist und deshalb im Gebüsche der Uferweiden monatelang beobachtet wird; Swinhoe berichtet, daß man ihn in China selten in Gesellschaft anderer Vögel sehe, daß er lebendig und stets in Bewegung sei und durch seinen lauten eintönigen Lockruf „swiht“ seine Anwesenheit bekunde. Das Beste gibt Dybowski, wenn auch nur mit wenigen Worten. Nach seinen Beobachtungen ist der Goldhähnchenlaubsänger in Ostsibirien seltener als andere seiner Verwandtschaft, erscheint in der ersten Hälfte des Juni und nistet in der Höhe des Gebirges nahe der Waldgrenze oder über ihr an solchen Stellen, welche reichlich mit verkrüppelten gelben Alpenrosen bewachsen sind. Hier verweilt er bis Mitte September. Das Nest findet sich in der Regel in einem dicht mit im Moose wachsendem Grase durchwucherten Alpenrosenstrauche, ist meisterhaft gebaut, mit einer schwachen, aus trockenem Grase bestehenden Decke überwölbt und hat ganz das Ansehen einer Hütte mit einer Offnung von der Seite. Als Niststoffe dienen trockene Gräser, als Auskleidung Reh- und Renntierhaare. Nur wenn die Eltern ihre Jungen füttern, ist man im stande, es zu entdecken. Dybowski hat im August ein Nest mit sechs Jungen gefunden, welche, als er sie in die Hand nehmen wollte, obwohl noch nicht flügge, behende in das Moos hüpften, hat ferner Ende August schon gänzlich ausgewachsene Junge gesehen, die Eier aber nicht kennen gelernt. In Kaschmir, und zwar in einem Höhengürtel von 1500—2000 m, lebt der Vogel so häufig, daß sich jedes Pärchen auf ein Wohngebiet von wenigen Metern Durchmesser beschränken muß. Die Männchen sind sehr lebendig und geben ununterbrochen ihren lauten, doppelten, kaum Gesang zu nennenden Ruf zum besten. In den letzten Tagen des Mai und in den ersten des Juni fand Brook mehrere Nester mit 4—5 frischen oder kaum bebrüteten Eiern. Der Längsdurchmesser der letzteren beträgt 14, der Querdurchmesser 11 mm; die Grundfärbung ist ein reines Weiß; die Zeichnung besteht aus braunroten oder tief purpurbraunen, meist über das ganze Ei verteilten, am dicken Ende zu einem ringförmigen Gürtel verschmelzenden Punkten und Flecken. Vielfach hin- und hergeworfen, haben die Goldhähnchen oder Kronsänger (Regulus) endlich in unserer Unterfamilie Stellung gefunden. Ihre Merkmale sind: gerader, dünner, nadelspitziger, an der Wurzel etwas breiterer, hochrückiger Schnabel, dessen Oberkiefer vor der abwärts gebogenen Spitze eine seichte Kerbe zeigt, schlanke, hochläufige Füße, deren Zehen mittellange, sehr gekrümmte Nägel bewaffnen, kurze, stark gerundete, breite Flügel, in denen die vierte und fünfte Schwinge die längsten sind, mittellanger, etwas ausgeschnittener Schwanz und reiches, aus langen, weitstrahligen Federn bestehendes Gefieder. Kammartige Federchen bedecken die Nasenlöcher, einige schwarze Barthaare stehen am Schnabelwinkel; die Schwung- und Steuerfedern sind sehr schwach und biegsam, die Federn der Scheitelmitte verlängert und durch lebhafte Färbung ausgezeichnet. Die Gattung verbreitet sich über Europa, Asien und Nordamerika. Mein Vater unterschied zuerst die beiden Arten, welche in Europa leben.
Das Wintergoldhähnchen oder Safrangoldhähnchen, welches auch Goldköpfchen, Kron- und Goldvögelchen, Goldemmerchen, Hauben- und Sommerkönig genannt wird (Regulus cristatus, flavicapillus, crococephalus und vulgaris, Motacilla und Sylvia regulus, Abbildung S. 145), ist oberseits fahl olivengrün, auf Schläfen und Halsseiten fahl olivenbräunlich; der Stirnrand und ein Streifen über den Augen sind heller, a
Zügel und Augenkreis weißlich, die Federn des Oberkopfes gelb, die verlängerten des Scheitels lebhaft orange, seitlich durch einen schwarzen Längsstrich begrenzt, die Unterteile rostgelblichweiß, an den Seiten rostbräunlich, die Schwingen und Schwanzfedern olivenbraun, außen schmal hell olivengrün, die Armschwingen innen weiß gerandet und hinter der gelblichweißen Wurzel der Außenfahne durch eine schwarze Querbinde, die hinteren auch durch einen weißen Endflecken, die Decken der Armschwingen und die vorderen der größten oberen Deckfedern durch einen breiten gelblichweißen Endrand geziert, wodurch zwei Querbinden entstehen. Das Auge ist tiefbraun, der Schnabel hornschwarz, der Fuß bräunlich. Das Weibchen unterscheidet sich vom Männchen dadurch, daß die Mitte des Oberkopfes gelb, nicht aber auf dem Scheitel orange ist. Die Länge beträgt 9,6, die Breite 15,4,‚ die Fittichlänge 4,8, die Schwanzlänge 3,8 em. Fast über ganz Europa bis zum höchsten Norden und über das nördliche Asien bis in die Amurländer verbreitet, zählt das Goldhähnchen auch in Deutschland zu den in allen Nadelwaldungen, namentlich in Kiefernbeständen, vorkommenden Brutvögeln, lebt während des Sommers ebenso in den höheren Gebirgen Südeuropas und besucht während seines Zuges im Herbste auch die dortigen Ebenen, mit Beginn des Frühlinges wieder verschwindend. Das gleich große Sommergoldhähnchen, Goldkronhähnchen oder Feuerköpfchen, der Feuerkronsänger ꝛc. (Regulus ignicapillus, pyrocephalus und mystaceus, Abbildung S. 145) ist oberseits lebhaft olivengrün, seitlich am Halse orangegelb, der Stirnrand rostbräunlich, ein schmales Querband über dem Vorderkopfe wie ein breits Längsband über dem weißen Augenstreifen schwarz, ein breites, von beiden eingeschlossenes, den Scheitel und Hinterkopf deckendes Feld dunkel orangefarben, ein Strich durchs Auge wie dessen schmaler Rand schwärzlichgrau, ein schmaler, unterseits durch einen dunkleren Bartstreifen begrenzter Strich unter dem Auge weiß, die Ohrgegend olivengrau, die Unterseite gräulichweiß, an Kinn und Kehle fahl rostbräunlich; die olivenbraunen Schwingen und Steuerfedern sind außen schmal hell olivengelbgrün, erstere innen breiter weiß gesäumt, die des Armes außen, hinter der hellen Wurzel mit einer breiten schwarzen Querbinde, die Armschwingendecken und größten oberen Deckfedern mit weißem Endrande geziert, wodurch zwei undeutliche helle Querlinien über dem Flügel entstehen. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß bräunlich; das Weibchen unterscheidet sich durch orangegelben Scheitel. Außer in Deutschland ist der niedliche Vogel in Frankreich, Italien, Griechenland und Spanien, hier namentlich als Wintergast, aufgefunden worden. Beide Arten haben in ihrem Wesen und Treiben die größte Ahnlichkeit. Sie bewohnen sehr oft dieselben Ortlichkeiten gemeinschaftlich, nähren sich von denselben Stoffen und nisten in derselben Weise. Die erste ausführliche Beschreibung von ihnen und von ihrem Leben rührt von meinem Vater her, und sie ist es, welche ich dem Nachfolgenden zu Grunde legen darf, da sie wesentliche Berichtigungen oder Bereicherungen nicht erfahren hat. In Deutschland ist das Wintergoldhähnchen Stand- und Strichvogel. Oft hält es sich das ganze Jahr in dem kleinen Gebiete einer ganzen oder halben Geviertstunde; doch kommen im Oktober viele Vögel dieser Art aus dem Norden an, welche in Gärten, Nadel- und Laubhölzern oder in buschreichen Gegenden gesehen werden, zum Teile bei uns überwintern, zum Teile aber auch südlich ziehen, im März und April wieder bei uns durchstreichen und dieselben Orte wie im Herbste besuchen. Das Sommergoldhähnchen dagegen bringt den Winter nicht in Deutschland, sondern in wärmeren Ländern zu und erscheint bei uns in den letzten Tagen des März oder in den ersten des April und verweilt bis zu den letzten Tagen des September oder den ersten des Oktober. Bei der Ankunft streicht es in den Hecken und Büschen umher, eilt aber bald in die Nadelwälder, wo es sich in Fichtenbeständen vereinzelt. 10*
Viele ziehen weiter nördlich, viele bleiben bei uns. Sie wandern des Nachts und suchen am Tage ihre Nahrung. Im Sommer leben sie fast immer auf hohen Bäumen und kommen nur selten in Dickichte oder in niederes Stangenholz; im September streichen sie. Beide Goldhähnchen halten sich vorzugsweise in den Nadelwaldungen auf, meist auf den Bäumen, aber auch in niederen Gebüschen, kommen nicht selten selbst zum Boden herab. Jenes bevorzugt die Kiefer, dieses die Fichte jedem anderen Baume; beide aber lieben kleinere Bestände mehr als ausgedehnte Waldungen. „Die Zuneigung zu den Nadelbäumen“, bemerkt Naumann, „ist auffallend. Wenn man im Spätherbste und Winter eine Gesellschaft in einem Garten ankommen sieht, wo nur eine einzelne Fichte oder Tanne steht, so besuchen sie diese gleich, treiben sich auch in solchen Gärten länger als in anderen und meistens bei jenen Bäumen herum. Allein sie durchstreifen auf ihren Wanderungen auch alle reinen Laubholzwaldungen.“ Ihr Aufenthalt und ihr Streichen im Herbste und Winter richten sich nach den Umständen. Ist im Winter das Wetter schön, heiter und nicht zu kalt, dann sind sie hoch auf den Nadelbäumen, bei Regen, Wind und Sturm oder sehr strenger Kälte aber kommen sie auf niedrige Gebüsche und auf den Boden herab. Im Winter halten sie sich immer auf denjenigen Stellen des Waldes auf, welche von der Sonne beschienen werden. Auffallend ist die außerordentliche Unruhe der Goldhähnchen. Das Feuerköpfchen hüpft unaufhörlich von einem Zweige zum anderen und verhält sich nur selten kurze Zeit ruhig, hängt sich, nach Meisenart, unten an die Zweige, erhält sich flatternd auf einer Stelle, um nach Laubsängerart ein Kerbtier von einer Zweigspitze wegzunehmen, und fliegt leicht und geräuschlos von einem Baume zum anderen. Die Brutzeit ausgenommen, findet man es selten allein, gewöhnlich in Gesellschaft seinesgleichen und anderer Vögel. Wir haben beide Arten besonders unter den Hauben- und Tannenmeisen, weniger oft in Gesellschaft von Baumläufern und Kleibern, Sumpf-, Blau- und Kohlmeisen gesehen. Der Lockton klingt schwach „si si“, auch „zit“, und wird von beiden Geschlechtern im Sitzen ausgestoßen. Den Gesang, welchen man von den Alten im Frühjahre und im Sommer, von den Jungen im August, September und Oktober, selbst von denen, welche mitten in der Mauser stehen, vernimmt, fängt mit „si si“ an, wechselt aber dann hauptsächlich in zwei Tönen von ungleicher Höhe ab und hat einen ordentlichen Schluß. An warmen Wintertagen singen die Goldköpfchen herrlich, während der Paarungszeit ungemein eifrig und überraschend laut; während der Nistzeit dagegen sind sie sehr still. Ein eigenes Betragen zeigen sie oft im Herbste, vom Anfange des September bis zum Ende des November. Eines von ihnen beginnt „si si“ zu schreien, dreht sich herum und flattert mit den Flügeln. Auf dieses Geschrei kommen mehrere herbei, betragen sich ebenso und jagen einander, so daß 2—6 solch außergewöhnliches Spiel treiben. Sie sträuben dabei die Kopffedern ebenso wie bei der Paarung, bei welcher das Männchen sein Weibchen so lange verfolgt, bis es sich seinem Willen fügt. Streben zwei Männchen nach einem Weibchen, dann gibt es heftige Kämpfe. Das Feuerköpfchen ist viel gewandter und unruhiger und in allen seinen Bewegungen rascher, auch ungeselliger als sein Verwandter. Während man letzteren, die Brutzeit ausgenommen, immer in Gesellschaft und in Flügen sieht, lebt dieses einsam oder paarweise. Im Herbste trifft man öfters zwei Stück zusammen, welche immer ein Pärchen sind. Schießt man eines davon, dann gebärdet sich das andere sehr kläglich, schreit unaufhörlich und kann sich lange Zeit nicht zum Weiterfliegen entschließen. Auch der Lockton unseres Vogels ist ganz anders als der seines Gattungsverwandten: denn das „Si si si“ ist viel stärker und wird anders betont, so daß man beide Arten sogar am Locktone unterscheiden kann, obgleich man nicht im stande ist, die Verschiedenheit so anzugeben, daß auch ein Unkundiger sie richtig auffassen würde. Viel leichter ist dies beim Gesange möglich. Beim Wintergoldhähnchen wechseln in der Mitte des Gesanges zwei Töne miteinander ab, und am Ende
hört man die Schlußstrophe; beim Sommergoldhähnchen dagegen geht das „Si“ in einem Tone fort und hat keinen Schluß, so daß der ganze Gesang weit kürzer, einfacher und nichts als ein schnell nacheinander herausgestoßenes „Si si si“ ist. Zuweilen hört man von dem Männchen auch einige Töne, welche an den Gesang der Haubenmeise erinnern. Im Frühjahre und Hochsommer singt dieses Goldhähnchen oft, selbst auf dem Zuge, im Herbste aber, und auch darin weicht es vom gewöhnlichen ab, äußerst selten. Der Gesang der beiden verwandten Arten ist so verschieden, daß man bei stillem Wetter den einer jeden Art auf weithin unterscheiden kann. Bei der Paarung sträubt das Männchen des Feuerköpfchens die Kopffedern, so daß eine prächtig schimmernde Krone aus ihnen wird, umhüpft sodann unter beständigem Geschreie, mit etwas vom Körper und Schwanze abstehenden Flügeln und in den sonderbarsten Stellungen sein Weibchen, welches ein ähnliches Betragen annimmt, und neckt es so lange, bis die Begattung geschieht. Beide Goldhähnchen brüten zweimal im Jahre, das erste Mal im Mai, das zweite Mal im Juli. Die ballförmigen, sehr dickwandigen, außen 9—11, innen nur 6 em im Durchmesser haltenden, etwa 4 em tiefen, bei beiden Arten gleichen Nester stehen sehr verborgen auf der Spitze langer Fichten- und Tannenäste, zwischen dichten Zweigen und Nadeln und auf herabhängenden Zweigen, welche von der ersten Lage der Neststoffe ganz oder zum Teile umschlossen sind und bis an den Boden oder über ihn hinausreichen. Das Weibchen, welches beim Herbeischaffen der Baustoffe zuweilen vom Männchen begleitet, aber hierbei ebenso selten wie beim Verarbeiten unterstützt wird, bedarf mindestens 12, zuweilen auch 20 Tage, bis es den Bau vollendet hat, umwickelt zunächst, zum Teile fliegend, mit großer Geschicklichkeit die Zweige, füllt sodann die Zwischenräume aus und beginnt nunmehr erst mit Herstellung der Wandungen. Die erste, fest zusammengewirkte Lage besteht aus Fichtenflechten und Baummoos, welche zuweilen mit etwas Erdmoos und Rehhaaren untermischt werden und durch Raupengespinst, welches besonders um die das Nest tragenden Zweige gewickelt ist, gehörige Festigkeit bekommen, die Ausfütterung aus vielen Federn kleiner Vögel, welche oben alle nach innen gerichtet sind und am Rande so weit vorstehen, daß sie einen Teil der Offnung bedecken. Bei zwei Nestern des Feuerköpfchens, welche mein Vater fand, ragten aus der äußeren Wand Reh- und Eichhornhaare hervor. Die Ausfütterung bestand zu unterst zum größten Teile aus Rehhaaren, welche bei dem einen über wenige Federn weggelegt waren, oben aber aus lauter Federn, welche so künstlich in den eingebogenen Rand des Nestes eingebaut waren, daß sie die oben sehr enge Offnung fast oder ganz bedeckten. Das erste Gelege enthält 8—10, das zweite 6—9 sehr kleine, nur 13 mm lange, 10 mm dicke, auf weißlichgrauem oder blaß fleischfarbenem Grunde mit lehmgrauen, am dickeren Ende gewöhnlich dichter zusammenstehenden Punkten gezeichnete, auch wohl geäderte oder gewässerte Eier. Sie sind so zerbrechlich, daß man sie mit der größten Vorsicht behandeln muß, will man sie nicht mit den Fingern zerdrücken. Die Jungen werden von beiden Eltern mit vieler Mühe, weil mit den kleinsten Kerfen und Kerbtiereiern, aufgefüttert, sitzen im Neste dicht aufund nebeneinander und müssen, um Platz zu finden, ihre Wohnung nach und nach mehr und mehr erweitern. Eine Goldhähnchenfamilie bleibt nur kurze Zeit zusammen; denn die Alten trennen sich entweder wegen der zweiten Brut bald von den Jungen des ersten Genistes, oder sie schlagen sich nach der zweiten Brut mit anderen Familien zu Flügen zusammen. Verschiedene Kerbtiere und deren Larven, aber auch feine Sämereien, bilden die Nahrung der Goldhähnchen. Im Sommer fressen sie kleine Käferchen und Räupchen, im Winter fast ausschließlich Kerbtiereier und Larven. Sie lesen diese gewöhnlich von den Zweigen ab, zwischen den Nadeln oder dem Laube hervor, erhalten sich vor einer erspähten Beute flatternd und jagen einer fliegenden nach.